{"id":193,"date":"2017-12-20T13:31:42","date_gmt":"2017-12-20T13:31:42","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/cinememoire\/?page_id=193"},"modified":"2025-02-17T17:15:10","modified_gmt":"2025-02-17T17:15:10","slug":"historische-situierung","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/cinememoire\/historische-situierung\/","title":{"rendered":"Historische Situierung"},"content":{"rendered":"<h3>Die Sechzigerjahre \u2013 eine Phase des Umbruchs<\/h3>\n<p>Ende der F\u00fcnfzigerjahre geriet die Filmindustrie in vielen L\u00e4ndern der westlichen Welt in eine Krise. Neue Generationen von Filmschaffenden machten sich bemerkbar und eroberten, ausgehend von Frankreich in \u00abneuen Wellen\u00bb die Kinos. Mit Erkl\u00e4rungen und Manifesten sagten sie sich vom bisherigen Filmschaffen los.<\/p>\n<p>In der deutschen Schweiz l\u00e4sst sich in den Sechzigerjahren ebenfalls ein Generationen- und Paradigmenwechsel beobachten, der jedoch \u2013 im Gegensatz etwa zu Deutschland und Frankreich \u2013 eher von Desinteresse am alten Filmschaffen als von dessen konfrontativer Ablehnung gepr\u00e4gt war. Die neue Generation von Filmschaffenden trat so z\u00f6gerlich auf die Bildfl\u00e4che, wie die alte abtrat. Dieses Ph\u00e4nomen ist vor allem in der Deutschschweiz zu beobachten. In der Westschweiz existierte in den F\u00fcnfziger- und Sechziger Jahre ausserhalb des Gebrauchsfilms und des aufkommenden Fernsehens keine nennenswerte professionelle Filmproduktion.<\/p>\n<p>Seit Ende der F\u00fcnfzigerjahre sind wiederholte Anl\u00e4ufe zur Erneuerung auszumachen, oft unter weitgehendem Ausschluss der \u00d6ffentlichkeit, aber erst Ende der Sechzigerjahre wurde aus zahlreichen Einzelk\u00e4mpfern eine Art Bewegung, etablierten sich eine Generation und ein neuer Zugang zum Film. Thomas Christen bemerkte zu Recht, dass diese \u00dcbergangszeit \u00abschlecht dokumentiert und kaum systematisch untersucht ist\u00bb (Thomas Christen, Der Neue Schweizer Film, in: Einf\u00fchrung in die Filmgeschichte New Hollywood bis Dogma 95, Thomas Christen, Robert Blanchet, Marburg 2008, S. 95).<\/p>\n<p>Diese L\u00fccke versucht Cin\u00e9m\u00e9moire.ch zu f\u00fcllen, indem das Projekt die Perspektive auf die Praxis der an der Produktion und Verbreitung von Filmen Beteiligten in den Sechziger- und Siebzigerjahren \u00f6ffnet. Neben Br\u00fcchen und Kontinuit\u00e4ten werden so \u00dcberschneidungen und l\u00e4nger dauernde Abl\u00f6sungen sichtbar, die bisher kaum beachtet wurden. Ein Schattendasein in der autorenfixierten Schweizer Filmgeschichtsschreibung fristete etwa bislang die Filmtechnik (Kamera, Licht, Ton, Postproduktion), deren jeweiliger Entwicklungstand \u00c4sthetik und Erscheinungsform der Filme massgeblich beeinflusste. Schweizer Filmtechniker genossen und geniessen international einen hervorragenden Ruf und entwickelten in einem Spannungsfeld von limitierten finanziellen Mitteln, hohem technischem Sachverstand und \u00fcberdurchschnittlichem Qualit\u00e4tsanspruch immer wieder innovative L\u00f6sungen.<\/p>\n<p>Das Sterben des alten Films setzte Ende der F\u00fcnfzigerjahre ein und zog sich, bestimmt von verschiedenen Reanimationsversuchen und R\u00fcckzugsgefechten, bis in die Siebzigerjahre hin. Die lange \u00dcbergangsperiode war gepr\u00e4gt von der Gleichzeitigkeit von Ungleichzeitigem. Diese Parallelen der Entwicklungen erschweren eine klare Periodisierung ebenso wie die Rekonstruktion von Kausalit\u00e4ten. Dennoch, oder gerade deswegen, wurde der \u00dcbergang vom alten zum neuen Schweizer Film in der Filmgeschichtsschreibung meist im Sinne eines radikalen Bruches interpretiert. Die oft zitierte Metapher vom \u00abJahr null\u00bb markiert den Zeitpunkt, an dem Betrachtungen abbrechen oder beginnen. So enden die beiden Standardwerke von Aeppli\/Wider und Dumont zur Schweizer Filmgeschichte 1964 respektive 1965. Herv\u00e9 Dumonts und Maria Tortajadas Folgeband Histoire du Cin\u00e9ma Suisse setzt 1966 ein.<\/p>\n<p>Die Erinnerung f\u00fchrt ein unkontrollierbares Eigenleben, sie verzerrt, l\u00e4sst aus, sch\u00f6nt oder verleiht Sinn. Darum schien es sinnvoll, gemeinsam erlebte Ereignisse oder Umst\u00e4nde von verschiedenen Zeitzeugen geschildert zu bekommen. Wichtig sind aber nicht nur Ereignisse, die Eingang in ein kollektives Ged\u00e4chtnis fanden, sondern insbesondere das Allt\u00e4gliche in der Erinnerung der Gespr\u00e4chspartner. Die Quantit\u00e4t der Erinnerungen, der Vergleich der Aussagen untereinander und schriftliche Quellen sollen es erlauben, ein Gesamtbild zu skizzieren, das nicht nur durch subjektive Einzelperspektiven \u2013 und Interpretationen \u2013 dominiert, sondern durch Vielstimmigkeit gepr\u00e4gt ist. Cin\u00e9m\u00e9moire.ch will also keine \u00abLegenden\u00bb zerst\u00f6ren. Es will durch Erinnerungen und bisher wenig ber\u00fccksichtigte Quellen ein differenziertes Bild des Filmschaffens der Sechziger- und Siebzigerjahre entwerfen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_219\" aria-describedby=\"caption-attachment-219\" style=\"width: 136px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-219 \" src=\"https:\/\/blog.zhdk.ch\/cinememoire\/files\/2017\/12\/Epelbaum_728-1-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"136\" height=\"136\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-219\" class=\"wp-caption-text\">Vital Epelbaum<\/figcaption><\/figure>\n<figure id=\"attachment_223\" aria-describedby=\"caption-attachment-223\" style=\"width: 150px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-223 size-thumbnail\" src=\"https:\/\/blog.zhdk.ch\/cinememoire\/files\/2017\/12\/foernbacher-150x131.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"131\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-223\" class=\"wp-caption-text\">Helmut F\u00f6rnbacher<\/figcaption><\/figure>\n<figure id=\"attachment_207\" aria-describedby=\"caption-attachment-207\" style=\"width: 150px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-207 size-thumbnail\" src=\"https:\/\/blog.zhdk.ch\/cinememoire\/files\/2017\/12\/boeninger-150x131.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"131\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-207\" class=\"wp-caption-text\">Ren\u00e9 B\u00f6ninger<\/figcaption><\/figure>\n<figure id=\"attachment_199\" aria-describedby=\"caption-attachment-199\" style=\"width: 150px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-199 size-thumbnail\" src=\"https:\/\/blog.zhdk.ch\/cinememoire\/files\/2017\/12\/amlser-150x131.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"131\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-199\" class=\"wp-caption-text\"><span class=\"\">Andr\u00e9 Amsler<\/span><\/figcaption><\/figure>\n<figure id=\"attachment_203\" aria-describedby=\"caption-attachment-203\" style=\"width: 150px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-203 size-thumbnail\" src=\"https:\/\/blog.zhdk.ch\/cinememoire\/files\/2017\/12\/berta-150x131.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"131\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-203\" class=\"wp-caption-text\">Renato Berta<\/figcaption><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Sechzigerjahre \u2013 eine Phase des Umbruchs Ende der F\u00fcnfzigerjahre geriet die Filmindustrie in vielen L\u00e4ndern der westlichen Welt in eine Krise. 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