{"id":135,"date":"2021-01-02T14:44:29","date_gmt":"2021-01-02T13:44:29","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/designlab7\/?page_id=135"},"modified":"2021-01-27T15:26:01","modified_gmt":"2021-01-27T14:26:01","slug":"taschenglobus","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/designlab7\/taschenglobus\/","title":{"rendered":"Taschenglobus"},"content":{"rendered":"\n<p style=\"font-size:12px\">Taschenglobus mit Lederkapsel, London 1680\u20131700 Globus, Berlin, (?), um 1706\/07 \/ Kapsel,  Joseph\u00a0Moxon (1627\u20131700); Kupferstich auf Papier, koloriert, auf Holzkugel; Leder, Messing; KGM Berlin,\u00a0Inv. Nr. K4706 \/ Aus der\u00a0Kgl. Kunstkammer Berlin. Im Inventar von 1825<\/p>\n\n\n\n<p><em>Christian Imhof<\/em><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Glauben oder Wissen?<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Im 16. Jahrhundert begannen viele Forscher*innen, die bestehenden Weltbilder zu hinterfragen und entwarfen, gest\u00fctzt auf wissenschaftliche Erkenntnisse, neue Ordnungssysteme. Die aus der Antike stammenden Weltbilder, wie das geozentrische, bei dem die Erde das Zentrum des bekannten Universums repr\u00e4sentiert, infrage zu stellen, kam damals einer Revolution gleich. Zwischen dem babylonischen und dem antiken Weltbild, also von der Erde als Scheibe zur Erde als Kugel lagen nur ein paar Jahrhunderte,und nun&nbsp;bahnte sich bereits wieder ein neues Weltbild an. Dabei ging es um die Aktualisierung der Gestalt der Welt, die Kr\u00e4fte und Ideen, die darin wirkten, woraus und wie sie entstand und letztlich auch um ihre Zukunft.<\/p>\n\n\n\n<p>Um das Jahr 1510 entwarf Nikolaus Kopernikus (1473\u20131543) ein neues, heliozentrisches Weltbild (altgriechisch Helios, Sonne) mit der Sonne als Zentrum des Universums. Aus Angst vor den Konsequenzen z\u00f6gerte er die Ver\u00f6ffentlichung seiner Erkenntnisse jedoch bis kurz vor seinem Tod hinaus. Die r\u00f6mische Inquisition \u00e4chtete sein Hauptwerk&nbsp;<em>Sechs B\u00fccher \u00fcber die Uml\u00e4ufe der Himmelsk\u00f6rper<\/em>&nbsp;(De&nbsp;revolutionibus&nbsp;orbium&nbsp;coelestium&nbsp;libri VI) und setzte es ab 1616 \u00fcber 200 Jahre lang auf den Index der verbotenen B\u00fccher. R\u00fcckblickend nennt man diese Revolution des Denkens, diesen Streit um die Ansicht und den Wandel des Weltbilds, die kopernikanische Revolution oder auch die kopernikanische Wende.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Begeisterung f\u00fcr rationales Denken und die Akzeptanz f\u00fcr neu erlangtes Wissen bildeten den Beginn des Zeitalters der Aufkl\u00e4rung. Der Drang nach neuen Erkenntnissen f\u00fchrte auch zu vermehrten Aktivit\u00e4ten in Bezug auf die Entdeckung neuer Welten. Durch den wissenschaftlichen Erkenntniszuwachs dieser Epoche mit ihren Expeditionen und Weltumsegelungen fand eine st\u00e4ndige Erneuerung der Weltbilder statt. Immer wichtiger&nbsp;wurde dabei die Erfassung und die Darstellung des Bekannten. In den nachfolgenden Jahren wurden Globen als Modelle, wissenschaftliche Instrumente&nbsp;und Lehrmittel immer wichtiger und beliebter. Wenn es fr\u00fcher ein kleiner Taschenglobus war, der die Welt in greifbare N\u00e4he r\u00fcckte, sind es heute die neuen Medien und digitale Modelle wie Google Earth, die teils verst\u00f6rend genaue Bilder der Welt vermitteln.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Weltentdecker oder Weltzerst\u00f6rer?<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Auf dem Taschenglobus sind zwei Reiserouten von englischen Entdeckern abgebildet: Diejenige von Sir Francis Drake (1540\u20131596) und jene von Thomas Cavendish (1560\u20131592). Beide Linien umlaufen den Erdball in gekurvten Linien. Die Informationen f\u00fcr diese Illustration entnahm Joseph&nbsp;Moxon, der Hersteller dieses Taschenglobus, aus bestehenden Karten. Er \u00fcberpr\u00fcfte vorhandenes Wissen und aktualisierte dieses mit den damals neuesten Erkenntnissen von heimkehrenden Reisenden. Die Entdeckung unbekannter Welten befl\u00fcgelte viele Nationen, Expeditionen zu entsenden, um die Vorherrschaft bei der Eroberung neuer Territorien zu sichern. Dabei war das&nbsp;Kartografieren ein wichtiger Bestandteil dieser Forschungsreisen:&nbsp;Geografisches Wissen zu erlangen und festzuhalten, bedeutete damals wie heute Macht.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Im Kielwasser der ersten europ\u00e4ischen Entdecker, Kartografen und Eroberer, die im 15. Jahrhundert vor allem die atlantische K\u00fcste Afrikas erforschten, segelten vorwiegend spanische und portugiesische H\u00e4ndler, die dort regelm\u00e4\u00dfig&nbsp;Sklavinnen und&nbsp;Sklaven erwarben, um sie in den neuen Kolonien auf der anderen Seite des Atlantiks gewinnbringend zu verkaufen. Sklaverei war zu diesem Zeitpunkt zwar kein neues Ph\u00e4nomen in Afrika, aber die Art und Weise, wie fortan Menschen zur Ware erkl\u00e4rt und gehandelt wurden, war so beispiellos, dass diese auf die Gesellschaften rund um den Globus tiefe Spuren hinterlassen hat. Auch heute noch sind diese Vorg\u00e4nge nicht ausreichend untersucht und Teil einer kollektiven Forderung nach mehr Auseinandersetzung und Aufarbeitung.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Auch Sir Francis Drake war damals am Sklavenhandel beteiligt. Er segelte, von der englischen Krone beauftragt, als Freibeuter und sp\u00e4ter als Pirat unter eigenem Kommando.&nbsp;Dabei kam es zu vielen Seegefechten mit spanischen und portugiesischen Schiffen. Gek\u00e4mpft wurde um Monopole, Handelsinteressen und die Verbreitung der richtigen religi\u00f6sen Auslegung. Ber\u00fchmt wurde Drake aber erst durch seine \u00fcber drei Jahre dauernde Expedition um die Welt von 1577 bis&nbsp;1580. Ihm gelang als erster englischer Kapit\u00e4n die Durchquerung des Atlantischen, des Pazifischen und des Indischen Ozeans. Nebst dem enormen Profit, die diese Umrundung generierte, war auch das damit zusammenh\u00e4ngende Wissen \u00fcber andere Kulturen, Seerouten und geografische Erkenntnisse von unsch\u00e4tzbarem Wert f\u00fcr den wachsenden Welthandel, in dem England sp\u00e4testens seit Ende des 18. Jahrhunderts eine dominante Rolle spielte.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Wie gro\u00df ist Afrika in Wirklichkeit?<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Der Taschenglobus ist ein Artefakt, das viele Geschichten erz\u00e4hlt, und nat\u00fcrliche und k\u00fcnstliche Grenzen visualisiert. Die Darstellungen repr\u00e4sentieren das damalige Wissen \u00fcber die bekannte Welt. Globen galten als Symbole der Bildung und der Welterkenntnis, versinnbildlichten territoriale und internationale Macht. Im religi\u00f6sen Bereich stand der Globus f\u00fcr das Irdische und das Verg\u00e4ngliche. Im Gegensatz dazu standen Himmelsgloben f\u00fcr das Universale und das Immerw\u00e4hrende. In einer Doppelfunktion bildet die sch\u00fctzende Kapsel, die den Taschenglobus umh\u00fcllt, auf der Innenseite sogar den Himmel ab.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Nebst den Visualisierungen von Landmassen und Entdeckungsfahrten zeigt die kleine Kugel mit ihrem dargestellten Wissen \u00fcber die Welt aber auch eine klare Abgrenzung zwischen Epochen und Kulturen, zum Beispiel die Entdeckung und somit wirtschaftliche Anbindung Afrikas an Europa durch die portugiesischen Seefahrer im 15. Jahrhundert. Mit den&nbsp;Expeditionen der Europ\u00e4er sammelte sich zunehmend Wissen in Form von Karten und Aufzeichnungen \u00fcber diesen Kontinent an. Dieses kartografische Wissen l\u00e4ngen-, fl\u00e4chen- und winkeltreu abzubilden \u2013 also in zwei Dimensionen, wie auf einer Karte oder in drei Dimensionen, wie auf einer gekr\u00fcmmten Oberfl\u00e4che \u2013 ist ein komplexes Unterfangen und oft mit Verf\u00e4lschung verbunden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die tats\u00e4chliche Gr\u00f6\u00dfe Afrikas wird durch die Projektionstechniken meist verzerrt. Ein Beispiel, um die reale Gr\u00f6\u00dfe dieses Kontinents zu visualisieren, ist der direkte Vergleich mit L\u00e4ndern, wenn sie im gleichen Winkel \u00fcber den Umriss Afrikas gelegt werden. Die Karte als Darstellungsform h\u00e4ngt immer vom Blickwinkel ab und kann auch bewusster Manipulation unterworfen sein mit dem Ziel, bestimmte Aspekte hervorzuheben oder zu unterdr\u00fccken, Zensur auszu\u00fcben oder Machtanspr\u00fcche geltend zu machen. Umstrittene Staatsgrenzen werden bei Google&nbsp;Maps beispielsweise je nach Standort des Computernutzers unterschiedlich dargestellt.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Ein Mythos am Firmament?<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Das Firmament wird auch als Himmelsgew\u00f6lbe oder Himmelszelt bezeichnet und verweist auf die Vorstellung aus fr\u00fcheren Weltbildern, in denen Himmelsk\u00f6rper wie die Sonne, der&nbsp;Mond und die Sterne am Gew\u00f6lbe befestigt waren. Die Sternbilder, die wir heutzutage kennen und in der Kapsel des Taschenglobus abgebildet sehen, repr\u00e4sentieren diese Sph\u00e4re.&nbsp;Die&nbsp;Unterscheidung zwischen fest positionierten und beweglichen Himmelsk\u00f6rpern, also Fix- und Wandelsternen, f\u00fchrte zu der Ansicht, dass&nbsp;h\u00f6here Wesen&nbsp;\u00fcber mehrere bewegliche Schalen das Firmament beeinflussen. Johannes Kepler (1571\u20131630) entdeckte die Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten, nach denen sich&nbsp;Planeten&nbsp;um die&nbsp;Sonne&nbsp;bewegen und verwarf damit das Weltbild von den physisch befestigten K\u00f6rpern am Himmel.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Sternbilder waren in vielen Kulturen ein wichtiges Mittel zur Orientierung und insbesondere f\u00fcr die Seefahrt von Bedeutung. Heute dienen sie klar definiert der&nbsp;Kartierung des Himmels&nbsp;wie der \u00f6rtlichen Zuordnung von Objekten. Die Festlegung der Sternbilder geht zur\u00fcck auf die babylonischen und alt\u00e4gyptischen Hochkulturen und wurde im antiken Griechenland erweitert. Ein Sternbild mit Bezug zur griechischen Mythologie ist das des Perseus mit dem abgeschlagenen Haupt der Medusa in der Hand. Neben ihm&nbsp;befindet sich ein Stern&nbsp;namens&nbsp;Algol, Teufelsauge. Er funkelt r\u00f6tlich und ver\u00e4ndert regelm\u00e4\u00dfig seine Helligkeit.&nbsp;In der griechischen Mythologie repr\u00e4sentiert Algol den b\u00f6sen Blick des Medusenhaupts (\u2192<a href=\"https:\/\/blog.zhdk.ch\/designlab7\/kruzifix\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Kruzifix<\/a>).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Taschenglobus mit Lederkapsel, London 1680\u20131700 Globus, Berlin, (?), um 1706\/07 \/ Kapsel, Joseph\u00a0Moxon (1627\u20131700); Kupferstich auf Papier, koloriert, auf Holzkugel; Leder, Messing; KGM Berlin,\u00a0Inv. Nr. K4706 \/ Aus der\u00a0Kgl. Kunstkammer Berlin. Im Inventar von 1825 Christian Imhof Glauben oder Wissen? Im 16. Jahrhundert begannen viele Forscher*innen, die bestehenden Weltbilder zu hinterfragen und entwarfen, gest\u00fctzt auf [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":6268,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"ngg_post_thumbnail":0,"footnotes":""},"class_list":["post-135","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/designlab7\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/135","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/designlab7\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/designlab7\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/designlab7\/wp-json\/wp\/v2\/users\/6268"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/designlab7\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=135"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/designlab7\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/135\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":561,"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/designlab7\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/135\/revisions\/561"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/designlab7\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=135"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}