Dezember, 2009

Marc Amann im ak über “Komm herunter, reiht Euch ein”

Dezember 22nd, 2009 Dezember 22nd, 2009
Posted in Publikationen von VTH-MitarbeiterInnen
1 Kommentar

Im ak – zeitung für linke debatte und praxis / Nr. 545 / 18.12.2009 bespricht Marc Amann, Herausgeber von go.stop.act! das von Klaus Schönberger und Ove Sutter herausgegebene Buch “Kommt herunter, reiht Euch ein … Eine kleine Geschichte der Protestformen sozialer Bewegungen.”:

Streik? Tortenwerfen? Direkte Aktion?
Ein neues Buch analysiert Protestformen sozialer Bewegungen

Konkrete politische Aktionsformen waren für die sozialwissenschaftliche Forschung über soziale Bewegungen bisher eher ein Randthema, interessierten doch vielmehr Fragen nach den Entstehungsbedingungen von Bewegungen oder den Variablen für ihren Erfolg. Innerhalb sozialer Bewegungen hingegen wird sich laufend mit der Frage nach Aktionsformen beschäftigt. Alte Formen werden verworfen oder wiederentdeckt und neue entwickelt. Dies kann gezielt geschehen, inhaltlich gemessen am jeweiligen Thema, Anlass, Kontext und Ziel. Häufig wird jedoch eher aus Gewohnheit und kulturellen Vorlieben entschieden, in welcher Form Protest ausgedrückt oder Widerstand geleistet wird.

Ausgehend von der Geschichtsvergessenheit sozialer Bewegungen und dem damit einhergehenden Erfahrungsverlust beginnt das von Klaus Schönberger und Ove Sutter herausgegebene Buch “Kommt herunter, reiht Euch ein …” Lücken zwischen und in Bewegungsforschung und Aktivismus zu füllen. Es versucht, in beide Bereiche hinein zu reflektieren und beide zu vermitteln. Zugleich beziehen die AutorInnen angesichts von Repression gegen WissenschaftlerInnen (vgl. mg-Ermittlungen) mit ihrem Buch auch für eine “eingreifende Wissenschaft” Position und zeigen zudem, wie an Universitäten trotz Umstrukturierungen noch kritische Überlegungen Raum finden können: Denn das Buch ist Ergebnis eines Seminars an der Hamburger Universität.

Die Aktionsformen, Werkzeuge und Medien, die in ihrer historisch-kulturellen Entstehung und Veränderung betrachtet und analysiert werden, sind: Straßendemonstration (“Vom Krawall zum Karneval”), Streik (“Zwischen gesellschaftlicher Einhegung und unkontrollierter sozialer Bewegung”), Graffiti, Tortenwerfen, Warenboykott (“Vom Arbeitskampf zum Angriff auf das Image”), Fahnen, Transparente, Plakate, Musik und Kleidung. Zudem wird die Aneignung und Umnutzung von Medientechniken (Druck, Funk, Video, Internet) beschrieben, die Frage nach “Protest von rechts – Protestformen von links” gestellt sowie der Praxis der gewaltfreien direkten Aktion der 1960er Jahre in den USA und davon inspiriert der BRD nachgegangen.

Der Zeitraum der Darstellungen umfasst die letzten 200 Jahre, da sich in dieser Zeit die meisten heute geläufigen Protestformen herausgebildet haben. Deutlich wird die zentrale Verschiebung von Formen und AdressatInnen: Bis ins 18. Jahrhundert richtete sich Protest oft gegen Landeigentümer, lokale Händler und andere lokale Autoritäten. Durch Parlamentarisierung, Proletarisierung und Kapitalisierung verschob sich die Konfliktlinie von der konkreten, persönlichen Konfrontation auf eine allgemeinere Ebene – weg von unmittelbaren Aneignungen, physischen Attacken und direkten Konfrontationen hin zu Aktionsformen, die den heutigen ähneln. Die Massendemonstration etablierte sich und zunehmend wurde nicht mehr direkt, sondern über den indirekten Weg der Repräsentation versucht, politische Entscheidungen zu beeinflussen. Darin liegt auch die im Buch vorgenommene Fokussierung auf den Ausdruck und die Kommunikativität, mit der die Protestformen analysiert werden – und die sie ja maßgeblich erst zu “Protest”-Formen machen – begründet.

Die wiederkehrende Frage nach der Form des Protests

In Ergänzung bisheriger wissenschaftlicher Kategorisierung von Protestformen, die oftmals stark zeit- und ortsabhängig sind und deren analytischer Gewinn recht begrenzt ist, schlagen Klaus Schönberger und Ove Sutter eine Unterscheidung auf drei Ebenen vor: Auf der ersten Ebene fragen sie danach, woran sich Protestformen kommunikativ ausrichten, d.h. ob es eher um die Kommunikation in die eigene Bewegung oder nach Außen geht. Auf der zweiten Ebene steht die Absicht des Protesthandelns im Zentrum (z.B. “Kooperation vs. Konfrontation”). Schließlich fragen sie als Drittes danach, welche Mittel in Protesten verwendet werden und unterscheidet diese in “performativ” oder “medial”.

Die Übergänge sind in der konkreten Praxis oft fließend. Meist wird sowohl nach Innen in die eigene Bewegung als auch nach Außen kommuniziert und gerade performative Formen setzen auch auf mediale Vermittlung. Des Weiteren ist davon auszugehen, dass heute auch sogenannte direkte Aktionen kommunikative Ziele haben, außer es handelt sich um nicht-öffentliche Handlungen, wie beispielsweise “stille Hausbesetzungen”. Schönbergers und Sutters Modell ist durchaus auch für den Aktivismus brauchbar, indem es systematisiert, was zentrale Fragen sind (oder sein sollten): Was soll eine konkrete Aktion erreichen, an wen richtet sie sich und mit welchen Mitteln wird das Ziel kommuniziert?

Einen allgemeingültigen Zusammenhang zwischen emanzipatorischen Inhalten und Aktionsformen lässt sich laut der AutorInnen nicht formulieren. Nicht zuletzt das Auftreten von Neonazis in ehemals linken Dress-Codes, als Schwarzer Block oder mittels Straßentheater macht erneut deutlich, dass es eine diesbezügliche Sicherheit nicht geben kann.

Die alte Frage nach der Form des Protests kommt also nicht ohne die Frage nach dem Kontext und seinen Inhalten aus. “Wenn nach der Lektüre die Einsicht steht, dass dieser Zusammenhang bei jeder Aktion (…) jeweils neu thematisiert werden muss, dann hat dieses Buch sein Ziel erreicht”, schreiben Schönberger und Sutter in ihrer Einleitung. Konsequenterweise fordert dies auch dazu auf, die eigenen linken, subkulturellen Identitäten und Ideologien und ein linkes, autonomes Festhalten an “Militanz als Inhalt” in Frage zu stellen.

“Kommt herunter, reiht Euch ein” stellt interessante, oftmals vergessene Aktionen dar, beschreibt internationale und interkulturelle Transfers und macht Zusammenhänge deutlich – wozu auch die zahlreichen Fotos von Protestereignissen beitragen. Da politische AktivistInnen meist nur einen kleinen Teil dessen nutzen, was sozialen Bewegungen an “widerständigen Repertoires” zur Verfügung steht, und dabei meist auf bewährte Formen zurückgreifen, kann dieses Buch Anregungen geben, die eigene Praxis historisch zu verorten und zu reflektieren – und im besten Falle kreativ zu erweitern.

Marc Amann

Klaus Schönberger, Ove Sutter (Hrsg.): Kommt herunter, reiht Euch ein … Eine kleine Geschichte der Protestformen sozialer Bewegungen. Assoziation A, Hamburg 2009. 272 Seiten, 18 EUR

Weitere Besprechungen, Interviews etc.:

Jungle World

DRS2

Unruhe in der edu-factory. Translokale Proteste, Besetzungen und Streiks an den Universitäten und Kunsthochschulen

Dezember 11th, 2009 Dezember 11th, 2009
Posted in Allgemein
Keine Kommentare

Eine Veranstaltung der Vertiefungen Mediale Künste und Theorie der ZHdK (Department Kunst und Medien).

Mittwoch, 16. Dezember 2009, 18:00 – 21:00 Uhr
Ort: Zürcher Hochschule der Künste, Sihlquai 125, 2. Stock

„Was einst die Fabrik war, ist nun die Universität“. Der höchst facettenreiche Slogan des transnationalen Netzwerks edu-factory lässt einige Aspekte der Transformationen heutiger Wissensproduktion anklingen: Aspekte, die das Fabrik-Werden der Bildungseinrichtungen ebenso betreffen wie die Möglichkeiten des Widerstands.
„Unruhe in der edu-factory“ soll vor allem eine transnationale und translokale Perspektive auf die aktuellen Proteste in den Hochschulen werfen, von der onda anomala in Italien über die Streiks in Frankreich und den deutschen Bildungsstreik bis zu den andauernden Protesten in Kalifornien, unter besonderer Berücksichtigung der aktuellen Besetzungen der Akademie der bildenden Künste in Wien und dem spezifischen Potential der Kunsthochschulen.

Mit:
Anna Curcio, Roma, edu-factory
Petja Dimitrova, Wien, Akademie der Bildenden Künste
Liz Mason-Deese, Chapel Hill NC, edu-factory
Gigi Roggero, Bologna, edu-factory
Kim Schlosser in Vertretung von Rosa Kerosene (Beteiligte an den Protesten in Wien)
Moderation: Gerald Raunig, Klaus Schönberger, Felix Stalder
 http://www.edu-factory.org

 http://www.malen-nach-zahlen.at

 http://eipcp.net/transversal/0809

ästhetik@subversion: Klaus Theweleit am Mi. 9.12. 2009, 18 Uhr

Dezember 8th, 2009 Dezember 8th, 2009
Posted in Kunst & Politik, Veranstaltungen / VTH, ästhetik@subversion
Keine Kommentare

Im Rahmen der Vortragsreihe ästhetik@subversion, sprich am kommenden Mittwoch, Klaus Theweleit über die Underground-Comic-Szene in San Francisco:
“Open up your mind”:
San Francisco Comix Underground