{"id":4481,"date":"2018-06-21T17:53:45","date_gmt":"2018-06-21T15:53:45","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/artschooldifferences\/?p=4481"},"modified":"2018-11-22T11:36:07","modified_gmt":"2018-11-22T10:36:07","slug":"kunst-und-klasse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/artschooldifferences\/2018\/06\/21\/kunst-und-klasse\/","title":{"rendered":"Kunst und Klasse"},"content":{"rendered":"<p>Von Musik \u00fcber Schauspiel bis hin zum Mediendesign \u2013 das k\u00fcnstlerische Feld ist von Vielfalt gekennzeichnet. Deutlich weniger vielf\u00e4ltig ist die soziale Zusammensetzung der Studierenden an den Kunstuniversit\u00e4ten. Vielmehr genie\u00dfen k\u00fcnstlerische Studien, und mit ihnen das k\u00fcnstlerische Feld insgesamt, den fragw\u00fcrdigen Ruf, eine Angelegenheit f\u00fcr privilegierte \u201erich white kids\u201c zu sein. Inwiefern dieses Bild der Realit\u00e4t entspricht und was gegebenenfalls dagegen getan werden kann, besprechen Sophie V\u00f6gele und Philippe Saner im Interview mit Florian Walter f\u00fcr die <a href=\"https:\/\/kupf.at\/\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">KUPFzeitung<\/a>. Die <a href=\"https:\/\/kupf.at\/zeitung\/166\/auswahl-der-auserwaehlten\/\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Kurzversion <\/a>des Interviews findet sich auf der Website der KUPF. Unter <a href=\"https:\/\/blog.zhdk.ch\/artschooldifferences\/publikationen\/\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Publikationen <\/a>sind die vollst\u00e4ndigen bibliographischen Angaben.<\/p>\n<p><em><strong>Florian Walter<\/strong>: Als \u201eAuswahl der Auserw\u00e4hlten\u201c beschreiben Sie im Abschlussbericht zu ihrem Projekt Art.School.Differences die Aufnahmeverfahren an Kunsthochschulen. Wer schafft es an einer Kunstuni aufgenommen zu werden, wer nicht? Welche spezifische Rolle spielt Klasse(nzugeh\u00f6rigkeit) im Verh\u00e4ltnis zu anderen Faktoren wie etwa Geschlecht und Ethnizit\u00e4t?<\/em><br \/>\n<strong>Sophie V\u00f6gele und Philippe Saner<\/strong>: Um zu verstehen, wer Zugang zum Kunsthochschulstudium hat ist es wichtig zuerst kurz auf die engen Verschr\u00e4nkungen zwischen den verschiedenen Identit\u00e4tskategorien einzugehen und dabei vor allem hervorzuheben, dass es um Machtverh\u00e4ltnisse geht, die unterschiedlich wirken \u2013 wir orientieren uns hier am Konzept der Intersektionalit\u00e4t, wie es etwa von Mar\u00eda do Mar Castro Varela und Nikita Dhawan verwendet wird.(1)  Soziale Klassen, Geschlecht, Sexualit\u00e4t, <em>race<\/em>\/Ethnizit\u00e4t und unsere Vorstellungen eines normativen K\u00f6rpers sind historische Konstruktionen, die u.a. durch ein europ\u00e4isches Verst\u00e4ndnis einer aufgekl\u00e4rten Moderne und in Abgrenzung zu den Kolonien etabliert wurden. Vorherrschende Bilder und Meinungen in unseren K\u00f6pfen best\u00e4tigen diese Verst\u00e4ndnisse und definieren eine klar abgesetzte Norm. Unsere Studie zeigt deutlich auf, dass auch Schweizer Kunsthochschulen aus privilegierten Verh\u00e4ltnissen stammende, <em>weisse<\/em>, schweizerische, heterosexuelle Personen mit leistungsstarken, jungen und gesunden K\u00f6rpern als Norm setzen. Alles was davon abweicht, wird als anders definiert. In der Verschr\u00e4nkung der Kategorien zeigt sich aber, dass gewisse Personen weder als anders klassifiziert werden noch die M\u00f6glichkeit haben, \u00fcberhaupt in diesem Feld sichtbar zu sein. Bspw. ist der Zugang f\u00fcr ethnisch markierte und aus weniger privilegierten Verh\u00e4ltnissen stammende Leute nur sehr erschwert m\u00f6glich. Personen, die als be\/hindert oder k\u00f6rperlich beeintr\u00e4chtigt erscheinen, m\u00fcssen <em>weiss <\/em>sein und aus privilegierten Verh\u00e4ltnissen stammen, um als Andere aufzutauchen. Wenn also Personen mit weniger privilegiertem Hintergrund \u00fcberhaupt aufgenommen werden, sind diese immer <em>weiss<\/em>, jung mit einem gesund anmutenden K\u00f6rper. In diesem Sinne ist auch die \u201eAuswahl der Auserw\u00e4hlten\u201c zu verstehen: Die Gruppe, die \u00fcberhaupt in Frage kommt Zugang zur Kunsthochschule \u2013 und damit auch eine Sichtbarkeit \u2013 zu erhalten, setzt sich bereits aus \u201eAuserw\u00e4hlten\u201c zusammen. Die Ausgrenzung aufgrund der Klassenzugeh\u00f6rigkeit kann deshalb nicht im Verh\u00e4ltnis zu anderen Diskriminierungskategorien verstanden werden, sondern ist nur in der Verschr\u00e4nkung mit diesen aufschlussreich. Diese Normierung der Studierenden \u2013 aber auch der Dozierenden und weiteren Mitarbeitenden der Kunsthochschulen \u2013 unterscheidet sich nicht wesentlich unter den Studieng\u00e4ngen.<\/p>\n<p><em>Gibt es Unterschiede zu anderen Hochschulen?<\/em><br \/>\nIn unserer Studie haben wir drei Schweizer Kunsthochschulen untersucht, die eine etwas andere Tradition als die \u00f6sterreichischen Kunstuniversit\u00e4ten bzw. Akademien aufweisen. Die Tradition der Kunstgewerbeschule, die bis heute ein wichtiger Bezugspunkt f\u00fcr die Identit\u00e4t der heutigen Kunsthochschulen darstellt, hat sich lange durch die Zug\u00e4nglichkeit f\u00fcr Kinder aus Arbeiter*innen- und Handwerker*innenfamilien ausgezeichnet \u2013 wobei allerdings Frauen bis weit in die zweite H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts marginalisiert blieben. Heute geh\u00f6ren die Kunsthochschulen im Schweizerischen Bildungssystem zu den Fachhochschulen, von denen sie sich in verschiedenen Punkten deutlich unterscheiden. Bez\u00fcglich der sozio\u00f6konomischen Herkunftsmilieus (gemessen an Berufen und Bildungsabschl\u00fcssen der Eltern der Studierenden) sind sie den Universit\u00e4ten, und hier v.a. traditionellen Elite-Ausbildungen wie Medizin oder Jurisprudenz, deutlich n\u00e4her. Ein wichtiger Grund f\u00fcr diese exklusive Zusammensetzung sind die strengen Aufnahmeverfahren, die im Schweizer Bildungssystem nur in der Medizin vorzufinden sind. Um diese bestehen zu k\u00f6nnen, bedarf es der jahrelangen k\u00fcnstlerischen Praxis und Vorbereitung, was wiederum nicht allen sozialen Klassen gleicherma\u00dfen zug\u00e4nglich ist. Hinzu kommt, dass das Studium sehr anspruchsvoll, zeitintensiv und k\u00f6rperlich streng ist. Gerade in den darstellenden Disziplinen wie Schauspiel und Musik, teilweise aber auch in den anderen, ist bereits das Studium auf permanenten Wettbewerb ausgerichtet. Es stellt sich also nicht nur die Frage, wer kommt rein, sondern auch: wer verf\u00fcgt \u00fcber die notwendigen Ressourcen, um drin zu bleiben.<\/p>\n<p><em>Um im Kulturbereich erfolgreich zu sein, braucht man ein finanzstarkes Elternhaus (und eine Eigentumswohnung), muss man sich in abgehobenen Kunstdiskursen mitteilen k\u00f6nnen und auf ein Netzwerk im Kunstbetrieb bauen k\u00f6nnen. Soweit die Annahme. Stimmt das? Und was hat das alles mit \u201eKlasse\u201c zu tun?<\/em><br \/>\nWie schon erw\u00e4hnt sind f\u00fcr eine erfolgreiche Aufnahme und dann auch noch ein erfolgreiches Studium alle genannten Ressourcen notwendig. Wenn davon etwas nicht aufgebracht werden kann, muss es kompensiert werden durch noch bessere Leistungen etc. Beispielsweise gibt es die M\u00f6glichkeit f\u00fcr Aufnahmen <em>sur dossier<\/em>, etwa wenn der erforderliche Bildungsabschluss (in der Regel eine Maturit\u00e4t) fehlt. In der Terminologie der Kapitalien nach Bourdieu entspricht die Norm an Kunsthochschulen einer privilegierten Herkunft: Sie stammen \u00fcberwiegend aus den Klassen der soziokulturellen Professionellen bzw. Semi-Professionellen(2)  wie K\u00fcnstler*innen, Lehrpersonen, Akademiker*innen etc. \u2013 also denjenigen Berufen, zu denen sie als Absolvent*innen von Kunsthochschulen teilweise selbst z\u00e4hlen werden. Hier bildet sich also ein auch gesamtgesellschaftlich betrachtet \u00fcberaus hohes Mass an sozialer Reproduktion ab. Unsere Ergebnisse zeigen, dass insbesondere kulturelles und soziales Kapital, das nicht bereits von zu Hause mitgebracht wird, anderweitig kompensiert werden muss. Dies f\u00fchrt sinngem\u00e4\u00df zu zus\u00e4tzlichen Belastungen, die neben einem intensiven Studium, Erwerbsarbeit und z.T. auch Betreuungsverpflichtungen f\u00fcr nicht-<em>weisse<\/em>, aus nicht privilegierten Verh\u00e4ltnissen stammende Personen sehr schwierig zu stemmen sind. Zus\u00e4tzlich problematisch hierbei ist, dass sich diese Prozesse des Ausschlusses aus dem Kunsthochschulfeld nur punktuell zeigen und sonst verdeckt bleiben: Ausgeschlossene suchen Erkl\u00e4rungen in ihren pers\u00f6nlichen Pr\u00e4ferenzen und Leistungen, das Scheitern wird als individuelles Versagen betrachtet. Eine Auswahl wird von allen Akteur*innen (Kandidat*innen wie Dozierenden) als notwendig erachtet \u2013 gerade auch von denjenigen, die aufgrund nicht-normativer Hintergr\u00fcnde oder Erfahrungen mit institutionellen Diskriminierungen rechnen m\u00fcssen. Die beschriebene vorherrschende Norm an Schweizerischen Kunsthochschulen (unter 1a) definiert nicht nur die Auserw\u00e4hlten, sondern verbirgt auch die Prozesse von Ein- und Ausschluss, die zur Entstehung dieser Gruppe notwendig sind: Es kann von einer <em>Camouflage <\/em>von Diskriminierung durch Normierung gesprochen werden.<\/p>\n<p><em>Ist die Ungleichheit an Kunstuniversit\u00e4ten nur eine Fortsetzung der Auswahl in den Kinderg\u00e4rten und Schulen? Oder w\u00e4hlen Unis anders aus als Kinderg\u00e4rten, Volks- und Mittelschulen?<\/em><br \/>\nSelbstverst\u00e4ndlich finden Praktiken von Ein- und Ausschluss schon vorher in den unterschiedlichen Vorbildungen statt. Und die Kunsthochschulen k\u00f6nnen aus den bereits vorausgew\u00e4hlten Kandidat*innen ausw\u00e4hlen \u2013 \u201ees kommt bereits alles gemacht\u201c, wie es ein Dozierender in einem Interview formulierte. Diverse Reformen in der Hochschulpolitik (Einf\u00fchrung des Fachhochschulstatus, die Bologna-Reformen und die Fusion verschiedener Hochschulen) in den 1990er und 2000er Jahren haben dazu gef\u00fchrt, dass sich die fr\u00fchere Heterogenit\u00e4t der Zugangswege markant reduzierte, w\u00e4hrend gleichzeitig die gymnasiale Maturit\u00e4t mit Anteilen zwischen 50\u201370% zum eigentlichen Standard wurde. Die soziale Exklusivit\u00e4t des Feldes erh\u00f6ht sich also auch \u00fcber die unterschiedlichen schulischen Zugangswege und bildet somit die elterlichen Bildungshintergr\u00fcnde bzw. Berufsklassen ab. Allerdings hat unsere Studie auch gezeigt, dass die Aufnahmeverfahren selbst nicht immer <em>linear <\/em>funktionieren: Kandidat*innen k\u00f6nnen vorgezogen werden und einzelne Ausbildungsphasen \u00fcberspringen, wenn ihr \u201eTalent\u201c als besonders gro\u00df erachtet wird. Andere wiederum werden in \u201aWarteschlaufen\u2018 (weitere Vorbereitungskurse) geschickt, mit der Bitte, es doch im n\u00e4chsten Jahr nochmal zu versuchen. Die verschiedenen Vorl\u00e4uferinstitutionen (k\u00fcnstlerische Gymnasien, Vorkurse und Vorstudium etc.) sind oft miteinander verkn\u00fcpft, es bestehen auch personelle Austauschbeziehungen, \u201aman kennt sich\u2018. In dieses Feld \u00fcberhaupt reinzukommen und sich darin behaupten zu k\u00f6nnen, ist insofern sicherlich eine wichtige Voraussetzung. Neben der \u201aoffiziellen\u2018 Auswahl im Prozess der Aufnahmeverfahren sind des weiteren spezifische Informations- und Adressierungspolitiken zu nennen, bspw. in gedruckten Materialien oder Webauftritten: Hier hat unsere Studie auch gezeigt, dass die Kunsthochschulen nicht einfach alle potentiellen Kandidierenden ansprechen, sondern durch Bilder und Texte ganz bestimmte Gruppen adressieren, w\u00e4hrend viele gar nicht erst auftauchen. Hier sind insbesondere Kandidat*innen aus migrantischen Arbeiter*innenmilieus zu nennen, denen die F\u00e4higkeit abgesprochen wird, sich \u00fcberhaupt im Umfeld einer Kunsthochschule bewegen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><em>Die Einkommensverteilung entwickelt sich zunehmend auseinander. Die Reichen werden reicher, die Armen \u00e4rmer. Welche Folgen hat das auf den Kunstbetrieb? Werden sich bald nur mehr Rich Kids leisten k\u00f6nnen, Kunst und Kultur zu machen?<\/em><br \/>\nWir haben die zunehmende Ungleichheit in der Einkommens- und Verm\u00f6gensverteilung nicht spezifisch untersucht. Was die Kunsthochschulen allerdings gegen\u00fcber anderen Schulen und Hochschulen auszeichnet, sind die Internationalisierungsbestrebungen, was an die vorherige Antwort anschlie\u00dft: Unsere Studie hat gezeigt, dass vermehrte Rekrutierung von sogenannten \u201ainternationalen Studierenden\u2018 ganz deutlich zu einer Verst\u00e4rkung der existierenden sozialen und kulturellen Ungleichheiten beitr\u00e4gt. Studierende mit transnationalen Biografien, die sich in verschiedenen Sprachen eloquent im Kunstfeld bewegen k\u00f6nnen, sind nat\u00fcrlich gerne gesehen. Zum notwendigen kulturellen und sozialen Kapital kommt spezifisch bei diesen Studierenden viel \u00f6konomisches Kapital sowie die \u201arichtige\u2018 Staatsangeh\u00f6rigkeit hinzu, die solche Arbeits- und Lebensweisen \u00fcberhaupt erm\u00f6glichen. Wie ja auch die Studie von Barbara Rothm\u00fcller zur Akademie der bildenden K\u00fcnste Wien gezeigt hat, sind \u00f6konomisch gut situierte Studierenden aus EU-Mitgliedsstaaten deutlich \u00fcbervertreten.(3)  Insofern wird die zunehmende Internationalisierung bestimmt Folgen f\u00fcr den Kunstbetrieb haben; welche, dar\u00fcber k\u00f6nnen wir allerdings blo\u00df spekulieren.<\/p>\n<p><em>Wie haben sich Zugangsbarrieren an Kunstunis in den vergangenen Jahren\/Jahrzehnten entwickelt? In welchen Bereichen gibt es einen Anstieg der Zugangsungleichheit?<\/em><br \/>\nWir konnten die Zugangsbarrieren nicht in einer historisch-vergleichenden Perspektive untersuchen. Was sich allerdings aus den Ergebnissen zur sozialen Zusammensetzung der Studierenden bez\u00fcglich elterlichen Berufsgruppen und Bildungsmilieus sowie den genannten Internationalisierungsbestrebungen andeutet, ist eine deutliche Zunahme von Studierenden aus sozio\u00f6konomisch privilegierten Milieus mit hohem kulturellen Kapital \u2013 dies betrifft insbesondere die stark internationalisierten Bereiche der Kunsthochschulen, wie die klassische Musik und die bildende Kunst. Schauspiel mit seinem Fokus auf die deutsche Sprache, Design und k\u00fcnstlerische Vermittlung (Lehramt) in geringerem Ausma\u00df, weil diese noch st\u00e4rker auf die hiesigen Kunst- bzw. Arbeitsm\u00e4rkte ausgerichtet sind.<\/p>\n<p><em>Was spricht dagegen, dass nur mehr Rich Kids Kunst studieren? Wie bringen wir mehr Kinder aus Arbeiter\/innenfamilien an die Kunstunis? Warum \u00fcberhaupt sollten Arbeiterkinder an die Kunstuni wollen, wenn danach ein prek\u00e4res K\u00fcnstler\/innenleben auf sie wartet?<\/em><br \/>\nZun\u00e4chst einmal scheint es uns wichtig darauf hinzuweisen, dass Kunsthochschulen \u2013 wie auch andere Institutionen des Kunstfeldes wie Museen, Theater oder Opernh\u00e4user \u2013 als \u00f6ffentlich finanzierte Bildungsinstitutionen f\u00fcr alle zug\u00e4nglich sein sollten. Gerade im Wissen um die sozialen ungleichen Zugangsbedingungen \u2013 die Erkenntnis ist ja keineswegs neu, wenn man an die Arbeiten Bourdieus in den 1960er Jahren denkt \u2013 sollten diese kontinuierlich an der \u00d6ffnung und Demokratisierung der Zugangswege und auch ihrer eigenen Strukturen arbeiten. Das geschieht im Kunstfeld in regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden schon, nur allzu oft verpuffen die Bem\u00fchungen nach einer gewissen Zeit. Au\u00dferdem handelt es sich um ein Feld, das obwohl prekarisiert, weiterhin ein hohes Ansehen genie\u00dft und mit Versprechungen von Offenheit, Innovation und Kreativit\u00e4t operiert. Wie etwa die Arbeiten zum \u201eneuen Geist des Kapitalismus\u201c(4)  gezeigt haben, wurden diese Begriffe und Konzepte l\u00e4ngst auf andere Bereiche \u00fcbertragen und haben insofern gesellschaftliche Wirkungsmacht erlangt. Auch scheint uns wichtig einzubringen, dass Kunst eine Vielfalt an wirkm\u00e4chtiger \u201eSprache\u201c bem\u00fcht, die kritisch und politisch sein kann. Es scheint uns deshalb grundlegend, dass nicht nur eine kleine Gruppe von \u201eAuserw\u00e4hlten\u201c auf B\u00fchnen auftritt oder Filmszenarien schreibt, sondern stattdessen die gesellschaftliche Diversit\u00e4t der Kultur- und Kunstschaffenden, die es jenseits der Kunsthochschulen ja durchaus gibt, in den genannten Institutionen auch repr\u00e4sentiert wird.<\/p>\n<p><em>Wie k\u00f6nnen die Zugangsbarrieren verringert werden? Werden Ma\u00dfnahmen \u2013 etwa seitens der Kunsthochschulen oder der Politik \u2013 umgesetzt oder sind sie m\u00f6glicherweise gar nicht erw\u00fcnscht? Will man lieber unter sich bleiben?<\/em><br \/>\nWir haben in unserem Abschlussbericht auf sechs verschiedene <a href=\"https:\/\/blog.zhdk.ch\/artschooldifferences\/2016\/12\/06\/art-school-differences-final-report-and-statements\/asd_kap-10_handlungsfelder\/\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Handlungsfelder  <\/a>hingewiesen, die von den Aufnahmeverfahren und deren Ausgestaltung (bspw. Informationspolitiken, finanzielle Anforderungen, Auswahlkriterien) \u00fcber die Curricula und die Bedingungen w\u00e4hrend des Studiums bis hin zu den Organisationsstrukturen und Politiken der Hochschulen reichen. Neben der Adressierung konkreter Mechanismen des Ein- und Ausschlusses von Kandidat*innen ging es auch um organisatorische, letztlich gesellschaftliche Fragen demokratischer und inklusiver Prozesse innerhalb der Kunsthochschulen und dar\u00fcber hinaus. Leider hat sich allerdings sehr gro\u00dfer institutioneller Widerstand gezeigt, den wir nicht nachvollziehen k\u00f6nnen: eine zeitgem\u00e4\u00dfe, kritische Auseinandersetzung mit den Erkenntnissen der Studie und mit <em>Diversit\u00e4t <\/em>(5), d.h. mit gesellschaftlichen Vorstellungen und der intersektionalen Verschr\u00e4nkung von Klasse, Geschlecht, Sexualit\u00e4t, race\/Ethnizit\u00e4t und K\u00f6rper und ihren Auswirkungen in Aufnahmeverfahren, Studium und Curricula sollte zum Kerninhalt der institutionellen Hochschul- und Qualit\u00e4tsentwicklung werden. Dies w\u00fcrde langfristig den Bestrebungen nach mehr internationaler Visibilit\u00e4t und gleichbleibenden oder sogar steigenden Bewerber*innenzahlen entsprechen wie eine niederschwellige Weiterf\u00fchrung der Auseinandersetzung in einem Studiengang Bachelor Art Education gezeigt hat. Die Hochschulen unterst\u00fctzen bisher diese Initiativen nicht obwohl das im Wortlaut ziemlich exakt auf die Formulierung ihrer strategischen Ziele passt und haben sich \u2013 wenn \u00fcberhaupt \u2013 lediglich mit den \u201atechnischen Fragen\u2018 wie der Formulierung von Aufnahmekriterien besch\u00e4ftigt. Es scheint uns, dass die Verweigerung der Auseinandersetzung mit diesen Inhalten auf die Sicherung eigener Privilegien und der Wahrung bestehender Machtverh\u00e4ltnisse innerhalb der Hochschulen zur\u00fcck zu f\u00fchren sind.<\/p>\n<p><em>Wie wirkt sich die Ungleichheit an den k\u00fcnstlerischen Hochschulen auf den Kunstbetrieb im Allgemeinen aus? Welche Handlungsauftr\u00e4ge ergeben sich f\u00fcr Kulturh\u00e4user, Theater, Museen, etc.?<\/em><br \/>\nBisher haben wir uns nicht konkret mit anderen Institutionen des Kunstfeldes befasst. Trotzdem scheinen uns die identifizierten Handlungsfelder aufgrund unserer Studie auch f\u00fcr Museen, Theater oder Opernh\u00e4user relevant zu sein: Wir erachten eine kritische Auseinandersetzung mit Machtverh\u00e4ltnissen, die das Kunstfeld und Gesellschaft \u00fcberhaupt regieren, als notwendig. Die Auseinandersetzung mit diesen Fragen sollte weder an k\u00fcnstlerische Produktionen, die dies in unterschiedlicher Form ja durchaus verhandeln, noch an die institutionell schwach positionierten Gleichstellung- bzw. Diversity-Fachstellen \u201aausgelagert\u2018 werden. Die eigenen Prozesse und Verfahren diesbez\u00fcglich kontinuierlich zu befragen mit dem Ziel deren Ver\u00e4nderung sollte zu einem der Kernanliegen der jeweiligen Organisationen und ihrer weiteren Entwicklung werden.<\/p>\n<p><em>Florian Walter ist Politologe und Kulturarbeiter, u.a. beim Kulturverein `waschaecht\u2018 (Wels, \u00d6sterreich) und Vorstand der Kulturplattform Ober\u00f6sterreich<\/em><\/p>\n<p>(1) Castro Varela, Mar\u00eda do Mar\/Dhawan, Nikita (2011): Soziale (Un)Gerechtigkeit. Kritische Perspektiven auf Diversity, Intersektionalit\u00e4t und Antidiskriminierung. Berlin: LIT.<br \/>\n(2) Die Bezeichnung entnehmen wir Oesch, Daniel (2006): Redrawing the Class Map. Basingstoke: Palgrave Macmillan.<br \/>\n(3) Rothm\u00fcller, Barbara (2010): BewerberInnen-Befragung am Institut f\u00fcr Bildende Kunst 2009. Wien: Akademie der bildenden K\u00fcnste. Online unter: https:\/\/www.akbild.ac.at\/Portal\/organisation\/uber-uns\/Organisation\/arbeitskreis-fur-gleichbehandlungsfragen\/endbericht.pdf?set_language=de&amp;cl=de (letzter Zugriff: 31.05.2018).<br \/>\n(4) Boltanski, Luc\/Chiapello, Eve (2003): Der neue Geist des Kapitalismus. Konstanz: UVK.<br \/>\n(5)  Steyn, Melissa (2015): Critical diversity literacy. In Vertovec, Steven (Hrsg.), Routledge International Handbook of Diversity Studies. New York &amp; Abingdon: Routledge, 379-389.<br \/>\n<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Musik \u00fcber Schauspiel bis hin zum Mediendesign \u2013 das k\u00fcnstlerische Feld ist von Vielfalt gekennzeichnet. Deutlich weniger vielf\u00e4ltig ist die soziale Zusammensetzung der Studierenden an den Kunstuniversit\u00e4ten. 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Inwiefern dieses Bild der &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.zhdk.ch\/artschooldifferences\/2018\/06\/21\/kunst-und-klasse\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Kunst und Klasse<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2485,"featured_media":4485,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":true,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[76],"tags":[],"class_list":["post-4481","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/artschooldifferences\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4481","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/artschooldifferences\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/artschooldifferences\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/artschooldifferences\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2485"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/artschooldifferences\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4481"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/artschooldifferences\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4481\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4579,"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/artschooldifferences\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4481\/revisions\/4579"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/artschooldifferences\/wp-json\/wp\/v2\/media\/4485"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/artschooldifferences\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4481"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/artschooldifferences\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4481"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/artschooldifferences\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4481"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}