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Michel Foucaults Vorlesungen über «Die Regierung des Selbst und der anderen» auf deutsch erschienen

November 2nd, 2009 November 2nd, 2009
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In der Neue Zürcher Zeitung (31. Oktober 2009) schreibt Otto Kallscheuer über die

Die Macht der freimütigen Rede
Michel Foucaults Vorlesungen über «Die Regierung des Selbst und der anderen»

Hatte Michel Foucault, der Antihumanist, in seinen letzten Lebensjahren doch wieder zum «Subjekt» als Ort der Freiheit zurückgefunden? Manche Philosophen haben sich im Sinne dieser Vermutung an einer postumen Heimholung des nietzscheanischen Skeptikers versucht. Und die Spassfraktion der Postmoderne war zufrieden, dass sie sich auf Foucaults Archäologie der ästhetischen Lebenskunst berufen durfte.

Die ganze Rezension

Michel Foucault: Die Regierung des Selbst und der anderen. Vorlesungen am Collège de France 1982/1983. Aus dem Französischen von Jürgen Schröder. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2009. 506 S., Fr. 72.50.

Klappentext von Suhrkamp:

Aus dem Französischen von Jürgen Schröder. Die letzten Vorlesungen Michel Foucaults am College de France sind der Parrhesia gewidmet: der freimütigen, öffentlichen, aufbegehrenden Rede. Es ist das große Thema seines späten Denkens: der Mut zur Wahrheit, mit dem das aufrichtige Sprechen in die Politik eingreift. In einer neuen Lektüre von Platons Siebtem Brief beschreibt er, wie sich dieser öffentliche Sprechakt mit dem Verfall der griechischen Stadtstaaten zu einer persönlichen Anrede des Fürsten wandelt. Zugleich unterzieht er eine Reihe von topoi der antiken Philosophie einer grundlegenden Revision: die Figur des Philosophen-Königs, die platonische Verurteilung der Schrift und Sokrates’ Ablehnung einer Redekunst, die im politischen Ehrgeiz gründet.
“Die Regierung des Selbst und der anderen” erschließt das vergessene ethische Fundament der athenischen Demokratie. Sie bildet den Auftakt der beiden Vorlesungsreihen der Jahre 1982-84, in denen Foucault nicht weniger formuliert als sein philosophisches Vermächtnis. Niemand wird diese Texte lesen können, ohne in ihnen Foucaults Mut zur Wahrheit wiederzuerkennen. Es ist nicht zuletzt die eigene Denk- und Lebensform, die er in seiner Lektüre antiker Texte befragt und bestimmt.

Jens Kastner: Über das Erbe von Avantgarde und ’68

September 10th, 2009 September 10th, 2009
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In der Jungle World (Nr. 35, 27. August 2009) ist ein Artikel von Jens Kastner: “Ist die Linke schuld am Neoliberalismus?” erschienen, der die Debatte um die Frage fortsetzt, in welcher Weise die Kritik der Neuen Linken am Kapitalismus zum Hervorbringen des Neoliberalismus beigetragen habe. Insbesondere Boltanski und Chiapello sind in dieser Debatte prominent, in der sie zwischen böser Künstlerkritik und guter Sozialkritik unterscheiden:

War die Revolte von ’68 eine Wellnesskur für einen müde gewordenen Kapitalismus? Über das Erbe der einstigen Avantgarde-­Bewegung und die Modellfunktion des Künstlers für die moderne Arbeitsgesellschaft streiten sich die Kulturtheoretiker noch.

Anfang September 1956 in der italienischen Provinzstadt Alba, 25 Kilometer südöstlich von Turin: Ein paar zerrupfte Gestalten steigen aus dem Zug und werden vom örtlichen Blasorchester samt Bürgermeister begrüßt. Es sind die Teilnehmer des »Ersten Weltkongresses der Freien Künstler«. Mit von der Partie ist der kommunistische Avantgardist und spätere Mitbegründer der Situationistischen Internationale, Asger Jorn, durch dessen Kontakte zum ehemaligen Partisanen Pinot Gallizio das Treffen zustande kam. Gerd-Rainer Horn erzählt die Geschichte dieses »Weltkongresses« zu Beginn seines Buches »The Spirit of ’68«. Eine Hand voll avantgardistischer Künstler – Künstlerinnen werden nicht erwähnt – wird damit zum Ausgangspunkt einer faszinierenden und mittlerweile häufig erzählten Geschichte über »Rebellion in Western Europe and North America, 1956–1976«, wie der Untertitel des Buches lautet, sowie einigen anderen Orten und Regionen der Welt.

Horn interpretiert wie viele andere auch die rebellischen 68er Jahre als Verallgemeinerung der Ansprüche und Ziele der künstlerischen Avantgarden.

(…)

Die Übernahme der expliziten wie impliziten Anliegen von Avantgarde und Gegenkultur in den Mainstream hörte in den siebziger Jahren nicht auf und gipfelte auch nicht in den »Alternativbewegungen« und Neuen Sozialen Bewegungen der achtziger Jahre. Heute, argumentieren verschiedene Soziologen und Philosophen, habe sich der Geist von ’68 noch weiter verbreitet und vielfältig materialisiert, inzwischen gebe er gar – meint beispielsweise der Soziologe Andreas Reckwitz – ein allgemeines Subjektmodell für die westlichen Gegenwartsgesellschaften ab. In allen für die Subjektwerdung in der Moderne relevanten Bereichen – Arbeit, Intimität und Selbst­konstitution – hätten Avantgarden und Gegenkultur neue und für alle gültige Standards gesetzt. »We, the artists of life« heißt es dementsprechend auch bei Zygmunt Bauman: Ständige freie Entscheidungen mit ungewissen Effekten bei hohem Grad an Bedürftigkeit nach Anerkennung durch andere – was früher Privileg und Problem ausschließlich von Künstlern gewesen sei, zeichne heute das Leben nahezu aller aus. Vorsichtiger fasst es der Ökonom Richard Florida, der nicht gleich jeden mit einem kreativen Ethos ausgestattet sieht, aber doch eine ganze »kreative Klasse«. Diese mache numerisch nicht die Mehrheit der westlichen Gesellschaften aus, sondern etwa ein Drittel, sei aber mittlerweile die dominante, Normen setzende Klasse.

Während die Analyse aus ganz unterschiedlichen Richtungen vorgenommen wird, im Ergebnis aber bei vielen Theoretikern ähnlich aussieht, fällt die Beurteilung sehr unterschiedlich aus. Der Postoperaist Paolo Virno meint, dass durch die gestiegene gesellschaftliche Bedeutung vormals künstlerischer, insbesondere kognitiver Fähigkeiten ganz einfach allgemeine menschliche Attribute zum Vorschein kommen würden. Diese Entwicklung sei zunächst weder gut noch schlecht, sie zeichne schlicht die gegenwärtige Multitude aus. Andere Autoren urteilen da weniger neutral: Während Reckwitz das Subjektmodell als emanzipatorische Veränderung und Florida die Kreativität als ökonomische Triebkraft feiert, kommen insbesondere Luc Boltanski und Ève Chiapello hinsichtlich der verallgemeinerten 68er-Werte und künstlerisch-avantgardistischer Vorstellungen in puncto Emanzipation zu ganz anderen Einschätzungen: Was als der Spirit der Rebellion begonnen habe, ist ihnen zufolge vielmehr als »der neue Geist des Kapitalismus« zu bewerten.

(…)

Dass gerade die Kunstwelt zu solchen gesellschaftlichen Effekten prädestiniert war, liegt nach Ansicht des Sozialforscher Pierre-Michel Menger an ihrer »eigentümlichen Mischung aus Individualismus und Kommunitarismus«: Das Konkurrenzprinzip geht mit einem starken gemeinschaftlichen Regulierungssystem im Hinblick auf ethisches Verhalten und den Selbstanspruch auf allgemeine Nützlichkeit einher. Insbesondere das, was die Avantgarden und die sozialen Bewegungen der sechziger Jahre verbindet und was, zumindest in libertärer Perspektive, zu ihren Errungenschaften zählte, gilt demnach als besonders »innovationstauglich« für das Kapital. Die Gemeinsamkeiten zwischen den beiden soziokulturellen Strömungen bestanden, der Soziologin Eva Illouz zufolge, darin, dass sie eine »virulente Kritik am Kapitalismus und die Forderung nach neuen, nicht-materiellen Formen des Selbstausdrucks und Wohlbefindens« miteinander verknüpften. Und gerade diese Entwicklung habe letztlich, so die von Il­louz und Boltanski/Chiapello geteilte These, den Kapitalismus modernisiert statt abgeschafft. Indem sie sich um soziale Sicherheit nicht geschert und nur auf individuelle Autonomie gesetzt hätte, habe die künstlerische Kritik an den kapitalistischen Verhältnissen diese nicht angegriffen, sondern stattdessen einen ihrer zentralen Imperative mit erzeugt: den »Flexibilitätskonsens« (Boltanski/Chiapello).

Gerade Kulturschaffende, meint auch die Politikwissenschaftlerin Isabell Lorey, hätten sich lange Zeit eingebildet, mit ihren gegen Normalarbeitszeit sowie moderne Kontrolle und Disziplinierungen gerichteten Lebens- und Arbeitsmo­dellen gelebte Kapitalismuskritik zu betreiben. Da sich die Arbeitsverhältnisse aber nun insgesamt gewandelt haben, seien sie mit ihrer »Selbst­prekarisierung« längst nicht mehr der Sand im Getriebe, sondern vielmehr dessen Schmieröl. Indem sie den eigenen Status naiv nicht infrage stellten, verkämen sie geradezu zu »OpportunistInnen und KonformistInnen« (Lorey).

Was Avantgarden und 68er-Bewegungen hier als Gemeinsames attestiert wird, überschneidet sich nicht gerade wenig mit dem, was die Neue Linke an Neuem hervorgebracht und was sie von der alten, arbeiterbewegten Linken unterschieden hat: die Ausdehnung des Emanzipationsgedankens auf alle Lebensbereiche (und nicht nur die Arbeit) und die Ablehnung der parteiförmigen Organisierung (und stattdessen der Aufbau »neuer« sozialer Beziehungen). Ausgerechnet diese Forderungen nach Autonomie und Kreativität sollen die Erneuerung des Kapitalismus ermöglicht haben. Die Analyse dieser Modernisierung setzt dabei in den meisten Fällen zweiteilig an: Auf der einen Seite habe die »kreative Arbeit« im weitesten Sinne die eher stumpfe, disziplinierende und kontrollierte Fabrikarbeit als dominante Wertschöpfungsform abgelöst. Dies heiße aber nicht, betont beispielsweise Paolo Virno ausdrücklich, dass »keine Armaturen und Maschinen mehr erzeugt werden«. Auf der anderen Seite habe aber die Kreativitätsanforderung längst alle Lebensbereiche erreicht, also auch die Produktion in der Fabrik.

zum ganzen Text

Aber das ist auch ein wenig das Dilemma dieser Debatte. Indem nicht die konkreten Bedingungen dieser Ideen in den Blick genommen wird, urteilen Apologeten wie KritikerInnen allesamt ahistorisch. Warum ist es eigentlich so schwer zu verstehen, dass es durchaus sein kann, dass das was mal emanzipatorisch mit dem Rückenwind der Geschichte kritisch und dysfunktional gewesen ist, heute genau das Gegenteil implizieren kann.

Eine danebengegangene Foucault-Kritik

Juni 17th, 2009 Juni 17th, 2009
Posted in ArbeitWorkLabour, Kritik der Politischen Ökonomie, Michel Foucault, Theoretiker_innen
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Die neueste Ausgabe von analyse + kritik – zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 540 (19.6.2009) bringt anlässlich des 25. Todestages von Michel Foucault am 25.6. einen Rückblick von Henning Böke, der schon bessere Artikel hingekriegt hat.

Update (28.6.)09): Inzwischen ist die Printversion des Artikels angekommen und wenn man den Text in Bezug auf den Tonfall und die Tonart nochmals liest wird er noch unerträglicher. Die Frage muss sich der Verfasser gefallen lassen, warum sein Text homophobe Assoziationen hervorruft (und nichts anderes passiert wenn er am Ende seines Artikel mit Begrifflichkeiten wie “Strafe” hantiert. Und dann wäre dem DKPisten Böke (ebenso wie Boltanski und Chiapello) noch ins Stammbuch zu schreiben, dass niemand mehr zur Stabilisierung des Kapitalismus beigetragen hat, als die sozialdemokratisch-leninistische Traditionsmarxisten-Bagage und ihrer Vergötterung der Lohnarbeit. Der gönnerhafte Stil (die Strafe “kann als abgegolten angesehen werden”) des Artikel ist eine Frechheit und die ak-Redaktion möge sich fragen, ob sie sowas wirklich verbreiten muss:

Macht-Analyse und Selbst-Design
Vor 25 Jahren starb Michel Foucault – ein Rückblick

Von Michel Foucault, der am 25. Juni 1984 an Aids starb, trennt uns inzwischen ein Vierteljahrhundert. Für die Generation des Pariser Mai 1968 gehörte Foucault zu den wichtigen Impulsgebern. Seine Analysen der Machtsysteme moderner Gesellschaften haben den Blick für die Funktionsweise alltäglicher Unterwerfungen und Diskriminierungen geschärft und neue soziale Bewegungen beeinflusst. Die breitere Rezeption und Wirkung von Foucaults Denken fällt jedoch in eine Zeit der Krise und des Niedergangs der Linken. Foucault wurde zum Modephilosophen der akademischen “Postmoderne”, die aus seinen “mikropolitischen” Themenstellungen eine komfortable Lifestyle-Ideologie bezog. Foucaults Entwicklung markiert Glanz und Elend des (nicht nur) französischen Linksradikalismus.

In Foucaults Schriften tauchen Name und Werk von Karl Marx kaum auf. Für einen französischen Linksintellektuellen war das in den 50er und 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts ein Akt von Nonkonformismus: Der Marxismus war in Frankreich allgemein präsent. Foucault bezog sich selten ausdrücklich, oft aber implizit auf ihn. Mitglied der Kommunistischen Partei war er als Student nur kurze Zeit gewesen. Zweifellos war die Erfahrung, als Homosexueller dort der gleichen Ausgrenzung zu unterliegen wie in der bürgerlichen Kultur, konstitutiv für die Distanz zur traditionellen Linken. Dass die aus der Oktoberrevolution hervorgegangenen Gesellschaften die gleichen hierarchischen Strukturen entwickelten wie die bürgerliche und das Leben noch stärker reglementierten, ließ Foucault folgern, dass die dort vollzogenen Umwälzungen und die ihnen zugrunde liegende Theorie nicht radikal genug waren. Die Analyse der Produktionsverhältnisse durch Marx diente ihm als Modell für eine Analyse der Wirkungsweise von Macht.

Ganz in der Tradition von Boltanski und Chiapello wirft Böke Foucault die Komplexität der Verhältnisse vor. Weil es nicht mehr so einfach ist, gut und böse zu unterscheiden, weil es eben das Innen und Außen nicht mehr gibt, bei dem klar umrissen ist, was systemstabilisierend und was subversiv wirkt, wird der Bote kritisiert und nicht die eigenen Irrtümer:

Foucault hat die Folgen dieser Entwicklung nicht mehr erlebt. Dass die Ersetzung von Kapitalismuskritik durch eine vermeintlich radikalere und fundamentalere Machtkritik nicht zu effizienterer Gesellschaftskritik geführt hat, sondern zum Verzicht auf jegliche Gesellschaftskritik, war der Preis der Unschärfe seiner Begrifflichkeit. Zwar hat Foucault nie “Macht” und “Diskurs” einfach gleichgesetzt. Er hat nie geleugnet, dass Macht außerhalb der Sprachspiele existiert, in denen sie sich artikuliert. Aber sein Relativismus, der alle Beschreibungen von Realität als auf letztlich gleich willkürlichen Voraussetzungen beruhend ansieht, hat zur Diskreditierung aller Analyseinstrumente beigetragen, die vordiskursive objektive Realität und diskursive Repräsentationen – das, was im Vokabular von Marx “Ideologie” heißt – unterscheiden.

Zum ganzen Artikel

Zwei Sichten auf die “Kulturindustrie”

April 4th, 2009 April 4th, 2009
Posted in Allgemein, Michel Foucault
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Theodor W. Adorno glaubt, dass Populäre Musik keine politische Kritik zu artikulieren vermag, weil sie in den Fängen der Warenproduktion gefangen ist:

Aber letztlich – so liesse sich einwenden – bleibt in einer solchen Logik das Problem, dass auch die Frankfurter Schule Teil der Verwertungslogik und des Spektakels geworden ist. Gegen Adorno lässt sich einwenden, dass seine Kritik nicht per se, sondern in bestimmten Kontexten diesen totalisierenden Rahmen hinter sich zu lassen vermag. Einer wie Adorno konnte das aber vielleicht nicht denken …

Eine ziemlich intelligente Kritik vermag demgegenüber dieses Mashup (Die Schlümpfe fressen Adorno *1) zu artikulieren:

Tja und nun kommt die Kulturindustrie und macht sich auch noch über Theodor Adorno lustig:

Die Schlümpfe fressen Adorno *2)

Herbert Marcuse: Nachruf auf Theodor W. Adorno (1969)

April 3rd, 2009 April 3rd, 2009
Posted in Herbert Marcuse, Michel Foucault, Theodor W. Adorno, Theoretiker_innen
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Anlässlich seines Nachrufs auf Theodor W. Adorno artikuliert Herbert Marcuse im Jahr 1969 nochmals sein Verständnis der gesellschaftlichen Entwicklung im Spätkapitalismua (Integration der Arbeiterklasse im Rahmen des fordistischen Klassenkompromisses – Begriffe, die er aber nicht benutzt). Zudem betont er hier die Übereinstimmungen zwischen ihm Adorno.

Ausserdem zum Nachlesen:

Herbert Marcuse: Reflexion zu Theodor W. Adorno – Aus einem Gespräch mit Michaela Seiffe. In: Titel, Thesen, Temperamente: Ein Kulturmagazin (Hessischer Rundfunk, Abteilung Fernsehen, Kunst und Literatur), Sendung am 24. August 1969.
Nachzulesen in: Hermann Schweppenhäuser (Hg.): Theodor W. Adorno Zum Gedächtnis: Eine Sammlung (Frankfurt/M. 1971), S. 47-51.

Philipp Sarasin “Im Gespäch” auf Ö1 über Foucault und Darwin

März 19th, 2009 März 19th, 2009
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Heute abend, Donnerstag, 19. März 2009, 21:01 Uhr auf Ö 1 (Live-Stream)
(Ab morgen kostenpflichtig downloadbar)

Im Gespräch

Was haben der französische Philosoph und Historiker Michel Foucault – Vordenker der Postmoderne – und der britische Naturforscher Charles Darwin – Begründer der Evolutionstheorie – gemeinsam?

Für beide ist nichts wesentlich, alles ist ständig in Veränderung. Und für beide gibt es hinter der Geschichte der Menschheit keinen großen Masterplan, keine alles bestimmende Logik, sondern nur Zufälle, Diskontinuitäten und Brüche. Sagt der Schweizer Historiker Philipp Sarasin, Professor für Neuere Allgemeine Geschichte am Historischen Seminar der Universität Zürich, und legt auch gleich ein Buch vor, das die Parallelen in Darwins und Foucaults Denken aufzeigt: “Darwin und Foucault – Genealogie und Geschichte im Zeitalter der Biologie”.

Darwin, sagt Sarasin, wollte menschliche Herkunft rekonstruieren und fand dabei heraus, dass es nichts “Ursprüngliches” gibt, sondern nur Zerstreuung und unendliche Vielfalt. Und auch das verbinde ihn mit Foucault, der auch menschliche Herkunftsgeschichte rekonstruiert und dabei alles auflöst, was “wesenhaft” erscheint.

Renata Schmidtkunz im Gespräch mit dem Schweizer Historiker Philipp Sarasin.

WOZ-Interview (12.02. 2009) mit Philipp Sarasin von Marcel Hänggi:

Darwin und Foucault
«Darwin baut die Brücke zwischen Kultur und Natur»

Der Zürcher Historiker Philipp Sarasin liest die beiden Autoren parallel – und denkt über die Rolle der Kulturwissenschaften in Zeiten krachender Banken nach.

Unter den unzähligen Büchern, die im Darwin-Jahr 2009 erscheinen, gehört «Darwin und Foucault» des Historikers Philipp Sarasin zweifellos zu den originellsten. Im Vorwort nennt es Sarasin ein «Experiment», zwei der «aggressivsten ‹Säuren› der Theoriebildung in eine Schale zu giessen». Für Sarasin stammt Michel Foucault, wie es auf dem Klappentext heisst, «von Darwin ab». Weder Darwin noch Foucault hätten zwischen Natur und Kultur eine scharfe Grenze gezogen – und so liegt denn die ironische Pointe des Buchs darin, dass Sarasin Foucault gegen die (foucaultianischen) KulturalistInnen liest, für die alle Realitäten letztlich nur Zeichen und Diskurse sind, und Darwin gegen die (darwinistischen) BiologistInnen, die glauben, der Mensch lasse sich allein aus der Biologie respektive der Evolu­tion her­aus verstehen. Das wird etwa dort besonders lustvoll, wo Sarasin dem Turbo-­­Darwinisten und missionarischen Atheisten Richard Dawkins nachweist, dass er in seinem Weltbild eigentlich nicht auf einen Gott verzichten könne …

WOZ: Sie schreiben gegen Biologismus und Kulturalismus – das ist das Programm des gesunden Menschenverstands gegen zwei unvernünftige Weltsichten. Braucht es dazu 420 gelehrte Seiten?

Philipp Sarasin (lacht): Ich plante einen Essay von achtzig Seiten. Der Biologismus und der Kulturalismus sind in der Tat unvernünftige Ideologien in dem Mass, in dem sie sich absolut setzen. Aber wenn man sie ablehnt, muss man genau argumentieren. Anhand von Foucault und Darwin zu zeigen, dass es ein Denken dazwischen gibt, braucht Zeit.

Und dazu beriefen Sie sich auf die beiden Kronzeugen der jeweiligen Ideologie.

In der Tat wird Foucault als Kronzeuge des Kulturalismus eingesetzt, für den alles nur «Diskurs» ist. Zu Unrecht: Foucault sagte immer deutlich, dass er nicht einfach an die Welt der Zeichen glaubt. Bei Darwin musste ich selber erst realisieren, dass er fälschlicherweise als Kronzeuge des Biologismus gilt.

Literaturtipps

Philipp Sarasin: Darwin und Foucault: Genealogie und Geschichte im Zeitalter der Biologie. Suhrkamp Verlag, 2009, ISBN: 978-3518585221
Rezension von Christoph Geulen

Philipp Sarasin: “Michel Foucault zur Einführung”, Junius Verlag, 2008, ISBN: 978-3885066330

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