{"id":107,"date":"2013-01-10T22:42:09","date_gmt":"2013-01-10T22:42:09","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/darstellungsformate\/?p=107"},"modified":"2013-09-23T14:30:46","modified_gmt":"2013-09-23T14:30:46","slug":"eine-kultur-der-spaltung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/darstellungsformate\/eine-kultur-der-spaltung\/","title":{"rendered":"Eine Kultur der Spaltung. K\u00fcnstlerische Forschung als Problem"},"content":{"rendered":"<p>Neue k\u00fcnstlerische Darstellungsformate etablieren sich nicht einfach als \u00dcberschreitungen von alten; sie ver\u00e4ndern vielmehr die Perspektive auf diese und lassen damit das Alte neu erscheinen und damit die eigene Tat als immer schon gerechtfertigt oder gar als h\u00f6chst notwendig. Damit verschwinden jedoch leicht die historischen Eigensinnigkeiten dessen, was \u00fcberschritten werden soll, und die Dynamiken und Spannungen zwischen den einzelnen Feldern der Kultur, des Wissens und der Politik werden auf eindimensionale Logiken der Entwicklung hin reduziert. In den meisten Diskursen zur k\u00fcnstlerischen Forschung wird dementsprechend heute ein Anspruch erhoben, dass Kunst grunds\u00e4tzlich und immer schon eine besondere Art der Wissensproduktion darstelle, dass ihr ein epistemologisches Potential innewohne, oder gar, dass sie eine \u00ab\u00e4sthetische Wissenschaft\u00bb hervorbr\u00e4chte. Dem geht die Hoffnung einher, dass die Kunst in der k\u00fcnstlerischen Forschung sich dennoch ihrer Verwissenschaftlichung entziehen werde und gleichzeitig eine neue, fr\u00f6hliche und subversive Wissenschaft in Gang zu setzen in der Lage sei. Solchen Formulierungen gegen\u00fcber scheint mir zumindest eine gewisse Skepsis angebracht, nicht nur weil sich in ihnen stark idealisierte Erwartungen an Kunst und damit ein ungebrochen substanzielles Kunstverst\u00e4ndnis ausdr\u00fcckt, sondern weil ich denke, dass sie das Problem, das im Verh\u00e4ltnis von Kunst und Forschung angesprochen wird, eher verdecken als l\u00f6sen.<\/p>\n<p>Um dieses Problem besser zu erfassen, wird es notwendig sein, erst einmal zu verstehen, warum Kunst im gel\u00e4ufigen, modernen Verst\u00e4ndnis eben nicht Wissen, Forschung oder eine Wissenschaft ist. Sie bleibt darin vielmehr stets auf Vorstellungen eines individuellen Ausdrucks, einer besonderen, kontemplativen Erfahrung oder einer energetischen Kommunikationskraft bezogen. Diese Begriffe werden zu Recht als hoch ideologisierte Konstrukte kritisiert; dennoch sind sie in sich vielschichtiger als sie in den direkten Abgrenzungsakten der k\u00fcnstlerischen Forschung manchmal erscheinen. Auch ist heute zweifellos nicht mehr jede Kunst als Ausdruck, Kontemplation oder unmittelbarer Energietransfer zu verstehen. Historisch gesprochen hat sogar genau dieses moderne Verst\u00e4ndnis von Kunst seine Wurzeln in einer Art von Wissensproduktion, zumindest innerhalb der f\u00fcr es selbst formativen Periode der europ\u00e4ischen Renaissance. Die Frage stellt sich jedoch, warum es diese Verbindung in der Moderne verloren hat; warum das enorme soziale Prestige und die daran gekn\u00fcpften institutionellen Privilegien der Kunst genau darauf basieren, dass sie nicht als Wissen, Forschung oder Wissenschaft begriffen wird.<\/p>\n<p>Entscheidend f\u00fcr eine Rekonstruktion des Problemhorizonts von Kunst und Forschung wird daher sein, die besonderen Verh\u00e4ltnisformen zwischen Ausdruck und Wissen, aktiver Welterforschung und passiver Kontemplation, energetischer und reflexiver Kommunikation in ihrer jeweiligen historischen Prozessualit\u00e4t zu verstehen. Auffallend ist vor allem, wie stark diese Begriffspaare aufeinander bezogen sind, so dass man mit gutem Grund von einem komplement\u00e4ren Verh\u00e4ltnis sprechen k\u00f6nnte; auch die historischen Dynamiken zwischen diesen Begriffen lassen sich nicht nach dem Muster eines eindimensionalen \u00dcbergangs vom Ausdruck zum Wissen, von der Kontemplation zur Vita activa, von der magischen zur rationalen Kommunikation begreifen. Vielmehr w\u00e4re auch hier eher der Zusammenhang zu wahren, das heisst, das aufeinander Angewiesene der Positionen zu sehen und diese daher eher als miteinander interagierende Spannungspole zu begreifen. Auf der Ebene der sozialen Differenzierung bilden sich die Spannungspole dieser Verh\u00e4ltnisformen zu funktional differenzierten Feldern wie etwa Kunst und Technik, Kunst und Wissenschaft, Natur- und Geisteswissenschaften aus.<\/p>\n<p>Das heisst, diese Felder differenzieren sich keineswegs nach ihren jeweils inneren Logiken aus und bringen damit autonom und rein \u00abemergent\u00bb ihre modernen Erscheinungsformen hervor; sie grenzen sich vielmehr voneinander ab, und gerade indem sie dies tun, bleiben sie auch aufeinander bezogen. Die Kunst ist daher im modernen Verst\u00e4ndnis genau das, was die Wissenschaft nicht ist und umgekehrt. Doch dieses jeweilige Sein und Nicht-Sein kann nur durch den Kontakt miteinander vermittelt werden, sonst k\u00f6nnten n\u00e4mlich die Abgrenzungsakte gar nicht vollzogen werden. Strukturell gesehen, ist also ein Mindestmass an Austausch notwendig, gerade um sich als m\u00f6glichst autonom und abgegrenzt voneinander definieren zu k\u00f6nnen. Solche Abgrenzungsakte entfalten in ihren grundlegenden Logiken bereits auf der Begriffsebene ein Wechselspiel zwischen, mit Ernst Cassirer gesprochen, Funktions- und Substanzbestimmungen. Alle Wissenschaft seit dem 18. Jahrhundert versteht sich als Aufl\u00f6sung von substanziellen Vorannahmen und als strikt funktionaler Erkl\u00e4rungsansatz. Die Gegenstandbereiche selbst m\u00fcssen allerdings vielfach erst durch substanzielle Annahmen (das Leben, die Natur) konstituiert werden. F\u00fcr die Kunst, die Geisteswissenschaften und die Philosophie sind hingegen die Substanzfragen (nach dem Muster der \u00abWas ist \u2026\u00bb-Fragen) konstitutiv geworden, als pr\u00e4gende Hintergrundannahmen auch dort, wo sie sich selbst einen scheinbar strengen Funktionalismus auferlegt haben. Tats\u00e4chlich sind so, nach C. P. Snows ber\u00fchmter Formulierung, \u00abzwei Kulturen\u00bb entstanden, die scheinbar einen jeweils vollkommen unterschiedlichen Umgang mit ihren Begrifflichkeiten, Methoden und Weltverst\u00e4ndnissen pflegen. Die Klage \u00fcber die Spaltung der Kulturen \u00fcbersieht jedoch geflissentlich die Abh\u00e4ngigkeiten dieser Kulturen voneinander und damit die Tatsache, dass es genau die Abgrenzungsakte voneinander sind, in denen sich die Moderne als Spaltung von Kulturen realisiert. Umgekehrt erscheint jedoch auch die Hoffnung, diese Spaltung durch ein wenig inter- bzw. transdisziplin\u00e4re Emphase intentional \u00fcberwinden zu k\u00f6nnen, als tr\u00fcgerisch.<\/p>\n<p>Denn hier zeigt sich das Problem, dass keineswegs leicht zu entscheiden ist, ob ein transdisziplin\u00e4rer Ansatz in welchem Bereich auch immer tats\u00e4chlich die Ordnung der Felder aufl\u00f6st und die Spaltung der Moderne aufzuheben in der Lage ist, oder ob ein solcher Ansatz eben nur jene notwendigen Ber\u00fchrungspunkte liefert, auf Grund derer sich die Felder erst voneinander abgrenzen und der somit zu deren \u00abautonomer\u00bb Begr\u00fcndung beitr\u00e4gt. Luhmann wie Bourdieu haben aus ihren h\u00f6chst unterschiedlichen Perspektiven heraus nahegelegt, dass gerade die transgressiven Logiken der Avantgarde-Tradition keineswegs ihre Ausgangsbedingungen \u00fcberwinden, sondern eher zur Stabilisierung der jeweiligen Systeme oder Felder beitragen k\u00f6nnen. Nicht nur macht erst die \u00dcberschreitung die Grenzen sichtbar und best\u00e4tigt diese in der Wiederholung, auch bilden sich in den Abgrenzungsakten jene vereinfachten Klischees des jeweils anderen aus, die ebenso zu dessen innerer Stabilisierung beitragen; und schliesslich best\u00e4tigt die kritische Abgrenzung vom anderen Feld immer auch gleichzeitig den Ort der Aussageposition im eigenen Feld. Das heisst, die Kritik etwa am Objektivismus der Naturwissenschaften im Namen eines immer schon inkarnierten Sinns oder eines situierten Wissens hebt keineswegs die Spaltung der zwei Kulturen auf, sondern best\u00e4tigt und reproduziert zuallererst diese Spaltung.<\/p>\n<p>Deshalb wird es f\u00fcr die Debatte um die M\u00f6glichkeiten und emanzipatorischen Potenziale k\u00fcnstlerischer Forschung entscheidend sein, die historischen Prozesse dieser komplement\u00e4ren Ausdifferenzierung, die darin wirkenden Logiken und ihre kulturellen Effekte besser zu verstehen. Dies wiederum setzt voraus, die Spannung zwischen Wissenschaft und Kunst nicht vorschnell aufzuheben und einer intentionsgeleiteten, letztlich eher konfusen als tats\u00e4chlich emanzipatorischen Verschmelzung das Wort zu reden. Erst die Anerkennung der Differenz erlaubt, die Frage nach den Bedingungen der M\u00f6glichkeit eines Austausches zu stellen, der tats\u00e4chlich \u00fcber die strukturell notwendigen Kontakte f\u00fcr den Systemerhalt hinausweisen k\u00f6nnte. Das Projekt \u00abk\u00fcnstlerische Forschung\u00bb muss dementsprechend von einem zweistufigen Modell ausgehen, bei dem die erste Stufe die Differenzierung der beiden Bereiche und vor allem die in dieser Differenzierung historisch entwickelten Methoden, Begriffe, Kriterien und Massst\u00e4be anzeigt und erst auf der zweiten Stufe nach M\u00f6glichkeiten einer neuen oder tats\u00e4chlich anderen Bezugnahme gefragt wird.<\/p>\n<p>Dies gilt insbesondere f\u00fcr die Entwicklung eigener Begriffe, Methoden und Kriterien f\u00fcr k\u00fcnstlerische Forschung. Denn die Verschmelzung der Felder f\u00fchrt erst einmal auch zur Verunkl\u00e4rung der Massst\u00e4be, nach denen die Ergebnisse beurteilt werden k\u00f6nnten. K\u00fcnstlerische Forschung m\u00fcsste den Spagat zwischen k\u00fcnstlerischen und wissenschaftlichen Kriterien schaffen bzw. ihnen gleichermassen gen\u00fcgen, was allerdings kaum vorstellbar ist, gerade weil diese Kriterien jeweils durch die komplement\u00e4re Differenzierung gepr\u00e4gt sind. Es kann also nicht damit getan sein, einen reinen Subjektivismus des Wissens gegen die Objektivit\u00e4tsanmassung der Naturwissenschaften ins Feld zu f\u00fchren; zwar artikuliert sich zweifellos auch im reinen Subjektivismus eine bestimmte Form von Wissen, aber eben keine nachpr\u00fcfbare, letztlich falsifizierbare Erkenntnis. Der Begriff der Forschung lebt gerade von dieser Differenz zwischen Wissen und Erkenntnis; und es ist dementsprechend genau diese Differenz, die auch in der k\u00fcnstlerischen Forschung adressiert werden muss. Hierf\u00fcr sind zweifellos die Fragen nach der politischen, \u00e4sthetischen und philosophischen Relevanz des allt\u00e4glichen, subjektiven Wissens von Bedeutung; ferner k\u00f6nnen mit gutem Recht die verdinglichende Objektkonstitution und die distanzierenden Selektionskriterien der Wissenschaft kritisch befragt oder auch die Rolle der allt\u00e4glichen Sprachspiele und epistemischen Diskurse f\u00fcr die Konstitution der Wissenschaften insgesamt zur Diskussion gestellt werden. Doch alle diese wissenschaftskritischen Argumente k\u00f6nnen nicht die grunds\u00e4tzliche Differenz von Wissen und Erkenntnis \u00fcberwinden, ohne einem irreduziblen Relativismus das Wort zu reden. Das heisst, auch die k\u00fcnstlerische Forschung muss ihren Begriff der Forschung philosophisch und wissenschaftstheoretisch ernst nehmen und darf ihn nicht zu einer schwammigen Metapher des Navigierens in unterschiedlichen Wissensfeldern degradieren.<\/p>\n<p>Gleichzeitig steht sie vor der Aufgabe, auch ihren Begriff von Kunst reflexiv zu bestimmen und diesen nicht als vagen Statthalter f\u00fcr Subjektivismus, freie Wissensassoziationen oder politische Voluntarismen aller Art einzusetzen. Gerade die Beliebigkeit solcher Bestimmungen ist ein untr\u00fcgliches Zeichen der k\u00fcnstlerisch-geisteswissenschaftlich-philosophischen Kultur und weit davon entfernt, diese in Frage zu stellen. Es kann also nicht bloss um die Aneignung von wissenschaftlichen Methoden im Sinne einer \u00aberweiterten\u00bb k\u00fcnstlerischen Praxis gehen, denn gerade diese Formen einer verwissenschaftlichen Kunst tendieren leicht dazu, ein eigenes Subfeld des Kunstfeldes und keinen tats\u00e4chlichen \u00abZwischenbereich\u00bb zu etablieren. Nur wenn diese Verfahren \u2013 und hierin unterscheiden sie sich nicht von den traditionell k\u00fcnstlerischen \u2013 auch im Sinne einer Forschung, das heisst einer Erkenntnisorientierung durch die spezifischen k\u00fcnstlerischen Methoden, eingesetzt werden, kann tats\u00e4chlich von einer k\u00fcnstlerischen Forschung gesprochen werden.<\/p>\n<p>Eine solche Erkenntnisorientierung liesse sich wohl am besten von dort aus entwickeln, wo die Bezugnahmen auf- und die Abgrenzungsakte voneinander in der Konstitution der komplement\u00e4ren Begrifflichkeiten, Logiken und Felder noch in ihrem Zusammenhang erkennbar sind. Das betrifft die k\u00fcnstlerischen Methoden selbst insofern, als diese gerade in ihrem progressiven Selbstverst\u00e4ndnis stark durch intentionale Bezugnahmen auf wissenschaftlich-technische Begriffe, wie etwa Experiment oder Labor gekennzeichnet sind, ohne dabei jedoch zumeist die Differenz im Gebrauch solcher Begriffe zu thematisieren. K\u00fcnstlerische Forschung w\u00e4re dann sinnvoll, wenn diese Begriffe nicht einfach beansprucht w\u00fcrden, sondern wenn in der Beanspruchung auch gleichzeitig die Abgrenzung sichtbar gehalten und damit ihr spezifischer k\u00fcnstlerischer Sinn artikuliert werden k\u00f6nnte. \u00c4hnliches gilt f\u00fcr die Vorstellungen einer Produktion, eines Verfahrens, einer Textualit\u00e4t oder einer Praxis, die allesamt darauf zielen, die idealistische Kategorie des Kunstwerks zu ersetzen. Doch alle diese Begriffe verankern die k\u00fcnstlerischen Arbeiten keineswegs in der Realit\u00e4t; Produktion, Verfahren, Textualit\u00e4t und Praxis sind selbst historisch zu situierende und damit zu interpretierende Begriffe, die nicht als endg\u00fcltige L\u00f6sungen f\u00fcr das Problem des Werks gelten k\u00f6nnen. Sie bleiben sogar notwendigerweise auf die Kategorie des Werks zur\u00fcckverwiesen, denn als k\u00fcnstlerische Behauptungen k\u00f6nnen sie sich gleichzeitig nur in Abgrenzung zu den reinen Formen der \u00f6konomischen Produktion, des juridischen Verfahrens, des wissenschaftlichen Texts oder der politischen Praxis begreifen. Und die Kriterien des K\u00fcnstlerischen haben sich historisch stark an der Kategorie des Werks entwickelt; sie sind nicht ohne weiteres davon abl\u00f6sbar. Daher beschreiben diese Begriffe selbst nur unzureichend die von ihnen gemeinten, transgressiven k\u00fcnstlerischen Arbeitsweisen; diese werden vielmehr nur verst\u00e4ndlich, wenn man ihre begrifflichen Definitionsversuche als spezifische \u00dcbertragungsakte von einem Feld in das andere versteht. Solche \u00dcbertragungsakte und die in ihnen wirksam werdenden Aneignungsgesten verweisen stets eher auf die Logiken und Bed\u00fcrfnisse des Felds, aus dem heraus sie vollzogen werden; sie markieren die von ihnen gebrauchten Begriffe mit einem voluntaristischen und performativen Element, das im Widerspruch zu seiner scheinbar objektiven Semantik steht. Doch w\u00e4ren sie deshalb keineswegs als vermeidbare Fehler auf dem Weg zur wahren k\u00fcnstlerischen Forschung zu begreifen; f\u00fcr diese sind sie gerade als symptomatische Faktoren konstitutiv.<\/p>\n<p>Die Bedingungen dieser \u00dcbertragsakte und Aneignungsweisen in den unterschiedlichen Milieus der jeweils eigenen \u00abKultur\u00bb zu reflektieren erscheint daher unumg\u00e4nglich. Vor allem jene Haltungen, Positionen und Selbststilisierungen, die als besondere Subjektivierungsweisen einen entscheiden Faktor k\u00fcnstlerischer Identit\u00e4tsbildungen ausmachen, k\u00f6nnen von der k\u00fcnstlerischen Forschung nicht ignoriert werden. Auch in ihnen artikuliert sich nicht ein Hindernis f\u00fcr einen Forschungsansatz, sondern die Bedingung seiner M\u00f6glichkeit. Denn selbst wenn die \u00abdistanzierte\u00bb und deshalb wiederhol- und nachpr\u00fcfbare Herangehensweise gegen\u00fcber dem subjektiven \u00abEngagement\u00bb zum eigentlichen Kriterium des wissenschaftlichen Erkenntnisgewinns geworden ist, dann heisst dies doch gerade, dass solche distanzierten Einstellungen stets auch pers\u00f6nliche Entscheidungen sowie subjektive Aneignungsformen und Bedeutungsaufladungen voraussetzen. Daran lassen sich wiederum nicht nur spezifisch k\u00fcnstlerische Fragestellungen festmachen, sondern auch solche der wissenschaftlichen Kreativit\u00e4t oder des Stils und der m\u00f6glichen Dimension eines wissenschaftlichen Werkbegriffs. Umgekehrt liesse sich von hier aus nach den \u00abdistanzierenden\u00bb Faktoren des Kunstbetriebs fragen und die Gemeinsamkeiten bzw. Differenzen der jeweiligen institutionellen Strukturen adressieren. Auch der akut subjektive Faktor einer jeden Kontextualisierung von Wissen und Erkenntnissen als der spezifisch politischen Dimension k\u00fcnstlerischer Forschung r\u00fcckt hier ins Blickfeld. \u00dcber die klassisch wissenssoziologischen oder sozialhistorischen Themenstellungen zur Funktion und den Wirkungen von Erkenntnissen oder zu den sozialen Standorten oder Aussagepositionen der wissenschaftlich bzw. k\u00fcnstlerisch t\u00e4tigen Subjekte hinaus k\u00f6nnten dabei die impliziten moralischen, politischen und kulturellen Aspekte jeder Forschung adressiert werden. Gegen\u00fcber den akademischen Herangehensweisen liessen sich hier sicherlich andere Momente mobilisieren, die mit der unterschiedlichen Institutionalisierung, den spezifischen Milieus und Erfahrungen von Kunst zu tun haben.<\/p>\n<p>Es gilt daher nicht so sehr Aspekte der jeweils anderen Kultur intentional zu beanspruchen, im positiven wie im negativen Sinn, und daraus entweder die Best\u00e4tigung des jeweils Eigenen oder auch dessen kategorische Aufl\u00f6sung abzuleiten, sondern erst einmal die immer schon vorhandenen Austauschprozesse in ihren vielf\u00e4ltigen historischen, sozialen und kulturellen Dimensionen zu adressieren. Tats\u00e4chlich existieren tiefliegende epistemische Zusammenh\u00e4nge, die sich jedoch innerhalb der Moderne vielfach erst in der Spaltung der Kulturen realisieren konnten. Es handelt sich hierbei um Aspekte der Wissenschaften und der Kunst, die in deren jeweiliger akademischer oder kunstweltlicher Selbststilisierung meist nur als sekund\u00e4r eingestuft werden. Darunter w\u00e4ren neben den Subjektivierungs- auch die \u00abObjektivierungsfragen\u00bb zu fassen, insbesondere hinsichtlich der Anordnungs- und Pr\u00e4sentationsweisen von Objekten, die der reinen Erkenntnis keineswegs \u00e4usserlich sind; sie haben im Lauf der fr\u00fchen Neuzeit den wissenschaftlichen Diskurs \u00fcberhaupt erst in Gang gesetzt, dessen Objekt- bzw. Objektivit\u00e4tsverst\u00e4ndnis mit geformt, und sie pr\u00e4gen als sammlungslogische oder \u00abarchivologische\u00bb Effekte bis heute die Diskurshorizonte in beiden Kulturen. Noch grundlegender w\u00e4re in dieser Hinsicht die metaphorische Dimension sowohl der k\u00fcnstlerischen als auch der wissenschaftlichen Begrifflichkeiten, Sprachspiele und epistemischen Diskurse zu nennen. Denn diese metaphorische Dimension beruht vielfach auf Entlehnungen von Begriffen und Vorstellungsweisen aus dem jeweils anderen Feld. Gegen jeden Begriffsrealismus ist gerade sie es, die Ver\u00e4nderung denkbar h\u00e4lt und die hermetische Schliessung der beiden Kulturen etwa in einen reinen Subjektivismus auf der einen Seite und einen ebenso reinen Objektivismus auf der anderen verhindert. Auf dieser metaphorologischen Ebene tauschen die beiden Kulturen tats\u00e4chlich zentrale Elemente ihrer Identit\u00e4tsbildungen aus, ohne sich dabei jedoch ineinander aufzul\u00f6sen. Diese Transfers in ihren unterschiedlichen historischen wie funktionalen Dimensionen oder in der besonderen, wechselseitigen Kontextualisierung zu erforschen setzt voraus, insbesondere jene Bedeutung stiftenden Akte des Austausches selbst zu adressieren. Denn in ihnen findet sich die Idee einer k\u00fcnstlerischen Forschung immer schon vorgezeichnet, sowohl in ihren Chancen und M\u00f6glichkeitsfeldern als auch in ihren Abgr\u00fcnden. Denn welche thematischen Horizonte die k\u00fcnstlerische Forschung auch immer er\u00f6ffnen wird, sie bleibt an die implizite Abgrenzung vom mythischen und religi\u00f6sen Denken im Begriff der Forschung ebenso gebunden wie an die stets mitschwingende Selbstmythisierung als Kunst und als Wissenschaft, sowie schliesslich an die eurozentrischen Dimensionen der eigenen historischen Voraussetzungen im Prozess der Ausdifferenzierung zwischen Wissenschaft und Kunst. Doch auch diese Abgr\u00fcnde er\u00f6ffnen neue M\u00f6glichkeiten, sich etwa im globalisierten Zusammenhang zunehmend als \u00abeine<i>\u00bb<\/i> Kultur der Spaltung in Abgrenzung zu und im Austausch mit anderen Kulturen zu erfahren.<\/p>\n<p><em>Anmerkung: Der Text ist in einer englischen Fassung erschienen<\/em><sup class='footnote'><a href='#fn-107-1' id='fnref-107-1' onclick='return fdfootnote_show(107)'>1<\/a><\/sup><\/p>\n<div class='footnotes' id='footnotes-107'>\n<div class='footnotedivider'><\/div>\n<ol>\n<li id='fn-107-1'> Helmut Draxler, \u00abA Culture of Division. Artistic Research as a Problem\u00bb, in: metroZones (Hg.), <i>Faith is the Place. The Urban Cultures of Global Prayers<\/i>, Berlin 2012, S. 124\u2013129. <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-107-1'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<\/ol>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Neue k\u00fcnstlerische Darstellungsformate etablieren sich nicht einfach als \u00dcberschreitungen von alten; sie ver\u00e4ndern vielmehr die Perspektive auf diese und lassen damit das Alte neu erscheinen und damit die eigene Tat als immer schon gerechtfertigt oder gar als h\u00f6chst notwendig. Damit verschwinden jedoch leicht die historischen Eigensinnigkeiten dessen, was \u00fcberschritten werden soll, und die Dynamiken und&#8230;  <a href=\"https:\/\/blog.zhdk.ch\/darstellungsformate\/eine-kultur-der-spaltung\/\" title=\"Read Eine Kultur der Spaltung. K\u00fcnstlerische Forschung als Problem\">Read more &raquo;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":869,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[64573],"tags":[],"class_list":["post-107","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-helmut-draxler"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/darstellungsformate\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/107","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/darstellungsformate\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/darstellungsformate\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/darstellungsformate\/wp-json\/wp\/v2\/users\/869"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/darstellungsformate\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=107"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/darstellungsformate\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/107\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":973,"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/darstellungsformate\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/107\/revisions\/973"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/darstellungsformate\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=107"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/darstellungsformate\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=107"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/darstellungsformate\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=107"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}