In der Jungle World (Nr. 35, 27. August 2009) ist ein Artikel von Jens Kastner: “Ist die Linke schuld am Neoliberalismus?” erschienen, der die Debatte um die Frage fortsetzt, in welcher Weise die Kritik der Neuen Linken am Kapitalismus zum Hervorbringen des Neoliberalismus beigetragen habe. Insbesondere Boltanski und Chiapello sind in dieser Debatte prominent, in der sie zwischen böser Künstlerkritik und guter Sozialkritik unterscheiden:
War die Revolte von ’68 eine Wellnesskur für einen müde gewordenen Kapitalismus? Über das Erbe der einstigen Avantgarde-Bewegung und die Modellfunktion des Künstlers für die moderne Arbeitsgesellschaft streiten sich die Kulturtheoretiker noch.
Anfang September 1956 in der italienischen Provinzstadt Alba, 25 Kilometer südöstlich von Turin: Ein paar zerrupfte Gestalten steigen aus dem Zug und werden vom örtlichen Blasorchester samt Bürgermeister begrüßt. Es sind die Teilnehmer des »Ersten Weltkongresses der Freien Künstler«. Mit von der Partie ist der kommunistische Avantgardist und spätere Mitbegründer der Situationistischen Internationale, Asger Jorn, durch dessen Kontakte zum ehemaligen Partisanen Pinot Gallizio das Treffen zustande kam. Gerd-Rainer Horn erzählt die Geschichte dieses »Weltkongresses« zu Beginn seines Buches »The Spirit of ’68«. Eine Hand voll avantgardistischer Künstler – Künstlerinnen werden nicht erwähnt – wird damit zum Ausgangspunkt einer faszinierenden und mittlerweile häufig erzählten Geschichte über »Rebellion in Western Europe and North America, 1956–1976«, wie der Untertitel des Buches lautet, sowie einigen anderen Orten und Regionen der Welt.
Horn interpretiert wie viele andere auch die rebellischen 68er Jahre als Verallgemeinerung der Ansprüche und Ziele der künstlerischen Avantgarden.
(…)
Die Übernahme der expliziten wie impliziten Anliegen von Avantgarde und Gegenkultur in den Mainstream hörte in den siebziger Jahren nicht auf und gipfelte auch nicht in den »Alternativbewegungen« und Neuen Sozialen Bewegungen der achtziger Jahre. Heute, argumentieren verschiedene Soziologen und Philosophen, habe sich der Geist von ’68 noch weiter verbreitet und vielfältig materialisiert, inzwischen gebe er gar – meint beispielsweise der Soziologe Andreas Reckwitz – ein allgemeines Subjektmodell für die westlichen Gegenwartsgesellschaften ab. In allen für die Subjektwerdung in der Moderne relevanten Bereichen – Arbeit, Intimität und Selbstkonstitution – hätten Avantgarden und Gegenkultur neue und für alle gültige Standards gesetzt. »We, the artists of life« heißt es dementsprechend auch bei Zygmunt Bauman: Ständige freie Entscheidungen mit ungewissen Effekten bei hohem Grad an Bedürftigkeit nach Anerkennung durch andere – was früher Privileg und Problem ausschließlich von Künstlern gewesen sei, zeichne heute das Leben nahezu aller aus. Vorsichtiger fasst es der Ökonom Richard Florida, der nicht gleich jeden mit einem kreativen Ethos ausgestattet sieht, aber doch eine ganze »kreative Klasse«. Diese mache numerisch nicht die Mehrheit der westlichen Gesellschaften aus, sondern etwa ein Drittel, sei aber mittlerweile die dominante, Normen setzende Klasse.
Während die Analyse aus ganz unterschiedlichen Richtungen vorgenommen wird, im Ergebnis aber bei vielen Theoretikern ähnlich aussieht, fällt die Beurteilung sehr unterschiedlich aus. Der Postoperaist Paolo Virno meint, dass durch die gestiegene gesellschaftliche Bedeutung vormals künstlerischer, insbesondere kognitiver Fähigkeiten ganz einfach allgemeine menschliche Attribute zum Vorschein kommen würden. Diese Entwicklung sei zunächst weder gut noch schlecht, sie zeichne schlicht die gegenwärtige Multitude aus. Andere Autoren urteilen da weniger neutral: Während Reckwitz das Subjektmodell als emanzipatorische Veränderung und Florida die Kreativität als ökonomische Triebkraft feiert, kommen insbesondere Luc Boltanski und Ève Chiapello hinsichtlich der verallgemeinerten 68er-Werte und künstlerisch-avantgardistischer Vorstellungen in puncto Emanzipation zu ganz anderen Einschätzungen: Was als der Spirit der Rebellion begonnen habe, ist ihnen zufolge vielmehr als »der neue Geist des Kapitalismus« zu bewerten.
(…)
Dass gerade die Kunstwelt zu solchen gesellschaftlichen Effekten prädestiniert war, liegt nach Ansicht des Sozialforscher Pierre-Michel Menger an ihrer »eigentümlichen Mischung aus Individualismus und Kommunitarismus«: Das Konkurrenzprinzip geht mit einem starken gemeinschaftlichen Regulierungssystem im Hinblick auf ethisches Verhalten und den Selbstanspruch auf allgemeine Nützlichkeit einher. Insbesondere das, was die Avantgarden und die sozialen Bewegungen der sechziger Jahre verbindet und was, zumindest in libertärer Perspektive, zu ihren Errungenschaften zählte, gilt demnach als besonders »innovationstauglich« für das Kapital. Die Gemeinsamkeiten zwischen den beiden soziokulturellen Strömungen bestanden, der Soziologin Eva Illouz zufolge, darin, dass sie eine »virulente Kritik am Kapitalismus und die Forderung nach neuen, nicht-materiellen Formen des Selbstausdrucks und Wohlbefindens« miteinander verknüpften. Und gerade diese Entwicklung habe letztlich, so die von Illouz und Boltanski/Chiapello geteilte These, den Kapitalismus modernisiert statt abgeschafft. Indem sie sich um soziale Sicherheit nicht geschert und nur auf individuelle Autonomie gesetzt hätte, habe die künstlerische Kritik an den kapitalistischen Verhältnissen diese nicht angegriffen, sondern stattdessen einen ihrer zentralen Imperative mit erzeugt: den »Flexibilitätskonsens« (Boltanski/Chiapello).
Gerade Kulturschaffende, meint auch die Politikwissenschaftlerin Isabell Lorey, hätten sich lange Zeit eingebildet, mit ihren gegen Normalarbeitszeit sowie moderne Kontrolle und Disziplinierungen gerichteten Lebens- und Arbeitsmodellen gelebte Kapitalismuskritik zu betreiben. Da sich die Arbeitsverhältnisse aber nun insgesamt gewandelt haben, seien sie mit ihrer »Selbstprekarisierung« längst nicht mehr der Sand im Getriebe, sondern vielmehr dessen Schmieröl. Indem sie den eigenen Status naiv nicht infrage stellten, verkämen sie geradezu zu »OpportunistInnen und KonformistInnen« (Lorey).
Was Avantgarden und 68er-Bewegungen hier als Gemeinsames attestiert wird, überschneidet sich nicht gerade wenig mit dem, was die Neue Linke an Neuem hervorgebracht und was sie von der alten, arbeiterbewegten Linken unterschieden hat: die Ausdehnung des Emanzipationsgedankens auf alle Lebensbereiche (und nicht nur die Arbeit) und die Ablehnung der parteiförmigen Organisierung (und stattdessen der Aufbau »neuer« sozialer Beziehungen). Ausgerechnet diese Forderungen nach Autonomie und Kreativität sollen die Erneuerung des Kapitalismus ermöglicht haben. Die Analyse dieser Modernisierung setzt dabei in den meisten Fällen zweiteilig an: Auf der einen Seite habe die »kreative Arbeit« im weitesten Sinne die eher stumpfe, disziplinierende und kontrollierte Fabrikarbeit als dominante Wertschöpfungsform abgelöst. Dies heiße aber nicht, betont beispielsweise Paolo Virno ausdrücklich, dass »keine Armaturen und Maschinen mehr erzeugt werden«. Auf der anderen Seite habe aber die Kreativitätsanforderung längst alle Lebensbereiche erreicht, also auch die Produktion in der Fabrik.
zum ganzen Text
Aber das ist auch ein wenig das Dilemma dieser Debatte. Indem nicht die konkreten Bedingungen dieser Ideen in den Blick genommen wird, urteilen Apologeten wie KritikerInnen allesamt ahistorisch. Warum ist es eigentlich so schwer zu verstehen, dass es durchaus sein kann, dass das was mal emanzipatorisch mit dem Rückenwind der Geschichte kritisch und dysfunktional gewesen ist, heute genau das Gegenteil implizieren kann.