{"id":357,"date":"2013-01-08T17:34:24","date_gmt":"2013-01-08T17:34:24","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/darstellungsformate\/?p=357"},"modified":"2013-10-08T13:00:03","modified_gmt":"2013-10-08T13:00:03","slug":"357","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/darstellungsformate\/357\/","title":{"rendered":"\u00abDiese grosse, die ganze Welt einschliessende Gestikulation\u00bb"},"content":{"rendered":"<p>Am 28. und 29. September 2012 fand an der Z\u00fcrcher Hochschule der K\u00fcnste die Tagung \u00abK\u00fcnstlerische Darstellungsformate im Wandel\u00bb statt, die sich neuen k\u00fcnstlerischen Formaten in Film, Theater und bildender Kunst widmete. Zu diesem Anlass unterhielt sich Vera Ryser mit Milo Rau \u00fcber das Format des Reenactments, Blondinenwitze, den K\u00fcnstler als Ingenieur und die Organisationsstruktur des International Institute of Political Murder (IIPM).<sup class='footnote'><a href='#fn-357-1' id='fnref-357-1' onclick='return fdfootnote_show(357)'>1<\/a><\/sup><\/p>\n<p><em>Vera Ryser: Was kennzeichnet das Reenactment als distinktes Format?<\/em><br \/>\nMilo Rau: \u00abReenactment\u00bb ist ein weiter Begriff und jeder verwendet ihn anders. Das geht von einem eher aktionistisch-politischen Verst\u00e4ndnis des Formats \u00fcber ironisch-postmoderne Mimikry-Formate bis zu einer technisch-reproduktiven Vorstellung, in der \u00abhistorische Korrektheit\u00bb eine grosse Rolle spielt. Wenn Nikolai Evreinov 1920 den <em>Sturm auf den Winterpalast<\/em> reinszeniert als Allegorie auf den Sieg des Proletariats, dann hat das mit der peniblen Art und Weise, wie Romuald Karmakar das Format zum Beispiel in <em>Der Totmacher<\/em> verwendet und schliesslich den kom\u00f6diantischen Reenactment-Szenen in <em>Be Kind Rewind<\/em> von Michel Gondry fast gar nichts zu tun. Ja, dieses Format ist so weit und undefiniert, dass die Frage eher ist, ob es \u00fcberhaupt eine sinnhafte k\u00fcnstlerische Geste gibt, die nicht in irgendeiner Weise ein \u00abReenactment\u00bb ist.<\/p>\n<p><em>Ryser: Sie haben in einem Interview einmal gesagt, ein Reenactment sei wie Situationismus r\u00fcckw\u00e4rts. K\u00f6nnen Sie das erl\u00e4utern?<\/em><br \/>\nRau: Das ist ein Wortspiel, das zwei Dinge zusammenbringt, die f\u00fcr mich sehr zentral sind: Erstens, dass Reenactments \u00abSituationen<em>\u00bb<\/em> herstellen, also keine toten Abbilder oder Reproduktionen sind, wie es das platonische Vorurteil will, sondern szenische Entscheidungszusammenh\u00e4nge, die politischen und, was widerspr\u00fcchlich wirken mag, durchaus auch utopischen Gehalt haben k\u00f6nnen. Und zweitens, dass Reenactments wie Walter Benjamins Engel der Geschichte, in die Vergangenheit schauen, nach r\u00fcckw\u00e4rts, auf Ereignisse, die auf seltsam untote Weise wirksam geblieben sind, \u00abnicht verarbeitet wurden\u00bb, wie man so sagt. Was bei einem Reenactment z\u00e4hlt, ist der Akt der Vergegenw\u00e4rtigung, die Herstellung einer solchen, im besten Sinn: revisionistischen Situation. Das historische Wissen, das dabei herausspringt, ist nur Mehrwert.<\/p>\n<p><em>Ryser: Sie gelten in Theaterkreisen vor allem durch ihre beiden Grossprojekte <\/em>Die letzten Tage der Ceausescus<em> und <\/em>Hate Radio<em> als Reenactment-Spezialist. Wie unterscheiden sich die beiden Arbeiten und wie hat sich ihre k\u00fcnstlerische Auseinandersetzung mit dem Reenactment im Verlauf dieser beiden Arbeiten gewandelt?<\/em><br \/>\nRau: <em>Die letzten Tage der Ceausescus<\/em> setzt eine Folge von Videogrammen in Szene, die zu den ber\u00fchmtesten der Fernsehgeschichte geh\u00f6ren: die Verurteilung und Erschiessung des Ehepaars Ceausescu im Dezember 1989. Es ging mir hier darum, einem Videofilm, den jeder kennt und der gewissermassen durch sich selbst \u00fcberschrieben ist, wieder einen K\u00f6rper, eine Situation, eine Unvollendetheit zu geben, ihn neu zu verhandeln. <em>Hate Radio<\/em> dagegen zeigt etwas, das niemand kennt und nie fotografiert wurde, n\u00e4mlich das Innere des ruandischen Radiostudios RTLM, das am Ende des Genozids zerst\u00f6rt wurde. Ganz anders als bei den <em>Ceausescus<\/em> verzichte ich in <em>Hate Radio<\/em> auf alle Bilder oder Sounds, die in irgendeiner Weise f\u00fcr das verhandelte Ereignis stehen. Es gibt keine Sch\u00e4del, keine Macheten, kein \u00abafrikanisches\u00bb Geschrei, nichts von alldem. Die beiden Projekte sind also, rein vom Ansatz her, in weitest m\u00f6glicher Entfernung voneinander angesiedelt.<\/p>\n<p><em>Ryser: Sie haben sich durch Ihre Reenactments ein eigenes Format der k\u00fcnstlerischen und wissenschaftlichen Dokumentation historischer Ereignisse geschaffen. Was zeichnet diesen spezifischen Arbeitsprozess aus?<\/em><br \/>\nRau: Der erste Schritt ist eine lange Phase der Recherche. Ich fahre an die Orte, an denen die jeweiligen Ereignisse stattgefunden haben, ich spreche mit Menschen, die daran beteiligt waren. Es geht hier \u2013 neben der M\u00fche um eine bestimmte Korrektheit, denn nat\u00fcrlich muss zuerst das \u00abWas\u00bb und das \u00abWie\u00bb gekl\u00e4rt werden \u2013 darum, an die Atmosph\u00e4re eines Vorgangs, einer speziellen historischen Situation heranzukommen. Der zweite, entscheidende Schritt ist die k\u00fcnstlerische Aktualisierung. Ich glaube, dass hier der Begriff \u00abDokumentation\u00bb irrt\u00fcmlich ist, denn worum es mir geht, ist die Entfaltung der Bedeutungsdichte eines speziellen Ereignisses im Jetzt, nicht um eine szenische Anordnung von Dokumenten. Theater ist, so wie ich es verstehe, kein Informationsmedium, es ist auch kein Medium der Erkl\u00e4rung, es ist ein Medium der Vergegenw\u00e4rtigung, oder besser: der Erzeugung von Gegenw\u00e4rtigkeit. Und das ist f\u00fcr viele das Entt\u00e4uschende (oder Verwirrende) an meinen Projekten, dass man in ihnen vom dokumentarischen Standpunkt her eigentlich nicht sehr viel erf\u00e4hrt, weniger als in einem 5min\u00fctigen TV-Feature, wie es zu <em>Hate Radio<\/em> in der <em>S\u00fcddeutschen<\/em> hiess.<\/p>\n<p><em>Ryser: Die Arbeit an der detailgetreuen Abbildung von wichtigen geschichtlichen Ereignissen ist immer auch eine politische. Wie verbinden Sie den k\u00fcnstlerischen und den politischen Anspruch an Ihre Produktionen?<\/em><br \/>\nRau: Diese beiden Aspekte verbinden sich von allein, im Angesicht der Inszenierung, k\u00f6nnte man sagen \u2013 n\u00e4mlich in der Reaktion des Publikums, der \u00d6ffentlichkeit. Auf letztlich nicht planbare Weise werden die Zuschauer selbst zu Akteuren, und zwar nicht, indem ich ihnen irgendein konkretes Angebot mache, sondern indem ich eine ausreichend komplexe k\u00fcnstlerische Situation schaffe, zu der sie sich verhalten m\u00fcssen. Letztlich geht es um eine Art der Anschlussf\u00e4higkeit, die sich selbst verbirgt, um eine Entordnung des Dokumentarischen in einer scheinbar realen Situation. Warum tr\u00e4gt die Massenm\u00f6rderin, die man in <em>Hate Radio<\/em> auf der B\u00fchne steht, ein Nelson-Mandela-T-Shirt? Warum sind diese tropischen Faschisten alle so entspannt und warum hassen sie Hitler so sehr? Und wieso f\u00fchren die postkolonialen linksliberalen Vorurteile, die doch alle eigentlich super sind, direkt in den Massenmord? Kurz gesagt: Wo die Kunst das Durcheinander des Realen nicht sch\u00f6n brav dokumentarisch auseinander sortiert, sondern \u00aben bloc<em>\u00bb<\/em> und im Gewusel aufmarschieren l\u00e4sst, wird es automatisch verwirrend und damit politisch.<\/p>\n<p><em>Ryser: Ihre Projekte entstehen in Zusammenarbeit mit dem von Ihnen gegr\u00fcndeten und geleiteten <\/em>International Institute of Political Murder<em><sup class='footnote'><a href='#fn-357-2' id='fnref-357-2' onclick='return fdfootnote_show(357)'>2<\/a><\/sup>, einer Art Produktionsgesellschaft aus k\u00fcnstlerisch und forschend t\u00e4tigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Was erm\u00f6glicht diese Mischung aus Praxis und Theorie?<\/em><br \/>\nRau: Meine praktische Arbeit ist immer theoretisch und vice-versa. Ich denke, dass die Trennung zwischen dem sogenannt \u00abtheoretischen\u00bb und dem sogenannt \u00abpraktischen\u00bb Feld der Besch\u00e4ftigung mit der Welt an einer zutreffenden Beschreibung dessen vorbeigeht, was \u00abIn-der-Welt-Sein\u00bb k\u00fcnstlerisch eigentlich meint. Vielleicht kennen Sie diesen Witz: Eine Blondine geht zum Friseur. Der Friseur bittet sie, den Walkman abzunehmen, damit er ihr die Haare schneiden kann, doch die Blondine weigert sich. Wie es bei Witzen der Fall ist, fragt er dreimal, und die Blondine sagt dreimal nein, sie wolle den Walkman aufbehalten. Schliesslich verliert der Friseur die Nerven, schnappt sich den Walkman und schleudert ihn in die Ecke. Nach wenigen Sekunden bricht die Blondine tot zusammen. Der Friseur will jetzt nat\u00fcrlich wissen, was sich seine Kundin da Lebenswichtiges angeh\u00f6rt hat und setzt sich die Kopfh\u00f6rer auf: \u00abEinatmen, ausatmen, einatmen, ausatmen\u2026\u00bb<br \/>\nWorauf ich damit hinauswill: Das \u00abpraktische Tun\u00bb und das \u00abtheoretische Wissen\u00bb als distinkte Funktionen gibt es nur in Blondinen-Witzen und in streng schulischen Kontexten. Das IIPM beendet also eine \u2013 \u00fcbrigens geistesgeschichtlich sehr junge \u2013 Unterscheidung oder, um Ihr sch\u00f6nes Wort aufzunehmen, eine willk\u00fcrliche Ent-Mischung von Theorie und Praxis, von Vor-Sagen und Nach-Machen. Nat\u00fcrlich spreche ich hier nicht von Kernphysik oder Elektrotechnik, da masse ich mir keine theoretische Kennerschaft an, sondern von Bereichen, die f\u00fcr Theater und Film relevant sind.<\/p>\n<p><em>Ryser: Die Personalstruktur des <\/em>IIPM \u2013 International Institute of Political Murder<em> erinnert in seiner Aufteilung in ein \u00abExecutive Committee\u00bb, \u00abDepartments\u00bb und \u00abAmbassadors\u00bb an eine Mischung aus einem wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und diplomatischen Unternehmen. K\u00f6nnen Sie das kommentieren?<\/em><br \/>\nRau: Das IIPM ist etwas von alldem. Es ist rein rechtlich eine GbR, also eine \u00abwirtschaftliche\u00bb Produktionsgesellschaft f\u00fcr meine Projekte. Gleichzeitig ist das IIPM aber auch mehr, zum Beispiel ein \u00abdiplomatisches\u00bb Institut in der Internationalit\u00e4t der Produktionsstrukturen, der Themen und des Publikums. Projekte wie <em>Hate Radio<\/em> oder aktuell die <em>Moskauer Prozesse<\/em>\u00a0m\u00fcssen vor Ort vorbereitet werden, da geht es um eine sehr reale Form von Diplomatie, sonst kommt man nicht an die entscheidenden Gespr\u00e4chspartner ran, von einem Casting oder einer Auff\u00fchrung ganz zu schweigen. Und ein \u00abwissenschaftliches\u00bb Institut ist das IIPM im Versuch, institutionelle Grenzen (wie etwa die zwischen \u00abPraxis\u00bb und \u00abTheorie\u00bb) zu transzendieren, sowohl in der Form der Arbeit wie auch in ihren konkreten Ergebnissen.<\/p>\n<p><em>Ryser: Sie haben Anfang 2009 das Manifest \u00abWas ist Unst\u00bb<sup class='footnote'><a href='#fn-357-3' id='fnref-357-3' onclick='return fdfootnote_show(357)'>3<\/a><\/sup> in der NZZ ver\u00f6ffentlicht und platzieren dieses auch sehr prominent auf der Internetseite des IIPM. Mich interessiert Ihre formale Orientierung an avantgardistischen Manifesten der Moderne sowie Ihre Distanzierung dazu.<\/em><br \/>\nRau: Ich orientiere mich in \u00abWas ist Unst?\u00bb und auch in den anderen, weniger verbreiteten Manifesten des IIPM bewusst an der Moderne. Die grosse, die ganze Welt einschliessende Gestikulation der Generation um Eisenstein, Marinetti, Majakowski entspricht mir mehr als dieses pseudokritische Suchen nach dem Minimaldissens, wie es in der sp\u00e4ten Postmoderne praktiziert wurde. Ich bin ja in den 90er und fr\u00fchen Nuller-Jahren erwachsen geworden, und damals hatte man die Wahl zwischen \u00fcbertriebener Authentizit\u00e4t oder hysterischer Ironie, was beides nicht sehr befriedigend war. Dieses Aufbl\u00fchen des postmodernen Egos in irgendwelchen minorit\u00e4ren Differenz- und Authentizit\u00e4ts-Orgien hat mich immer total gelangweilt, ich will nicht wissen, wie mein Wohnungsnachbar sich gef\u00fchlt hat, als er sich von seinem letzten Freund oder seiner letzten Freundin getrennt hat. Die futuristische Idee, dass der K\u00fcnstler zugleich Politiker und Wissenschaftler ist, der die Nerd-Brille des kleinb\u00fcrgerlichen Intellektuellen gegen die Arbeitskleidung des Ingenieurs vertauscht, entspricht mir da eher.<\/p>\n<p>Das Interview erschien in gek\u00fcrzter Form im ZETT-Magazin\u00a02\/2012 der Z\u00fcrcher Hochschule der K\u00fcnste.<\/p>\n<div class='footnotes' id='footnotes-357'>\n<div class='footnotedivider'><\/div>\n<ol>\n<li id='fn-357-1'> Abb. 1: Thomas C. Lea <em>III. Fighter in the Sky<\/em>. U.S. Army Center for Military History, Washington, D.C. <a href=\"https:\/\/blog.zhdk.ch\/darstellungsformate\/files\/2013\/02\/Abb_01_Rau-Ryser.jpg\" rel=\"lightbox[357]\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-thumbnail wp-image-359\" alt=\"Abb_01_Rau-Ryser\" src=\"https:\/\/blog.zhdk.ch\/darstellungsformate\/files\/2013\/02\/Abb_01_Rau-Ryser-300x179.jpg\" width=\"300\" height=\"179\" srcset=\"https:\/\/blog.zhdk.ch\/darstellungsformate\/files\/2013\/02\/Abb_01_Rau-Ryser-300x179.jpg 300w, https:\/\/blog.zhdk.ch\/darstellungsformate\/files\/2013\/02\/Abb_01_Rau-Ryser.jpg 539w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a> <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-357-1'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<li id='fn-357-2'> <a href=\"http:\/\/international-institute.de\/?page_id=175\">http:\/\/international-institute.de\/?page_id=175<\/a> <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-357-2'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<li id='fn-357-3'> <a href=\"http:\/\/international-institute.de\/wp-content\/uploads\/sonstige%20bilder\/was%20ist%20UNST.pdf\">http:\/\/international-institute.de\/wp-content\/uploads\/sonstige%20bilder\/was%20ist%20UNST.pdf<\/a> <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-357-3'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<\/ol>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 28. und 29. 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