Das Denkkollektiv ist ein zentraler Begriff der Erkenntnistheorie des polnischen Mikrobiologen, Mediziners und Wissenschaftstheoretiker Ludwik Fleck (1896-1961). Flecks Wissenschaftstheorie geht davon aus, dass Wissenschaft im Kollektiv kooperativ veranstaltet wird. Er betont somit die soziale Bedingtheit jedes Erkennens und wendet sich gegen eine individualistische Erkenntnistheorie.

Denkkollektiv bezeichnet die soziale Einheit einer Gemeinschaft von Spezia-
listInnen, die sich – in Abgrenzung zu anderen VertreterInnen der Wissenschaft – mit einem spezifischen Problembereich innerhalb der Forschung beschäftigt. Fleck erläutert diesen Terminus folgendermassen: «Definieren wir «Denkkollektiv» als Gemeinschaft der Menschen, die im Gedankenaustausch oder in gedanklicher Wechselwirkung stehen, so besitzen wir in ihm den Träger geschichtlicher Entwicklung eines Denkgebietes, eines bestimmten Wissensbestandes und Kulturstandes, also eines besonderen Denkstil» (Fleck 1980: 54-55). Dadurch, dass die einem Denkkollektiv zugehörigen WissenschaftlerInnen über ein gemeinsames Interesse an einer Fragestellung oder über eine sie verbindende akademische Ausbildung verfügen, entwickeln sie eine «gerichtete Wahrnehmung», welche Fleck als «Denkstil» bezeichnet.

Fleck unterteilt wissenschaftliche Denkkollektive in einen inneren, sogenannt esoterischen, und einen äusseren, sogenannt exoterischen Kreis von beteiligten Menschen. Der innere Kreis besteht aus spezialisierten WissenschaftlerInnen, der äussere Kreis aus «gebildeten Laien», die an den wissenschaftlichen Erkenntnissen teilhaben. Die soziale Struktur von Denkkollektiven kann sehr verschiedene Formen aufweisen. Zu deren Ausformulierung ist diese Unterteilung in einen exoterischen und einen esoterischen Kreis dienlich. So bezeichnet Fleck die Beziehung zwischen dem inneren und äusseren Kreis als Verbindung zwischen Elite und Masse. Kollektive, in welchen die Stellung der Masse stärker ist als die der Elite, weisen demokratische Eigenschaften auf, während im umgekehrten Fall die Elite über eine möglicherweise dogmatisch anmutende Bestimmungsgewalt verfügt.

Die Theorie des Denkkollektivs wird von Fleck nicht nur für die Beschreibung von wissenschaftlicher Spezialisierung verwendet, sondern für alle Arten sozialer Gruppierungen: «Die Verwicklung menschlichen Lebens äußert sich in der gleichzeitigen Koexistenz vieler verschiedener Denkkollektive und in den gegenseitigen Einflüssen dieser Kollektive aufeinander. Der moderne Mensch gehört – zumindest in Europa – nie ausschließlich und in Ganzheit einem einzigen Kollektiv an. Von Beruf z.B. WissenschaftlerIn, kann er/sie außerdem religiös sein, einer politischen Partei angehören, am Sport teilnehmen usw» (Fleck 1983: 114). Demzufolge kann mit der Theorie der Denkkollektive nicht nur ein Wissenschaftsdiskurs analysiert werden, sondern auch die Beziehung zwischen Wissenschaft und Lebenswelt.

Für die Betrachtung und Analyse von transdisziplinären Forschungsprozessen gilt Flecks Theorie der Denkkollektive, anhand derer sowohl Konstellationen von Forschungskollektiven als auch von wissenschaftlichen Disziplinen und Fächern untersucht werden, als äusserst produktiv. Zudem bietet sie ein Untersuchungsinstrument für Verbindungen akademischer und nichtakademischer Wissenskulturen.

 

Literatur

Egloff, Rainer (Hg.): Tatsache – Denkstil – Kontroverse: Auseinandersetzungen mit Ludwik Fleck. Zürich 2005.

Egloff, Rainer; Gisler, Priska; Rubin, Beatrix (Hg.): Modell Mensch: Konturierung des Menschlichen in den Wissenschaften. Zürich 2011.

Fleck, Ludwik: Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache: Einführung in die Lehre vom Denkstil und Denkkollektiv. Schäfer, Lothar; Schnelle, Thomas (Hg.). Frankfurt a. M. 1980. (Reprint der 1. Auflage von 1935)

Fleck, Ludwik: Erfahrung und Tatsache: gesammelte Aufsätze. Lothar Schäfer, Thomas Schnelle (Hg.) Frankfurt a.M. 1983.

Link
Ludwik Fleck Zentrum

(vr)

 


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