{"id":129,"date":"2013-01-13T23:00:26","date_gmt":"2013-01-13T23:00:26","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/darstellungsformate\/?p=129"},"modified":"2013-10-08T09:48:36","modified_gmt":"2013-10-08T09:48:36","slug":"hat-ihren-sonderstatus-als-religionsersatz-wohl-endgultig-verloren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/darstellungsformate\/hat-ihren-sonderstatus-als-religionsersatz-wohl-endgultig-verloren\/","title":{"rendered":"Die Kunst hat ihren Sonderstatus als Religionsersatz (wohl endg\u00fcltig) verloren"},"content":{"rendered":"<p>Das Kunstwerk als einmaliges, unwiederholbares Live-Ereignis, die leibliche Co-Pr\u00e4senz von Akteuren\/innen und von Zuschauenden: was einst das Privileg von Theater, Tanz, Konzert und Performance war, hat l\u00e4ngst s\u00e4mtliche Kunstgattungen als Imperativ erfasst. Selbst der Film, ob fiktional oder dokumentarisch die Kunstform mit dem h\u00f6chsten \u00abIllusionsquotienten\u00bb, dem gewissermassen ein Live-Charakter eigen ist, ist auf diesen Zug aufgesprungen. Davon zeugen die explodierende Anzahl grosser und kleiner Filmfestivals, deren gr\u00f6sster Trumpf weder die Filme selbst noch die Erstmaligkeit ihrer \u00f6ffentlichen Auff\u00fchrung ist, sondern die leibliche Anwesenheit von (Star)Regisseuren\/(Star)Regisseurinnen und von (Star)Schauspielern\/(Star)Schauspielerinnen.<br \/>\nAuch f\u00fcr die bildende Kunst gilt: Vernissage und Finissage werden, wo immer die finanziellen Mittel vorhanden sind, als sozio-gastronomische Events inszeniert, in deren Zentrum weniger das pr\u00e4sentierte Werk steht, als vielmehr der anwesende K\u00fcnstler\/die anwesende K\u00fcnstlerin selbst (\u00abidealerweise\u00bb bilden K\u00fcnstler\/in und Werk sowieso eine untrennbare Einheit, die im Kunstwerk sicht- und erfahrbar wird; als ein nahe liegendes Beispiel mag hier Pipilotti Rist dienen). Wo in naher Zukunft ganze Museumssammlungen allzeit auf dem eigenen Bildschirm verf\u00fcgbar sind, m\u00fcssen sich die Museen (auch dies eine Wachstumsbranche, bald jeder\/jede \u00abbedeutende\u00bb K\u00fcnstler\/in bekommt sein\/ihr eigenes Museum) etwas einfallen lassen, um das Publikum vor Ort zu bringen. Poetry-Slam, Literaturh\u00e4user, Festivals und Lesen\u00e4chte bieten Literatur und ihre Hersteller\/innen als Erlebnispackage an; die Auftrittskompetenz von Autorinnen und Autoren geh\u00f6rt mittlerweile zum Standardangebot jedes simplen Schreibkurses. Aber auch die \u00abtraditionelle\u00bb Rezeption von Literatur, das Lesen, spielt sich je l\u00e4nger je weniger im Eins zu Eins der pers\u00f6nlichen, zeitlich und \u00f6rtlich individuell gestaltbaren Lekt\u00fcre eines Textes ab, der vorg\u00e4ngig zwischen zwei Buchdeckel gepresst wurde und von A bis Z durchgelesen wird.<br \/>\nDas Lesen nicht nur journalistischer und wissenschaftlicher, sondern auch literarischer Texte hat sich fundamental ver\u00e4ndert und wird sich weiter ver\u00e4ndern; die M\u00f6glichkeiten, die das Internet bietet, werden von immer mehr Menschen immer st\u00e4rker genutzt. Das betrifft die ganze Buch- oder genauer gesagt \u00abText\u00bbkette, von der Produktion (Texte als Books on Demand oder E-Books), \u00fcber die Distribution (Bestellung direkt bei der Autorin, Online Zugriff auf entlegene oder vergriffene Publikationen), bis zur Rezeption (jede und jeder kann Leseeindr\u00fccke (mit)teilen oder gar die eigenen Texte bewerten). Doch mit den technischen Umw\u00e4lzungen ist erst ein Bruchteil der gigantischen und noch nicht absehbaren Entwicklungen und Herausforderungen benannt. Das ver\u00e4nderte Leseverhalten \u2013 neben die Lekt\u00fcre integraler Texte tritt z. B. das gezielte Absuchen einer oder vieler Textdatei(en) nach Stichw\u00f6rtern oder Schaupl\u00e4tzen, die wiederum, so sie auf einen Ort in der realen Welt verweisen, sofort auf Google Street View \u00abbesichtigt\u00bb werden k\u00f6nnen; bald wird man auch das IKEA-Sofa, auf dem der Vater seinem halbw\u00fcchsigen Sohn in einem fiktionalen Text ein Gest\u00e4ndnis abringt, sogleich zur Illustration abrufen k\u00f6nnen, oder die in der Kurzgeschichte erw\u00e4hnte Lautsprecherdurchsage am Z\u00fcrcher Hauptbahnhof als O-Ton im Internet finden \u2013 ver\u00e4ndert auch die Herstellung von Texten, also das Schreiben selbst, die gew\u00e4hlten Formate, das (Selbst-)Verst\u00e4ndnis von Autor\/in und Autorschaft sowie den Werkbegriff auf fundamentale Weise.<br \/>\nDenn was bedeuten die ver\u00e4nderten gesellschaftlichen und technischen Rahmenbedingungen f\u00fcr die k\u00fcnstlerische Produktion und damit f\u00fcr die Arbeit der Kunstschaffenden? Was bedeutet es, wenn das Urheberrecht zunehmend auf Unverst\u00e4ndnis st\u00f6sst, die Kulturkonsumentinnnen und -Konsumenten sowohl Information wie auch k\u00fcnstlerische Werke \u2013 Filme, Musik, B\u00fccher \u2013 nur noch gratis sehen, lesen und h\u00f6ren wollen, im Nachgang vielleicht zu einem besuchten Konzert oder Literaturfestival?<br \/>\nEs ist nicht allzu lange her, da war es so, dass der K\u00fcnstler\/die K\u00fcnstlerin ein Werk schuf und sich erst danach um die Verbreitung bzw. Vermarktung und Vermittlung k\u00fcmmerte. Ein Verlagsvertrag lag nicht bei der ersten Ideenskizze vor, sondern ergab sich, nachdem man das Manuskript fertig gestellt hatte. Heute braucht niemand mehr einen Verlag, um ein Buch publizieren zu k\u00f6nnen, und ein Teil der Finanzierung l\u00e4sst sich wom\u00f6glich \u00fcber die Plattform \u00ab<a href=\"http:\/\/www.wemakeit.ch\/\">www.wemakeit.ch<\/a>\u00bb\u00a0generieren; kurz, das Produkt wird verkauft, bevor es geschrieben wird. Die Unterst\u00fctzer\/innen k\u00f6nnen teilweise inhaltlich mitreden, ab zweihundert Franken den Namen einer literarischen Figur bestimmen und anderes mehr.<\/p>\n<p>\u00abWer kann sich heute noch konzentrieren?\u00bb, so die Standardfrage eines gesch\u00e4tzten und viel besch\u00e4ftigen Kollegen, der sich morgens um f\u00fcnf an den Schreibtisch setzt, um nicht von telefonischen Anfragen, Mails oder der eigenen Newsgetriebenheit abgelenkt zu werden. Wie m\u00fcsste ein Roman beschaffen sein, der die Weltwahrnehmung seiner Leser\/innen auch nur einigermassen ad\u00e4quat literarisch abbildete? Oder geht es im Gegenteil darum, der allgemeinen Verzettelung, der Aktualit\u00e4ts- und Gegenwartshysterie (\u00abNichts verpassen, bleiben Sie dran\u00bb) Koh\u00e4renz, Genauigkeit und Sorgfalt gegen\u00fcberzustellen, also die Romanwelt, so komplex sie auch ausgestaltet sein mag, trotzdem als mehr oder minder kompakte Gegenwelt zu behaupten? Dies ist eine Frage, die ich mir beim Schreiben permanent stelle, w\u00e4hrend die Schriftstellerin Katharina Hacker zum Beispiel ihre letzten B\u00fccher zweispaltig konzipiert hat, um dem Nebeneinander unterschiedlicher Lebenswelten formal und inhaltlich wenigstens etwas gerechter zu werden. Der Pr\u00e4misse folgend, dass \u00abein Ganzes\u00bb weniger ist als die Summe seiner Teile, woraus die \u00e4sthetische und ethische Notwendigkeit folgt, den Ganzheitsanspruch aufzugeben zugunsten von inhaltlicher und formaler Pluralit\u00e4t, die dezidiert fragmentarisch ausgestaltet wird und somit dem Leser\/der Leserin mehr \u00abEigenleistung\u00bb abfordert (allein das Hin und Her zwischen den beiden Spalten ist m\u00fchsam und wirft einen immer wieder von Neuem aus dem Lese- und Erz\u00e4hlfluss, in den man so gerne eintauchen w\u00fcrde), ihm oder ihr aber auch mehr Freiheit zugesteht.<br \/>\nDieses Konzept steht im Widerspruch zur eingangs skizzierten Entwicklung, denn was bedeutet die \u00abEventisierung\u00bb k\u00fcnstlerischer Darstellungsformate, die performative Inszenierung einer Lesung beispielsweise, anderes als den Zuschauern, besser gesagt den Beiwohnenden, weniger Entscheidungsfreiheit zu gew\u00e4hren. Eine Verf\u00fchrungsstrategie, die Aug, Ohr, Nase und Haut in Beschlag nimmt und der man sich offensichtlich noch so gerne hingibt. Das Publikum will geradezu seiner Autonomie beraubt werden. Peter Webers Frage \u00abWer kann sich heute noch konzentrieren?\u00bb, liesse sich vielleicht so beantworten: Der oder die, deren f\u00fcnf Sinne, Gedanken und Emotionen f\u00fcr eine Weile so in Beschlag genommen werden, dass er oder sie sich der Erfahrung nicht entziehen kann.<br \/>\nDaran schliessen sich weitere Fragen an: \u00abWie autonom bin ich als K\u00fcnstler\/K\u00fcnstlerin in meinen Entscheidungen, und wie sehr will (und kann) ich es sein?\u00bb, \u00abHat das Modell des autonomen K\u00fcnstlers tats\u00e4chlich ausgedient?\u00bb, \u00abIst der Autor schon lange tot oder suchen wir nicht trotzdem in jedem Text nach der unverwechselbaren Stimme, die nicht privat w\u00e4re, aber pers\u00f6nlich, Teil der Persona, die ihn verantwortet?\u00bb, \u00abIst der Vermittlungsaspekt, der von den Kulturf\u00f6rderern mittlerweile eingefordert wird als Teil des Projekts, nicht schon in jedem Kunstwerk selber enthalten, so es denn etwas taugt?\u00bb.<br \/>\n\u00abK\u00fcnstlerische Darstellungsformate im Wandel\u00bb ist ein buchst\u00e4blich weites Feld, das dieser Eingangstext nicht systematisch und umfassend, sondern bestenfalls punktuell beackert. Sein Format ist das einer Suchbewegung, die aus verschiedenen Gr\u00fcnden zu keinem Schluss kommen m\u00f6chte. Denn was die Autorin hier m\u00e4andrierend (und stets von diversen weiteren Verpflichtungen unterbrochen) unternimmt und herstellt, ist auch ein Abbild ihrer Lebens- und Arbeitssituation; sie konstatiert n\u00e4mlich, \u00e4hnlich wie der (Jazz)Musiker, dass sie beide vermehrt von Auftragsarbeiten, Lehrverpflichtungen und Auftrittshonoraren leben, w\u00e4hrend es vor f\u00fcnfzehn Jahren noch der Verkauf ihrer Werke (CDs, B\u00fccher, Theaterst\u00fccke) war, der den Hauptteil des Einkommens generierte.<br \/>\nDamit einher geht eine dramatische Verschiebung der investierten Arbeitszeit: weg vom grossen \u00abWerk\u00bb v\/o Roman hin zu kleineren (Auftrags-)Formaten, die allerdings gefragt sind wie nie zuvor: Kolumnen, Essays, Kurzgeschichten, meist als Termingesch\u00e4ft verfasst zu einem bestimmten Thema, f\u00fcr einen bestimmten Anlass (Jubil\u00e4en, Anthologien) oder in einem und f\u00fcr einen sonstwie zeitlich und \u00f6rtlich fixierten Kontext.<br \/>\nAls Beispiel mag hier \u00abSchreiben im (Luxus-)Hotel<i>\u00bb<\/i> dienen, ein professionell aufgezogenes Marketingprojekt der Swiss Leading Hotels: Die Anwesenheit der Autorin im Wellnesstempel als K\u00f6der f\u00fcr eine Zeitungsreportage. Eine Investition, die sich f\u00fcr das Hotel hundertfach auszahlt, bedenkt man die eingesparten Kosten f\u00fcr ein (ungleich wirkungsloseres) Inserat in derselben Zeitung. Dass die w\u00e4hrend des Gratis-Aufenthalts entstandenen Kurzgeschichten nicht unbedingt nach dem Gusto der Hotelmanager waren, steht auf einem anderen Blatt, ist aber f\u00fcr die Schreibenden (denen zuvor v\u00f6llige inhaltliche Freiheit zugesichert worden war) nicht weniger unangenehm, als f\u00fcr die Auftraggeber, die immer noch die Freiheit haben, darauf zu verzichten, die Geschichte im hoteleigenen Magazin abzudrucken. Der Werbe-Effekt ist erzielt, die Autorin zwar f\u00fcr ihre Arbeit einigermassen ad\u00e4quat bezahlt, das literarische Produkt indessen wird elegant entsorgt (denn woanders l\u00e4sst sich ein solcher, spezifisch im Kontext \u00abHotelaufenthalt\u00bb verfasster Text nur schwerlich unterbringen).<br \/>\nZwischenfrage: Was bedeutet es, wenn die Leitung eines st\u00e4dtischen Theaters sagt: \u00abdie Premiere k\u00f6nnten wir dreimal, viermal verkaufen, aber die folgenden Vorstellungen laufen meistens schlecht\u00bb? Um mehr Mittel zu generieren, werden St\u00fchle und B\u00fchnenbodenbretter \u00abverkauft\u00bb, d. h. sie bleiben dem Theater erhalten, geh\u00f6ren aber formell den Zuschauerinnen und Zuschauern, die sich damit in den Leib, in die physische Substanz des Theaters eingekauft und oft auch buchst\u00e4blich eingeschrieben haben, indem ihr Name auf die Stuhllehne platziert wird.<br \/>\nWenn sich seit Januar 2013 Radio SRF \u00a02 neu pr\u00e4sentiert, dann nach den Massst\u00e4ben, die auch die B\u00f6rsenkurse bestimmen: Aktuell, schnell, informativ, \u00abnewsig\u00bb. Radio SRF \u00a02 soll zum Begleitmedium in den Arbeitstag und sp\u00e4t nachmittags in die Freizeit werden; ein zuvor in dreieinhalb Arbeitstagen gestaltetes Format, wie die t\u00e4gliche halbst\u00fcndige Kultursendung <i>Reflexe<\/i>, soll \u2013 wen erstaunt es \u2013 so oft wie m\u00f6glich live gesendet werden, und die bezahlte Arbeitszeit wird drastisch verk\u00fcrzt auf eineinhalb Tage.<br \/>\nMehr \u00abKultur\u00bb, vornehmlich h\u00e4ppchenweise serviert, soll also mit weniger finanziellen und personellen Mitteln am Radio geboten werden. \u00abGesellschaftsrelevant\u00bb soll die im Radio pr\u00e4sentierte oder vermittelte Kunst sein, d. h. wenn eine literarische Neuerscheinung, eine Urauff\u00fchrung, eine Kunstausstellung, eine Ballettpremiere sich in den Rahmen eines tagesaktuellen Themas einpassen l\u00e4sst (Gripen\u2013Kauf, Asyldebatte, Sorgerecht), darf und soll sie gerne in Erscheinung treten; wo nicht, hat das einzelne Werk es schwer, medial wahrgenommen zu werden. Ein neuer Spielfilm, der j\u00fcngste Roman des Autors XY besitzt keinen Newswert mehr an sich.<br \/>\nLauter Ph\u00e4nomene, die mir weniger beklagens- denn bemerkenswert scheinen: \u00abDie Kunst\u00bb hat ihren Sonderstatus als Religionsersatz, als Medium, durch das sich die Wahrheit zu Wort meldet und ins Bild setzt, (wohl endg\u00fcltig) verloren. Dieser Verlust muss nicht, aber er kann <i>auch<\/i> einen Gewinn bedeuten, einen Gewinn an Diversit\u00e4t (der Kunstbegriff erweitert sich zu einem viel allgemeiner und breiter gefassten Kulturbegriff, der Volksfeste ebenso einschliesst wie soziokulturelle Animationsprojekte), einen Gewinn an Teilhabe und Teilnahme vieler.<br \/>\n\u00abDie Kunst\u00bb hat sich, so scheint es, sowohl in ihrem Selbstverst\u00e4ndnis wie auch in ihrer Rezeption, sukzessiv verabschiedet aus dem Elfenbeinturm, in den sie sich eine Zeitlang, die Pr\u00e4misse der \u00abKunstfreiheit\u00bb f\u00fcr sich in Anspruch nehmend und ihr folgend, zur\u00fcckgezogen hatte.<br \/>\nErika Fischer-Lichte definiert (nicht propagiert!) \u00abKunstfreiheit\u00bb in ihrem Buch <i>\u00c4sthetik des Performativen<\/i> als absolute Spaltung zwischen Kunst und Realit\u00e4t: \u00abKunstwerke meinen niemals, was sie zeigen oder sagen. Sie d\u00fcrfen nicht als politische oder moralische Statements missverstanden werden, nicht als Pornographie oder Blasphemie, auch wenn es den Anschein machen mag \u2013 sie bedeuten etwas ganz anderes, sind von der Wirklichkeit durch eine tiefe Kluft getrennt.\u00bb<sup class='footnote'><a href='#fn-129-1' id='fnref-129-1' onclick='return fdfootnote_show(129)'>1<\/a><\/sup><\/p>\n<p>Wenn der ehemalige Direktor der Pro Helvetia, Pius Kn\u00fcsel, in einem Referat vor vier Jahren, eben dieser Kunstfreiheit einen gravierenden Bedeutungsverlust der Kunst anlastet, trifft er einerseits zwar ins Schwarze, es muss ihm andererseits aber heftigst widersprochen werden: Das einzelne Kunstwerk hat wohl an Bedeutung verloren, nicht aber \u00abdie Kunst\u00bb in all ihren Ausformungen und Formaten, eben weil sie sich in den letzten Jahren deutlich hin zum Publikum entwickelt hat, die Grenzen zwischen \u00abKunst\u00bb und \u00abLeben\u00bb st\u00e4ndig \u00fcberschreitet, die Unterscheidung von Produzent und Konsument teilweise obsolet macht.<br \/>\nDer Preis daf\u00fcr sind allerdings Ph\u00e4nomene, wie die eingangs beschriebenen. Die Pr\u00e4sentation der Werke ist wichtiger geworden als die Werke selbst bzw. die Pr\u00e4sentation ist integraler Bestandteil des Werks, macht das Werk erst ganz.\u00a0Wenn das Literaturhaus Z\u00fcrich seine Saison er\u00f6ffnet, zieht es aus Platzmangel um ins Zunfthaus zur Meisen, das eine Viertelstunde vor Veranstaltungsbeginn gerammelt voll ist.<br \/>\nDargeboten wird aber keine Lesung, sondern es werden vier mehr oder weniger Prominente aus dem st\u00e4dtischen Kulturleben (die damit durchaus einverstanden sind) dem Publikum vorgef\u00fchrt in ihrem Bem\u00fchen, je einen ersten Satz zum Klappentext eines existierenden Buches zu erfinden, dessen Titel zun\u00e4chst geheim bleibt.\u00a0Nach f\u00fcnf Minuten ist die Schreibarbeit getan; der Sieger\/die Siegerin wird vom Publikum gek\u00fcrt, das in einer zweiten Runde herzlich eingeladen ist, selber einen ersten Satz zu verfassen zu einem zweiten Klappentext, der von einer echten Schauspielerin vorgetragen wird.<br \/>\nDie drei besten S\u00e4tze aus dem Publikum werden von einer Jury gek\u00fcrt, die aus zwei ebenfalls echten und ebenfalls anwesenden Schriftsteller\/innen besteht. Zu gewinnen gibt es einen Restaurantgutschein sowie Gratiseintritte zur Lesung des internationalen Literatursuperstars Carlos Ruiz Zafon; das ganze Happening wird launig pr\u00e4sentiert von einer popul\u00e4ren Spitzenkraft der Moderatorenzunft.<\/p>\n<p>So weit, so gut. Ist das eine Form von echter Partizipation? Ist das die Demokratisierung der Kunst? Jeder ein Autor, jede eine K\u00fcnstlerin \u2013 die Vision von Joseph Beuys hat sich in gewisser Weise tats\u00e4chlich verwirklicht, zumindest, wenn wir von den Privilegierten dieser Welt sprechen. Damit haben sich Grenzen definitiv verwischt und zwar mehrere: Zwischen Leben und Kunst, zwischen Laien- und Hochkultur, zwischen Kunstproduzent\/innen und \u2013Rezipient\/innen, zwischen Dokumentation und Fiktion. Denn seit l\u00e4ngerem gilt: Je weniger \u00abKunstcharakter\u00bb ein Kunstwerk hat, je n\u00e4her am Leben, umso besser, d. h. umso erfolgreicher ist es.<br \/>\n\u00abDer Mensch vermag die unsichtbaren Kr\u00e4fte, welche die Welt durchwirken, letztlich nicht in seine Gewalt zu bringen\u00bb<sup class='footnote'><a href='#fn-129-2' id='fnref-129-2' onclick='return fdfootnote_show(129)'>2<\/a><\/sup>, schreibt Erika Fischer-Lichte und attestiert der Performance, dass sie, indem sie dem nicht Vorhersagbaren, dem nicht bis ins letzte Detail Planbaren Raum gibt, jene Qualit\u00e4t erreicht, die direkt ins Leben transferiert werden kann.<br \/>\nWenn wir seit einiger Zeit Gruppenlesungen \u2013 ein boomendes Format, wer will schon nur einen Autor\/eine Autorin sehen und h\u00f6ren, wenn es auch drei oder vier im Angebot gibt \u2013 als Text-Improvisationen gestalten, d.h. existierende Texte werden als Quodlibet dargeboten, h\u00e4ppchenweise, unabgesprochen fallen wir einander ins Wort, lesen parallel, lassen Textmusik entstehen, dann lassen wir uns ein auf das Unbestimmbare, Unbeherrschbare. Querbez\u00fcge stellen sich her, die Texte beleuchten einander, er\u00f6ffnen neue Assoziationsr\u00e4ume. Der Zwiespalt aber bleibt, denn eben die Form ist es, die den Kunstcharakter ausmacht. Der Simulationsraum, den ein literarisches Werk, ein Theaterst\u00fcck er\u00f6ffnet, ist das eigentliche einer k\u00fcnstlerischen Leistung; gerade dass in ihm und mit ihm durchgespielt werden kann, was sich nicht realisieren muss \u2013 Gewalt, Liebesverrat, Rausch, etc. \u2013 l\u00e4sst uns Leser\/innen und Theaterg\u00e4nger\/innen den Entscheidungsspielraum erfahren, den wir in unserem Leben haben.<br \/>\nDieser Text ist ein paar Monate alt; ich habe ihn f\u00fcr die heutige Veranstaltung durchgesehen und, wo geboten, aktualisiert; keine Konklusion, habe ich damals geschrieben, &#8211; dass dieser Text zu keinem Schluss kommen m\u00f6chte, schrieb ich; dass er angewiesen sei auf Leserinnen und Leser, die ihn nicht zu einem Ganzen machen, sondern Teile davon weiterspinnen und viele weitere Aspekte in ihn einbringen, sei die Hoffnung, die diesem Text innewohne.<\/p>\n<p>Heute m\u00f6chte ich einen Schritt weitergehen, indem ich zur\u00fcckkomme auf ein paar Begriffe, die den Text explizit und implizit tragen: Autorschaft, Pers\u00f6nlichkeit, Verantwortung. Ist es verwegen oder gar vermessen, wenn K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstler, wenn ich als Autorin dieses Textes und anderer, geschriebener und noch ungeschriebener Texte, diese drei f\u00fcr mich in Anspruch nehme. Den konstatierten Ph\u00e4nomenen bin ich ja nicht einfach ausgeliefert, ich gestalte sie mit oder verweigere mich in meiner und mit meiner Arbeit den vermeintlichen Zw\u00e4ngen und Forderungen. Wenn ein Kollege in einem Gespr\u00e4ch mich darauf aufmerksam macht, dass ein gewisser Widerspruch bestehe, wenn ich einerseits die Personalisierung und damit auch das st\u00e4rkere Gewicht, das der Pers\u00f6nlichkeit eines K\u00fcnstlers\/einer K\u00fcnstlerin beigemessen wird, beklage, und andererseits das Verschwinden eben jener Pers\u00f6nlichkeit in Politik, Wirtschaft und Kunst, muss ich ihm teilweise Recht geben. Es ist ein Dilemma, dem wir nicht ganz entkommen, wenn wir als K\u00fcnstler\/innen unsere Werke ins Zentrum stellen, diese aber als Pers\u00f6nlichkeiten verantworten wollen, ohne damit das eigene Werk zum Verschwinden zu bringen; auf Autorschaft beharrend, das Werk ins Zentrum stellend.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div class='footnotes' id='footnotes-129'>\n<div class='footnotedivider'><\/div>\n<ol>\n<li id='fn-129-1'> Erika Fischer-Lichte, <i>\u00c4sthetik des Performativen<\/i>, Frankfurt a.M. 2004 <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-129-1'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<li id='fn-129-2'> Ebd. <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-129-2'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<\/ol>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Kunstwerk als einmaliges, unwiederholbares Live-Ereignis, die leibliche Co-Pr\u00e4senz von Akteuren\/innen und von Zuschauenden: was einst das Privileg von Theater, Tanz, Konzert und Performance war, hat l\u00e4ngst s\u00e4mtliche Kunstgattungen als Imperativ erfasst. 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