{"id":373,"date":"2013-02-13T19:17:00","date_gmt":"2013-02-13T19:17:00","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/ckennel\/?p=373"},"modified":"2021-05-03T06:26:58","modified_gmt":"2021-05-03T06:26:58","slug":"meine-kreise-rahel-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/ckennel\/2013\/02\/13\/meine-kreise-rahel-2\/","title":{"rendered":"Meine Kreise \u2013 Rahel"},"content":{"rendered":"<p>Meine Kreise<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Unsere Wohnung ist zw\u00f6lf Schritte lang und zehn Schritte breit. Es gibt acht T\u00fcren und vierzehn Schrankt\u00fcren. Es hat zwei verschiedene Holzb\u00f6den, ein K\u00fcchenboden, aus aufgeklebten Fliessen, rote Fliessen im Gang und gemusterte im Bad. Alle W\u00e4nde sind weiss. Ich habe ein Bild ein meine T\u00fcr geklebt, aber es f\u00e4llt st\u00e4ndig runter. Der Gestank von altem Zigarettenrauch klebt sich fest, dringt aus allen Ritzen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ab von meinen Wegen, irgendwo im grossen Sumpf zwischen Stauffacher und Niederdorf gibt es eine verwunschene Insel. Fr\u00fcher oder sp\u00e4ter strande ich immer am Bahnhof Selnau. Halte kurz inne, schaue den verbeidr\u00f6hnenden Z\u00fcgen zu. Wo sich dieser Ort wohl befindet? Gefunden habe ich ihn noch nie. Radle weiter in Richtung unbekannt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ein Guss aus braunem Beton. Kleine Risse zeichnen Muster in die Wand. Der Rost hat sich in der linken Ecke angesiedelt. Ein oranger Sonnenschutz. Unten tost die Strasse ein Zug rattert vorbei. Platziere mich sorgf\u00e4ltig auf dem schweinrosa farbigen Stuhl. Habe einen Kaktus auf den Sims gestellt. Der Boden ist von einer gr\u00fcn-gelben Lache \u00fcberzogen, schwarze kleine St\u00fccke schwimmen darin. Lasse vorsichtig die Asche runterrieseln.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Kneife die Augen zusammen. Der Vorschlaghammer muss sich direkt neben meinem Ohr befinden. Versuche mich zu konzentrieren. Kreis reiht sich an Kreis, wo der eine endet, beginnt der n\u00e4chste. Wo sind die Linien, die Grenzen? Wie sehe ich den Unterschied? Woran halte ich mich fest? Aus welcher Richtung bin ich gekommen?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich mag meinen Schl\u00fcsselbund. Habe einen schwarzen Vogel ohne Fl\u00fcgel drangeh\u00e4ngt. Mein neuer Hausschl\u00fcssel ist rund und hat viele Einkerbungen. Der Schl\u00fcssel aus der Schule hingegen ist eckig mit Linien. Der Fahrradschl\u00fcssel hat eine schwarze Kappe auf. Ich habe noch einen ganz kleinen drangemacht, er geh\u00f6rt zu meinem Schloss.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Blau mit weissen Punkten. Unabl\u00e4ssiges Rumoren. Der lauteste Stummfilm aller Zeiten. Ich kann meine Gedanken kaum h\u00f6ren. Biege ab in einsamere Strassen, die immer gleichen H\u00e4user, Stille Balkone. Ein offenes Gartentor beim Haus Nummer neun. Personen in Kreisen, denen sie nur folgen, geh\u00f6ren weiterhin zu ihren erweiterten Kreisen. Geh\u00f6rst du also zu meinen Kreisen? Weiss mit blauem Streifen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Bass pulsiert mit einer Kraft, als m\u00fcsste er um sein Leben f\u00fcrchten. Ein Gestank kriecht in meine Nase, klammert sich fest. Dringe weiter vor in den Hamsterk\u00e4fig. Befinde mich mitten im Loch voller Menschen und Tiere. Aneinandergedr\u00e4ngt, \u00fcbereinandergestapelt, verschlungen, verknotet zu einem Brei.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Strassen sind von einer braun-grauen Schicht \u00fcberzogen. Laut Schmatzend kriechen die Autos vorw\u00e4rts. Schwer liegt der Schnee auf den Hecken, dr\u00fcckt sie zu Boden. Vorsichtig im Sumpf wandelnd versuche ich den kleinen Seen auszuweichen. Unter mir das einmalige Ger\u00e4usch irgendwo zwischen Knirschen und Platschen. Die H\u00e4user sind hier nicht mehr so dicht gestreut. Ob ich schon bald da bin. Weiss wird durch die vielen Fussabdr\u00fccke durchsichtig, dann zu Wasser und verschwindet bald ganz.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Strassenl\u00e4rm wird zu einem dichten Rauschen. Eine Bank sitzt verlassen in der Ecke, der Schnee hat sie nutzlos gemacht.\u00a0 Die Treppenstufen streben in die Unendlichkeit.\u00a0 Ein Dickicht, aus Leitungen, Pf\u00e4hlen und Kr\u00e4nen bildet sich \u00fcber mir. Darunter das unabl\u00e4ssige Gewusel der orangen M\u00e4nnchen. Ein Tunnel verbindet die eine, mit der anderen Schwestern. Im Inneren ist es ruhiger, die Autos ged\u00e4mpft. Farbige Z\u00e4hne ragen aus der Dunkelheit. Die Neonr\u00f6hren ziehen im Takt des durchrasselnden Zuges an mir vorbei.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Scheitere an der Quadratur meines Kreises. W\u00e4re gerne eckig, bleibe rund, geschmeidig und flach. Sie graben L\u00f6cher in die Stadt, spalten sie auf und l\u00f6sen die Innereien heraus. Dar\u00fcber wachen die Kr\u00e4ne m\u00e4chtig und unbeirrt. Lasse meine Finger durch den Zaun gleiten. Gnadenlos frisst sich die K\u00e4lte in mein Gesicht. Schwarze Linien spannen ein Netz \u00fcber die Stadt, werden dichter, bilden Knoten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Treppenhaus, aus den verschlossenen T\u00fcren meiner unbekannten Nachbaren riecht es penetrant nach Kurkuma. M\u00f6chte was essen, habe keinen Hunger. Habe f\u00fcnf Mal versucht dich anzurufen. Warte bis jemand kommt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Eiszapfen unter dem Vordach schmelzen langsam. Die stetigen Tropfen \u00e4tzen ein Loch in den Beton, graben tief, dem Erdkern entgegen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ohrenbet\u00e4ubendes Schnaufen. Der Mann neben mir ist von Kopf bis Fuss in neon-gelb-gr\u00fcn gekleidet. Es riecht nach letzter Nacht. Diese Farbe krieg ich nie mehr weg von meiner Netzhaut.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Br\u00fccke spannt einen grossen Bogen \u00fcber den Fluss. Dar\u00fcber wachend, in Reih und Glied, kreischende M\u00f6wen. Undichte Stellen im Boden. Quietschend und ratternd wird die Erde ausgeh\u00f6hlt. Rot und weiss soweit das Auge reicht. Schaue meinem Atem zu. Der blaue Riese ragt \u00fcber der Stadt. Linien gliedern den Himmel in graue Dreiecke. Zwischen Freakout und Werkhof befindet sich die n\u00e4chste Goldgrube. Gehe nach links, oder nach rechts? \u00d6lpf\u00fctzen bilden einen Regenbogen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Finde mich wieder in dieser Halle, gef\u00fcllt mit mehr oder weniger im Takt, h\u00fcpfenden Menschen. Die Musik ist unglaublich laut, die Trainier h\u00f6chst motiviert. Auf und ab das Geh\u00fcpfe von links nach rechts, im Kreis. Habe die Orientierung verloren. Hasple nach, springe mit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Meine Mitbewohnerin ist nicht da. Denke an ihren Lockenkopf, an das blaue Shirt mit den kleinen weissen Zebras drauf, ihre Mutter hat ihr das geschenkt. Meine Mutter hat versucht mich anzurufen. Weiss nicht was ich ihr sagen soll. Habe heute nichts zu erz\u00e4hlen. Das blaue Shirt kombiniert sie meistens mit den rostroten Hosen und den braunen Cowboystiefeln. Die Stiefel hat sie von Kalifornien mitgebracht. Denke an die Sonne, starre in den Nebel.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Habe den Briefkastenschl\u00fcssel und einen Memoriestick an meinen Bund gef\u00fcgt. Leider ist das Briefkastentor kaputt, die Zeitung nass und die Briefe bleiben bei der Post. R\u00e4ume einige Kleider auf den Dachboden, tappe im Dunkeln, stolpere \u00fcber Kisten. Es riecht nach Holz und Staub, gebe auf.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Seine Gerede bildet Blasen in meinen Kopf, die in unregelm\u00e4ssigen Abst\u00e4nden laut platzen. Schaue ihm gerne zu, wie er seine Ringe nerv\u00f6s zwischen den Fingern dreht. Einer ist mit einem grossen Totenkopf geschm\u00fcckt, ein anderer mit einem blauen Stein. Ob er sich selbst schon mal zugeh\u00f6rt hat?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Kenne die Namen auf der Anzeigetafel nicht. Viele Stimmen, Kindergeschrei. Lehne meinen Kopf gegen die k\u00fchle Scheibe. Sp\u00fcre die Vibration. Im Spiegelbild kann man die Mitfahrenden beobachten. Die Gruben sind nun stillgelegt. Verfolge mit kurzem Zucken meiner Aug\u00e4pfel die vorbeifliegenden Lichter. Endhaltestelle.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Warte auf die Tram, w\u00e4hrend Busse regelm\u00e4ssig an mir vorbei zischen. Die B\u00e4ume suchen sich ihren Weg durch das Dach, finden L\u00f6cher und ragen nun raus. Denke an das Windrad, den Drachenkopf und den fressenden Schuh. \u00a0Ich denke es kommt keine mehr.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Meine Kreise &nbsp; Unsere Wohnung ist zw\u00f6lf Schritte lang und zehn Schritte breit. Es gibt acht T\u00fcren und vierzehn Schrankt\u00fcren. Es hat zwei verschiedene Holzb\u00f6den, ein K\u00fcchenboden, aus aufgeklebten Fliessen, rote Fliessen im Gang und gemusterte im Bad. Alle W\u00e4nde sind weiss. Ich habe ein Bild ein meine T\u00fcr geklebt, aber es f\u00e4llt st\u00e4ndig runter. 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