Mai, 2009

Mario Erdheim über Paul Parin

Mai 25th, 2009 Mai 25th, 2009
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In der WOZ (21.5.2009) findet sich ein Nachruf auf den letzte Woche verstorbenen Paul Parin (20. September 1916 – 18. Mai 2009):

Unerschöpfliche Neugier auf Menschen
Von Mario Erdheim

Paul Parin ist tot. Was er lebendig verkörperte, wird nun zu unserer Erinnerung.

Als er 1916, mitten im Ersten Weltkrieg, geboren wurde, exis­tierte noch die Habsburgermonar­chie, und etwas von jener alten Welt lebte auch in ihm weiter. Plötzlich konnten, wie Bruchstücke eines gesunkenen Schiffs, Erzählungen auftauchen, und Parin sprach von Jagden, Gewehren, Hasen und Rebhühnern, als ob er ein Gutsherr und nicht der Psychoanalytiker wäre, als den ich ihn kannte. Ich verstand das lange nicht, bis mir schliesslich sein Buch «Die Leidenschaft des Jägers» die Augen öffnete und ich einen Blick auf die andere Seite seines Mondes werfen konnte: auf seine Jagdlust, die eigentlich Mordlust ist, und die wir weder in uns selber noch bei denen, die wir gern haben, sehen wollen.

Zum ganzen Text

Weiter Nachrufe von Detlev Claussen im Zürcher Tagesanzeiger (19.5.2009)
Ludger Lütkehaus (NZZ, 20.5.2009)

Toni Negri über die Krise

Mai 25th, 2009 Mai 25th, 2009
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In der taz (9.5.2009) in deutscher Sprache und auf englisch als Video lesen bzw. sehen wir ein Interview mit Toni Negri über die Krise des Kapitalismus, Kommunismus, Migrations, Prekarität und Wiederaneignung.
Antonio Negri talks about the economic crisis, capitalism and communism, the issues of migration, precarity and reappropriation. He also speaks of Obama and the Commune. Conclusion: We Must Try.

Philosoph Negri über Krise und Rebellion
“We must try!”

Zerstört die Krise unsere Lebensgrundlagen? Der marxistische Philosoph Antonio Negri über verfehlte Kritik und neue Bedingungen der Ausbeutung.

“Was die revolutionären Bedingungen anbelangt, bin ich ja relativ optimistisch.” Foto: ap

taz: Herr Negri, zuletzt war häufig von Sozialismus die Rede: Vorschläge für die Verstaatlichung von Banken etc. Die Rezepte der parlamentarischen Linken scheinen mit den “postneoliberalen” Maßnahmen der konservativen Regierungen kompatibel. Sozialisten fällt bisweilen kaum Besseres ein als der Einwand, das alles ginge nicht weit genug. Blockiert der Sozialismus die Kritik der Politik?

Antonio Negri: Tatsächlich scheinen konservative und rechte Regierungen gerade wie Sozialisten zu agieren, das heißt auf den Staat zu setzen, um ökonomische Gleichgewichte durch staatliche Initiative wiederherzustellen. Allerdings ist das kein Keynesianismus und auch kein “Neo-Keynesianismus”, weil die betriebene Politik keine Mediation mit den gesellschaftlichen Kräften vorsieht. Im Hinblick auf staatliches Handeln in der Krise steht tatsächlich Barack Obama für eine linke Kraft. Er hat ein Programm auf den Weg gebracht, das sich neben den unmittelbaren Kapitalinteressen verschiedener wichtiger Belange des Proletariats annimmt.

Darüber hinaus findet eine Rückkehr zum Welfare statt. Die radikale Linke ist vollkommen aus dem Spiel, weil sie nicht versteht, wer der Gegner ist: Der Gegner heute ist das Kapital in Gestalt des Finanzkapitals; das sogenannte Realkapital, das Kapital, das “Profit hervorbringt”, ist darin ebenso vollständig absorbiert wie die verschiedenen anderen Gestalten des Kapitals, die Grundrente, das zinstragende Kapital etc. Das Finanzkapital selbst ist produktives Kapital.

Von daher ist es idiotisch, das Finanzkapital als eine “ungesunde” Form des Kapitalismus anzugreifen. Das Finanzkapital heute repräsentiert den wahren Ausbeuter, es steht im Zentrum des sozialen Verhältnisses, in dem sich alle Formen der Ausbeutung, der Verwertung des Lebens verdichten.

Zum ganzen Interview

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ANTONIO NEGRI

geb. 1933, ist seit den 70er-Jahren einer der führenden Theoretiker der außerinstitutionellen Linken. 1979 wurde er zu 13 Jahren Haft verurteilt, die Anklage warf ihm vor, Kopf der Roten Brigaden zu sein. 1983 flüchtete er nach Paris, nach seiner Rückkehr nach Italien 1997 wurde er erneut inhaftiert. Seit 2003 wieder frei, lebt er heute in Venedig und Paris. Sein Buch “Empire” aus dem Jahr 2000 (gemeinsam mit Michael Hardt) wurde zum Weltbestseller.

Dieses Gespräch ist ein gekürzter Vorabdruck aus dem Band Antonio Negri/Raf Valvola Scelsi: “Goodbye Mr. Socialism. Das Ungeheuer und die globale Linke”, Edition Tiamat, Berlin 2009, 239 Seiten, 16 Euro. Ab 18. 5. im Buchhandel erhältlich. Einen Film zum Interview gibt es von Alexandra Weltz (Parkafilm).

WE MUST TRY from PARKAFILM.CC on Vimeo.

Linzer Polizei verprügelt Vizerektor der Kunstuniversität

Mai 5th, 2009 Mai 5th, 2009
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Am 1. Mai 09 wurde in Linz, Rainer Zendron, Vizerektor der Kunstuniversität Linz von der lokalen Staatsgewalt willkürlich verprügelt und verhaftet.
Die österreichische Polizei, die sowieso keinen guten Ruf hat, bedient einmal mehr ihren Ruf, der in bestimmten Fällen mit Brutalität und Willkür und in anderen Fällen mit Desinteresse eng verbunden ist.

Via Subersivmesse übernehmen wir folgendes Schreiben:

liebe kollegInnen, liebe studierende, liebe freundInnen,
viele von euch werden im laufe des wochenendes über bekannte, die presse oder das fernsehen mitbekommen haben, dass ich im zuge der maidemonstrationen in linz von der polizei inhaftiert wurde und mich ein prozess wegen widerstand gegen die staatsgewalt erwartet.

Rainder Zendron
deshalb eine kurze darstellung aus meiner sicht:
ich beobachte jetzt seit etwa 45 jahren die maidemonstrationen in linz, weil ich den forderungen der arbeiterInnenbewegung um erweiterung demokratischer wie ökonomischer rechte und für internationale solidarität grosses interesse und sympathie entgegen bringe. persönlich habe ich nie an einem maiaufmarsch der SPÖ? oder KPÖ? teilgenommen, da ich mich – zu meinem bedauern – mit keinem deren programme vollinhaltlich identifizieren konnte.
ich beobachtete auch heuer mit einer gruppe von freundInnen die maidemonstrationen am hauptplatz. nachdem um 11:30 der KPÖ?-zug den hauptplatz noch immer nicht erreicht hatte und wir geplant hatten, den nachmittag in der solarcity beim 09 projekt zu verbringen ging ich die landstrasse entlang, um zu schauen, wo deren demonstrationszug geblieben sei.
als ich an der goethekreuzung angekommen war, fuhr mir ein schreck durch die glieder, da ich auf der blumau ein riesiges polizeiaufgebot sah; ich befürchtete, dass neofaschisten, die kleine gruppe der KPÖ? demonstratInnen überfallen hätten. (im internet wie ihr vielleicht wisst – hatten die rechtsradikale aufgerufen, anlässlich des kulturhauptstadtjahres einen gesamtdeutschen aufmarsch in linz durchzuführen). als ich jedoch bei der blumau eintraf, musste ich erkennen, dass die polizei den abmarsch der demonstration verhinderte. etwa 30 friedlich sitzende jugendliche wurden von etwa 50 stehenden polizisten umringt, die älteren demonstrations-teilnehmerInnen standen empört und aufgeregt herum. um mich über die lage zu informieren, fragte ich einen polizisten, warum die demonstration nicht stattfinden würde. er antwortete mir, weil die demonstrantInnen vermummt seien. da ich jedoch keineN einzigeN vermummteN demonstrantIn wahrnehmen konnte,
fragte ich nach. darauf bekam ich keine weiter antwort, da ja
tatsächlich keine zu sehen waren. daraufhin fragte ich eine, der nicht-eingekesselten demonstrantInnen. sie sagte mir, dass die polizei von allen jugendlicheren demonstratInnen verlangen würde, dass diese, um am maiumzug teilnehmen zu dürfen, sich zuerst fotografieren lassen und ihren personaldaten abgeben müssten.
dies widerspricht meiner auffassung nach gröblichst sowohl den menschenrechten als auch der österreichischen verfassung.
während ich noch versuchte mir einen überblick über die lage zu verschaffen, sah ich, dass die größere gruppe von polizistInnen mit massiver staatsgewalt begann ein mädchen aus der reihe der sitzenden, eingekesselten jugendlichen herauszuzerren. ich lief ein paar schritte hin, um zwischen demonstratInnen und polizei zu vermitteln und unnötige polizeigewalt zu verhindern. doch bevor ich dort angekommen war, wurde ich von polizistInnen zu boden gestossen und von weiteren, herbeistürmenden polizisten umringt. ich war geschockt und rollte mich am boden liegend zusammen, um kopf und körper möglichst vor schlägen mit den polizeiknüppeln zu schützen. die polizistInnen legten mir am rücken handschellen an und trugen mich zum arrestantInnenwagen. ich wurde ins polizeihauptquartier verbracht. bis zu meiner freilassung – um etwa 20:00 uhr – saß ich in einer einzelzelle. mir wurden fingerabdrücke, abdrücke der handballen und DNA-proben abgefordert, ausserdem wurden drogentests durchgeführt
und polizeifotos angefertigt.
ich kann keine gesamteinschätzung der vorgänge abgeben, da ich etwa 5 minuten, nachdem ich auf der blumau eingetroffen war, bereits verhaftet wurde. ausser mir wurden vermutlich 6 weiter personen festgenommen. ich hatte vor meiner verhaftung keinen polizisten beschimpft. kein polizist hatte mich vor meiner verhaftung zu irgend etwas aufgefordert oder an mich auch nur ein wort gerichtet. ich hatte keinen polizisten angegriffen. durch die grosse aufregung hatte ich auch keinerlei schläge seitens der polizei wahrgenommen. erst nachdem ich am nächsten tag auf videos meiner verhaftung gesehen hatte, dass ich offensichtlich mit gummiknüppeln geschlagen worden war, betrachtete ich meinen körper im spiegel und konnte einige blaue flecken sehen.
ich bin über den polizeieinsatz gegen den traditionellen, vorerst friedlichen maiaufmarsch sehr empört. zugleich bin ich – bei gegebener lage – jedoch froh, dass ich unter den verhafteten war, da so der polizeieinsatz eine große öffentlichkeit bekommen hat; hätte es nur ein paar arbeitslose jugendliche getroffen, gäbe es leider vermutlich keine öffentliche debatte darüber.
mein grossvater, ein arbeiter der ÖBB, wurde 1934 auch beim versuch verhaftet, eine maidemonstration in linz durchzuführen. die zeit bis 1945 bezeichnen wir heute als faschismus. nach 1945 wurde meines wissens kein maiaufmarsch der arbeiterInnenbewegung in linz von der polizei angegriffen oder verhindert. heute leben wir sicherlich in keinem faschistischen land; zum glück möge es so bleiben. doch offensichtlich müssen demonstrationsfreiheit und andere menschenrechte auch aktuell verteidigt werden.

zu meiner lage musste ich mir übers wochenende auch so einiges überlegen:
ich bin zufrieden, es geht mir sehr gut und ich fühle mich völlig unschuldig, denn zivilcourage wird allerorts und von allen parteien beständig gefordert.
trotzdem bin ich mir sicher, dass das große medienecho (über welches ich glücklich bin) bei stetiger nennung meiner funktion in der kunstuniversität linz in anbetracht der aktuell bedrohlichen finanziellen lage, für die kommenden finanzierungsverhandlungen unserer universität schädlich ist; nicht zuletzt deshalb, weil sich bereits heute führungspersönlichkeiten der ÖVP sehr deutlich hinter den polizeieinsatz gestellt haben. mein kommendes gerichtsverfahren, wird aller voraussicht nach, im herbst parallel zu den leistungsverhandlungen mit minister hahn laufen.
deshalb steht meine entscheidung, die ich allein und ohne absprache oder gar druck von irgend einer seite beschlossen habe, fest: ich werde mein amt als vizerektor mit beginn des WS zurücklegen und mich karrenzieren lassen.

es freut mich sehr, dass ich bereits im laufe des wochenendes von mehr als hundert kollegInnen solidaritätsanrufe, sms`s und mails bekommen habe, weil es persönlich einfach gut tut, zu wissen, dass sehr viele von euch hinter mir und meinen aktivitäten stehen.

liebe grüsse und vielen dank für eure hilfe ;-) ))