jungle world-rezension von “Komm herunter, reih Dich ein”

In der Jungle World Nr. 43, 22. Oktober 2009 ist die erste Rezension von “Komm herunter, reih Dich ein” von Jessica Zeller erschienen:

Wie aus der Latschdemo der Flashmob wurde

Fahnen, Spuckis und Katzenmusik: Das Buch »Kommt herunter, reiht euch ein …« beschreibt eine kleine Geschichte der Protestformen sozialer Bewegungen.

(…)

Werden sie also bald das Flugblatt, den Infostand und die Solidaritätskundgebung ersetzen? Möglich wäre es, und Klaus Schönberger und Ove Sutter, die Herausgeber des Buchs »Kommt herunter, reiht euch ein … : Eine kleine Geschichte der Protestformen sozialer Bewegungen«, stehen dieser Entwicklung recht wohlwollend gegenüber. Die aufwändig gestaltete Aufsatzsammlung, die die Ergebnisse eines studentischen Projekts am Hamburger Institut für Volkskunde/Kulturanthropologie zusammenfasst, beschreibt nicht nur die Geschichte von etablierten und institutionalisierten Protestformen – also Streik, Demonstration und Bürgerbewegung –, sondern kümmert sich besonders um die – Stichwort: Flashmob – unkontrollierten und humorvollen Formen des kollektiven Verhinderns und Dagegenseins, in der Vergangenheit und in der Gegenwart.

Für Schönberger, Sutter und die zahlreichen studentischen Autorinnen und Autoren zählen dazu Charivaris, also Katzenmusik, mit der man in vormodernen Zeiten seinem Protest vor dem Haus des Gutsherrn oder Fürsten Luft machte, Straßentheater, Happenings, Graffiti, Tortenschlachten, Reclaim-the-Streets-Partys und vieles mehr. Also sorgsam inszenierte Proteste, die das Spiel mit den Medien verstehen und dabei noch gut aussehen. Diese haben heute einfach eine größere Chance, dass ihre Botschaften von der Umgebung auch registriert werden. »In aktuellen Protesten versuchen soziale Bewegungen zwar immer noch, ihren Wert, ihre Einheit, ihre große Zahl und ihr Engagement unter Beweis zu stellen. In einer medialisierten Welt müssen sie dafür allerdings in verschärftem Maße versuchen, Formen zu finden, die genügend Aufmerksamkeit erregen, um wahrgenommen zu werden.«

Der Trend geht also zum von den Medien vermittelten Protest. Doch wäre es vermessen, so zu tun, als würde sich Protest im 21. Jahrhundert völlig anders darstellen als in den sechziger Jahren oder sogar noch früher. Im Gegenteil: Die Formen, die soziale Bewegungen heute wählen, haben oft eine lange Geschichte, auch wenn diese den Aktivisten häufig nicht bewusst ist. Strategien erfahren zwar eine Angleichung, werden aber nicht grundlegend neu erfunden. Besonders überzeugend ist »Kommt herunter, reiht euch ein … « deshalb an den Stellen, wo aktu­elle Protestformen in einen historischen Kontext eingebettet werden und Kontinuitäten und Wandel so gleichermaßen in den Blick geraten.

(…)

Kritisch anzumerken bleibt, dass auch dieses Buch, das sich ebenso gut liest wie es aussieht, in erster Linie eine Lektüre aus der Bewegung für die Bewegung ist. Doch auch das war früher nicht anders, denn seit ihrem Entstehen ist die Bewegungsforschung zugleich ein Forschen mit der Bewegung. Die entsprechenden Wissenschaftler der sechziger bis achtziger Jahre sympathisierten mit der Friedens-, Ökologie- und Frauenbewegung und verstanden sich als Sprachrohre ihrer Interessen. Heute sind es vor allem Globalisierungskritiker, Kommunikationsguerilleros und gendergetroublete Bewegte, denen das Wohlwollen der Autoren gilt. Dabei weichen Schönberger, Sutter und ihre Studenten jedoch der Frage nicht aus, ob soziale Bewegungen wirklich per se fortschrittlich und links sein müssen. Spätestens mit der Herausbildung einer aktivistischen rechtsextremistischen Szene, die oft die Aktionsformen und selbst die Symbole etwa der Arbeiterbewegung, der Außerparlamentarischen Opposition oder der Neuen Sozialen Bewegungen übernommen hat, ist ihnen zumindest eins deutlich klar: Protest allein muss erst mal nichts heißen. Mindestens genauso wichtig wie das Medium ist immer noch die Message.

Klaus Schönberger, Ove Sutter (Hg.): Kommt herunter, reiht euch ein …: Eine kleine Geschichte der Protestformen sozialer Bewegungen. Assoziation A, Berlin/Hamburg 2009. 265 Seiten, 18 Euro

Hier die ganze Rezension

Ein Interview mit Klaus Schönberger gibt es hier zum Nachhören.



2 Responses to “jungle world-rezension von “Komm herunter, reih Dich ein””

  1.   Theorie-und KonzeptLabor an der ZHdK » Blog Archive » Marc Amann im ak über “Komm herunter, reiht Euch ein” Says:

    [...] Jungle World [...]

  2.   Theorie-und KonzeptLabor an der ZHdK » Blog Archive » Queer Beisl Wien: Buchpräsentation zu “Komm herunter, reih Dich ein” Says:

    [...] Wien) um 20 Uhr eine weitere Buchpräsentation zu “Klaus Schönberger / Ove Sutter (Hg.): Kommt herunter, reiht euch ein … Eine kleine Geschichte der Protestformen” [...]

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