Biophilia

Gefäße Biophilia, Stoft Studio, 2015; Ausführung: ZolArt, Malmö, Schweden; Keramik, Porzellan, schamottiertes Steinzeug, Irdenware; KGM Berlin, Inv. 2015, 11 a-d / Ankauf von den Künstlern

Brooke Jackson

Sehen, hören, fühlen

Der Tastsinn des Menschen ermöglicht, mit den Händen Formen und Strukturen zu spüren. Verschiedenste Zellen reagieren unterschiedlich auf Gewicht, Vibration und Oberflächen der berührten Objekte und senden ein Signal an das Gehirn, welches zu einer dreidimensionalen Wahrnehmung des Objektes führt. Die haptische Qualität von Objekten (insbesondere Gebrauchsgegenständen) ist ein wichtiger Faktor für deren Verwendung im Alltag. Im Museum verlieren die Objekte oft aus konservatorischen Gründen und durch die Präsentation in Vitrinen ihre haptischen Eigenschaften. 

Bei der Befragung von Museumsbesucher*innen wurde die Hypothese bestätigt, dass der Tastsinn sowie das Hören eine wichtige Ebene der Museumserfahrung bilden und diese sinnliche Erfahrung wünschenswert ist. Die sinnliche Erfahrung von Objekten öffnet unterschiedliche Zugänge zu dem Objekt, die durch die bloße visuelle Wahrnehmung nicht ermöglicht wird. Durch das Berühren wird ein anderer Zugang zum Objekt und seiner Funktion geschaffen.

Seit den 1970er Jahren gewinnt der Bereich der Besucherorientierung in der Museumsarbeit zunehmend an Bedeutung. Designobjekte werden in Museen zwar meist noch klassisch ausgestellt, aber immer häufiger auch nicht nur isoliert in Vitrinen, sondern als in eine Szenografie eingebundene, erlebbare Objekte präsentiert, welche auf verschiedenste Arten erfahrbar sind. So entstehen Szenarien, in denen Objekte in unterschiedlichster Weise im Zusammenspiel mit Besucher*innen und Interpretationsmöglichkeiten stehen und nicht nur eine Perspektive vermittelt wird. Um diese Zugänge zu ermöglichen, spielt eine Vielfalt visueller, auditiver oder haptischer Installationen eine Rolle.

Form und Funktion

„Where function does not change form does not change.” Louis Henry Sullivan, 1896

Der Begriff ‚Funktion‘ nimmt im Design eine zentrale Rolle ein, wurde aber zuerst in der Architektur diskutiert. Dort wurde bis ins späte 19. Jahrhundert auf die von Vitruv in seinem Werk De architectura libri decem (vor 31 v. Chr.) und von Leon Battista Alberti in der Renaissance bekräftigte antike Forderung Bezug genommen, dass ein Bauwerk „schön, dauerhaft und nützlich“ sein sollte. Erst im Zuge des Arts and Crafts Movement wurde im 19. Jahrhundert die Diskussion um das Verhältnis von Ästhetik und Zweckmäßigkeit im Design neu angestoßen. Der Satz „form follows function“ wurde zu einem wegweisenden Leitgedanken, was das Verhältnis zwischen Schönheit und Nützlichkeit angeht. Dieser impliziert, dass die Form eines Objektes aus dessen Funktion hervorgehen soll und somit die Form auf die Funktion schließen lässt. Historisch geht diese Aussage auf den amerikanischen Bildhauer Horatio Greenough zurück, wird jedoch primär mit dem Architekten Louis Henry Sullivan und seiner Schrift The Tall Office Building Artistically Reconsidered von 1896 in Verbindung gebracht.

In Deutschland gewann dieser Grundsatz vor allem im Bauhaus (1919–1933) und seiner Nachfolge an Bedeutung. Der nach der Ablösung der ersten handwerklich orientierten Phase propagierte ästhetische Funktionalismus ging dabei mit der Verwendung neuartiger Materialien und Technologien einher. Aus heutiger Sicht kann dieser Leitsatz auf mehreren Ebenen kritisch hinterfragt werden, da zum Beispiel die Zuordnung von Formen zu einer gewissen Funktion kulturelle Unterschiede außer Acht lässt. Als Beispiel wäre Essbesteck zu nennen. So werden in Westeuropa Messer und Gabel verwendet, wohingegen in vielen Teilen Asiens Essstäbchen in Gebrauch sind. Im Kontext kultureller Unterschiede lässt also unter Umständen die Form nicht auf die Funktion schließen. „Form follows function“ impliziert somit ein universelles Verständnis von Funktion und dessen Lesbarkeit, das unterschiedliche kulturelle Perspektiven und Zuschreibungen auslässt.

Heute gibt es zahlreiche unterschiedliche Designströmungen wie Social Design, Human Centered Design oder Speculative Design, die ein grundsätzlich anderes Verständnis des Zusammenwirkens von Form und Funktion vertreten. Das Discursive Design stellt beispielsweise nicht die intuitive Nutzbarkeit eines Objektes in den Vordergrund, sondern versteht Design in einem soziokulturellen Kontext als einen Katalysator für Reflexion und Imagination. Somit wenden sich solche Objekte ab von einem Produkt, welches eine vorherbestimmte Funktion materiell erfüllt, und regen Diskurse an.

Natur als Inspiration

Das Objekt Biophilia, welches 2015 vom schwedischen Design-Trio Stoft Studio entworfen und in Zusammenarbeit mit dem Hersteller Zol Arther hergestellt wurde, findet seine Inspiration für die Funktion und die Form in der Natur. Auch die Verwendung der natürlichen Materialien, die über tausende Jahre von der Natur geformt wurden, spiegelt die Verbindung von Natur und Design in diesem Objekt wider. Jedes der vier ineinander stapelbaren Objekte repräsentiert unterschiedliche Wachstumsphasen einer Pflanze. Die Steingutschale Capsula symbolisiert die schützende Samenkapsel, woraus die Pflanze sprießt. Die Vase Petalis, die aus schlichtem Porzellan besteht, ist durch eine blühende Pflanze inspiriert. Der Krug Truncus symbolisiert die Verzweigung einer Pflanze und spiegelt die Aufteilung in Handwerk und Massenproduktion, in die sich die Keramikproduktion heute trennt, wider. Das obere kleine Steingutgefäß Spore dient als Vase für Setzlinge, die an einem neuen Ort Wurzeln schlagen sollen.

Die Natur dient im Design, aber auch in der Architektur, Landschaftsarchitektur, Kunst und Fotografie häufig als Inspirationsquelle. Dabei wird die Natur mit ihren Formen, Strukturen und Gesetzmäßigkeiten als Ausgangspunkt verwendet, um die Umwelt des Menschen zu gestalten. Durch die Erforschung und Kategorisierung der Natur im 18. und 19. Jahrhundert wurden auch Grundlagen für die künstlerische Auseinandersetzung mit der Natur gebildet. Diese wurde nicht nur als Ornament zur visuellen Gestaltung eingesetzt, sondern auch als Grundprinzip für die Formfindung verwendet. So wurde in der Architektur zu Beginn des 20. Jahrhunderts zum Beispiel im Jugendstil nicht nur versucht, die Natur optisch nachzubilden, sondern deren natürliche Gesetzmäßigkeiten auch als Grundlage für die Konstruktion angewendet.

Solche Ansätze sind auch heute beispielsweise im Bionik-Design zu finden, wo versucht wird die Natur nachzuahmen, um technische Probleme zu lösen. In der Bioästhetik werden natürliche Gesetzmäßigkeiten auf Produktdesigns übertragen, um durch harmonische Proportionen nicht nur ein ästhetisches Produkt zu gestalten, sondern auch dem Umstand Rechnung zu tragen, dass solche Harmonien auch ergonomisch besser funktionieren.