Nachtrag zur Linzer Subversivmesse vom Mai 2009
Juni 28th, 2009 Juni 28th, 2009 Posted in TexteMitarbeiterInnenVTHKeine Kommentare
analyse & kritik
ak – zeitung für linke debatte und praxis / Nr. 540 / 19.6.2009
Geht’s der Subversion gut, geht’s uns allen gut!
Die Linzer Subversionsmesse zeigte Handlungsmöglichkeiten auf
Vom 14. bis 17. Mai 2009 organisierte die Linzer Gruppe Social Impact in der diesjährigen “Kulturhauptstadt” Linz im Rahmen der offiziellen Veranstaltungen zu diesem Hochkultur-Event eine Subversivmesse. 55 politische und/oder künstlerische Gruppen aus 22 Ländern stellten in typischen Messekabinen ihre Projekte vor. Themen waren Migration, Arbeitswelt, Prekarisierung, Queerness, Konsum und Selbstorganisation. Die Kommunikationsformate zielten auf Konzepte wie Gegenöffentlichkeit, Agitprop, Kunstaktionen und Kommunikationsguerilla.
Das Spektrum reichte von aus der Globalisierungskritikbewegung bekannten Protest- und Selbstorganisationsformen bis zu Interventionen, die auf die individuelle Beteiligung Einzelner in Alltagskontexten setzen. Das Programm setzte sich aus “Produktvorführungen”, Workshops, Performances, Exkursionen und einer Galashow zusammen. Darüber hinaus gab es auch theoretische Interventionen etwa von Kanak Attak und ein Symposium zur Frage des Verhältnisses zwischen Subversion und Kunst.
Es war also fast alles geboten und die Rechnung ging auf. Ein wesentlicher Effekt bestand in jenem Verfremdungsmoment, der entsteht, wenn Alltagspraktiken aus der Protest- und Alternativszene, Aktivismus à la Guerilla Gardening (1) oder eine Fahrradwerkstatt im Miniaturformat in einer Hafenhalle als Messe ausgestellt werden. Das hatte Charme und Esprit.
Medial war die Messe ein Erfolg: Die tagesthemen widmeten ihr einen dreiminütigen Beitrag und konnten sich nicht recht entschließen, was das Ganze soll. Die österreichische Gratiszeitung Heute skandalisierte mithilfe eines ÖVP-Nationalrats: “Krawallkurse bei der Subversivmesse.”
Selbstverständlich wurde schon im Vorfeld in Wien und Linz die Frage diskutiert, ob eine solche mit öffentlichen Geldern finanzierte Veranstaltung überhaupt subversiv sein kann oder ob es sich um die Vermarktung politischer Interventionsformen auf dem Kunstmarkt handelt. Die Wiener Zeitschrift Malmoe brachte ihre SubversionsexpertInnen in Stellung, die regelmäßig über die Lufthoheit in der Frage ringen, was denn nun subversiv sei und wer legitimiert sei, sich das Subversionsmäntelchen umzuhängen: “Es steht nun die Frage im Vordergrund, wie Subversion in diesen hyperkapitalistischen und scheinbar sich selbst subvertierenden Systemen möglich ist, wenn diese sogar in der Lage sind, Subversion produktiv zu integrieren”, so Astrid Peterle.
Bei der Messe selbst trat die Frage nach dem Subversionsgrad in den Hintergrund. Die Veranstaltung wurde zwar auch als Ausgangspunkt für Interventionen in der “Kulturhauptstadt” selbst genutzt, im Mittelpunkt standen jedoch Austausch und Diskussion.
Auffällig war, dass viele der ausgestellten Projekte Techniken vorstellten, mit denen Subversionspotenzial im Alltag aufgespürt werden und politisch gewendet werden soll. So konnte man in einem Beichtstuhl Regelverletzungen im Arbeitsalltag beichten. Ergebnisse des Projekts können im “Lexikon der Sabotage” nachgelesen werden. Bei Mega Infarkt wurden die Super-AlltagsheldInnen vorgestellt – aus der politischen Praxis mit Erwerbslosen und MigrantInnen entstandene, auf Sammelkärtchen dargestellte Figuren, die aus ihren alltäglichen Konflikten widerständige Praktiken entwickeln und den Blick für die heldenhafte Seite prekären (Über-)Lebens schärfen.
Andere Projekte entwickelten aus solchen Erfahrungen alle möglichen Institutionen: Über die Absageagentur kann man auf Stelleninserate zur Abwechselung statt mit Bewerbungen mit Absagen reagieren. Oft verbirgt sich die Absurdität solcher Vorschläge hinter professionell gestylten Materialien, Infoständen und Personal: Unter der gelackten Oberfläche erscheinen noch die abstrusesten Vorschläge als denkbar und führen in einem solchen Kontext die Logik der bestehenden Verhältnisse ad absurdum.
Interventionen erstreckten sich auch auf den digitalen Raum, etwa mit den Videospielen von Molleindustria. Überhaupt experimentieren viele Projekte mit dem nicht vorgesehenen Einsatz digitaler Technologien, wie etwa der RFID-Zapper des Chaos Computer Clubs, mit dem RFID-Chips deaktiviert werden können, oder der Radical ATM Service, ein Geldautomat, der nach Einschieben irgendeiner Bankomat- oder Kundenkarte diverse politisierte Handlungsweisen auf dem Screen vorschlägt und statt Banknoten entsprechende Flyer ausspuckt.
Während die Ideologiekritik innerhalb der diversen linken Strömungen nicht müde wird, die Frage nach der Vereinnahmung subversiver Praktiken bzw. von Kritik am kapitalistischen System überhaupt zu debattieren, argumentierte die autonome a.f.r.i.k.a. gruppe umgekehrt. Weil es keinen sicheren Ort der Kritik und der Subversion gebe, komme es darauf an, kontextbezogen zu prüfen, in welcher Situation welche Form von Kritik oder Praxis zur Destabilisierung der herrschenden Verhältnisse beitrage. Im kognitiven Kapitalismus bedürfe es einer Kritik der politischen Ökonomie der Symbole, Zeichen und Codes. Im Unterschied zu einer Diskussion, die vor allem nachweisen wolle, dass dieser oder jener Protest systemstabilisierend sei, hieß es hier: “Nur Linke sind so blöd zu behaupten, dass das Terrain, auf dem die Kämpfe stattfinden, nicht betreten werden darf, weil es der Gegner auch tut.”
An den in der Subversivmesse ausgestellten Projekten zeigt sich aber auch, dass die Kritik der politischen Ökonomie der Zeichen als Aufgabe angenommen wurde. Nicht wenige haben das Feld der Zeichen als Terrain sozialer Kämpfe erkannt. Indem sie sich kulturelle Formen wie Institutionen oder mediale Formate aneignen, suchen sie nach Möglichkeiten, die kapitalistische Normalität in die Krise zu treiben. Sie bereiten den Boden für die anstehenden Kämpfe und verweisen auf Möglichkeiten, unter fragmentierten postfordistischen Bedingungen Widerstand und Opposition zu artikulieren und zu repräsentieren.
Das ist doch was.
Marion Hamm/Klaus Schönberger
Weitere Informationen: www.social-impact.at, http://subversivmesse.net