{"id":113,"date":"2013-01-05T22:47:52","date_gmt":"2013-01-05T22:47:52","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/darstellungsformate\/?p=113"},"modified":"2013-10-08T13:10:51","modified_gmt":"2013-10-08T13:10:51","slug":"alibi-agentur-geben-was-man-nicht-hat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/darstellungsformate\/alibi-agentur-geben-was-man-nicht-hat\/","title":{"rendered":"Alibi-Agentur: Geben, was man nicht hat"},"content":{"rendered":"<p>Seit 2003 arbeitet die <em>geheimagentur <\/em>als freies Label, offenes Kollektiv und als Versuch einer praktischen \u00abart of being many\u00bb im Grenzbereich von Performance, Politik und Forschung.<sup class='footnote'><a href='#fn-113-1' id='fnref-113-1' onclick='return fdfootnote_show(113)'>1<\/a><\/sup><br \/>\n<em>Die Wunder-Annahmestelle, das Casino of Tricks, die Schwarzbank<\/em> \u2013 auf der Grenze zwischen Theater und gesellschaftlichem Kontext produziert die <em>geheimagentur<\/em> Situationen und Einrichtungen jenseits g\u00e4ngiger Darstellungsformate. Auf den ersten Blick erscheinen diese Einrichtungen wie Fiktionen, doch es geht ihnen gerade darum, in der \u00f6ffentlichen Interaktion die Realit\u00e4tspr\u00fcfung zu bestehen.<br \/>\nDie <em>Alibi-Agentur<\/em>, die 2007 in Zusammenarbeit mit dem Hamburger Thalia-Theater ins Leben gerufen wurde, ist weder die neueste, noch die bekannteste dieser Einrichtungen. Sie hat jedoch in der Figur des Alibis prinzipielle Fragen von Format und Darstellung aufgeworfen, die f\u00fcr die Arbeit der <em>geheimagentur<\/em> weiterhin von zentraler Bedeutung sind. Sie werden im folgenden Text reflektiert, der aus Skripts der Alibi-Performances zusammengestellt ist.<\/p>\n<p>Die <em>Alibi-Agentur<\/em><strong> \u2013 <\/strong><br \/>\nIst ein Kollektiv, das entlastende Nachweise produziert.<br \/>\nBietet Trainingseinheiten im Alibi-Geben.<br \/>\nErforscht das Alibi als soziale Strategie und kulturelle Figuration.<br \/>\nW\u00fcrdigt das Alibi als Gegenteil von Denunziation.<\/p>\n<p>Wof\u00fcr braucht man eigentlich ein Alibi?<br \/>\nEin Alibi braucht man immer dann, wenn man einen Nachweis erbringen muss und damit Schwierigkeiten hat:<\/p>\n<p>Ich muss nachweisen, dass ich zugangsberechtigt bin.<br \/>\nIch muss belegen, dass ich qualifiziert bin.<br \/>\nIch muss dokumentieren, was ich erarbeitet habe.<br \/>\nIch muss beweisen, dass ich einreisen darf.<br \/>\nIch muss nachweisen, was ich verdiene.<br \/>\nIch muss Atteste vorlegen, wenn ich krank bin.<br \/>\nIch muss belegen, was ich ausgegeben habe.<br \/>\nIch muss belegen, dass ich existiere.<\/p>\n<p>Doch:<br \/>\nManchmal ist der Zugang nur f\u00fcr VIPs.<br \/>\nManchmal k\u00f6nnen wir etwas, k\u00f6nnen es aber nicht zeigen.<br \/>\nManchmal ist zum Dokumentieren keine Zeit.<br \/>\nManchmal sind die Gesetze ungerecht.<br \/>\nManchmal verdienen wir nichts.<br \/>\nManchmal sind wir einfach zu m\u00fcde.<br \/>\nManchmal haben wir die Quittung verloren.<br \/>\nManchmal wissen wir selbst nicht, wer wir sind.<\/p>\n<p>\u00abWas ist ein Alibi?\u00bb<br \/>\nAuf der Demo gegen das Zur\u00fcckweichen des DGB vor einer Nazikundgebung am traditionellen Ort der 1. Mai-Kundgebung rufen Hafenarbeiter und junge Autonome \u00abKeinen Fussbreit den Faschisten!\u00bb Ein Bereitschaftspolizist im Kampfanzug steht am Rande des Geschehens und antwortet auf unsere Frage, was denn eigentlich ein Alibi sei: \u00abMit guter Absicht decken.\u00bb<\/p>\n<p>Alle Leute, die wir fragen, denken an das falsche Alibi, an die Erfindung einer Geschichte, an den gef\u00e4lschten Nachweis. Das mag damit zusammenh\u00e4ngen, dass wir als <em>Alibi-Agentur<\/em> im Hamburger Thalia-Theater auftreten. Wozu sollte eine <em>Alibi-Agentur<\/em> gut sein, wenn nicht f\u00fcr die Anfertigung falscher Alibis. Wozu sollte schliesslich das Theater gut sein, wenn nicht f\u00fcr den Schein.<\/p>\n<p>Drei Punks geben zu Protokoll, dass sie, ihrer offenkundigen Verschworenheit wegen, vom Amtsrichter bereits selbst als \u00ab<em>Alibi-Agentur\u00bb<\/em>\u00a0bezeichnet worden seien. Ihre Definition dessen, was ein Alibi ist, ist die einfachste und schlagendste: \u00abEin Alibi, das ist: Wir waren die ganze Zeit zusammen.\u00bb<\/p>\n<p>Ein Alibi kann man sich nicht selbst geben. Deshalb ruft das Alibi nach Komplizenschaften. Auf den Websites kommerzieller <em>Alibi-Agenturen<\/em> ist von der Freiheit des Individuums die Rede und davon, wie sie durch \u00dcberwachung und soziale Kontrolle eingeschr\u00e4nkt werden. Sie dienen dem Einzelg\u00e4nger im Kampf gegen die Welt als gekaufte Komplizenschaft. Sie sprechen jemanden an, der sich als souver\u00e4ner F\u00e4lscher begreift, jemanden, der es geniesst, \u00fcber den Regeln zu stehen.<\/p>\n<p>Die <em>Alibi-Agentur<\/em> der <em>geheimagentur<\/em> hat einen anderen Ausgangspunkt, n\u00e4mlich die M\u00f6glichkeiten und Unm\u00f6glichkeiten des tats\u00e4chlichen Alibis. Fragen wir also noch einmal: \u00abWas ist ein Alibi?\u00bb<br \/>\nEin Alibi ist eine Zeugenschaft. Es ist eine Beziehung zwischen Menschen, in der einer bezeugt und zun\u00e4chst einmal wahrnimmt, dass der andere da ist und da war. Im Alibi geht es darum, dass Du nicht allein bist und warst, dass Du Du bist und warst und dass Du etwas getan hast, das einen Unterschied macht.<\/p>\n<p>Die Problematik, von der aus die <em>Alibi-Agentur<\/em> ihre Aktivit\u00e4t entfaltet, ist nicht urspr\u00fcnglich die, dass Du irgendwo warst und etwas getan hast, was Du nicht tun solltest, so dass dann eine F\u00e4lschung notwendig ist, um den Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Es ist vielmehr die Problematik des tats\u00e4chlichen, des ungef\u00e4lschten Alibis.<br \/>\nEs ist also die Problematik der Wahrnehmung des anderen, der Zeugenschaft f\u00fcr den anderen. Es geht um die Frage, was ein Dasein, eine Identit\u00e4t, ein Tun, das einen Unterschied macht, ein Zusammensein mit anderen konstituiert. Es geht um eine Situation unter Belastung, um den Widerstreit unterschiedlicher Logiken, die in der Beantwortung dieser Frage Raum greifen. Es geht letztlich um nichts Geringeres als darum, was im Hinblick auf die Fragen, wer wir sind, wo wir sind, mit wem wir sind und was wir tun, Wahrheit und Evidenz und Nachweisbarkeit und Sichtbarkeit konstituiert.<\/p>\n<p>Ein Motto der <em>Alibi-Agentur<\/em> lautet \u00abAlibi \u2013 geben was man nicht hat\u00bb. \u00abGeben was man nicht hat\u00bb, dieser Satz ist ein Zitat von Jacques Lacan. Jacques Lacan spielte auch in dem Vortrag eine Rolle, den Thomas Macho am zweiten Abend der <em>Alibi-Agentur<\/em> hier gehalten hat, in dem es um Doppelg\u00e4nger in den Filmen Hitchcocks ging. Thomas Macho sprach von den Monstren und den Doppelg\u00e4ngern als Station einer gef\u00e4hrdeten Konstitution des Ichs. Gelingt die Ich-Konstruktion, dann deshalb, weil das Individuum erkennt, dass all die Hauptpersonen eines Lebens, die Dinge tun und erleben, die sie vielleicht nicht einmal erleben wollten und sicher nicht geplant hatten, dennoch alle zusammen \u00abich\u00bb sind. Gelingt diese \u00abSpiegelstadium\u00bb genannte Identifikation nicht, ist die Folge eine Pers\u00f6nlichkeitsspaltung, in der man zu seinem eigenen Doppelg\u00e4nger wird oder schlimmer noch, zu dem der eigenen Mutter. In einer seltsamen Inversion des gef\u00e4lschten Alibis ist man dann tats\u00e4chlich an mehreren Orten und in mehreren Zeiten zugleich. Hier geht die Figur des Alibis in die des Gespenstes \u00fcber.<\/p>\n<p>\u00abNormal\u00bb ist dagegen weder das perfekte Gelingen noch das vollkommene Scheitern dieses Vorgangs der Identifikation, sondern eine st\u00e4ndige, mal mehr mal weniger anstrengende Weiterbesch\u00e4ftigung mit dieser Aufgabe, die zu bew\u00e4ltigen ist, damit man zuallererst als Individuum gelten kann. Mit einer Aufgabe also, die als Vorleistung des Einzelnen immer schon vorausgesetzt wird, bevor die gesellschaftlichen Ordnungen der Sichtbarkeit und der Nachweisbarkeit greifen.<\/p>\n<p>Wir sind, insofern wir die Aufgabe der Identifikation nicht ganz abschliessen k\u00f6nnen, zwangsl\u00e4ufig nicht ganz dingfest zu machen in Zeit und Raum, Funktion und T\u00e4terschaft. Dieser seltsame Zustand ist der Hintergrund, vor dem wir einander Alibis geben. Alibi \u2013 geben, was man nicht hat. Und es ist kein Zufall, dass Lacan mit dieser Formulierung nicht so sehr das Alibi zu charakterisieren versuchte, als vielmehr die Liebe \u2013 \u00abEr war die ganze Nacht bei mir\u00bb. Gemeinsam ist beiden Vorg\u00e4ngen n\u00e4mlich, dass sie an einer Logik der Verschwendung teilhaben, in der sich etwas vermehrt, indem es vergeben wird. Alibis pflegen einander gegenseitig zu st\u00fctzen. Wackelig wird das, wenn zwei wechselseitige Alibis von derselben Seite her unter Druck geraten; dann wird vom Richter eine <em>Alibi-Agentur<\/em> vermutet. Dennoch gibt es keinen Alibigeber, der in seinem Alibigeben nicht wiederum von anderen Alibigeberinnen und Alibigebern abh\u00e4ngig w\u00e4re, die seine Verortung in der sozialen Raumzeit und der Logik der Tat st\u00fctzen w\u00fcrden. Es gibt kein erstes, unersch\u00fctterliches Alibi. Wohl aber gibt es Unterschiede hinsichtlich der Situierung in der gesellschaftlichen Raumzeit. Sie kann stabil oder labil sein, denn die Relativit\u00e4t des Alibis, das urspr\u00fcngliche aufeinander Verwiesensein von Alibis, entspricht immer auch ihrem Status als soziales Kapital.<\/p>\n<p>Obwohl hier von Lacan hergeleitet, handelt es sich bei dem Zustand, zugleich eine ganze Reihe und letztlich doch kein einzelnes belastbares Alibi zu haben, nicht lediglich um eine jener existentiellen Konstellationen, die sich auf der psychodramatischen B\u00fchne des Einzelnen abspielen. Dass \u00abich\u00bb ein anderer ist, ist vielmehr ein Grundzustand des Sozialen, der st\u00e4ndig einen ganz praktischen Widerstreit hervorbringt. Diesen Widerstreit wollen wir im Folgenden schildern:<\/p>\n<p>Jeder gesellschaftliche Zusammenhang basiert auf einer Ordnung der Evidenz, die regelt, wer Teil dieses Zusammenhangs ist und wer nicht, wer wodurch einen Anspruch auf Teilhabe an diesem Zusammenhang erwirkt und damit Anspruch auf bestimmte Leistungen des gesellschaftlichen Allgemeinen geltend machen kann, und wessen Verhalten diesem Allgemeinen schadet und daher sanktioniert wird. Es handelt sich dabei um eine unvermeidliche und unhintergehbare Voraussetzung der Zivilisation. Und sagen wir es deutlich: Es gilt sie zu verteidigen, gegen jede Form adoleszenten Wahnsinns, der im Kampf mit dieser Ordnung f\u00fcr sich einen rechtsfreien Raum in Anspruch nehmen will \u2013 mit welchen Argumenten auch immer.<\/p>\n<p>Zugleich steht diese Ordnung der Evidenz aber auch zur Verhandlung und ist zivil nur solange dies der Fall ist. Und auch die Regeln dieser Verhandlung selbst weiterhin zur Verhandlung. Doch welche Ordnung der Evidenz ordnet diese Verhandlungen von Verhandlungen? Anders formuliert: Bestimmte Auseinandersetzungen dar\u00fcber, wie es um die Teilhabe am gesellschaftlichen Zusammenhang bestellt ist, liegen offen zutage, sind Teil eines politischen Gesch\u00e4fts, das auf \u00f6ffentlichen Foren geschieht. Andere Auseinandersetzungen sind unsichtbar. Und zwar nicht weil sie im Geheimen stattfinden, sondern weil es ihnen nicht gelingt, Sichtbarkeit f\u00fcr sich zu reklamieren. Sie k\u00f6nnen vor den \u00f6ffentlichen Gerichtsh\u00f6fen nicht ausgetragen werden, weil es in ihnen allererst darum geht, was als Nachweis vor diesen Gerichten \u00fcberhaupt Geltung beanspruchen kann, zum Beispiel insofern dabei die Vorleistung der Identifikation nicht erbracht werden kann.<\/p>\n<p>Dies ist das Feld, in dem sich die T\u00e4tigkeit der <em>Alibi-Agentur<\/em> zu entfalten versucht. Wenn wir also sagen, dass die <em>Alibi-Agentur<\/em> der Produktion entlastender Nachweise diene, ist damit nicht gemeint, dass wir falsche Nachweise produzieren, wo sie eben gebraucht werden. Die Produktion von Nachweisen zielt vielmehr darauf, die Frage der Nachweisbarkeit selbst zu stellen und zwar in der Form der Intervention.<\/p>\n<p>Wir wollen versuchen, dies an einem randst\u00e4ndigen Beispiel, n\u00e4mlich dem der <em>geheimagentur<\/em> selbst, zu veranschaulichen. <em>geheimagentur<\/em> ist der Name des Kollektivs, das in bestimmten Ordnungen der Sichtbarkeit das Projekt der <em>Alibi-Agentur<\/em> vertritt und verantwortet. Etwa gegen\u00fcber dem Auftraggeber, dem Thalia-Theater, oder gegen\u00fcber einer \u00d6ffentlichkeit, die aus Presse und semiprofessionellen Netzwerken der Projektemacherei besteht. Viele der Alibis, die die <em>Alibi-Agentur<\/em> produziert, haben damit zu tun, Personen aus dem Publikum eine verantwortliche Teilhabe an diesem Projekt selbst zu bescheinigen. Auf den ersten Blick k\u00f6nnte man diese Nachweise f\u00fcr falsch halten. Denn die gesellschaftliche Ordnung fragt an dieser Stelle, wessen Name unter einem Vertrag steht und wer das Geld kassiert, wenn es darum geht, Verantwortung festzumachen.<\/p>\n<p>Es gibt jedoch einen Widerstreit zwischen dieser gesellschaftlichen Ordnung und der Realit\u00e4t eines Projektes wie der <em>Alibi-Agentur<\/em>. Dieser Widerstreit betrifft das, was man heute die Partizipation des Publikums nennt. Das mag man albern finden, tats\u00e4chlich sind wir jedoch nur wegen dieses Schlagworts und seiner gegenw\u00e4rtigen Bedeutung im Kulturbetrieb heute Abend hier. Dies eben macht den Widerstreit aus: Die Teilhabe des Publikums ist hier nicht nur in dem Sinne konstitutiv, in dem sie auch nebenan im grossen Haus entscheidend ist, weil ohne Publikum keine Vorstellung stattfinden w\u00fcrde. Wir sind vielmehr hier, weil mit der <em>geheimagentur <\/em>das Versprechen verbunden ist, das Publikum in anderer Weise teilhaben zu lassen, als dies \u00fcblich ist und als dies durch den Vertrag, der beim Kauf einer Eintrittskarte zustande kommt, geregelt wird. Man k\u00f6nnte hier in einem anderen Sinne von Alibi reden \u2013 die <em>Alibi-Agentur<\/em> als Alibi-Projekt am Rande. Doch das hiesse \u00fcber Interessen von Auftraggeberinnen und Auftraggebern zu spekulieren, die uns nicht interessieren m\u00fcssen. Zu interessieren hat uns, dass unser gemeinsames Tun im Rahmen eines Abends ein Spiel mit bestimmten Regeln ist und sein soll, und zwar mit den Regeln, die sich normalerweise mit dem Kauf einer Eintrittskarte verbinden. Dumm ist, wer in Fortsetzung alter Mitmachtheater-Traditionen glaubt, das Publikum im Zuge einer Einladung zum Mittun zu erm\u00e4chtigen. Denn offensichtlich ist ja das Gegenteil der Fall: In dem Moment, in dem Sie sich hier engagieren, geben Sie Ihre Macht als Publikum auf, arbeiten mit und f\u00fcr die <em>geheimagentur<\/em> und zahlen daf\u00fcr unter Umst\u00e4nden auch noch, w\u00e4hrend die <em>geheimagentur<\/em> den durch Ihr Engagement entstehenden kulturellen Mehrwert akkumuliert und gewinnbringend in neue Engagements umsetzt. Unser Ausgangspunkt war es daher ja auch, Eintrittskarten als Alibis zu nutzen und zu vergeben.<br \/>\nVor dem Hintergrund dieses Dilemmas ist die Eintrittskarte ein Nachweis, der die Art Ihrer Teilhabe an einem Projekt wie der <em>Alibi-Agentur<\/em> gerade nicht nachweist, sondern eher verdeckt. Einen angemesseneren Nachweis sieht die derzeitige kulturelle Ordnung von Evidenzen aber nicht vor. Die n\u00e4chstbeste M\u00f6glichkeit, die wir haben, liegt also darin, Ihnen auf Wunsch eine Teilhabe zu bescheinigen, die in die andere Richtung \u00fcber das Ziel hinausschiesst. Deshalb haben wir Ihnen angeboten, sich als verantwortlich f\u00fcr eine bestimmte Funktion \u2013 beispielsweise \u00abRegie\u00bb oder \u00abB\u00fchnenbild\u00bb in den Abendzettel eintragen zu lassen oder auch Ihnen ein Praktikum f\u00fcr einen selbstgew\u00e4hlten Zeitraum zu bescheinigen. Diese Nachweise dokumentieren Ihre Art der Teilhabe an der <em>Alibi-Agentur<\/em> ebenso falsch und ebenso richtig wie der Nachweis der Eintrittskarte, nur in anderer Richtung.<\/p>\n<p>In der Performance des Publikumsalibis hat diese Gemengelage eine interessante Form angenommen: Auf die Frage, wer von Ihnen eigentlich nicht da sei, meldeten sich eine Reihe von Zuschauerinnen und Zuschauern. Sie kamen auf die B\u00fchne und konnten dort mittels eines live angerufenen Komplizen beweisen, dass sie sich zum aktuellen Zeitpunkt nicht im Theater, sondern anderswo aufhielten.<br \/>\nW\u00e4hrend das Alibi best\u00e4tigte, dass sie am fraglichen Abend nicht teilhatten, standen Sie im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit auf der B\u00fchne und erhielten dann, weil Sie nicht da waren und damit zugleich zu Mitwirkenden wurden, Ihr Eintrittsgeld von uns zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Es handelt sich bei diesem Versuchsaufbau um die Neuauflage eines anderen Setups, des Spiels n\u00e4mlich, mit dem die <em>Alibi-Agentur<\/em> ihren Anfang genommen hat. Schauplatz daf\u00fcr war ein Theater in Z\u00fcrich, in dem die <em>geheimagentur<\/em> im Rahmen der \u00abNacht der Komplizen\u00bb mit der Performance <em>Alibi \u2013 wir sind nicht da<\/em> aufgetreten ist.<sup class='footnote'><a href='#fn-113-2' id='fnref-113-2' onclick='return fdfootnote_show(113)'>2<\/a><\/sup> Die Regeln des Spiels waren einfach:<\/p>\n<p>F\u00fcnf Tage lang zogen wir durch Z\u00fcrich auf der Suche nach Alibis f\u00fcr den Abend des Auftritts. Beim Auftritt selbst teilten wir dem Publikum mit, wir seien nicht da und traten mithilfe einer Zuschauerin den telefonischen Beweis an. Die Zuschauerin kam auf die B\u00fchne und w\u00e4hlte f\u00fcnf von uns vorgegebene Telefonnummern. Sie erreichte jeweils Personen, die unseren anderweitigen Aufenthalt zum aktuellen Zeitpunkt best\u00e4tigten. In der Zusammenschau entstand ein imagin\u00e4rer Abend in Z\u00fcrich in einer Reihe von Stationen.<\/p>\n<p>Eines dieser Alibis stach heraus: W\u00e4hrend unseres Aufenthalts fanden in Z\u00fcrich die traditionellen Proteste zum 1. Mai statt. Die Presse und die gesamte b\u00fcrgerliche \u00d6ffentlichkeit war sich in ihrer Einsch\u00e4tzung einig: Den jugendlichen Chaoten gegen\u00fcber, die hier v\u00f6llig grundlos die \u00f6ffentliche Ordnung st\u00f6rten und gewaltt\u00e4tig wurden, war kein Pardon zu geben, hier war hart und mit aller Staatsgewalt durchzugreifen. Von einem kleinen Aktionsb\u00fcndnis erfuhren wir allerdings eine ganz andere Wahrheit: Da hatte eine Gruppe sehr junger politischer Aktivistinnen und Aktivisten in ihrem Kampf gegen die allenthalben voranschreitende Privatisierung und Verknappung der Bildungschancen Farbbeutel auf das entsprechende Ministerium geworfen. Grundlos erschien dies nun gerade nicht und auch nicht allzu gewaltt\u00e4tig. Die Ordnungsmacht sah das anders. Die Jugendlichen wurden festgenommen und trotz fehlender Vorstrafen auf unbestimmte Zeit, man richtete sich auf Wochen ein, in Einzelhaft gesteckt. Im Versuch ihre Kinder und Freunde freizubekommen, stiessen verzweifelte Eltern und Mitsch\u00fcler auf eine Wand \u00f6ffentlichen Ressentiments, die einer Vorverurteilung gleichkam.<br \/>\nVon der B\u00fchne aus rief besagte Zuschauerin beim Aktionsb\u00fcndnis an und erfuhr, wir k\u00f6nnten zum aktuellen Zeitpunkt nicht auf der B\u00fchne des Schiffbau-Theaters sein, weil wir durch unsere Teilnahme an der Farbbeutelaktion in Untersuchungshaft geraten seien. Ein falsches Alibi, das zugleich das richtigste war, mit dem die <em>Alibi-Agentur<\/em> es bislang zu tun hatte. Denn ein Alibi \u2013 zumal ein falsches \u2013 ist ein Akt der Solidarit\u00e4t, der in beide Richtungen weist.<\/p>\n<div class='footnotes' id='footnotes-113'>\n<div class='footnotedivider'><\/div>\n<ol>\n<li id='fn-113-1'> <a href=\"http:\/\/www.geheimagentur.net\">http:\/\/www.geheimagentur.net<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.abendschule-der-verschwendung.org\">http:\/\/www.abendschule-der-verschwendung.org <\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.the-most-wanted-works-of-art.com\">http:\/\/www.the-most-wanted-works-of-art.com <\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.getawayinfo.de\/\">http:\/\/www.getawayinfo.de\/<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.schwarzbank.org\/\">http:\/\/www.schwarzbank.org\/<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.goethe.de\/kue\/the\/pur\/geh\/deindex.htm\">http:\/\/www.goethe.de\/kue\/the\/pur\/geh\/deindex.htm<\/a> <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-113-1'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<li id='fn-113-2'> Abb. 1: geheimagentur, alibi &#8211; wir sind nicht da 2007. Postkarte. (\u00a9geheimagentur). <a href=\"https:\/\/blog.zhdk.ch\/darstellungsformate\/files\/2013\/02\/Abb_01_geheimagentur.jpg\" rel=\"lightbox[113]\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-large wp-image-125\" alt=\"Abb_01_geheimagentur\" src=\"https:\/\/blog.zhdk.ch\/darstellungsformate\/files\/2013\/02\/Abb_01_geheimagentur-687x1024.jpg\" width=\"687\" height=\"1024\" srcset=\"https:\/\/blog.zhdk.ch\/darstellungsformate\/files\/2013\/02\/Abb_01_geheimagentur-687x1024.jpg 687w, https:\/\/blog.zhdk.ch\/darstellungsformate\/files\/2013\/02\/Abb_01_geheimagentur-201x300.jpg 201w, https:\/\/blog.zhdk.ch\/darstellungsformate\/files\/2013\/02\/Abb_01_geheimagentur.jpg 699w\" sizes=\"auto, (max-width: 687px) 100vw, 687px\" \/><\/a> <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-113-2'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<\/ol>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit 2003 arbeitet die geheimagentur als freies Label, offenes Kollektiv und als Versuch einer praktischen \u00abart of being many\u00bb im Grenzbereich von Performance, Politik und Forschung.1 Die Wunder-Annahmestelle, das Casino of Tricks, die Schwarzbank \u2013 auf der Grenze zwischen Theater und gesellschaftlichem Kontext produziert die geheimagentur Situationen und Einrichtungen jenseits g\u00e4ngiger Darstellungsformate. 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