Oktober, 2009

Metropolis-Arte Beitrag zur Zukunft der Arbeit (31.10.2009)

Oktober 28th, 2009 Oktober 28th, 2009
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Am kommenden Samstag, 31. Oktober 2009 , um 22.45 Uhr beschäftigt sich das ARTE-Kulturmagazin Metropolis mit der Zukunft der Arbeit. Im Interview u.a. Klaus Schönberger.

Wiederholungen:
01.11.2009 um 14:55
07.11.2009 um 12:45
(Deutschland, 2009, 43mn)

(2): Arbeit. Sinn und Sorge. Von der Zukunft der Arbeit
Arbeit. Sinn und Sorge, so der programmatische Titel der derzeitigen Ausstellung im Dresdener Hygienemuseum. Welche Bedeutung hat Arbeit jenseits von Macht, Geld und Anerkennung? Was sind die Optionen für die Arbeitswelt von morgen? “Metropolis” stellt diese Fragen und geht Ihnen nach.
Seit Karl Marx seine Thesen zur Ausbeutung des Proletariats durch das Kapital verfasste, hat sich vieles geändert. Die westliche Industriegesellschaft ist eine Wissensgesellschaft geworden. Die materielle Produktion findet zunehmend an den verlängerten Werkbänken globaler Wertschöpfungsketten statt.
Doch was bedeutet das Verschwinden der Fabrik und mit ihr das Verschwinden der Vollbeschäftigungsgesellschaft? Globalisierung, entgrenzte Arbeit und Prekarisierung sind die neuen Stichwörter. “Metropolis” spricht mit Antonio Negri, Guillaume Duval und Klaus Schönberger über die Exzesse der Finanzwirtschaft, die neuen Formen der Arbeit in der Wissensgesellschaft, flexible Biografien und Konzepte für die Welt der Arbeit von morgen.

Metropolis” zeigt die Kultur als Spiegel unserer Zeit, mal in heiterem oder frechem Ton, mal mit dem gebotenen Ernst. Immer aber lebendig. “Metropolis” beschäftigt sich mit den Trends und Neuheiten, analysiert die wirtschaftlichen und sozialen Hintergründe des Kulturlebens.

jungle world-rezension von “Komm herunter, reih Dich ein”

Oktober 25th, 2009 Oktober 25th, 2009
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In der Jungle World Nr. 43, 22. Oktober 2009 ist die erste Rezension von “Komm herunter, reih Dich ein” von Jessica Zeller erschienen:

Wie aus der Latschdemo der Flashmob wurde

Fahnen, Spuckis und Katzenmusik: Das Buch »Kommt herunter, reiht euch ein …« beschreibt eine kleine Geschichte der Protestformen sozialer Bewegungen.

(…)

Werden sie also bald das Flugblatt, den Infostand und die Solidaritätskundgebung ersetzen? Möglich wäre es, und Klaus Schönberger und Ove Sutter, die Herausgeber des Buchs »Kommt herunter, reiht euch ein … : Eine kleine Geschichte der Protestformen sozialer Bewegungen«, stehen dieser Entwicklung recht wohlwollend gegenüber. Die aufwändig gestaltete Aufsatzsammlung, die die Ergebnisse eines studentischen Projekts am Hamburger Institut für Volkskunde/Kulturanthropologie zusammenfasst, beschreibt nicht nur die Geschichte von etablierten und institutionalisierten Protestformen – also Streik, Demonstration und Bürgerbewegung –, sondern kümmert sich besonders um die – Stichwort: Flashmob – unkontrollierten und humorvollen Formen des kollektiven Verhinderns und Dagegenseins, in der Vergangenheit und in der Gegenwart.

Für Schönberger, Sutter und die zahlreichen studentischen Autorinnen und Autoren zählen dazu Charivaris, also Katzenmusik, mit der man in vormodernen Zeiten seinem Protest vor dem Haus des Gutsherrn oder Fürsten Luft machte, Straßentheater, Happenings, Graffiti, Tortenschlachten, Reclaim-the-Streets-Partys und vieles mehr. Also sorgsam inszenierte Proteste, die das Spiel mit den Medien verstehen und dabei noch gut aussehen. Diese haben heute einfach eine größere Chance, dass ihre Botschaften von der Umgebung auch registriert werden. »In aktuellen Protesten versuchen soziale Bewegungen zwar immer noch, ihren Wert, ihre Einheit, ihre große Zahl und ihr Engagement unter Beweis zu stellen. In einer medialisierten Welt müssen sie dafür allerdings in verschärftem Maße versuchen, Formen zu finden, die genügend Aufmerksamkeit erregen, um wahrgenommen zu werden.«

Der Trend geht also zum von den Medien vermittelten Protest. Doch wäre es vermessen, so zu tun, als würde sich Protest im 21. Jahrhundert völlig anders darstellen als in den sechziger Jahren oder sogar noch früher. Im Gegenteil: Die Formen, die soziale Bewegungen heute wählen, haben oft eine lange Geschichte, auch wenn diese den Aktivisten häufig nicht bewusst ist. Strategien erfahren zwar eine Angleichung, werden aber nicht grundlegend neu erfunden. Besonders überzeugend ist »Kommt herunter, reiht euch ein … « deshalb an den Stellen, wo aktu­elle Protestformen in einen historischen Kontext eingebettet werden und Kontinuitäten und Wandel so gleichermaßen in den Blick geraten.

(…)

Kritisch anzumerken bleibt, dass auch dieses Buch, das sich ebenso gut liest wie es aussieht, in erster Linie eine Lektüre aus der Bewegung für die Bewegung ist. Doch auch das war früher nicht anders, denn seit ihrem Entstehen ist die Bewegungsforschung zugleich ein Forschen mit der Bewegung. Die entsprechenden Wissenschaftler der sechziger bis achtziger Jahre sympathisierten mit der Friedens-, Ökologie- und Frauenbewegung und verstanden sich als Sprachrohre ihrer Interessen. Heute sind es vor allem Globalisierungskritiker, Kommunikationsguerilleros und gendergetroublete Bewegte, denen das Wohlwollen der Autoren gilt. Dabei weichen Schönberger, Sutter und ihre Studenten jedoch der Frage nicht aus, ob soziale Bewegungen wirklich per se fortschrittlich und links sein müssen. Spätestens mit der Herausbildung einer aktivistischen rechtsextremistischen Szene, die oft die Aktionsformen und selbst die Symbole etwa der Arbeiterbewegung, der Außerparlamentarischen Opposition oder der Neuen Sozialen Bewegungen übernommen hat, ist ihnen zumindest eins deutlich klar: Protest allein muss erst mal nichts heißen. Mindestens genauso wichtig wie das Medium ist immer noch die Message.

Klaus Schönberger, Ove Sutter (Hg.): Kommt herunter, reiht euch ein …: Eine kleine Geschichte der Protestformen sozialer Bewegungen. Assoziation A, Berlin/Hamburg 2009. 265 Seiten, 18 Euro

Hier die ganze Rezension

Ein Interview mit Klaus Schönberger gibt es hier zum Nachhören.

ästhetik@subversion: 22.10. & 23.10. Lecture und Performance: Permanent Breakfast

Oktober 21st, 2009 Oktober 21st, 2009
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Das immerwährende Frühstück im öffentlichen Raum

Im Rahmen der Vorlesungsreihe “ästhetik@subversion” des Bachelors “Medien & Kunst” in Zusammenarbeit mit dem Master of Fine Arts im Department Kunst und Medien der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) im Departement Kunst & Medien werden am Donnerstag, 22.10. / 18.00 Uhr

Friedemann Derschmidt & Karin Schneider (Wien)

zu Gast sein.

Wo: White Space – Office for Curating/Art/Theory
Militärstrasse 76, 8004 Zürich

Ausserdem gibt es dazu einen Aktions-Workshop am Freitag 23.10:
permanent breakfast an einem öffentlichen Ort in Zürich ca. 11.00 Uhr.

Genaueres wird über Ort und Zeitpunkt bei der Lecture beziehungsweise auf der Webseite von Permanent Breakfast bekannt gegeben (http://www.permanentbreakfast.org).

Permanent Breakfast des stadt.labor in Zürich 2006

Permanent Breakfast des stadt.labor in Zürich 2006

Permanent breakfast ist eine Kunstaktion, die vor 13 Jahren als Kette (Pyramidenspiel) von Wien seinen Ausgang nahm und seither in über 30 Ländern der Welt praktiziert wird: Jemand lädt zum Frühstück an einem schön gedeckten Tisch im öffentlichen Raum. Passant_innen werden eingeladen und mit den Spielregeln vertraut gemacht, die vor allem darin bestehen, selbst alsbaldig ein solches Frühstück zu organisieren. Das Frühstück wird jeweils von den Einladenden finanziert und den Geladenen geschenkt.

Diskutieren wollen wir, wie sich Fragen von Nutzung und Umnutzung des öffentlichen Raumes mit dem “tool” permanent breakfast vermitteln und ob über diese künstlerischen Praxen die politischen, sozialen, ökonomischen (etc.) Parameter verändert werden können, die den öffentlichen Raum bestimmen.

DRS 2-aktuell über “Kommt herunter, reiht Euch ein”.

Oktober 21st, 2009 Oktober 21st, 2009
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Im Rahmen der Sendungs drs2-aktuell wurde anlässlich des von Klaus Schönberger und Ove Sutter herausgegebene Buchs “Kommt herunter, reiht Euch ein – Eine kleine Geschichte der Protestformen sozialer Bewegungen” ein Interview mit Klaus Schönberger gesendet.

Sendung nachhören

ak: Ein Gespräch über Kunst und Politik

Oktober 13th, 2009 Oktober 13th, 2009
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Die Nähe zu sozialen Bewegungen ist entscheidend

in: ak – analyse & kritik - zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 543 / 16.10.2009: Ein Gespräch über Kunst und Politik

Vom 22. bis zum 29. August 2009 veranstaltete die Stiftung Gegenstand zum siebten Mal das Wochenseminar “Villa Rossa”. In diesem Jahr ging es um die Themen Kunst, Kultur, Krise und Transformation. Zum Abschluss der Veranstaltung diskutierten Henrik Lebuhn und Katharina Morawek über “Kunst als politische Praxis”.

Der ak druckt eine gekürzte und leicht überarbeitete Fassung des Seminarbeitrags:

Henrik: Dass es sich bei Kunst und Kultur um ein entscheidendes politisches Feld handelt, kann mittlerweile wohl als Gemeinplatz gelten. Es gibt, glaube ich, einen Konsens darüber, dass die Linke hier intervenieren muss, um die eigene kulturelle Bedeutungslosigkeit zu überwinden. Aber dass Kunst und Kultur auch wichtige politische Praxen darstellen, die interventionistisch wirken können, darüber hinaus als lustvolles Miteinander-Handeln wichtige soziale Funktionen haben und somit auch neue Denkmöglichkeiten eröffnen, wird nach meiner Wahrnehmung innerhalb der Linken wenig diskutiert.

Katharina: Stimmt. Kulturelles oder künstlerisches Handeln ist eben genau nicht nur darauf zu reduzieren, dass es gesellschaftliche Widersprüche abbildet und, wie zum Beispiel im politischen Theater oder Film, an verschiedene Öffentlichkeiten vermittelt. Bestimmte künstlerische und kulturelle Praxen können vielmehr als solche verändernd wirken und müssen insofern auch als politische Interventionsformen diskutiert werden. Wir sollten politisch-ästhetisches Handeln als solches ernst nehmen. Zu oft wurde und wird “Kunst” innerhalb linker Kontexte lediglich als dekoratives Element wahrgenommen, als eine Art Ornament für die “eigentlichen” politischen Inhalte.

Henrik: Politisches und kulturelles Handeln sind eng miteinander verbunden. Trotzdem sind Kunst und Politik nicht deckungsgleich. Wie lassen sich die beiden Bereiche sinnvoll voneinander unterscheiden und wo überschneiden sie sich? Und wo liegen die besonderen Stärken künstlerischer Strategien im Vergleich zu klassisch politischen Aktionen?

Katharina: Ein Schlüsselbegriff zum Verständnis künstlerischer Strategien ist meiner Ansicht nach der der “symbolischen Praxis”. Künstlerische Strategien arbeiten immer mit symbolischen Elementen. Sie erlauben es uns, das Unmögliche zu formulieren und das Unmögliche zu denken. Künstlerische und kulturelle Praxen zeichnen sich durch eine kreative (Wieder-)Aneignung der Welt aus. Sie sind somit an der Herstellung von “alternativem” und “utopischem” Wissen beteiligt. Symbolische Praxen können subalterne oder marginalisierte Perspektiven in ein hegemoniales Narrativ hineinreklamieren. Denk mal an den US-amerikanischen Autor Tony Kushner, der Jude, schwul und zudem noch bekennender Sozialist ist. Seine Romane, Theaterstücke und Filme eröffnen eine kritische Perspektive auf die US-amerikanische Gesellschaft, die nicht mehr so einfach vom Tisch gewischt werden kann. Das ist natürlich hoch politisch, aber als Praxis ist es zunächst einmal symbolisch, weil es nicht unmittelbar in die Politik eingreifen will.

(…)

Die Frage nach der politischen Wirksamkeit von künstlerischen Interventionen widmet sich der Schlussteil des Beitrags:

Henrik: Ein Aspekt, der damit zusammenhängt, ist die Frage, an welchen Orten Kunst stattfindet. Das ist nämlich ganz zentral dafür, ob künstlerische Strategien auch eine politische Wirkung entfalten.

Katharina: Die Frage ist, wie ein bestimmter gesellschaftlicher Raum funktional definiert ist und wer welchen Ort zu welchen Zwecken nutzen darf.

Henrik: Entscheidend ist dabei nicht so sehr der physische Ort, sondern das institutionelle Setting, in dem man handelt. Ein Bild oder eine Performance wird erst dadurch zu Kunst, dass sie von Kulturinstitutionen als solche anerkannt wird: von Museen, Fachzeitschriften, KuratorInnen, Kunsthochschulen, etc. Und diese Anerkennung setzt voraus, dass der Künstler oder die Künstlerin bestimmte Bedingungen erfüllt. Ein Kunstwerk muss eine klare AutorInnenschaft haben, es muss irgendwie musealisierbar sein, es muss sich letztinstanzlich auf einem Kunstmarkt auch monetär bewähren. Ist das nicht der Fall, so bleibt es ein Hobby und Privatvergnügen. Wird etwas aber als Kunst anerkannt, dann hat “es” unheimliche Freiheiten. Denn Kunst darf utopisch sein. Sie darf sich der Logik der herrschenden Verhältnisse verweigern. Und sie darf sogar das Gesetz brechen.

Katharina: Zugleich wird Kunst gerade dadurch, dass sie als Kunst anerkannt wird, mitunter ihrer politischen Wirkmächtigkeit beraubt. Wenn eine Aktion zum Beispiel in einer Galerie ausgestellt und in einem Ausstellungskatalog dokumentiert und besprochen wird, wird damit festgeschrieben: Hier handelt es sich um Kunst und nicht um Politik! Kunst funktioniert also fast wie eine Gated Community: Die BenutzerInnen legen die (ungeschriebenen) Regeln fest, was in dem jeweiligen Raum passiert und wer daran wie partizipieren darf

Henrik: Darin liegt allerdings auch eine Chance für künstlerisch-politische Interventionen: Sie nutzen die “Narrenfreiheit” der Kunst, indem sie ästhetische Taktiken und Elemente verwenden. Das macht sie irritierend und interessant, weckt die Neugier der BetrachterInnen und schützt zugleich vor Repression. Als kollektive Interventionen verweigern sie sich aber institutionellen Anforderungen wie eindeutiger AutorInnenschaft und Musealisierbarkeit. Dadurch sind sie nur schwer in die Institutionen zu integrieren und bleiben politisch wirksam. Ich denke da jetzt an Beispiele wie die Superhelden, die Überflüssigen oder auch die Yes Men oder Yomango. Das Problem ist oft, dass die Integrationskraft von Kunstinstitutionen unheimlich hoch ist. Und sie neigen dazu, die Ambivalenz einzufordern oder gar aktiv zu produzieren, von der wir oben gesprochen haben, sie leiten die politische Wirksamkeit künstlerischer Strategien um, indem sie sie in das gesellschaftliche Subsystem Kunst eingemeinden. Da stehen die AktivistInnen dann vor einem Problem, das ihnen vielleicht gar nicht bewusst ist: Nutzen wir künstlerische Strategien und akzeptieren eine mögliche Entpolitisierung? Schlimmstenfalls heißt es dann, das war Politkarneval. Oder verzichten wir darauf und lassen uns auf die ewig bekannten Rituale ein, durch die man als “seriöse” politische Bewegung anerkannt wird? Dann sagen die Leute: Das ist doch dröge.

Katharina: Das ist ein Dilemma. Politische Kunst ist zur Wirkungslosigkeit verdammt, wenn sie innerhalb der autonomen Sphäre der Kunst bleibt. Sie muss sich sozusagen aus dem Museum und der Galerie befreien. Die Nähe zu sozialen Bewegungen ist entscheidend. Da taucht dann aber gleich der nächste Widerspruch auf: Denn oft schafft die Nähe der KünstlerInnen zu politischen Konflikten erst die “Credibility”, das symbolische Kapital, mit dem KünstlerInnen am Ende auf dem Markt erfolgreich sind.

Henrik: Vielleicht müssen künstlerisch-politische Strategien wirklich konsequent auf ihre Professionalisierung verzichten. Sie müssen die Marktlogik des Kunstfelds gewissermaßen von innen heraus “bestreiken” und anstelle dessen die Logik des Feldes gegen dasselbe wenden. So können sie die Vorteile künstlerischer Strategien nutzen und bleiben doch politisch.

“Kunst funktioniert also fast wie eine Gated Community: Die BenutzerInnen legen die (ungeschriebenen) Regeln fest, was in dem jeweiligen Raum passiert und wer daran wie partizipieren darf.”

“Nutzen wir künstlerische Strategien und akzeptieren eine mögliche Entpolitisierung? Oder verzichten wir darauf und lassen uns auf die ewig bekannten Rituale ein, durch die man als ,seriöse` politische Bewegung anerkannt wird?”

Der ganze Beitrag

Gerald Raunig / Annegang: … die Dichotomie von Praxis und Theorie zu durchkreuzen

Oktober 13th, 2009 Oktober 13th, 2009
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Auf der Webseite der Wiener Tageszeit “Der Standard” (11.09.2009) findet sich ein Interview aus der Zeitschrift “Bildpunkt” (die wiederum von der IG Bildende Kunst herausgegeben wird), in dem Gerald Raunig und das Künstlerkollektiv “Annegang” den Zusammenhang von Theorie und Praxis diskutieren. Das Interview entstammt der Herbstausgabe, die dem Schwerpunkt “Praxistheorie” gewidmet ist:

Jede Theorie ist selbst eine – häufig als abgehoben gebrandmarkte – Praxis. Und jede Praxis enthält theoretische Aspekte: Bildreflexive Praktiken führen beispielsweise zu einem Verständnis von „Film als Theorie“ (Volker Pantenburg), auch in der aktuellen Diskussion um die „künstlerische Forschung“ werden die spezifischen epistemologischen Errungenschaften der Kunstpraktiken betont. Theorie hat ja nach wie vor im künstlerischen Feld einen sehr ambivalenten Status: Man kann nicht ohne sie, im Zweifel aber gilt sie dennoch als unsinnlich, verkopft, unschöpferisch, kurz: als das, was dem romantizistischen KünstlerInnenverständnis gerade nicht entspricht.

Bildpunkt: Gerald, du bist u.a. anderem Mit-Herausgeber der Buchreihe es kommt darauf an (im Verlag Turia + Kant), die im Untertitel Texte zur Theorie der politischen Praxis heißt. Das klingt zugleich offensiv aber auch nach einem Vermittlungsversuch. Um welche Praxis geht es da?

G.R.: Der Haupttitel der Reihe spielt auf die 11. Feuerbachthese von Karl Marx an: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kömmt drauf an, sie zu verändern.“ Dieses „es kömmt drauf an“ schien uns genau das Moment der Verkettung, das „Und“ zwischen Interpretieren und Verändern zu sein, d.h. auch ein Schritt in Richtung der Auflösung der Dichotomie von Theorie und Praxis. Generell gilt es, neben einfachen Dichotomien und Hierarchisierungen auch jene Plattitüden, dass jede Theorie auch eine Praxis und jede Praxis auch theoretisch ist, genauer zu befragen. Dieses genauere Betrachten sollte zu aller erst darin bestehen, zu historisieren. So sind zum Beispiel auch die Feuerbachthesen, geschrieben 1845, nicht ohne den vorrevolutionären Kontext, also nicht ohne ihr Verhältnis zu konkreten sozialen Maschinen zu lesen. Wird diese Art der Historisierung vorgenommen, kommen etwa auch hinsichtlich der Ausführungen zur Pariser Commune 1871 wesentlich größere Überlappungen zwischen Marx und Michail Bakunin zum Vorschein, dessen anarchistischer Ansatz immer als Gegenpol zur Marx’schen (Praxis-)Theorie dargestellt wurde.

Bildpunkt: In welchem Verhältnis stehen in der genannten Buch-Reihe denn Theorieproduktion und soziale Bewegungen?

G.R.: Es geht vor allem darum, aktuelle Überlappungen zwischen Aktivismus und Theorieproduktion, sozialen Maschinen und Textmaschinen zu forcieren.

Gerald Raunig begibt sich dabei auf die Suche nach einer kritischen Praxis, die die Dichotomie von Theorie und Praxis zu “durchkreuzen” versuchen:

Bildpunkt: Die zeitdiagnostischen Aspekte sind auch nicht zu gering zu schätzen, schließlich verdeutlichen sie auch, dass die kritische Praxis nicht anders als aus dem Mittendrin der Verhältnisse zu entwickeln ist – und nicht etwa von einem Außen her, das bestimmte intellektuelle Modelle für sich in Anspruch nahmen.

Raunig: Es geht schließlich darum, die Dichotomie von Praxis und Theorie immer wieder zu durchkreuzen. Dies ist übrigens keine Idee des 21. Jahrhunderts, sondern sie findet sich bereits ebenfalls bei Marx. In der ersten Feuerbachthese spricht er in dieser Hinsicht von der “‘praktisch-kritischen’ Tätigkeit”. Bei solchen Durchkreuzungen käme es auch darauf an, universitäre Moden, d.h. gewissermaßen “von oben” dekretierte Durchkreuzungen wie neuerdings die “künstlerische Forschung” von emanzipatorischen Verkettungen “von unten” zu unterscheiden…

Zum ganzen Interview

14.10. 09: ästhetik@subversion: Ursula Biemann – Gegengeografien

Oktober 13th, 2009 Oktober 13th, 2009
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Im Rahmen der Vorlesungsreihe “ästhetik@subversion” des Bachelors “Medien & Kunst” in Zusammenarbeit mit dem Master of Fine Arts im Department Kunst und Medien der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) wird im Zürcher Helmhaus Ursula Biemann (Zürich) anlässlich ihrer Ausstellung Gegengeografien über ihre Videopraxis sprechen:

Anlässlich der Ausstellung „Videogeografien“ stellt die Künstlerin ihre investigative Videopraxis zur Diskussion, die sich im unbenannten Intervall zwischen Kunst, Politik und Theorie verortet. In einer eigenen ästhetischen Sprache erforscht sie die umstrittenen Territorien der Welt und entwirft eine komplexe humane Geographie der globalen Mobilität mit all ihren Nebenwirkungen und undokumentierten Bewegungen. Im Versuch, die anschwellenden Migrationsflüsse in den Griff zu kriegen, kommen europaweit kolossale Grenz- und Abwehrmechanismen zum Einsatz. Dieser Trend hat in der Kunst eine Faszination mit Kontrolltechnologien und repressiven Grenzregimes ausgelöst, deren kritische Wirkung auch wieder fraglich ist.

Im Gegenzug dazu untersuchen die Video-Erkundungen von Ursula Biemann durchwegs Gegengeografien, die sich durch verdeckte Operationssysteme, innovative Widerstandspraktiken und migratorische Selbstbestimmung herausbilden. Mit dem Betreten von off-limit Zonen, geheimen Leitwegen, klandestinen und virtuellen Territorien visualisieren die Videos eine subversive geografische Praxis und gehen der Frage nach, inwiefern sich Künstler und Künstlerinnen in diese symbolische und materiellen Räume einschreiben können.

Ab 17:00 Uhr Besuch der Ausstellung „Videografien“

Helmhaus
Limmatquai 31, 8001 Zürich

Im Herbstsemester 2009/10 setzt die Vertiefung Theorie VTH des Bachelors Medien & Kunst in Zusammenarbeit mit dem Master of Fine Arts die Veranstaltungsreihe „Ästhetik@Subversion“ an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) im Departement Kunst & Medien fort. Die Reihe versucht auszuloten, in welchem Verhältnis die ästhetischen und die gesellschaftlichen Bedingungen emanzipatorischer Praxis im kognitiven Kapitalismus zueinander stehe

Cultural Studies-Forscher Dick Hebdige im Interview

Oktober 12th, 2009 Oktober 12th, 2009
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Den Geist lebendig halten

In der Printausgabe 45 der Wiener Zeitschrift Malmoe findet sich ein Interview mit Dick Hebdige, das auch online zugänglich ist:

“Dick Hebdige ist einer der Pioniere der Cultural Studies. Er studierte in den 1970er Jahren am Birmingham Center for Contemporary Cultural Studies. Seine Publikationen inkludieren „Subculture: The Meaning of Style“ (1979), „Cut ‘n’ mix: Culture, Identity and Caribbean Music“ (1986) und „Hiding in the Light: On Images and Things“ (1987). Hebdige lebt seit 1992 in Kalifornien, wo er an verschiedenen Universitäten unterrichtet hat. Derzeit ist er Direktor des Arts and Interdisciplinary Program am Palm Desert Campus der University of California Riverside.

Sein Buch „Subculture: The Meaning of Style” (1979) stellte einen Meilenstein in der Beforschung jugendlicher Subkulturen dar. Susi Wang und Katarzyna Winiecka sprachen im MALMOE-Interview mit Dick Hebdige über die Beschäftigung mit Jugendkultur, die Anfänge der Cultural Studies und die Arbeit innerhalb von Institutionen.

Wie kamen Sie dazu, sich mit Jugendkulturen zu beschäftigen?

Ich fing an über Subkulturen zu schreiben, als ich am Birmingham Center of Contemporary Cultural Studies studierte. Ursprünglich studierte ich englische Literatur. In meinem letzten Studienjahr belegte ich Cultural Studies als Wahlfach. In meiner Dissertation schrieb ich darüber, wie ich in London in den späten 60er Jahren aufgewachsen bin. Als Teenager hing ich mit einer Gruppe von Kriminellen in Pubs in Südlondon ab, darüber schrieb ich dann – und über die Art und Weise, wie sie auf spielerische Weise mit Sprache umgingen. Stuart Hall mochte meinen Zugang zu Cultural Studies. So hatte ich das Glück, einer der ersten Studierenden zu sein, die einen Einfluss darauf hatten und definierten, was man unter Cultural Studies verstehen kann. Hall hatte eine Vorstellung davon, was er tun wollte: anglo-amerikanisch-europäischempirische Zugänge zu Kultur mit theoretisch fundierten Anschauungsweisen zu verbinden. Daraus entstand ein Intensivkurs, der vom französischen Strukturalismus über die Frankfurter Schule bis zur strukturellen, funktionalen Soziologie reichte, aber es ging auch um Ethnografie, wie sie in den 20er Jahren in der Chicago School entwickelt wurde – dort wurde zu Jugendkriminalität geforscht. Das wurde dann auch einer der Schwerpunkte, genauso wie Jugendkulturen.

Über “Subculture: The Meaning of Style”:

Wie erklären Sie sich die anhaltende Wirkung von „Subculture“?

Ich glaube, das hat viel mit der Art und Weise, wie „Subculture“ geschrieben ist, zu tun. Ich glaube nicht, dass es großartige Literatur ist, aber es ist auch keine Soziologie oder nur Journalismus. Ich begreife mich als Autor und nicht als Akademiker. Vielleicht als Intellektueller, aber vor allem als Autor. Ich habe eine Kunstform: das Schreiben. Darin bin ich gut, und darin habe ich investiert. Ich spiele mit Sprache, und die Sprache spielt mit mir. Deshalb interessieren mich Genet und Barthes, und nicht nur die Soziologen. Das ist meiner Meinung nach auch der Grund, warum viele Leute, die mein Buch gelesen haben, auch dessen Leidenschaft mögen, deshalb wollen sie ein wenig vom David Bowie-Ding. Es ist nicht bloß die Wahrheit, sie wollen etwas Kunst und etwas Künstlichkeit. Ich glaube, das habe ich immer zu erreichen versucht.

Roland Barthes ist eine sehr wichtige Figur für mich. Er schaffte es, sich in jedem seiner Sätze als Person einzubringen. Seine Art zu schreiben hat Eleganz und Anmut. Ich mochte das und auch wie er sagte, er sehe die Notwendigkeit, Dinge wieder zu verwerfen. Das bedeutet nicht, die Dinge, die man sagt, gleich wieder wegzuwerfen. Aber wenn man bemerkt, dass das, was man gesagt hat, gebraucht und missbraucht wird und sich in eine Form von toter Macht verwandelt, dann muss man sich davon distanzieren. Barthes hat das die ganze Zeit getan. Er versuchte kontinuierlich, neue Wege für möglicherweise dieselben Dinge zu finden. Das ist es, was wichtig ist beim Schreiben. Es bedeutet den Geist lebendig zu halten.

Das ganze Inverview

7.10. 09: ästhetik@subversion: DADaVersionen – Ästhetischer Aktivismus und die Formen der Demokratie

Oktober 6th, 2009 Oktober 6th, 2009
Posted in Praxen der Kritik, Veranstaltungen / VTH, ästhetik@subversion
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Im Rahmen der Vorlesungsreihe “ästhetik@subversion” des Bachelors “Medien & Kunst” im Department Kunst und Medien der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) wird Anna Schober (“Marie Curie Fellow at Verona University”), ausgehend von Ihrem neuesten Buch “Ironie, Montage, Verfremdung. Aesthetische Taktiken und die politische Gestalt der Demokratie, München 2009 (Wilhelm Fink Verlag), zum Thema Dada und ästhetischem Aktivismus sprechen

Cabaret Voltaire, Mittwoch, 7. Oktober 2009, 18:00 Uhr
Anna Schober (Wien/Verona)
DADaVersionen – Ästhetischer Aktivismus und die Formen der Demokratie

Dada wird oft mit Revolution, Aufbruch und Politisierung der Kunst verbunden. Wie jedoch war das Verhältnis Dadas zum sich gleichzeitig herausbildenden demokratischen politischen Erscheinungsraum? Welche Rolle spielte neodadaistischer Aktivismus in historischen Umbruchsituationen seit dem zweiten Weltkrieg? Und wie kann ästhetische politische Praxis jenseits der Dichotomie „Subversion versus Affirmation“ konzipiert werden?

Cabaret Voltaire
Spiegelgasse 1, 8001 Zürich
www.cabaretvoltaire.ch