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Unruhe in der edu-factory. Translokale Proteste, Besetzungen und Streiks an den Universitäten und Kunsthochschulen

Dezember 11th, 2009 Dezember 11th, 2009
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Eine Veranstaltung der Vertiefungen Mediale Künste und Theorie der ZHdK (Department Kunst und Medien).

Mittwoch, 16. Dezember 2009, 18:00 – 21:00 Uhr
Ort: Zürcher Hochschule der Künste, Sihlquai 125, 2. Stock

„Was einst die Fabrik war, ist nun die Universität“. Der höchst facettenreiche Slogan des transnationalen Netzwerks edu-factory lässt einige Aspekte der Transformationen heutiger Wissensproduktion anklingen: Aspekte, die das Fabrik-Werden der Bildungseinrichtungen ebenso betreffen wie die Möglichkeiten des Widerstands.
„Unruhe in der edu-factory“ soll vor allem eine transnationale und translokale Perspektive auf die aktuellen Proteste in den Hochschulen werfen, von der onda anomala in Italien über die Streiks in Frankreich und den deutschen Bildungsstreik bis zu den andauernden Protesten in Kalifornien, unter besonderer Berücksichtigung der aktuellen Besetzungen der Akademie der bildenden Künste in Wien und dem spezifischen Potential der Kunsthochschulen.

Mit:
Anna Curcio, Roma, edu-factory
Petja Dimitrova, Wien, Akademie der Bildenden Künste
Liz Mason-Deese, Chapel Hill NC, edu-factory
Gigi Roggero, Bologna, edu-factory
Kim Schlosser in Vertretung von Rosa Kerosene (Beteiligte an den Protesten in Wien)
Moderation: Gerald Raunig, Klaus Schönberger, Felix Stalder
 http://www.edu-factory.org

 http://www.malen-nach-zahlen.at

 http://eipcp.net/transversal/0809

jungle world-rezension von “Komm herunter, reih Dich ein”

Oktober 25th, 2009 Oktober 25th, 2009
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In der Jungle World Nr. 43, 22. Oktober 2009 ist die erste Rezension von “Komm herunter, reih Dich ein” von Jessica Zeller erschienen:

Wie aus der Latschdemo der Flashmob wurde

Fahnen, Spuckis und Katzenmusik: Das Buch »Kommt herunter, reiht euch ein …« beschreibt eine kleine Geschichte der Protestformen sozialer Bewegungen.

(…)

Werden sie also bald das Flugblatt, den Infostand und die Solidaritätskundgebung ersetzen? Möglich wäre es, und Klaus Schönberger und Ove Sutter, die Herausgeber des Buchs »Kommt herunter, reiht euch ein … : Eine kleine Geschichte der Protestformen sozialer Bewegungen«, stehen dieser Entwicklung recht wohlwollend gegenüber. Die aufwändig gestaltete Aufsatzsammlung, die die Ergebnisse eines studentischen Projekts am Hamburger Institut für Volkskunde/Kulturanthropologie zusammenfasst, beschreibt nicht nur die Geschichte von etablierten und institutionalisierten Protestformen – also Streik, Demonstration und Bürgerbewegung –, sondern kümmert sich besonders um die – Stichwort: Flashmob – unkontrollierten und humorvollen Formen des kollektiven Verhinderns und Dagegenseins, in der Vergangenheit und in der Gegenwart.

Für Schönberger, Sutter und die zahlreichen studentischen Autorinnen und Autoren zählen dazu Charivaris, also Katzenmusik, mit der man in vormodernen Zeiten seinem Protest vor dem Haus des Gutsherrn oder Fürsten Luft machte, Straßentheater, Happenings, Graffiti, Tortenschlachten, Reclaim-the-Streets-Partys und vieles mehr. Also sorgsam inszenierte Proteste, die das Spiel mit den Medien verstehen und dabei noch gut aussehen. Diese haben heute einfach eine größere Chance, dass ihre Botschaften von der Umgebung auch registriert werden. »In aktuellen Protesten versuchen soziale Bewegungen zwar immer noch, ihren Wert, ihre Einheit, ihre große Zahl und ihr Engagement unter Beweis zu stellen. In einer medialisierten Welt müssen sie dafür allerdings in verschärftem Maße versuchen, Formen zu finden, die genügend Aufmerksamkeit erregen, um wahrgenommen zu werden.«

Der Trend geht also zum von den Medien vermittelten Protest. Doch wäre es vermessen, so zu tun, als würde sich Protest im 21. Jahrhundert völlig anders darstellen als in den sechziger Jahren oder sogar noch früher. Im Gegenteil: Die Formen, die soziale Bewegungen heute wählen, haben oft eine lange Geschichte, auch wenn diese den Aktivisten häufig nicht bewusst ist. Strategien erfahren zwar eine Angleichung, werden aber nicht grundlegend neu erfunden. Besonders überzeugend ist »Kommt herunter, reiht euch ein … « deshalb an den Stellen, wo aktu­elle Protestformen in einen historischen Kontext eingebettet werden und Kontinuitäten und Wandel so gleichermaßen in den Blick geraten.

(…)

Kritisch anzumerken bleibt, dass auch dieses Buch, das sich ebenso gut liest wie es aussieht, in erster Linie eine Lektüre aus der Bewegung für die Bewegung ist. Doch auch das war früher nicht anders, denn seit ihrem Entstehen ist die Bewegungsforschung zugleich ein Forschen mit der Bewegung. Die entsprechenden Wissenschaftler der sechziger bis achtziger Jahre sympathisierten mit der Friedens-, Ökologie- und Frauenbewegung und verstanden sich als Sprachrohre ihrer Interessen. Heute sind es vor allem Globalisierungskritiker, Kommunikationsguerilleros und gendergetroublete Bewegte, denen das Wohlwollen der Autoren gilt. Dabei weichen Schönberger, Sutter und ihre Studenten jedoch der Frage nicht aus, ob soziale Bewegungen wirklich per se fortschrittlich und links sein müssen. Spätestens mit der Herausbildung einer aktivistischen rechtsextremistischen Szene, die oft die Aktionsformen und selbst die Symbole etwa der Arbeiterbewegung, der Außerparlamentarischen Opposition oder der Neuen Sozialen Bewegungen übernommen hat, ist ihnen zumindest eins deutlich klar: Protest allein muss erst mal nichts heißen. Mindestens genauso wichtig wie das Medium ist immer noch die Message.

Klaus Schönberger, Ove Sutter (Hg.): Kommt herunter, reiht euch ein …: Eine kleine Geschichte der Protestformen sozialer Bewegungen. Assoziation A, Berlin/Hamburg 2009. 265 Seiten, 18 Euro

Hier die ganze Rezension

Ein Interview mit Klaus Schönberger gibt es hier zum Nachhören.

Gerald Raunig / Annegang: … die Dichotomie von Praxis und Theorie zu durchkreuzen

Oktober 13th, 2009 Oktober 13th, 2009
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Auf der Webseite der Wiener Tageszeit “Der Standard” (11.09.2009) findet sich ein Interview aus der Zeitschrift “Bildpunkt” (die wiederum von der IG Bildende Kunst herausgegeben wird), in dem Gerald Raunig und das Künstlerkollektiv “Annegang” den Zusammenhang von Theorie und Praxis diskutieren. Das Interview entstammt der Herbstausgabe, die dem Schwerpunkt “Praxistheorie” gewidmet ist:

Jede Theorie ist selbst eine – häufig als abgehoben gebrandmarkte – Praxis. Und jede Praxis enthält theoretische Aspekte: Bildreflexive Praktiken führen beispielsweise zu einem Verständnis von „Film als Theorie“ (Volker Pantenburg), auch in der aktuellen Diskussion um die „künstlerische Forschung“ werden die spezifischen epistemologischen Errungenschaften der Kunstpraktiken betont. Theorie hat ja nach wie vor im künstlerischen Feld einen sehr ambivalenten Status: Man kann nicht ohne sie, im Zweifel aber gilt sie dennoch als unsinnlich, verkopft, unschöpferisch, kurz: als das, was dem romantizistischen KünstlerInnenverständnis gerade nicht entspricht.

Bildpunkt: Gerald, du bist u.a. anderem Mit-Herausgeber der Buchreihe es kommt darauf an (im Verlag Turia + Kant), die im Untertitel Texte zur Theorie der politischen Praxis heißt. Das klingt zugleich offensiv aber auch nach einem Vermittlungsversuch. Um welche Praxis geht es da?

G.R.: Der Haupttitel der Reihe spielt auf die 11. Feuerbachthese von Karl Marx an: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kömmt drauf an, sie zu verändern.“ Dieses „es kömmt drauf an“ schien uns genau das Moment der Verkettung, das „Und“ zwischen Interpretieren und Verändern zu sein, d.h. auch ein Schritt in Richtung der Auflösung der Dichotomie von Theorie und Praxis. Generell gilt es, neben einfachen Dichotomien und Hierarchisierungen auch jene Plattitüden, dass jede Theorie auch eine Praxis und jede Praxis auch theoretisch ist, genauer zu befragen. Dieses genauere Betrachten sollte zu aller erst darin bestehen, zu historisieren. So sind zum Beispiel auch die Feuerbachthesen, geschrieben 1845, nicht ohne den vorrevolutionären Kontext, also nicht ohne ihr Verhältnis zu konkreten sozialen Maschinen zu lesen. Wird diese Art der Historisierung vorgenommen, kommen etwa auch hinsichtlich der Ausführungen zur Pariser Commune 1871 wesentlich größere Überlappungen zwischen Marx und Michail Bakunin zum Vorschein, dessen anarchistischer Ansatz immer als Gegenpol zur Marx’schen (Praxis-)Theorie dargestellt wurde.

Bildpunkt: In welchem Verhältnis stehen in der genannten Buch-Reihe denn Theorieproduktion und soziale Bewegungen?

G.R.: Es geht vor allem darum, aktuelle Überlappungen zwischen Aktivismus und Theorieproduktion, sozialen Maschinen und Textmaschinen zu forcieren.

Gerald Raunig begibt sich dabei auf die Suche nach einer kritischen Praxis, die die Dichotomie von Theorie und Praxis zu “durchkreuzen” versuchen:

Bildpunkt: Die zeitdiagnostischen Aspekte sind auch nicht zu gering zu schätzen, schließlich verdeutlichen sie auch, dass die kritische Praxis nicht anders als aus dem Mittendrin der Verhältnisse zu entwickeln ist – und nicht etwa von einem Außen her, das bestimmte intellektuelle Modelle für sich in Anspruch nahmen.

Raunig: Es geht schließlich darum, die Dichotomie von Praxis und Theorie immer wieder zu durchkreuzen. Dies ist übrigens keine Idee des 21. Jahrhunderts, sondern sie findet sich bereits ebenfalls bei Marx. In der ersten Feuerbachthese spricht er in dieser Hinsicht von der “‘praktisch-kritischen’ Tätigkeit”. Bei solchen Durchkreuzungen käme es auch darauf an, universitäre Moden, d.h. gewissermaßen “von oben” dekretierte Durchkreuzungen wie neuerdings die “künstlerische Forschung” von emanzipatorischen Verkettungen “von unten” zu unterscheiden…

Zum ganzen Interview

ästhetik@subversion: Klaus Schönberger über die Geschichte der Protestformen

September 17th, 2009 September 17th, 2009
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Im Herbstsemester 2009/10 setzt die Vertiefung Theorie VTH die Veranstaltungsreihe „Ästhetik@Subversion“ an der ZHdK fort. Die Reihe versucht auszuloten, in welchem Verhältnis die ästhetischen und die gesellschaftlichen Bedingungen emanzipatorischer Praxis im kognitiven Kapitalismus zueinander stehen.

Die Veranstaltungsreihe im Herbstsemester 09/10 wird von Klaus Schönberger in der Paranoia City Buchhandlung eröffnet. Er hat an der Vertiefung Theorie der ZHdK die Dozentur “Kultur- und Gesellschaftstheorie” inne. Klaus Schönberger stellt sein mit Ove Sutter (Wien) gemeinsam herausgegebenes neues Buch “Kommt herunter reiht Euch ein …” vor:

Mittwoch, 23. September 2009, 20:30 Uhr
Klaus Schönberger/Ove Sutter (Zürich/Wien)
„Kommt herunter, reiht euch ein…“ Eine kleine Geschichte der Protestformen sozialer Bewegungen

Im Laufe der wechselvollen Geschichte der sozialen Bewegungen hat sich ein vielfältiges Repertoire an Protestformen herausgebildet, mit denen versucht wird, einzugreifen, zu verhindern oder zu behindern sowie gesellschaftliche Veränderung denkbar und möglich zu machen. Dazu gehören Straßendemonstrationen, Kundgebungen, Infostände, Happenings, Reclaim-the-Street-Partys, Pink & Silver, Rebel Clown Army, Streiks oder direkte Aktionen sowie Aktionen des zivilen Ungehorsams wie beispielsweise Boykott-Aktionen, Sitzblockaden oder Tortenwerfen. Um Protest nach außen zu vermitteln, werden Unterschriften gesammelt, Petitionen verfasst, Fahnen geschwenkt, Transparente gemalt, Plakate gelayoutet, Graffitis gesprüht, Flugblätter verteilt, Musik gespielt und Lieder gesungen oder auch einfach nur bestimmte Kleidungsstücke getragen.

Das AutorInnenteam um Klaus Schönberger und Ove Sutter beschreibt die wechselvollen Geschichten des Protests sozialer Bewegungen anhand dieser und anderer Aktionsformen sowie die damit verbundenen Kommunikations- und Handlungsmuster von 1848/49 bis heute. Erkenntnisleitend ist dabei die Frage nach dem Möglichkeitshorizont aktueller Protestformen.

Paranoia City Buchhandlung
Bäckerstrasse 9, 8004 Zürich
 http://www.paranoiacity.ch

Nächste Gäste (Programmflyer mit den ersten drei Veranstaltungen):

7. Oktober 2009
Anna Schober (Wien/Verona)

14. Oktober 2009
Ursula Biemann (Zürich)

22. Oktober 2009
Permanent Breakfast (Wien)
mit Friedemann Derschmidt und Karin Schneider

9. Dezember 2009
Klaus Theweleit (Freiburg)

13. Januar 2010
Dmitry Vilensky (St. Petersburg/Moskau)

Gerald Raunig: “Nach der Gemeinschaft”

September 17th, 2009 September 17th, 2009
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“Nach der Gemeinschaft” lautet der Titel eines Vortrag am kommenden Freitag von Gerald Raunig, der seit Anfang September gemeinsam mit Klaus Schönberger die Vertiefung Theorie der ZHdK leitet.
Im Rahmen der vom ITH der ZHdk durchgeführten Veranstaltungsreihe “Transferzone – vorläufiges Leben – vorläufige Gemeinschaften” setzt er sich kritisch mit der Konjunktur des Gemeinschaftsbegriffs in den Künsten auseinander:

Freitag, 25. September, 19 Uhr
White Space
Militärstasse 76
CH-8004 Zürich

In regelmäßigen Abständen verschaffen sich kritische Kunstdiskurse, und gerade die scheinbar avanciertesten, etwas Erholung von der mühsamen Arbeit der Kritik. Eines der verlässlichsten Symptome dieses Urlaubs von der Kritik ist das Auftauchen von Gemeinschaftsbegriffen, immer neu ausgeliehen aus den weiten Gefilden unterschiedlichster politischer Theorien. Doch was da, mit diversen Adjektiven behübscht, als begriffliche Lösung verkauft wird, ist in der Tat nichts als der unmögliche Versuch der Lösung eines Problems, dessen Besonderheit und auch Vorzug in seiner Unlösbarkeit besteht.
Der Vortrag versteht sich als Kritik der oben erwähnten Tendenz im Kunstfeld wie auch an den geläufigen Gemeinschaftsfiguren der zeitgenössischen politischen Philosophie, in diesem Sinne als notwendigerweise noch des öfteren zu wiederholendes Postskriptum ohne Copyright. Aber es soll nicht nur den Begriffen und Diskursen der Gemeinschaft ein Postskriptum nach-geworfen werden, sondern auch ein Vor-lauf dessen vorgeschlagen werden, was als politische wie begriffliche Alternative ansteht.

Klaus Schönberger im ak über Internet, soziale Netzwerk und Realität des Web 2.0

August 31st, 2009 August 31st, 2009
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Im ak 54 findet sich ein Schwerpunkt zum Thema Politik und Web 2.0. Meine Wenigkeit hat dazu auch einen Beitrag geleistet:

Klaus Schönberger: Die Debatte erden
Das Internet, soziale Netzwerke und Realität des Web 2.0

(aus: ak – analyse & kritik – zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 541 / 21.8.2009)

Der Hype hinsichtlich sozialer Netzwerke (“Web 2.0″) ist vergleichsweise nachhaltig, wenn man ihn mit dem Rummel um frühere Medienformate des Internet seit 1990 vergleicht. Dabei gibt es auch in diesem Fall gute (empirische) Gründe, misstrauisch und zurückhaltend zu sein, wenn ständig eine neue Sau durchs Dorf getrieben wird: MySpace, Second Life, Facebook und nun Twitter. Im Folgenden soll sich der Bedeutung des Internet und dem Web 2.0 mittels der Empirie, also den Fakten und Zahlen genähert werden.

Allen diesen “Erscheinungen” soll gemein sein, dass sie unser Leben revolutionieren, sprich unseren Alltag umkrempeln, bestehende Machtverhältnisse aufbrechen und neue (politische wie “identitäre”) Repräsentationen sichtbar machen. Angefeuert durch die verschiedensten Spielarten der Medienwissenschaften, die sich kurzzeitig als akademische Leitdisziplin wähnten und dabei sogar behaupteten, dass Kulturtheorie nur noch als Medientheorie denkbar sei, wurde ein Diskurs hegemonial, der den NutzerInnen bzw. NichtnutzerInnen das Mithalten als oberste Bürgerpflicht verordnete.

Einerseits basiert diese große Erzählung über das Internet auf der Grundlage einer falschen oder verkürzten Gesellschafts- und Kulturanalyse. Andererseits hat sich der Gebrauch der Informations- und Kommunikationstechniken veralltäglicht (“habitualisiert”). Sie sind ein kaum mehr wegzudenkendes Werkzeug in fast allen Lebensbereichen wie Arbeit, Freizeit und eben auch Politik geworden. Insofern lassen sich nicht nur technikeuphorische, sondern auch jene kulturkritischen Erzählungen finden, die in bewährt kulturpessimistischer Manier die Folgen des vorgeblich exzessiven Mediengebrauchs anprangern.

Den ganzen Artikel auf den Seiten von analyse & Kritik online

Weitere Artikel von
Mercedes Bunz (Sozial 2.0: Herr, Knecht, Feind, Freund – Soziale Netzwerke und die Ökonomie der Freundschaft)

Bürogemeinschaft 9to5 (Alle Menschen werden Freunde – Das politische Potenzial von sozialen Netzwerken)

Interview mit
Jan Schallaböck (Meine Daten gehören mir – Interview zu sozialen Netzwerken, Suchmaschinen und Datenschutz)

Mario Erdheim über Paul Parin

Mai 25th, 2009 Mai 25th, 2009
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In der WOZ (21.5.2009) findet sich ein Nachruf auf den letzte Woche verstorbenen Paul Parin (20. September 1916 – 18. Mai 2009):

Unerschöpfliche Neugier auf Menschen
Von Mario Erdheim

Paul Parin ist tot. Was er lebendig verkörperte, wird nun zu unserer Erinnerung.

Als er 1916, mitten im Ersten Weltkrieg, geboren wurde, exis­tierte noch die Habsburgermonar­chie, und etwas von jener alten Welt lebte auch in ihm weiter. Plötzlich konnten, wie Bruchstücke eines gesunkenen Schiffs, Erzählungen auftauchen, und Parin sprach von Jagden, Gewehren, Hasen und Rebhühnern, als ob er ein Gutsherr und nicht der Psychoanalytiker wäre, als den ich ihn kannte. Ich verstand das lange nicht, bis mir schliesslich sein Buch «Die Leidenschaft des Jägers» die Augen öffnete und ich einen Blick auf die andere Seite seines Mondes werfen konnte: auf seine Jagdlust, die eigentlich Mordlust ist, und die wir weder in uns selber noch bei denen, die wir gern haben, sehen wollen.

Zum ganzen Text

Weiter Nachrufe von Detlev Claussen im Zürcher Tagesanzeiger (19.5.2009)
Ludger Lütkehaus (NZZ, 20.5.2009)

Toni Negri über die Krise

Mai 25th, 2009 Mai 25th, 2009
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In der taz (9.5.2009) in deutscher Sprache und auf englisch als Video lesen bzw. sehen wir ein Interview mit Toni Negri über die Krise des Kapitalismus, Kommunismus, Migrations, Prekarität und Wiederaneignung.
Antonio Negri talks about the economic crisis, capitalism and communism, the issues of migration, precarity and reappropriation. He also speaks of Obama and the Commune. Conclusion: We Must Try.

Philosoph Negri über Krise und Rebellion
“We must try!”

Zerstört die Krise unsere Lebensgrundlagen? Der marxistische Philosoph Antonio Negri über verfehlte Kritik und neue Bedingungen der Ausbeutung.

“Was die revolutionären Bedingungen anbelangt, bin ich ja relativ optimistisch.” Foto: ap

taz: Herr Negri, zuletzt war häufig von Sozialismus die Rede: Vorschläge für die Verstaatlichung von Banken etc. Die Rezepte der parlamentarischen Linken scheinen mit den “postneoliberalen” Maßnahmen der konservativen Regierungen kompatibel. Sozialisten fällt bisweilen kaum Besseres ein als der Einwand, das alles ginge nicht weit genug. Blockiert der Sozialismus die Kritik der Politik?

Antonio Negri: Tatsächlich scheinen konservative und rechte Regierungen gerade wie Sozialisten zu agieren, das heißt auf den Staat zu setzen, um ökonomische Gleichgewichte durch staatliche Initiative wiederherzustellen. Allerdings ist das kein Keynesianismus und auch kein “Neo-Keynesianismus”, weil die betriebene Politik keine Mediation mit den gesellschaftlichen Kräften vorsieht. Im Hinblick auf staatliches Handeln in der Krise steht tatsächlich Barack Obama für eine linke Kraft. Er hat ein Programm auf den Weg gebracht, das sich neben den unmittelbaren Kapitalinteressen verschiedener wichtiger Belange des Proletariats annimmt.

Darüber hinaus findet eine Rückkehr zum Welfare statt. Die radikale Linke ist vollkommen aus dem Spiel, weil sie nicht versteht, wer der Gegner ist: Der Gegner heute ist das Kapital in Gestalt des Finanzkapitals; das sogenannte Realkapital, das Kapital, das “Profit hervorbringt”, ist darin ebenso vollständig absorbiert wie die verschiedenen anderen Gestalten des Kapitals, die Grundrente, das zinstragende Kapital etc. Das Finanzkapital selbst ist produktives Kapital.

Von daher ist es idiotisch, das Finanzkapital als eine “ungesunde” Form des Kapitalismus anzugreifen. Das Finanzkapital heute repräsentiert den wahren Ausbeuter, es steht im Zentrum des sozialen Verhältnisses, in dem sich alle Formen der Ausbeutung, der Verwertung des Lebens verdichten.

Zum ganzen Interview

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ANTONIO NEGRI

geb. 1933, ist seit den 70er-Jahren einer der führenden Theoretiker der außerinstitutionellen Linken. 1979 wurde er zu 13 Jahren Haft verurteilt, die Anklage warf ihm vor, Kopf der Roten Brigaden zu sein. 1983 flüchtete er nach Paris, nach seiner Rückkehr nach Italien 1997 wurde er erneut inhaftiert. Seit 2003 wieder frei, lebt er heute in Venedig und Paris. Sein Buch “Empire” aus dem Jahr 2000 (gemeinsam mit Michael Hardt) wurde zum Weltbestseller.

Dieses Gespräch ist ein gekürzter Vorabdruck aus dem Band Antonio Negri/Raf Valvola Scelsi: “Goodbye Mr. Socialism. Das Ungeheuer und die globale Linke”, Edition Tiamat, Berlin 2009, 239 Seiten, 16 Euro. Ab 18. 5. im Buchhandel erhältlich. Einen Film zum Interview gibt es von Alexandra Weltz (Parkafilm).

WE MUST TRY from PARKAFILM.CC on Vimeo.

Linzer Polizei verprügelt Vizerektor der Kunstuniversität

Mai 5th, 2009 Mai 5th, 2009
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Am 1. Mai 09 wurde in Linz, Rainer Zendron, Vizerektor der Kunstuniversität Linz von der lokalen Staatsgewalt willkürlich verprügelt und verhaftet.
Die österreichische Polizei, die sowieso keinen guten Ruf hat, bedient einmal mehr ihren Ruf, der in bestimmten Fällen mit Brutalität und Willkür und in anderen Fällen mit Desinteresse eng verbunden ist.

Via Subersivmesse übernehmen wir folgendes Schreiben:

liebe kollegInnen, liebe studierende, liebe freundInnen,
viele von euch werden im laufe des wochenendes über bekannte, die presse oder das fernsehen mitbekommen haben, dass ich im zuge der maidemonstrationen in linz von der polizei inhaftiert wurde und mich ein prozess wegen widerstand gegen die staatsgewalt erwartet.

Rainder Zendron
deshalb eine kurze darstellung aus meiner sicht:
ich beobachte jetzt seit etwa 45 jahren die maidemonstrationen in linz, weil ich den forderungen der arbeiterInnenbewegung um erweiterung demokratischer wie ökonomischer rechte und für internationale solidarität grosses interesse und sympathie entgegen bringe. persönlich habe ich nie an einem maiaufmarsch der SPÖ? oder KPÖ? teilgenommen, da ich mich – zu meinem bedauern – mit keinem deren programme vollinhaltlich identifizieren konnte.
ich beobachtete auch heuer mit einer gruppe von freundInnen die maidemonstrationen am hauptplatz. nachdem um 11:30 der KPÖ?-zug den hauptplatz noch immer nicht erreicht hatte und wir geplant hatten, den nachmittag in der solarcity beim 09 projekt zu verbringen ging ich die landstrasse entlang, um zu schauen, wo deren demonstrationszug geblieben sei.
als ich an der goethekreuzung angekommen war, fuhr mir ein schreck durch die glieder, da ich auf der blumau ein riesiges polizeiaufgebot sah; ich befürchtete, dass neofaschisten, die kleine gruppe der KPÖ? demonstratInnen überfallen hätten. (im internet wie ihr vielleicht wisst – hatten die rechtsradikale aufgerufen, anlässlich des kulturhauptstadtjahres einen gesamtdeutschen aufmarsch in linz durchzuführen). als ich jedoch bei der blumau eintraf, musste ich erkennen, dass die polizei den abmarsch der demonstration verhinderte. etwa 30 friedlich sitzende jugendliche wurden von etwa 50 stehenden polizisten umringt, die älteren demonstrations-teilnehmerInnen standen empört und aufgeregt herum. um mich über die lage zu informieren, fragte ich einen polizisten, warum die demonstration nicht stattfinden würde. er antwortete mir, weil die demonstrantInnen vermummt seien. da ich jedoch keineN einzigeN vermummteN demonstrantIn wahrnehmen konnte,
fragte ich nach. darauf bekam ich keine weiter antwort, da ja
tatsächlich keine zu sehen waren. daraufhin fragte ich eine, der nicht-eingekesselten demonstrantInnen. sie sagte mir, dass die polizei von allen jugendlicheren demonstratInnen verlangen würde, dass diese, um am maiumzug teilnehmen zu dürfen, sich zuerst fotografieren lassen und ihren personaldaten abgeben müssten.
dies widerspricht meiner auffassung nach gröblichst sowohl den menschenrechten als auch der österreichischen verfassung.
während ich noch versuchte mir einen überblick über die lage zu verschaffen, sah ich, dass die größere gruppe von polizistInnen mit massiver staatsgewalt begann ein mädchen aus der reihe der sitzenden, eingekesselten jugendlichen herauszuzerren. ich lief ein paar schritte hin, um zwischen demonstratInnen und polizei zu vermitteln und unnötige polizeigewalt zu verhindern. doch bevor ich dort angekommen war, wurde ich von polizistInnen zu boden gestossen und von weiteren, herbeistürmenden polizisten umringt. ich war geschockt und rollte mich am boden liegend zusammen, um kopf und körper möglichst vor schlägen mit den polizeiknüppeln zu schützen. die polizistInnen legten mir am rücken handschellen an und trugen mich zum arrestantInnenwagen. ich wurde ins polizeihauptquartier verbracht. bis zu meiner freilassung – um etwa 20:00 uhr – saß ich in einer einzelzelle. mir wurden fingerabdrücke, abdrücke der handballen und DNA-proben abgefordert, ausserdem wurden drogentests durchgeführt
und polizeifotos angefertigt.
ich kann keine gesamteinschätzung der vorgänge abgeben, da ich etwa 5 minuten, nachdem ich auf der blumau eingetroffen war, bereits verhaftet wurde. ausser mir wurden vermutlich 6 weiter personen festgenommen. ich hatte vor meiner verhaftung keinen polizisten beschimpft. kein polizist hatte mich vor meiner verhaftung zu irgend etwas aufgefordert oder an mich auch nur ein wort gerichtet. ich hatte keinen polizisten angegriffen. durch die grosse aufregung hatte ich auch keinerlei schläge seitens der polizei wahrgenommen. erst nachdem ich am nächsten tag auf videos meiner verhaftung gesehen hatte, dass ich offensichtlich mit gummiknüppeln geschlagen worden war, betrachtete ich meinen körper im spiegel und konnte einige blaue flecken sehen.
ich bin über den polizeieinsatz gegen den traditionellen, vorerst friedlichen maiaufmarsch sehr empört. zugleich bin ich – bei gegebener lage – jedoch froh, dass ich unter den verhafteten war, da so der polizeieinsatz eine große öffentlichkeit bekommen hat; hätte es nur ein paar arbeitslose jugendliche getroffen, gäbe es leider vermutlich keine öffentliche debatte darüber.
mein grossvater, ein arbeiter der ÖBB, wurde 1934 auch beim versuch verhaftet, eine maidemonstration in linz durchzuführen. die zeit bis 1945 bezeichnen wir heute als faschismus. nach 1945 wurde meines wissens kein maiaufmarsch der arbeiterInnenbewegung in linz von der polizei angegriffen oder verhindert. heute leben wir sicherlich in keinem faschistischen land; zum glück möge es so bleiben. doch offensichtlich müssen demonstrationsfreiheit und andere menschenrechte auch aktuell verteidigt werden.

zu meiner lage musste ich mir übers wochenende auch so einiges überlegen:
ich bin zufrieden, es geht mir sehr gut und ich fühle mich völlig unschuldig, denn zivilcourage wird allerorts und von allen parteien beständig gefordert.
trotzdem bin ich mir sicher, dass das große medienecho (über welches ich glücklich bin) bei stetiger nennung meiner funktion in der kunstuniversität linz in anbetracht der aktuell bedrohlichen finanziellen lage, für die kommenden finanzierungsverhandlungen unserer universität schädlich ist; nicht zuletzt deshalb, weil sich bereits heute führungspersönlichkeiten der ÖVP sehr deutlich hinter den polizeieinsatz gestellt haben. mein kommendes gerichtsverfahren, wird aller voraussicht nach, im herbst parallel zu den leistungsverhandlungen mit minister hahn laufen.
deshalb steht meine entscheidung, die ich allein und ohne absprache oder gar druck von irgend einer seite beschlossen habe, fest: ich werde mein amt als vizerektor mit beginn des WS zurücklegen und mich karrenzieren lassen.

es freut mich sehr, dass ich bereits im laufe des wochenendes von mehr als hundert kollegInnen solidaritätsanrufe, sms`s und mails bekommen habe, weil es persönlich einfach gut tut, zu wissen, dass sehr viele von euch hinter mir und meinen aktivitäten stehen.

liebe grüsse und vielen dank für eure hilfe ;-) ))

Das Argument wird 50 – Wir gratulieren …

April 30th, 2009 April 30th, 2009
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Dieser Tage feiert die Zeitschrift “Das Argument” seinen 50. Geburtstag. Für den Freitag (29.04.2009) gratuliert Michael Jäger. Und natürlich wird hierbei auch “Die Kritik der Warenästhetik” con Wolfgang F. Haug entsprechend Ihrer Bedeutung gewürdigt:

Mein Kopf gehört mir
Ein halbes Jahrhundert gegen den Strom geschwommen: Das “Argument” feiert Geburtstag. Und Wolfgang Fritz Haug hat seine “Kritik der Warenästhetik” überarbeitet

Bald nach dem Zusammenbruch des Ostblocks erklärte der Medientheoretiker Friedrich Kittler in einem Freitag-Gespräch, er habe „keinen ordentlichen Punkt“, von dem aus er die Maschinen oder auch die Götter „kritisieren könnte“. Vor dem Hintergrund der antikritischen Haltung, die in den beiden letzten Jahrzehnten für viele Intellektuelle charakteristisch war, wird das Besondere der Zeitschrift Das Argument und ihrer Herausgeber Frigga und Wolfgang Fritz Haug sehr deutlich. Noch in den düstersten Jahren der neoliberalen Hegemonie hielten sie die Erinnerung an 1968 wach, als fast eine ganze Jugendgeneration überzeugt war, jenen „ordentlichen Punkt“ zu kennen.

Es scheint leicht, die kritische Haltung als metaphysisch zu entlarven. Kritikern wird unterstellt, sie glaubten, über die Wahrheit als Maßstab zu verfügen, mit der sich alles abkanzeln lasse. Tatsächlich lege der Kritiker sich nur selbst als Maßstab an. In all seiner Zufälligkeit halte er sich für den Nabel der Welt. Das klingt antielitär, ja demokratisch! Aber die Rechnung ist ohne die Revolution gemacht. In der 68er-Bewegung hatte man Marx gelesen und bei ihm den Satz gefunden, eine revolutionäre Klasse finde „unmittelbar in ihrer eigenen Lage den Inhalt und das Material ihrer revolutionären Tätigkeit“; „die Konsequenzen ihrer eigenen Taten treiben sie weiter“. Es gab damals Menschen, und die Haugs gehörten zu ihnen, die sich nicht als Zufälligkeit abtun ließen. Mein Kopf gehört mir – das wurde 1968 wiederentdeckt.

Die Suche war echt

Das Argument hält seit einem halben Jahrhundert die Tradition der intellektuellen Kritik wach. Die Namen derer aufzuzählen, die hier veröffentlicht haben, wäre ein Stück Zeitgeschichte: Alexander Mitscherlich und Margerita von Brentano, Peter Weiss und Elfriede Jelinek, Günther Anders und Judith Butler. Die Breite der Beteiligung von Sozialwissenschaftlern anzudeuten, ist ganz unmöglich. Auch manche spätere Freitag-Autoren waren schon in den achtziger Jahren dabei: Bollenbeck, Krätke, Fülberth, Elfferding.

Die Zeitschrift für Philosophie und Sozialwissenschaften, wie sie sich seit 1969 nennt, entstand 1959 in der Bewegung gegen die atomare Bewaffnung der Bundeswehr. In den ersten Jahren war sie nicht mehr als eine anspruchsvolle studentische Flugblattsammlung. Seit 1961 erschien sie in gebundener Form unter dem Motto „Waffe und nicht Ware“. Konsumismuskritik war damals kein Thema speziell von Marxisten, sondern antwortete auf neue Verkaufsstrategien, die aus den USA herübergeschwappt waren. Haug, von Anfang an die treibende Kraft der Zeitschrift, litt zunächst eher existenzialistisch als marxistisch darunter. Bezeichnend seine Erinnerung, wie ihm im selben Jahr als Mitglied des Berliner SDS die Aufgabe zufiel, den Nouveau-Roman-Autor Alain Robbe-Grillet durchs Berliner Nachtleben zu führen. Die Atmosphäre sei „falsch“, hob er gleich beim ersten Lokal entschuldigend hervor, und die beiden hatten ihr Gesprächsthema gefunden: das „Unechte“.

Da war er, der „ordentliche Punkt“: Haug auf der Suche nach Echtheit, die Suche selber jedenfalls war echt. In diesen Jahren bahnte sich sein erfolgreichstes Buch an, die Kritik der Warenästhetik. Zunächst hatte er nur kritisches Material gesammelt. Als er dann Marx las, fand er, dass es sich mit dessen Kategorien hervorragend ordnen ließ. Marx zeigte den ausgeblendeten Hintergrund: die Arbeit der Arbeiter. Waren­ästhetik war nicht Information über ein Arbeitsprodukt, sondern der Versuch, einen Rausch zu erzeugen, der zum wehr­losen Kauf treiben sollte. Dafür gaben die Kapitalisten dem Produkt ein Aussehen und priesen es mit Werbebildern an, die mit seinen Gebrauchswerteigenschaften kaum etwas zu tun hatten. Ihnen ging es ja vielmehr um den Tauschwert.

Als Haug seit 1971 Vorlesungen über Das Kapital hielt und ein ganzes Netz von Lesegruppen organisierte, kam als weiterer Gegenstand nur noch der Arbeitslohn hinzu, dem man die Ausbeutung nicht ansah – eine weitere Kategorie des Scheinbaren. Und wo war der Standpunkt der Kritik? Haug formulierte ihn 1972 in seinem Habilitationsvortrag: „Andere für sich arbeiten lassen, ist nicht verallgemeinerbar.“ Damit hatte er den Kapitalismus als Verletzung des kategorischen Imperativs gebrandmarkt. Nicht mit einer Wahrheit argumentierte er, sondern mit dem Unerträglichen.

1979, Haug war gerade Philosophieprofessor geworden, initiierte er das „Projekt Ideologiekritik“, um seinen Ansatz theoretisch zu verallgemeinern. In dieser Zeit bildete sich endgültig heraus, was die Herausgeber heute den „Argument-Marxismus“ nennen. Dabei spielte Frigga Haug eine ebenso wichtige Rolle wie ihr Mann. Sie gab der Zeitung eine eigene Frauenredaktion, die jedes dritte Argument-Heft autonom gestaltete, und überschritt mit dem „Projekt Automation und Qualifikation“, einer frühen Beachtung der Computerisierung und ihrer Folgen, die Grenzen der Ideologiekritik. Aus diesen und anderen Ansätzen entstanden Buchreihen und wurde seit 1980 die Westberliner „Volksuni“ bestritten, an der sich auch Intellektuelle wie Robert Jungk und Rudolf Bahro beteiligten. Als Treffpunkt der neuen sozialen Bewegungen war sie ein Vorläufer der heutigen Sommeruniversitäten von Attac.

Nunmehr gibt es eine Überarbeitung von der “Kritik der Warenästhetik”:

In diesen Wochen erscheint bei Suhrkamp die „überarbeitete Neuausgabe“ der Kritik der Warenästhetik. Sie enthält einen neuen zweiten Teil, der die Thesen von damals auf die Gegenwart des „Hightech-­Kapitalismus“ bezieht. Haug kritisiert Theoretiker wie Bazon Brock, der den Begriff der Werbung „schlicht ‚als Form der Kommunikation über Gegenstände des Alltagslebens‘ fasst“.

Es ist zwar wahr, Werbung ist Kommunikation, an der man sich kritisch beteiligen sollte. Aber mit wem kommuniziert man denn? „Der Kern“, lesen wir, „ist der Antagonismus“ von Gebrauchswert und Wert, „dem diese Form dient, indem sie ihn verbirgt.“ Haug braucht die Haltung der Kritik nicht mehr zu verteidigen. Sie ist zurückgekehrt, man denke nur an die Globalisierungskritiker. Und dass mit der Wirtschaftskrise „die Absage an die Kritik an Überzeugungskraft zu verlieren begann“, wer wollte es bestreiten? 50 Jahre gegen den Strom geschwommen: Das Argument feiert Geburtstag.

Dem können wir uns nur anschliessen und gratulieren gleichfalls und hoffen auf mindestens weitere 50 Jahre.

Zum ganzen Text

Robert Castel: Negative Diskriminierung

April 8th, 2009 April 8th, 2009
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“Die Banlieue als Baustelle” lautet die Überschrift einer Rezension von Thomas Hummitzsch zum jüngst erschienen Band von Robert Castel in Sachen Jugendrevolten in den Pariser Banlieues.

Zwei Jahre nach den Unruhen in den französischen Vorstädten unterzog der Soziologe Robert Castel die gesellschaftlichen Verhältnisse in Frankreich einer soziostrukturellen Untersuchung. Dabei stellte er fest, dass nicht die fehlende Integration der Einwandererkinder in den Vorstädten, sondern die gesellschaftliche Realität der Grande Nation den Anlass für die Ausschreitungen darstellte. Seine Erkenntnisse liegen nun in der deutschen Übersetzung vor.

Zur ganzen Besprechung

Rolf Wiggershaus in der Frankfurter Rundschau (24.3. 2009)

Castels Analyse und Interpretation erlauben zweierlei. Zum einen eine angemessene und nüchterne Sicht auf eine republikanische Rhetorik, die einer bestimmten Kategorie von Bürgern “mit Migrationshintergrund” den Part der “gefährlichen Klasse” zuweist und aus Kriterien der Anerkennung als volle und in jeder Hinsicht gleichberechtigte Staatsbürger Instrumente des Ausschlusses und der Abwertung von Differenzen macht. Sie verweist zum anderen auf das eigentliche Problem und die eigentliche Herausforderung nicht nur der französischen Gegenwartsgesellschaft: “Das republikanische Modell muß beweisen, dass es sich nicht auf die Form reduziert, die einer weitgehend monoethnischen, monokulturellen und monoreligiösen Gesellschaft entsprach.”

Weitere Besprechungen

Robert Castel: Negative Diskriminierung. Jugendrevolten in den Pariser Banlieues. Aus dem Französischen von Thomas Laugstien. Hamburger Edition. Hamburg 2009. 122 Seiten. 15,00 €. ISBN: 3868542019

Zuviel Porno bei Adorno?

April 4th, 2009 April 4th, 2009
Posted in Allgemein, Herbert Marcuse, Jürgen Habermas, Studium/Bewerbung, Theodor W. Adorno
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“Zu viel Porno bei Adorno” lautet der Refrain von Punker Tanker. Quasi ein kulturindustrieller – besonders hinterhältiger Angriff auf die Frankfurter Schule:

Tja, wie will soll man dann noch Theorie unterrichten? Oder vielleicht ist es auch ganz anders, dass Punker Tanker wieder neugierig auf Adorno oder Elias machen?

Zwei Sichten auf die “Kulturindustrie”

April 4th, 2009 April 4th, 2009
Posted in Allgemein, Michel Foucault
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Theodor W. Adorno glaubt, dass Populäre Musik keine politische Kritik zu artikulieren vermag, weil sie in den Fängen der Warenproduktion gefangen ist:

Aber letztlich – so liesse sich einwenden – bleibt in einer solchen Logik das Problem, dass auch die Frankfurter Schule Teil der Verwertungslogik und des Spektakels geworden ist. Gegen Adorno lässt sich einwenden, dass seine Kritik nicht per se, sondern in bestimmten Kontexten diesen totalisierenden Rahmen hinter sich zu lassen vermag. Einer wie Adorno konnte das aber vielleicht nicht denken …

Eine ziemlich intelligente Kritik vermag demgegenüber dieses Mashup (Die Schlümpfe fressen Adorno *1) zu artikulieren:

Tja und nun kommt die Kulturindustrie und macht sich auch noch über Theodor Adorno lustig:

Die Schlümpfe fressen Adorno *2)

Hamburg: Tagung/Konferenz: “Kulturelle Übersetzungen”

März 31st, 2009 März 31st, 2009
Posted in Allgemein, Postkolonialismus
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Termin: 17. April 2009 bis 18. April 2009
Isa Lohmann-Siems Stiftung
Tagung/Konferenz: “Kulturelle Übersetzungen”
(Hamburg/Deutschland)

Interdisziplinäre Tagung der Isa Lohmann-Siems Stiftung

In den aktuellen Debatten der Kulturwissenschaften spielt der Begriff der Übersetzung eine wichtige Rolle. Aus dem Bereich der Sprachwissenschaften stammend, bezeichnet er aus kulturwissenschaftlicher Perspektive nicht nur die Übertragung fremdsprachlicher Texte, sondern auch den Import und Export von Kulturgütern und die Aneignung von Wissensformen. Für die Analyse interkultureller Praktiken und Praxen scheint er zu einer Art Schlüsselbegriff zu avancieren. Allerdings verbindet sich mit ihm auch die kritische Frage nach der Übertragbarkeit kultureller Phänomene und nach den problematischen Konstruktionen des Eigenen und des Fremden.
Ziel des diesjährigen interdisziplinären Forschungsprojekts der Isa Lohmann-Siems Stiftung  http://www.isa-lohmann-siems-stiftung.de…) ist es, die Tauglichkeit des Übersetzungsbegriffs für die Analyse von künstlerischer und kultureller Traditionsbildung zu erproben, indem nach den medialen und historischen Bedingungen kultureller Austauschverhältnisse gefragt wird.
Was passiert, wenn Objekte, Begriffe oder soziale Praktiken aus einem spezifischen Kontext in andere Zusammenhänge transferiert werden? Wie lassen sich die politischen und sozialen Verhandlungen, die solche Prozesse strukturieren, beschreiben? Welche diskursiven Konzepte von Originalität und Differenz haben sich in den Übersetzungsvorgängen der Moderne entwickelt? Und wie sehr haben sie unsere Vorstellungen von Kunst und Kultur geprägt?

PROGRAMM

Programmflyer

Freitag, 17. April 2009

13.15 Begrüßung

13.45 Reetta Toivanen, Helsinki
Verpflanzung von juristischen Begriffen: Kulturelle Übersetzung von Menschenrechten

14.30 Serhat Karakayali, Berlin
>Learning From…Gender TroubleKulturelle Übersetzungen< der Isa Lohmann-Siems Stiftung, Hamburg abgehalten.

Zum Projekt:
www.isa-lohmann-siems-stiftung.de/projekte/2008/index.html

Weiterführende Links:
www.isa-lohmann-siems-stiftung.de/projekte/2008/index.html
www.ils-s.de
www.isa-lohmann-siems-stiftung.de/tagungen/2009/anmeldung.html
www.isa-lohmann-siems-stiftung.de/tagungen/2009/faltblatt.pdf
www.isa-lohmann-siems-stiftung.de/tagungen/2009/programm.html

Multitude in der Theaterkritik

März 23rd, 2009 März 23rd, 2009
Posted in Allgemein, Praxen der Kritik
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In der Wiener Tageszeitung “Der Standard” (20. März 2009) wurde vergangenen Samstag die Frage gestellt, ob die gegenwärtige Krise nicht auch etwas positives habe.

Unter der Überschrift “Lauter Viele – zusammen nichts als Einzelne” bemüht “Theaterkritiker” Ronald Pohl diesen mit dieser Tätigkeit verbundenen bildungsbürgerlichen Kritikergestus um über ein Projekt “emanzipatorischer ‘Theorie’” schreiben zu können. Auf einer ganzen Seite wird die Idee der Multitude behandelt, aber man merkt den Gestus der Distinktion. Einerseits fasziniert davon, dass im Konzept der Multitudes bestimmte Lethargien hinter sich gelassen, aber doch stets bemüht, bloss nicht zuviel Identifikationsflächen zuzulassen:

Die Krise lässt eine Frage brandaktuell erscheinen: Wer nimmt in der Gesellschaft der “Flexibilisierten” die Rolle des Proletariats ein?
Linke Philosophen wie der Italiener Paolo Virno träumen von der “Multitude”.

Rom – Die Konjunktur- und Krisenzyklen des Kapitalismus stellen die Verfechter linker, “emanzipatorischer” Theorie vor immer neue Aufgaben. So müssen die Vordenker einer “anderen” Gesellschaft heute schweren Herzens einräumen, dass der Begriff der Arbeit auch nicht mehr hält, was sich Karl Marx und dessen Jünger von ihm einst erhofft hatten.

Denker wie der italienische Philosoph Paolo Virno – ein geläuterter Linksradikaler aus dem Umkreis der “Autonomia operaia” – geben daher große, spektakuläre Verlustanzeigen auf: Die Geldmärkte krachen, und die Volkswirtschaften haften für die enstandenen Löcher. Doch es findet sich niemand, der deswegen die moderne Arbeitsgesellschaft von Grund auf infrage stellen würde.

Unter der Arbeiterklasse verstanden die Anhänger der politischen Ökonomie ursprünglich jenes “Subjekt, das den absoluten und den relativen Mehrwert produziert”. Arbeit wurde “gegenständlich” in Bezug auf jene Dinge und Sachen, in deren Herstellung eine genau bemessene Arbeitszeit investiert wurde. Heute ist das Erwerbsleben, dessen Bild vom edlen “Proleten” gespeist wurde, der ohne Unterlass an seiner Werkbank schuftet, bereits reiner Anachronismus geworden.

Schliesslich folgt eine Schnellbleiche in Sachen Post-Fordismus, revolutionäres Subjekt und “Empire”:

Wer sind die “Vielen”?

Diejenigen, die den gesellschaftlichen Reichtum real erwirtschaften, nennt man heute die “Vielen” . Diese sind in ihrer konkreten “Vielheit” aber nicht konkret erfassbar. Denker wie Paolo Virno – vor ihm Antonio Negri und Michael Hardt in ihrem berühmten Epochenschwellenwerk Empire – schicken das gute alte Proletariat daher in die Rente. Die linke Theorie streckt und dehnt ihre Gliedmaßen. Noch weiß man aber nicht so recht, wer der Träger kommender Umwälzungen wirklich sein könnte.

Spricht man heute über die Umwandlung und Überwindung der “fordistischen” Arbeitsgesellschaft, stößt man auf die “Multi-tude” : ein marginaler Begriff aus der Frühzeit der politischen Theorie. Er meinte in den Tagen von Thomas Hobbes (17. Jahrhundert) nichts anderes als jene unorganisierten Bürger, deren bloßes Da-Sein der klassische Staat bereits als Bedrohung seines “einheitlich” gefassten Willens empfinden musste. Heute feiert dieses eigentlich verfemte Wort unter den Bedingungen der Globalisierung ein spektakuläres Comeback.

Das Subjekt des zeitgenössischen Erwerbslebens ist ein solcher Einzelner, der sich unter lauter “Vielen” wiederfindet. Er stellt keine Schrauben, und er raspelt auch keine Eisenspäne. Die Notdurft der körperlichen Mühsal hat – wenigstens in unseren Breiten – der vollautomatisierte Maschinenpark den arbeitenden Menschen großteils abgenommen.

Schliesslich werden alle Begriffe genannt (General Intellect) oder Themen berührt (Subjektivierung der Arbeit), die der Diskurs gerade so zu bieten hat:

Jeder, der für sein Einkommen zu sorgen hat, muss Fähigkeiten und Fertigkeiten ausbilden, die ihm eine hohe Anpassungsfähigkeit ermöglichen. Der Held kommender, sich auf noch keinem Zukunftshorizont abzeichnender Arbeitskämpfe muss sich auf dasjenige Grundwerkzeug verlassen können, das allen Menschen mit-gegeben ist: den Grips, den man in Ausbildungsseminaren vielleicht “kommunikative Kompetenz” nennen würde.

Begriff des “General Intellect”

Virno bedient sich, um nur ja keinen Zweifel an seiner “kritischen” Grundhaltung zu lassen, eines Begriffes von Marx. Er bezeichnet die Fähigkeiten der sich selbst Flexibilisierenden als “General Intellect”. Auf ihn greift zurück, wer sich im Feld der Öffentlichkeit zu behaupten hat. Und sind heutige Arbeitsstätten nicht fast alle strukturiert wie “öffentliche Räume” ? Wer heute in einer Betriebszelle arbeitet, der muss lernen, mit anderen zu kooperieren. Er muss Argumente gebrauchen, um ein angestrebtes Produktionsziel bestmöglich zu erreichen. Er hat alle potenziellen Mittel an der Hand, um Widerspruch zu formulieren, und er kann – allein mit der Kraft des Wortes – als “politisch Handelnder” Wirksamkeit entfalten.

“Handeln ist Zweck an sich”, formuliert die neue Linke gutgelaunt. Sie trägt eine geradezu pausbäckige Zuversicht zur Schau. Kommunikation sei die “Königin” unter den Produktivkräften. Mit sehnsüchtigem Blick auf die immaterielle Arbeit und deren Zulieferer träumen Virno und Co von einem neuen Subjekt, das, um sich zu emanzipieren, die alte, “nationalstaatliche” Politik wie einen Bettel hinter sich lässt.

Natürlich eröffnen Einrichtungen wie das weltweite Netz Einblicke in die Vielstimmigkeit einer Weltgesellschaft, die sich an den Herdfeuern ihrer Eloquenz die immer geringfügiger beschäftigten Hände wärmt. Noch werden aber auch Löhne gezahlt. Und das geradezu blinde Vertrauen der Geldwirtschaft in die Nationalstaaten und deren Haftungserklärungen macht deutlich: Die nächste “Revolution” lässt bestimmt noch lange auf sich warten.

Klaus Neundlinger: “Was ist immaterielle Arbeit?”

März 20th, 2009 März 20th, 2009
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In der hier vor zwei Tagen bereits erwähnten Bildpunkt-Ausgabe zum Material in der Materiellen Arbeit findet sich ein aufschlussreicher Text von Klaus Neundlinger (Was ist immaterielle Arbeit?), der auch Paolo Virnos “Grammatik der Multitude” für Turia + Kant übersetzt und gemeinsam mit Gerald Raunig die Einleitung verfasst hat. Darin findet sich eine ziemlich brauchbare Definition. Zunächst wird die Unterscheidung immateriell-materiell kritisch hinterfragt:

Man kann die materielle von der immateriellen Arbeit nicht trennen, wenn man sich auf das Vermögen und auf die Akte bezieht, die jedem hervorgebrachten Wert zugrunde liegen. Arbeit als Ereignis, als Vollzug, spielt sich in der räumlichzeitlichen
Wirklichkeit ab, so wie es undenkbar ist, dass in eine Handlung keine physisch ungreifbare analytische, logische, diese Wirklichkeit ordnende Tätigkeit eingeht. Arbeit besteht immer in der Verausgabung physischer und psychischer Energie. Wir sind immer beides, leibliches und geistiges Vermögen, und ebenso ist jede Umsetzung dieses Vermögens in konkrete Akte sowohl mit geistigem als auch mit leiblichem Aufwand verbunden. Wir sind von der materiellen Wirklichkeit und von der geistigen Welt affiziert und gestalten diese Wirklichkeit nach physischen wie psychischen Interessen, Bedürfnissen, Zwecken und Begriffen.

Ungeachtet dessen erscheint ihm die Unterscheidung dennoch Sinn zu machen:

Es ist dennoch nicht ganz verkehrt, von immaterieller oder materieller Arbeit zu sprechen, wenn man damit die Werte meint, die´jeweils hergestellt werden. Es besteht natürlich ein Unterschied zwischen materiellen und immateriellen Produkten, je nachdem ob jemand Lebensmittel, ein Möbelstück, Kleidung bzw. ein technisches Gerät herstellt oder ob er oder sie einen Plan entwirft, ein Konzept erstellt, eine Beratungsleistung erbringt bzw. eine Werbekampagne entwickelt. Dennoch, auch an diesen wenigen aufgelisteten Beispielen sieht man, dass sich das Materielle und das Immaterielle nicht trennen lassen. In Möbel- und Kleidungsstücke geht Designarbeit ein, genauso wie eine Beratungsleistung ein räumlich-zeitliches Setting voraussetzt und eine Werbekampagne ohne die sinnliche Dimension der verwendeten Zeichen nicht auskommt. Die durch das Arbeitsvermögen erzeugten Differenzen (eine Variante im Design, ein neuer Geschmack, eine neue Kombination von Zeichen und Inhalten), die sich in Gebrauchswerte verwandeln, sind nichts anderes als die über die Sinnlichkeit vermittelten ordnenden Eingriffe in die Welt, die wir vor uns haben. Auf der anderen Seite, auf der Seite des Konsums, haben wir ebenfalls nicht nur die sinnliche Wahrnehmung oder die Integration einer materiellen Wirklichkeit in Stoffwechselprozesse, sondern eben auch eine immaterielle Arbeit der Dechiffrierung, des Genusses und der Bewertung von Produkten und Leistungen.
Immaterielle Werte unterscheiden sich von materiellen dadurch, dass sie nicht „aufgebraucht“ werden. Oder besser, sie nutzen ich nicht auf dieselbe Weise ab, wie dies bei einem Lebensmittel, einem Möbelstück oder einem Gerät der Fall ist. Immaterielle Werte sind dennoch nicht für die Ewigkeit geschaffen, sondern hängen von zeit-, orts- und kontextbezogener symbolischer Produktion ab. Diese symbolische Produktion entscheidet über Konsumpräferenzen, Moden, Stile, „populäres“ Wissen, die Stellung´von ExpertInnen innerhalb des Produktions- und Konsumtionsprozesses usw. Man denke nur an die Ausdifferenzierung des Gesundheitsbereichs mit all den neuen alternativen Heilmethoden, Wellnessangeboten und Beratungsleistungen, aber natürlich auch an die Musik- und Kleidungskultur, innerhalb deren sich ständig eine Unzahl von Präferenzen und Zugehörigkeiten ausbreitet, ablöst, gegenseitig bekämpft oder zusammenschließt.

Nicht alle Theorie ist grau

März 18th, 2009 März 18th, 2009
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Willkommen zu unserem Theorie- und KonzeptLabor im Department Kunst und Medien in der Vertiefung Theorie an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK).

Hier finden sich Hinweise auf Texte, Links, Veranstaltungen oder Ereignisse, die für die Arbeit und das Studium in unserer Studienvertiefung interessieren könnten, relevant oder sonstwie von Interesse sind.

Dabei gilt es nicht nur unsere Anstrengungen zum und des Begriffs sichtbar zu machen, sondern auch einen inhaltlichen Zusammenhang entstehen zu lassen. Dabei ist weder Kohärenz noch Systematik angestrebt. Aber Vorlieben sind weder vermeidbar noch unbeabsichtigt.