{"id":177,"date":"2021-01-02T15:25:06","date_gmt":"2021-01-02T14:25:06","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/designlab7\/?page_id=177"},"modified":"2021-01-27T15:28:55","modified_gmt":"2021-01-27T14:28:55","slug":"fernseher","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/designlab7\/fernseher\/","title":{"rendered":"Fernseher"},"content":{"rendered":"\n<p style=\"font-size:12px\">Fernsehger\u00e4t <em>HF 1<\/em>, Herbert Hirche, 1958; Ausf\u00fchrung: Braun AG, Frankfurt; Kunststoff, Stahl, lackiert; KGM Berlin, Inv. Nr. 1986, 21 \/ Geschenk des Entwerfers<\/p>\n\n\n\n<p><em>Angeli Sachs<\/em><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Die Entwicklung des Fernsehens in Deutschland bis in die 1950er Jahre<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Nach einer langen Phase technischer Visionen und Experimente wurde ab dem 22. M\u00e4rz 1935 durch den Fernsehsender Paul Nipkow in Berlin das erste regelm\u00e4\u00dfige Fernsehprogramm der Welt ausgestrahlt. Das nationalsozialistische Deutschland, in dessen politischer Strategie Medien f\u00fcr die Indoktrination der Bev\u00f6lkerung eine zentrale Rolle spielten, inszenierte sich so als moderne und technologisch fortschrittliche Nation. Die \u00dcbertragung der Olympischen Spiele 1936 in Berlin stellte das erste bedeutende Fernsehereignis dar. Seitdem wurde ein mehrst\u00fcndiges t\u00e4gliches Programm gesendet, das sich vor allem aus aktuellen Bildberichten, Kulturfilmen, Spielfilmen, Fernsehspielen und Unterhaltungsformaten zusammensetzte. Allerdings gab es zu dieser Zeit nur ein paar Hundert Empfangsger\u00e4te, womit Radio und Tonfilm die dominanten Medien blieben. Der Programmbetrieb wurde auch w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs bis Mitte 1944 mit entsprechenden propagandistischen Sendungen aufrechterhalten, um \u201eDeutschlands Kraft und Gr\u00f6\u00dfe\u201c zu demonstrieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende des Zweiten Weltkriegs waren die USA das einzige Land mit einem funktionierenden Fernsehprogramm. In Europa war die Einf\u00fchrung des Fernsehens zun\u00e4chst nicht von gro\u00dfer Bedeutung, trotzdem wurde in den meisten L\u00e4ndern ab 1945 bis in die sp\u00e4ten 1950er Jahre der Fernsehbetrieb (wieder) aufgenommen. Im Westen Deutschlands wurde die Neugr\u00fcndung des Rundfunks nach dem Vorbild der englischen BBC als \u201eInstrument der Demokratisierung\u201c konzipiert. Die f\u00f6deral organisierte \u00f6ffentlich-rechtliche Anstalt sollte \u201eunabh\u00e4ngig von Staat und Parteien sein\u201c und \u201esich als kritische Instanz der \u00d6ffentlichkeit verstehen\u201c. 1950 startete ein Versuchsprogramm des Nordwestdeutschen Rundfunks mit zwei Fernsehprogrammen in Hamburg und Berlin, das dort \u201eals Schaufenster des Westens\u201c auch in Richtung DDR wirken sollte. Ab dem 25.12.1952 wurde das offizielle NWDR-Fernsehprogramm ausgestrahlt, nach dem Ausbau der Richtfunkstrecken bot die ARD das Programm \u201eDeutsches Fernsehen\u201c ab dem 1.11.1954 bundesweit an. Das Zweite Deutsche Fernsehen nahm seinen Programmbetrieb erst ab dem 1.4.1963 auf.<\/p>\n\n\n\n<p>In Konkurrenz der Weltbilder zwischen Ost und West wurde in der DDR das inoffizielle Versuchsprogramm in Berlin-Adlershof ab dem 5.6.1952 aufgenommen. Eines der ersten Formate war die Nachrichtensendung&nbsp;<em>Aktuelle Kamera<\/em>. Das offizielle Versuchsprogramm startete parallel zum Westfernsehen am 21.12.1952. Zu dieser Zeit gab es im Sendegebiet ca. 70 Fernsehger\u00e4te, im Jahr des offiziellen Programmbeginns 1956 waren es bereits \u00fcber 70000 angemeldete Teilnehmer*innen, wobei viele von ihnen auch Programme des Westens empfangen konnten.&nbsp;<strong><\/strong><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Wohnen mit Fernseher<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Passend zum Wiederaufbau in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg fand eine grunds\u00e4tzliche Wandlung der Wohnkultur statt, wobei die vom neu gegr\u00fcndeten Deutschen Werkbund propagierte \u201eGute Form\u201c mit dem Leitbild des konstruktivistischen Funktionalismus verbunden war. Wichtige Einfl\u00fcsse kamen auch aus Skandinavien, wo organischere Designkonzepte vertreten wurden, und den USA, von wo der Bauhausstil nach der Emigration seiner\/ihrer Protagonist*innen w\u00e4hrend der NS-Zeit wieder nach Europa zur\u00fcckwirkte.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>In die Wohnzimmer, die wir uns im Allgemeinen wohl eher als Collage verschiedener Stilelemente zwischen Tradition und Modernit\u00e4t, denn als B\u00fchnen puristischer Designauffassungen vorstellen m\u00fcssen, zogen nun auch nach und nach immer mehr Fernsehger\u00e4te ein \u2013 1957 waren es bereits eine Million Apparate. Mit ihrer Gr\u00f6\u00dfe und ihrem Gewicht beanspruchten sie einen festen, oft prominenten Platz im Raum und ver\u00e4nderten als \u201egemeinschaftliches Integrationsmedium\u201c dessen Einrichtung. War das Sitzmobiliar zuvor meist um einen Wohnzimmertisch herum gruppiert, wurde es nun im Halbkreis auf die televisuelle \u201eFeuerstelle\u201c, vor der sich die Familie versammelte, ausgerichtet. Dabei hatte das Fernsehen Einfluss auf die Tages- und Wochengestaltung der Nutzer*innen, wo sich mit Sendungen wie der&nbsp;<em>Tagesschau<\/em> (seit 1952),&nbsp;<em>Der Internationale Fr\u00fchschoppen<\/em> (seit 1952\/53),&nbsp;<em>Was bin ich?<\/em> (seit 1955), dem&nbsp;<em>Eurovision Song Contest<\/em> (seit 1956), dem <em>Sandm\u00e4nnchen<\/em> (seit 1959), der&nbsp;<em>Sportschau<\/em> (seit 1961) oder dem&nbsp;<em>Tatort<\/em> (seit 1970) feste Fernsehrituale etablierten.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Tendenzen zum individualisierten Fernsehen mit gr\u00f6\u00dferer Beweglichkeit und Wahl zwischen verschiedenen Rezeptionsm\u00f6glichkeiten setzten erst seit den 1970er Jahren ein. Trotz der gro\u00dfen Auswahl an Ger\u00e4ten, auf denen Fernsehsendungen angeschaut werden k\u00f6nnen, spielt in der Gegenwart der oft fest an einer Wand montierte Flatscreen eine \u00e4hnliche Rolle wie das Fernsehger\u00e4t im Wohnzimmer der 1950er Jahre.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Das Design von Herbert Hirche f\u00fcr Braun<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Das Fernsehger\u00e4t <em>HF 1<\/em> von Herbert Hirche f\u00fcr die Frankfurter Firma Braun kann man als einen f\u00fcr seine Zeit ausgesprochen avantgardistischen Entwurf bezeichnen. \u201eTechnische Ger\u00e4te, die in den 50er Jahren in (West-)Deutschland benutzt wurden\u201c, schreibt Barbara Mundt, \u201ebringen die Bem\u00fchungen der Nachkriegszeit zum Ausdruck, technologisch und wirtschaftlich aufzuholen.\u201c Dabei wurde teilweise an die funktionalistischen Tendenzen des Bauhauses und Werkbunds angekn\u00fcpft, wobei die 1953 gegr\u00fcndete Hochschule f\u00fcr Gestaltung in Ulm eine wichtige Rolle spielte.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Braun AG war seit Beginn der 1950er Jahre wohl das Unternehmen, zum Teil auch in Zusammenarbeit mit der Ulmer Hochschule f\u00fcr Gestaltung, das diese Prinzipien in der Auseinandersetzung mit Form und Funktion am st\u00e4rksten umsetzte. Das \u201eProgramm f\u00fcr den modernen Lebensstil\u201c wurde mit Gestaltern wie Wilhelm Wagenfeld, Hans Gugelot, Otl Aicher, Herbert Hirche und sp\u00e4ter Dieter Rams erarbeitet und f\u00fchrte zu einer unverwechselbaren Designsprache der Braun-Ger\u00e4te f\u00fcr Haushalt, Hygiene und Kommunikation.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Architekt und Designer Herbert Hirche (1910\u20132002) gestaltete ab 1956 f\u00fcr die Firma Braun eine neue Linie moderner Rundfunk-, Phono- und Fernsehger\u00e4te. Nach einer Ausbildung zum Tischler hatte er von 1930 bis 33 am Bauhaus studiert und war nach dessen Schlie\u00dfung Mitarbeiter von Mies van der Rohe und Lilly Reich und sp\u00e4ter von Egon Eiermann. Nach dem Zweiten Weltkrieg war er Gr\u00fcndungsmitglied der Berliner Werkbundgruppe sowie als Architekt und Hochschullehrer t\u00e4tig, ab 1952 f\u00fcr Innenarchitektur und M\u00f6belbau an der Staatlichen Akademie f\u00fcr Bildende K\u00fcnste Stuttgart.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Der symmetrisch gestaltete&nbsp;<em>HF 1<\/em> auf seinem schwarzen Vierkantgestell war das erste deutsche Fernsehger\u00e4t mit einer Kunststofffront, das nicht \u201ein einer M\u00f6belh\u00fclle\u201c verborgen war. Au\u00dfer dem Ein- und Ausschaltknopf und den Lautsprechern sind die Bedienungselemente aus ergonomischen und \u00e4sthetischen Gr\u00fcnden unter einer Klappe auf der Geh\u00e4useoberseite angebracht, so dass der Bildschirm das bestimmende Element dieses Ger\u00e4ts ist. Der Fernseher kann auch von dem Gestell heruntergenommen und auf M\u00f6beln wie Tisch, Bank oder Regal platziert werden.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Der&nbsp;<em>HF 1<\/em> wurde 1958 im deutschen Pavillon auf der&nbsp;<em>Weltausstellung<\/em> in Br\u00fcssel gezeigt. Da Fernsehen in den Augen der stark vom Werkbund bestimmten Ausstellung \u201enicht als empfehlenswerte Freizeitbesch\u00e4ftigung\u201c galt, durfte, wie Nicola von Albrecht erw\u00e4hnt, der&nbsp;<em>HF 1<\/em> \u201enicht innerhalb der Musterwohnungen aufgestellt werden, sondern musste sich in die gro\u00dfe Glasvitrine mit \u201aqualitativ hochwertigen, preislich erschwinglichen Dingen des Wohnbedarfs\u2018 einordnen\u201c.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Massenmedium Fernsehen aktuell<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Das Fernsehen hat sich in den Industriestaaten seit den 1950er Jahren zum Massenmedium entwickelt. In Deutschland besitzen 96.7% der Haushalte mindestens ein TV-Ger\u00e4t, 48.1% zwei oder mehr. Dabei hat sich der Fernsehkonsum seit der Einf\u00fchrung des Mediums kontinuierlich gesteigert und stagniert in Deutschland seit ca. 15 Jahren auf hohem Niveau. 2019 sahen die TV-Konsument*innen im Durchschnitt 211 Minuten t\u00e4glich fern. Doch der Konsum ist stark altersabh\u00e4ngig, denn Kinder nutzen das Medium ca. 64 Minuten, \u00fcber 50-j\u00e4hrige mehr als f\u00fcnf Stunden (315 Minuten). Das bedeutet aber nicht immer eine ausschlie\u00dfliche Fokussierung der Nutzer*innen auf das Programm, teilweise funktioniert Fernsehen auch als Begleit- oder Hintergrundmedium.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Fernsehlandschaft hat sich im Lauf der Zeit stark ver\u00e4ndert. Dominierte zun\u00e4chst das \u00f6ffentlich-rechtliche Fernsehen mit seinem Auftrag der Information, Bildung und Unterhaltung, so hat sich das Angebot durch Privatfernsehen, Spartenkan\u00e4le, digitales Fernsehen und das Internet mit Streaming erweitert und gleichzeitig fragmentiert. Konsument*innen k\u00f6nnen sich ihre Programme heute zum gro\u00dfen Teil selbst zusammenstellen, was angesichts der Menge der parallel verf\u00fcgbaren Angebote in Bezug auf die \u00dcbersicht und inhaltliche Orientierung eine erh\u00f6hte Medienkompetenz erfordert. Trotzdem kommt dem Fernsehen (neben Print- und Onlinemedien) besonders auch in Zeiten wie w\u00e4hrend der Covid-19-Pandemie eine wichtige Rolle in Bezug auf aktuelle Information und ihre Einordnung in die entsprechenden Kontexte zu. Als Medium mit Einfluss auf die Meinungsbildung der Zuschauer*innen liegt hier eine besondere Verantwortung, auch in Abgrenzung zu Fake News (\u2192<a href=\"https:\/\/blog.zhdk.ch\/designlab7\/herkulespokal\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/blog.zhdk.ch\/designlab7\/herkulespokal\/\">Herkulespokal<\/a>) und Verschw\u00f6rungstheorien.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fernsehger\u00e4t HF 1, Herbert Hirche, 1958; Ausf\u00fchrung: Braun AG, Frankfurt; Kunststoff, Stahl, lackiert; KGM Berlin, Inv. Nr. 1986, 21 \/ Geschenk des Entwerfers Angeli Sachs Die Entwicklung des Fernsehens in Deutschland bis in die 1950er Jahre Nach einer langen Phase technischer Visionen und Experimente wurde ab dem 22. 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