{"id":185,"date":"2021-01-02T15:39:16","date_gmt":"2021-01-02T14:39:16","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/designlab7\/?page_id=185"},"modified":"2021-01-27T15:29:43","modified_gmt":"2021-01-27T14:29:43","slug":"kruzifix","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/designlab7\/kruzifix\/","title":{"rendered":"Kruzifix"},"content":{"rendered":"\n<p style=\"font-size:12px\">Kruzifix, Neapel (?), Ende 17. Jahrhundert; Koralle, geschnitzt, Bronze, vergoldet, Email; Christus am Kreuz, nach den Evangelien auf der \u201eSch\u00e4delst\u00e4tte\u201c, dem Berg Golgatha (Totenkopf); KGM Berlin, Inv. Nr. K3846 \/ Ankauf 1835 aus der Sammlung Karl F. F. von Nagler, Berlin<\/p>\n\n\n\n<p><em>Christian Imhof<\/em><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Koralle \u2013 Schutz vor dem b\u00f6sen Blick?<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Die im Kruzifix verarbeitete rote Edelkoralle verweist auf den Zusammenhang zwischen christlichem Glauben und Aberglauben, der sich als Volksglaube erhalten hat. \u00dcber die griechische Mythologie, die antike Geschichte der Gottheiten, die darin als Sch\u00f6pfer der Welt beschrieben werden, sind Einfl\u00fcsse in Form von Mystizismus bis in die Gegenwart \u00fcberliefert. Die rote F\u00e4rbung sowie die Eigenschaft der Erh\u00e4rtung des Materials nach der Abtrennung vom Stamm, verbindet die Koralle mit einem Kapitel dieser antiken G\u00f6ttergeschichte.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Medusa, die sch\u00f6ne Tochter der Meeresgottheiten Phorkys und Keto und eine der Gorgonen, wurde nach ihrer Vergewaltigung durch Poseidon in einem Tempel der Athene von dieser in ein Ungeheuer verwandelt, das fortan mit seinem gr\u00e4sslichen Anblick jede\/n Betrachter*in zu Stein erstarren lie\u00df. Perseus, die andere zentrale Gestalt und Held dieser Geschichte, wurde aufgefordert, Medusa zu enthaupten, was ihm mit Athenes Unterst\u00fctzung auch gelang. Der Mythos besagt, dass die Koralle ihre F\u00e4rbung durch das Blut der Medusa erhalten hat, das beim Abschlagen ihres Kopfs durch Perseus ins Meer geflossen ist. Die G\u00f6ttin Athene heftete daraufhin das Medusenhaupt als Schreckbild und unheilabwehrendes Element auf ihren Schild.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Eigenschaften wurden vom Volksglauben \u00fcbernommen und beispielsweise im Wappen Siziliens oder bei \u00f6ffentlichen Brunnen zum Schutz und als Zeichen der Lebenskraft nachgebildet. Wegen ihrer F\u00e4higkeit zur Wandlung vom Verg\u00e4nglichen zum Best\u00e4ndigen sowie der blutroten Farbe verkn\u00fcpften die Menschen die Koralle sp\u00e4ter auch mit den Leiden und der Auferstehung Christi. Im Sp\u00e4tmittelalter und der fr\u00fchen Renaissance wird sie deshalb oft in religi\u00f6sen Abbildungen verwendet. Der Glaube an ihre Wirksamkeit gegen den b\u00f6sen Blick und ihre unheilabwehrende Wirkung \u00fcberdauerten Jahrhunderte. Im S\u00fcden Italiens findet man diese Art des magischen Denkens noch heute in Form der roten Plastikh\u00f6rnchen \u201aCornicelli\u2019, die \u2013 als Massenware verkauft \u2013 als Gl\u00fccksbringer fungieren.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Vanitas \u2013 Nichtigkeit und Verg\u00e4nglichkeit<\/strong><strong><\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Die Darstellung des ans Kreuz genagelten Christus bezeichnet man als Kruzifix. Das Kreuz steht im christlichen Glauben auch als Sinnbild f\u00fcr das Opfer Christi, das dieser zur Erl\u00f6sung der Menschheit gebracht hat. Ein weiteres Sinnbild, das sich auf dem Kruzifix selbst befindet, repr\u00e4sentiert der kleine Totenkopf unterhalb der Jesusfigur.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Im Barock, dem Zeitalter der Entstehung dieses Objekts, stand der Totensch\u00e4del in der Kunst f\u00fcr die Verg\u00e4nglichkeit der irdischen Existenz. In der Malerei entwickelte sich der Bildtypus des Vanitas-Stilllebens. Der Begriff \u201aVanitas\u2018 stammt aus dem Lateinischen und l\u00e4sst sich mit \u201aEitelkeit\u2018 oder \u201aNichtigkeit\u2018 \u00fcbersetzen. In den Vanitas-Stillleben des 17. Jahrhunderts werden Darstellungen lebloser Gegenst\u00e4nde mit unterschiedlichen Sinnbildern verkn\u00fcpft. Scheinbar best\u00e4ndige Objekte wie B\u00fccher, Musikinstrumente, Geld, Kostbarkeiten sowie Insignien von Macht und Gr\u00f6\u00dfe verweisen dabei auf den Alltag und das geistige Leben in Kunst und Wissenschaft. Symbole der Verg\u00e4nglichkeit, wie der Totensch\u00e4del, eine Sanduhr, die verl\u00f6schende Kerze, welkende Blumen und umgest\u00fcrzte oder zerbrochene Gl\u00e4ser stehen f\u00fcr die Endlichkeit des Lebens.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Das Nachsinnen \u00fcber den unvermeidlichen Tod, zur \u00dcberwindung der irdischen Eitelkeit im Sinne einer moralischen Selbstreflexion verlangte damals wie heute von dem\/der Betrachter*in der Stillleben eine aktive Auseinandersetzung. Eine besondere Relevanz erhielten die Gem\u00e4lde zu dieser Zeit auch durch Pestepidemien und bedrohliche politische Situationen. Wie k\u00f6nnte ein Vanitas-Stillleben heute, in Zeiten globaler politischer Krisen, klimatischer Ver\u00e4nderungen und Pandemien wohl aussehen?<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Den \u201ewahren\u201c Glauben durch Wissen verbreiten?<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die Verbreitung des \u201ewahren\u201c christlichen Glaubens waren die gro\u00dfen Entdeckungsreisen in alle Himmelsrichtungen eine willkommene und intensiv genutzte M\u00f6glichkeit. Auf den europ\u00e4ischen Schiffen, die getrieben von Handelsinteressen und Machtanspr\u00fcchen nach neuen Welten suchten, war der Glaube stets mit an Bord. Die spanischen und portugiesischen Eroberer bef\u00f6rderten religi\u00f6se Weltanschauungen, Amtssprachen und soziale Hierarchien in die entlegensten Gegenden der Welt. Die Kolonialisierung bisher unbekannter Gebiete wurde erbarmungslos vorangetrieben und die katholische Kirche unterst\u00fctzte die Unterwerfung indigener V\u00f6lker. Ein Mittel daf\u00fcr war die Gr\u00fcndung von Missionen, um das Evangelium und somit die eigene religi\u00f6se Weltanschauung zu verbreiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die 1534 gegr\u00fcndete Ordensgemeinschaft der Jesuiten pr\u00e4gte einen gro\u00dfen Teil dieser Ausdehnung des Glaubens. Neben ihrer bedeutenden Rolle in der europ\u00e4ischen Gegenreformation war sie in ihren globalen Bestrebungen sogar so erfolgreich, dass sie in Paraguay von 1610 bis 1767 einen unabh\u00e4ngigen Jesuitenstaat mit eigener Armee unterhielt. In L\u00e4ndern wie China, Japan oder Indien konnten die Jesuiten zum Teil auch durch politische \u00c4mter oder Beraterfunktionen f\u00fcr die herrschenden Eliten den Wissenstransfer zwischen den kulturell unterschiedlichen Welten beeinflussen. In solchen Schl\u00fcsselpositionen \u00fcbernahmen und leiteten sie Wissen jedoch nur weiter, wenn es dem eigenen Glauben unmittelbar dienlich war. So brachten sie geografische Informationen, die teils aus chinesischen und japanischen Karten stammten, zur\u00fcck nach Europa. Solches Wissen bedrohte den eigenen Glauben nicht und wurde deshalb in beide Richtungen verbreitet. Damit erg\u00e4nzten sie das damalige Weltbild mit noch mehr Detailgenauigkeit und zus\u00e4tzlichen Kenntnissen \u00fcber andere L\u00e4nder und Kulturen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Anderes Wissen wie das heliozentrische Weltbild von Kopernikus (\u2192<a href=\"https:\/\/blog.zhdk.ch\/designlab7\/taschenglobus\/\">Taschenglobus<\/a>), in dem die Sonne und nicht die Erde das Zentrum des bekannten Universums bildete, wurde zum Beispiel lange Zeit zur\u00fcckbehalten, um das eigene Weltbild nicht infrage zu stellen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Gibt es Korallenriffe im Mittelmeer?<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Die im Kruzifix verarbeitete Edelkoralle (Corallium rubrum), auch rote Koralle genannt, ist ein Hohltier, das zum Stamm der Nesseltiere geh\u00f6rt. Edelkorallen zeichnen sich durch ein langlebiges und intensiv rot oder rot-orange gef\u00e4rbtes Skelett aus. Ihr Lebensraum liegt im westlichen und zentralen Mittelmeer und dem angrenzenden Atlantik. Die Edelkoralle gilt als gef\u00e4hrdete Spezies und lebt in Tiefen zwischen 40 und 100 Metern, wo sie zwischen f\u00fcnf und 30 Zentimeter gro\u00dfe Kolonien bildet. Gr\u00f6\u00dfere Kolonien sind durch die \u00fcberm\u00e4\u00dfige Ausbeutung des Menschen f\u00fcr die Schmuckherstellung mittlerweile verschwunden. Ein Zentrum der Korallenschmuckherstellung ist die kleine Stadt Torre del Greco bei Neapel. Dort schufen Kunsthandwerker bereits in der Antike Geschmeide und Opfergaben f\u00fcr die Tempel der G\u00f6tter.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Koralle sagt man aber auch heilende Wirkung nach, in der Alternativmedizin wird heute noch darauf zur\u00fcckgegriffen. Ihr Skelett besteht zumeist aus Kalk oder Horn oder einer Mischung aus beidem. Als feines Pulver vermahlen, werden daraus Globuli oder eine Tinktur f\u00fcr die hom\u00f6opathische Behandlung hergestellt, die gegen Bronchitis, Schnupfen und Entz\u00fcndungen des Nasen-Rachen-Raums helfen sollen. Eine erstaunliche Entdeckung machten Forschende im M\u00e4rz 2019 vor der s\u00fcditalienischen K\u00fcste in der Adria. Dort fanden sie in einer Tiefe von 30 bis 55 Metern ein noch unbekanntes 2,5 Kilometer langes Korallenriff. Die rote Edelkoralle geh\u00f6rt jedoch nicht zu den Bewohnern dieses Riffs.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kruzifix, Neapel (?), Ende 17. Jahrhundert; Koralle, geschnitzt, Bronze, vergoldet, Email; Christus am Kreuz, nach den Evangelien auf der \u201eSch\u00e4delst\u00e4tte\u201c, dem Berg Golgatha (Totenkopf); KGM Berlin, Inv. Nr. K3846 \/ Ankauf 1835 aus der Sammlung Karl F. F. von Nagler, Berlin Christian Imhof Koralle \u2013 Schutz vor dem b\u00f6sen Blick? 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