{"id":2727,"date":"2016-12-06T11:06:23","date_gmt":"2016-12-06T10:06:23","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/artschooldifferences\/?p=2727"},"modified":"2017-01-24T08:57:13","modified_gmt":"2017-01-24T07:57:13","slug":"bericht-zum-art-school-differences-abschlusssymposium-because-its-2016","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/artschooldifferences\/2016\/12\/06\/bericht-zum-art-school-differences-abschlusssymposium-because-its-2016\/","title":{"rendered":"Art.School.Differences und die aesthetische Urteilskraft"},"content":{"rendered":"<p><strong>BERICHT ZUM ART.SCHOOL.DIFFERENCES-ABSCHLUSSSYMPOSIUM &#8218;BECAUSE IT&#8217;S 2016&#8216;<\/strong> von Karin Hostettler*<\/p>\n<p>Art.School.Differences verfolgte ein ambitioniertes Projekt: Im Zentrum stand die Studie, in deren Abschlussbericht deutlich wird, welche Prozesse von Inklusion und Exklusion an Schweizer Kunsthochschulen am Wirken sind. Dem Ansatz der partizipativen Forschung folgend wurden Beforschte selber als Ko-Forschende in diese kritische Auseinandersetzung miteinbezogen. Zudem wurde das Projekt von einem internationalen Beirat wissenschaftlich begleitet. Dadurch erschuf das Projekt einen Raum der kritischen Auseinandersetzung, der versuchte, die Prozesse des Ein- und Ausschlusses nicht nur kritisch zu reflektieren, sondern diese Grenzen auch tats\u00e4chlich ein St\u00fcck weit zu verschieben. Mit dem Projekt wurde ich genauer vertraut, da ich Teile des Abschlussberichts gegenlesen durfte. Die Abschlusskonferenz bot nun Gelegenheit, diesen Raum f\u00fcr ein breiteres Publikum weiter zu \u00f6ffnen und zudem die Kunst selber als ein Teil des Forschungsprojekts miteinzubinden. Entstanden ist dadurch ein abwechslungsreiches Programm mit 5 Keynotes, zwei Podiumsdiskussionen und einem Parcours von 10 Stationen, in denen sich die Teilnehmenden kritisch-k\u00fcnstlerisch mit dem Thema auseinandersetzen konnten.<\/p>\n<p>Als Philosophin und Gender Studies Lehrende und Lernende aus der Schweiz m\u00f6chte ich im Folgenden meinen Bericht zur Konferenz der Art.School.Differences mit einem Konzept in Verbindung bringen, das auf die \u00e4sthetischen Urteilskraft von Immanuel Kant zur\u00fcckgeht. Denn mir scheint, dass das Projekt Art.School.Differences versucht hat, einen alternativen und widerspruchsvollen <em>sensus communis<\/em> herauszubilden. Kant hat in den 1790er Jahren diesen Begriff aufgenommen und ihm eine leicht ver\u00e4nderte Bedeutung verliehen: Er versteht den <em>sensus communis<\/em> als einen gemeinschaftlichen Sinn, der mit einem konkreten Urteil verwoben ist. Erst durch diesen Bezug auf einen gemeinschaftlichen Sinn kann das Urteil eine Allgemeinheit erhalten, ohne jedoch als zwingender Schluss universalisiert zu sein, der zwischen allgemeinen vern\u00fcnftigen Ideen und dem konkreten empirischen Material gezogen werden muss. In diesem Sinne sind \u00e4sthetische Urteile keine bestimmende, sondern reflexive Urteile, die einen exemplarischen Charakter haben, da sie auf allgemeinere Ideen hindeuten, die im Urteil involviert sind. Vor diesem Hintergrund ist es Kant m\u00f6glich, das Urteil als zugleich subjektiv und allgemein zu charakterisieren. Diese widerspr\u00fcchlich erscheinende Charakterisierung hat direkt Einfluss auf das Urteil selber: Wir \u00fcberpr\u00fcfen unser \u00e4sthetisches Urteil, indem wir &#8218;an der Stelle jedes anderen denken&#8216; (KdU (1790, 1793 und 1799: \u00a740). Dieses Konzept des <em>sensus communis<\/em> als erweiterte Denkart wird in meinen Augen dann spannend, wenn zudem eine kleine Ab\u00e4nderung vorgenommen wird: &#8218;an der Stelle veranderter denken&#8216;. Damit soll an der Stelle jener gedacht werden, die durch die Mehrheitsperspektive an den Rand gedr\u00e4ngt oder gar ausgeschlossen werden. Der Begriff &#8218;Veranderung&#8216; (Othering) ist sowohl in der feministischen Theorie (Beauvoir), also auch in der postkolonialen Theorie (Said, Fabian) verankert.<br \/>\nIm Folgenden m\u00f6chte ich einen kleinen Versuch unternehmen und diese leicht ver\u00e4nderte Version des <em>sensus communis<\/em> anhand der Abschlusskonferenz weiter ausformulieren.<\/p>\n<p>Welche Prozesse von Veranderung im Kontext von Kunsthochschulen im Vordergrund stehen \u2013 und an dessen Stelle es dann zu denken und auch handeln gilt \u2013, gilt es zun\u00e4chst zu eruieren. Dass sich jedoch Kontexte nicht immer so klar voneinander abgrenzen lassen, machte bereits der erste Tag an der Art.School.Differences deutlich. Denn in Bezug auf die Kunsthochschulen in der Schweiz hat die Pr\u00e4sentation des Forschungsprojekts von Sophie V\u00f6gele, Philippe Saner, Pauline Vessely und Carmen M\u00f6rsch kenntlich gemacht, wer zu &#8218;anderen&#8216; gemacht wird: So sind es insbesondere Schweizer_innen ohne Migrationshintergrund sowie Menschen, die \u00fcber ihre Familie einen &#8218;bildungsnahen&#8216; (und mit Bildung ist hier die institutionalisierte Ausbildung gemeint) Hintergrund mitbringen, die den Weg an die Hochschulen finden. Wie Saner es mit Bourdieu zugespitzt hat: Statistisch l\u00e4sst sich aufzeigen, dass sich hier eine kulturelle Elite \u00fcber den Ausschluss anderer sozialer Positionen reproduziert. So wird also bereits im Moment der Zulassung deutlich, inwiefern Kunsthochschulen in machtvollen sozialen und kulturellen Strukturen eingebunden sind. Dar\u00fcber hinaus k\u00e4mpfen zugelassene Studierende mit Auswirkungen gegenw\u00e4rtiger nationaler und internationaler Politik und Wirtschaft, wenn sie f\u00fcr Aufenthaltsbewilligungen, Visa und Wohnr\u00e4ume viel Zeit und Energie aufbringen m\u00fcssen \u2013 wie die Interviews im Film &#8218;How to Survive in the Swiss Art School Jungle?&#8216; aufgezeigt haben. W\u00e4hrend aus der Sicht der Studierenden klar ist, dass diese externen Studienbedingungen einen grossen Einfluss auf das Studium an einer Kunsthochschule haben k\u00f6nnen, scheint dies aus Sicht von Leitenden der drei Partnerschulen der Art.School.Differences (Lysianne L\u00e9chot Hirt (HEAD \u2013 Gen\u00e8ve), Hartmut Wickert (ZHdK) und Xavier Bouvier (HEM Gen\u00e8ve-Neuch\u00e2tel)) vernachl\u00e4ssigbar: Die Umgebung, in denen sich die Kunsthochschulen befinden, scheinen nicht nur ausserhalb ihrer Handlungsreichweite zu liegen, sondern sogar handlungsanleitend zu sein. Die Verbindung zu Gesellschaft, Staat und Wirtschaft wurde auf dem Podium vor\u00fcberwiegend verstanden als \u00e4ussere Anforderung, die eine Kunsthochschule zu erf\u00fcllen hat: Sie soll nicht nur marktf\u00e4hige Subjekte, sondern auch verantwortliche B\u00fcrger_innen hervorbringen. Bouvier verdeutlicht, dass Musikhochschulen unter politischem Druck stehen, Wickert erw\u00e4hnt, dass Studierende professionelle K\u00fcnstler_innen werden wollen und dadurch bereits w\u00e4hrend des Studiums einen bestimmten Status erreichen m\u00fcssen, um sp\u00e4ter im Markt erfolgreich bestehen zu k\u00f6nnen. Verschiedene Kontexte auf diese Art zu isolieren, das eigene Feld damit deutlich ein- und abzugrenzen und als Teil eines gr\u00f6sseren, bestimmenden Ganzen zu sehen, kann aus der Perspektive eines Projekts wie der Art.School.Differences problematisiert und kritisiert werden: Hier wird von Gatekeepers zum grossen Teil Handlungsmacht abgestritten und kein Wille zur Ver\u00e4nderung bestehender und deutlich aufgezeigter Exklusionsprozesse gezeigt.<\/p>\n<p>Dass es sich dabei auch um ein epistemologisches Problem handelt, hat die Intervention von Nana Adusei-Poku in der Diskussion des Panels sowie ihre Keynote am Nachmittag deutlich gemacht. Dies l\u00e4sst sich mit dem von ihr eingebrachten Konzept der &#8218;racial times&#8216; erkl\u00e4ren. Dieses findet ihre Verankerung darin, dass neue B\u00fccher zuerst an <em>weissen<\/em> Schulen und erst sp\u00e4ter an Schwarzen Schulen zug\u00e4nglich waren. Dadurch wird eine machtvolle hierarchisierende Differenzierung zwischen Gruppen \u00fcber eine grundlegende Kategorie wie Zeit hergestellt. &#8222;Allgemeines Wissen&#8220;, so macht dieses Konzept deutlich, ist nicht f\u00fcr alle gleichermassen zug\u00e4nglich. Auf der anderen Seite finden Schriften von Autor_innen wie Edward Said, Gayatri Spivak, May Ayim, Tori Morrison, Franz Fanon und vielen mehr immer noch nicht gen\u00fcgend Aufmerksamkeit. Denn postkoloniale Studien sowie queere Theorien, so stellt Adusei-Poku fest, werden systematisch ignoriert oder als spezielles Feld am Rande hinzugef\u00fcgt, was letztlich wiederum den weiss en, eurozentrischen Mainstream konsolidiert. Solche wissenspolitischen Entscheide zeitigen ihre Auswirkungen f\u00fcr die Studierenden: So steht die Geschichte und Kultur von einigen Studierenden im Zentrum, die damit strukturell von <em>weissen<\/em> Privilegien profitieren. Wird versucht, innerhalb der Institution normative Setzungen durch Prozesse der Dekolonisation anzugehen, wird dies von den Institutionen als Bedrohung wahrgenommen, da zentrale Konzepte, die tief in Aufkl\u00e4rung und Moderne verankert sind, hinterfragt werden. Zudem verdeutlicht Adusei-Poku, dass Dekolonisierung nicht direkt mit Empowerment von Schwarzen Menschen und People of Color einhergeht. Sie sieht es deshalb als notwendig an, dass es sichere R\u00e4ume f\u00fcr Schwarzen Menschen und People of Color ausserhalb von Institutionen geben muss. Damit wird deutlich: Bestrebungen zu einer Dekolonisierung der Institutionen sind einerseits notwendig, aber letztlich immer auch eine \u00dcberforderung, wie bereits der Titel &#8218;Everyone Has to Learn Everything!&#8216; deutlich macht.<\/p>\n<p>Der Beitrag von Rub\u00e9n Gaztambide-Fern\u00e1ndez hinterfragte den Kontext der institutionalisierten Kunstproduktion, indem er den Fokus auf das gr\u00f6ssere Feld der kulturellen Praktiken richtete. Kunstausbildungen an Hochschulen verfolgen laut Gaztambide-Fern\u00e1ndez das Ziel, Studierende zu zivilisieren und zu europ\u00e4ischen\/westlichen B\u00fcrger_innen zu machen. Damit ist Kunst eng verbunden mit impliziten Vorstellungen \u00fcber eine europ\u00e4ische Vormacht. Mit dem Kunstbegriff werden also koloniale, klassenspezifische und vergeschlechtlichte Hierarchien aufrechterhalten. Mit Blick auf kulturelle Praktiken wird deutlich, dass &#8218;Kunst&#8216; einen Prozess von &#8217;naming und framing&#8216; mit sich bringt: Kulturelle Praktiken k\u00f6nnen dann als Kunst erscheinen, wenn sie sich auf die europ\u00e4ische \u00e4sthetische Tradition bezieht. Die kulturellen Produktionen verorten sich demgegen\u00fcber aktiv in konkreten Machtverh\u00e4ltnissen und versuchen auf der symbolischen Ebene zu intervenieren. Es geht darin um materielle Ordnungen, Ressourcen und Verk\u00f6rperungen, welche die Grundlage f\u00fcr kulturelle Produktion bilden und diese auch pr\u00e4gen. Zudem werden in der kulturellen Produktion auch relationale Ordnungen wie p\u00e4dagogische Aspekte, soziale, psychische und\/oder ethische Beziehungen, explizit thematisiert. Gaztambide-Fern\u00e1ndez veranschaulichte dies mit Bildern zu einem Protest von Studierenden aus Puerto Rico, die sich auf der Demonstration als Polizisten verkleidet haben. Dadurch konnten sie die politische Ordnung unterbrechen, was sowohl einen Effekt auf die Demonstrierenden, wie auch die Ordnungsh\u00fcter_innen hatte.<\/p>\n<p>Eine solche Intervention in die symbolische Ordnung der Kunsthochschule bot die Performance &#8218;Black Notice&#8216; von Ntando Cele als Abschluss des ersten Tages. Ihre Freak-Performance als Bianca White brachte das wirkm\u00e4chtige koloniale Archiv auf die B\u00fchne, das durch ihre Performance bearbeitet und verschoben wurde. Als Bianca White kann sie einen eigenen Raum erschaffen, in dem u.a. rassistische Anekdoten, Bildungsprojekte und Sprachaneignungen wieder-aufgef\u00fchrt werden und deren perverse, gewaltvolle und verst\u00fcmmelnde Seite wird gerade durch groteske Einlagen hervorgehoben und damit die hegemoniale Referenz unterbrochen.<\/p>\n<p>Der erste Tag der Abschlusskonferenz hat damit deutlich gemacht, dass ein alternativer <em>sensus communis<\/em> sich dann bilden kann, wenn institutionalisierte Grenzen als Momente der Macht aufgezeigt und hinterfragt werden. Beide Vortragenden beziehen sich dabei auf Wissen, Erfahrungen und Material, das ausserhalb des Curriculums und des Kanons der jeweiligen Disziplin liegt. So k\u00f6nnen sie aufzeigen, wie die Grenzsetzung funktioniert und wie das Eingegrenzte sich selber normalisiert.<\/p>\n<p>Damit jedoch kritische Forschungsperspektiven nicht isoliert neben dem Mainstream stehen bleiben, braucht es auch eine postkolonial-dekonstruktive Analyse disziplin\u00e4rer Kanons, wie dies der Beitrag von Cornelia Bartsch in Bezug auf die Musikwissenschaften unternahm. Mit Blick auf das 18. Jahrhundert fokussierte sie auf die sich damals etablierende &#8218;absolute Musik&#8216;. Bartsch stellt eine \u00dcberblendung des Stammbaums der Musikerfamilie Bach mit dem Stammbaum der Musik fest. Damit wird Musikgeschichte durch drei Charakteristika definiert: einer panoptischen Sichtweise, einem evolution\u00e4ren Modell sowie der Vergeschlechtlichung der Musik durch den Ausschluss der Frauen. Mit dem Aufkommen der universalen Musik werden Grenzfiguren etabliert, die vergeschlechtlicht wie auch rassifiziert sind. Bartsch kann so verdeutlichen, dass der Kanon der modernen Kunst intrinsisch mit Rassismus verbunden und zudem mit der beginnenden Kommodifizierung der Kunstproduktion verschr\u00e4nkt ist.<br \/>\nDer Beitrag von Rena Onat und Bahareh Sharifi betrachtet die kulturelle Produktion als zentrales Moment zur sozialen Integration. Dabei erkennen sie gegenw\u00e4rtig eine Logik, nach der in aktuellen deutschen Programmen Gefl\u00fcchtete als Kunstrezipient_innen angesprochen werden, jedoch nicht als Kunstproduzent_innen. Sie pr\u00e4sentierten das Jugendtheaterb\u00fcro &#8218;kult\u00fcr auf!&#8216; aus Berlin als best practice alternativer Kunstproduktion. Mit dem St\u00fcck &#8218;Gentrifih\u00e4\u00e4? GentrifiDichSelbst&#8216; griffen die Jugendlichen das Thema der Gentrifizierung in Berlin auf, durch den viele der Beteiligten selber direkt betroffen sind. In der Erarbeitung des St\u00fccks wurde die Komplexit\u00e4t von Gentrifizierung deutlich, so bspw. dass keine soziale Gruppe als schuldige f\u00fcr diesen Prozess angeklagt werden kann. Als Resultat ging es vielmehr darum, sich zusammen zu tun und gemeinsam den Kampf dagegen aufzunehmen. Zudem pr\u00e4sentierten sie Arbeiten und Hintergr\u00fcnde des in Berlin lebenden K\u00fcnstlers Hasan Aksaygin und problematisierten u.a. seine Erfahrungen w\u00e4hrend dessen Kunstausbildung: So musste Aksaygin den Lehrenden seine Werke erkl\u00e4ren, da diese auch auf Referenzen auf die zypriotische Kunst beinhaltete, die den Lehrenden an der Kunsthochschule unbekannt war.<\/p>\n<p>In der letzten Keynote pr\u00e4sentierte Melissa Steyn das Konzept der <em>critical diversity literacy<\/em>. Damit soll die vorherrschende Epistemologie der Ignoranz, die sie insbesondere mit Blick auf S\u00fcdafrika ausf\u00fchrt, angegangen werden, die im Gesellschaftsvertrag eingeschrieben ist, der ausschliesslich zwischen <em>weissen<\/em> geschlossen wurde. Die <em>critical diversity literacy<\/em> soll aus einem soziopolitisch verorteten Standpunkt eine kritische Linse zur Verf\u00fcgung stellen. Aus dieser Perspektive soll u.a. deutlich werden, wie Machtstrukturen Differenzen zwischen den Menschen herstellen, die einen Unterschied machen; wie unterschiedliche Unterdr\u00fcckungssysteme zusammen interagieren, wie diese sich reproduzieren, aber auch wie gegen diese Widerstand geleistet werden kann; die Anerkennung von &#8218;Rasse&#8216; und Rassismus als aktuelle und historische soziale Probleme und nicht zuletzt ein Engagement f\u00fcr die Transformation dieser unterdr\u00fcckenden Systeme mit dem Ziel, mehr soziale Gerechtigkeit auf allen Ebenen der sozialen Organisation umzusetzen. Damit greift Steyn den nicht unproblematischen Modebegriff &#8218;Diversity&#8216; auf, der insbesondere durch die Management-Theorie an Einfluss gewonnen hat, stattet ihn jedoch mit einem Anspruch auf soziale Gerechtigkeit aus, was dem allgemeinen Verst\u00e4ndnis von Diversity zumeist leider abgeht.<\/p>\n<p>Das Projekt Art.School.Differences hat in meinen Augen deutlich gemacht, dass ein alternativer <em>sensus communis<\/em> dringend notwendig ist, um in unterschiedlichen Gesellschaften wie auch den darin verorteten Kunsthochschulen und Universit\u00e4ten Momente der Inklusion und Exklusion benennen und problematisieren zu k\u00f6nnen. Die zahlreichen Beitr\u00e4ge deuten jeweils exemplarisch auf Ideen von sozialer Gerechtigkeit hin, die sich vielleicht nie vollst\u00e4ndig positiv ausformulieren lassen, die wir jedoch durch die Kritik erahnen k\u00f6nnen. Dieses Verst\u00e4ndnis von <em>sensus communis<\/em> muss widerspruchsvoll und selbstkritisch bleiben, dies auch, weil es gilt, Institutionen h\u00f6rbar zu kritisieren und auf weitere Handlungsm\u00f6glichkeiten aufmerksam zu machen und zugleich eine kritische Gemeinschaft herzustellen und damit auch sich selber Sorge zu tragen und damit sozial und kulturell konstruierte Differenzen zu \u00fcberwinden. Dieses sich selber Sorge tragen bleibt jedoch auch in sich spannungsvoll, gerade weil unterschiedliche Unterdr\u00fcckungssysteme am Werk sind, die sich unterschiedlich zusammenschliessen k\u00f6nnen. Es gilt also auch innerhalb eines alternativen <em>sensus communis<\/em>, Spannungen auszuhalten und, wenn m\u00f6glich, sie produktiv zu nutzen. Ich hoffe, dass die Teilnehmenden diesen Anspruch von Art.School.Differences weitertragen. Insgesamt h\u00e4tte ich der Veranstaltung mehr Aufmerksamkeit gew\u00fcnscht, denn die Vortr\u00e4ge, Diskussionen, Kunstperformances und Workshops haben die Tragweite des Anspruchs an mehr soziale Gerechtigkeit deutlich gemacht, der weit \u00fcber den Bereich der Kunsthochschulen hinaus geht.<\/p>\n<p>*<em><strong>Karin Hostettler<\/strong> hat Philosophie und Gender Studies studiert und arbeitet zur Zeit als wissenschaftliche Assistentin f\u00fcr den Fachbereich Gender und Diversity an der Universit\u00e4t St.Gallen. In ihrer Dissertation dezentriert sie den philosophischen Kanon, indem sie eine postkoloniale Interpretation der Schriften des deutschen Aufkl\u00e4rers Immanuel Kant entwirft.<\/em><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>BERICHT ZUM ART.SCHOOL.DIFFERENCES-ABSCHLUSSSYMPOSIUM &#8218;BECAUSE IT&#8217;S 2016&#8216; von Karin Hostettler* Art.School.Differences verfolgte ein ambitioniertes Projekt: Im Zentrum stand die Studie, in deren Abschlussbericht deutlich wird, welche Prozesse von Inklusion und Exklusion an Schweizer Kunsthochschulen am Wirken sind. Dem Ansatz der partizipativen Forschung folgend wurden Beforschte selber als Ko-Forschende in diese kritische Auseinandersetzung miteinbezogen. 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