{"id":189,"date":"2021-01-02T15:49:53","date_gmt":"2021-01-02T14:49:53","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/designlab7\/?page_id=189"},"modified":"2021-01-27T15:30:08","modified_gmt":"2021-01-27T14:30:08","slug":"herkulespokal","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/designlab7\/herkulespokal\/","title":{"rendered":"Herkulespokal"},"content":{"rendered":"\n<p style=\"font-size:12px\">Deckelpokal, Gerardus H\u00fcls, zwischen 1715 und 1724; Silber, vergoldet;\u00a0KGM Berlin, Inv. Nr. W-1962, 34<\/p>\n\n\n\n<p><em>Yulia Fisch<\/em><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Von Herkules zu Superman,&nbsp;Kolchosb\u00e4uerin und Arbeiter&nbsp;<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Wie sahen die Vorl\u00e4ufer des Superman aus? Wie erkennen wir in aktuellen Bildern deren Vorgeschichte? Was vermitteln uns die Bilder der Held*innen und die Allegorien der Herrscher*innenverehrung?<\/p>\n\n\n\n<p>Der von dem k\u00f6lnischen Goldschmied Gerardus H\u00fcls entworfene Pokal vereinigt in seiner Dekoration zwei allegorische Darstellungen, die bis heute als Dokumente des gesellschaftlichen Kontextes dienen. Ein gebeugter Mann tr\u00e4gt den Pokal, dessen Deckel von zwei Figurinen \u2013 einer jungen Frau und einem Bauern \u2013 bekr\u00f6nt wird. Es ist der Halbgott Herkules, der als Archetyp des antiken, mythischen Helden seit der Renaissance an neuer Bedeutung gewinnt. Er gilt als heroisierendes Sinnbild der f\u00fcrstlichen Herrschaft. Die&nbsp;griechische Mythologie erz\u00e4hlt die Geschichte eines \u00dcbermenschen, der den Gottheiten des Olymp im Kampf gewachsen w\u00e4re. Somit wurde die Macht der irdischen Regent*innen auch als eine g\u00f6ttliche verstanden.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Vor allem die Habsburger begr\u00fcndeten ihre Dynastie und ihren F\u00fchrungsanspruch auf der antiken Tradition des Herkules. Sie inszenierten sich als tugendhafte, gottgleiche Herrscher und nutzten daf\u00fcr die Bildenden K\u00fcnste als Propagandamittel. Unter Karl VI. (1685\u20131740) erreichte die Herrscher- und Heldenverehrung einen H\u00f6hepunkt. M\u00f6glicherweise wurde ihm dieser Pokal als \u201eEhrengeschenk\u201c durch den K\u00f6lner Rat \u00fcberreicht.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Medienwissenschaftler Umberto Eco erkennt in der Moderne eine Suche nach dem Leitbild, in dem ein \u00dcbermensch als Archetyp f\u00fcr Gerechtigkeit sorgt. Als Beispiel nennt er Superman \u2013 ein Mann von einem anderen Planeten, welcher der Herkules des 20. Jahrhunderts genannt wird. Supermans Geschichte nimmt ihren Ursprung in der griechischen Mythologie. Das Erscheinen der gleichnamigen Comicserie 1938 war eine Reaktion auf neue gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Krisen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Deckel des Pokals ist mit der Figur eines Bauern und einer Frau bekr\u00f6nt, die sinnbildlich f\u00fcr die Reichstreue K\u00f6lns stehen. Dieses Sujet wird von der Sowjetunion zwei Jahrhunderte sp\u00e4ter f\u00fcr die Darstellung des neuen Industriestaates aufgegriffen. Als zukunftsweisendes Symbol f\u00fcr Weltmacht bekr\u00f6nt die 24 Meter hohe Skulptur der Bildhauerin Wera Muchina den Pavillon der Sowjetunion auf der <em>Weltausstellung<\/em> 1937. Den Bauern ersetzt ein Arbeiter, und die Frauenfigur neben ihm verk\u00f6rpert als Kolchosb\u00e4uerin das Ideal der jungen Frau in der Sowjetunion. Die Figuren, die ebenfalls von antiken Vorbildern inspiriert sind, repr\u00e4sentieren eine neue Geschichte: zwei Heroengestalten, die einer gl\u00fccklichen Zukunft entgegenschreiten.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Doppelg\u00e4nger des Originals<\/strong><strong><\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Welchen Wert hat das Original in Zeiten der Digitalisierung? Verliert die Materialit\u00e4t des Vorbildes heute an Bedeutung oder werden die haptischen Eigenschaften mehr gesch\u00e4tzt? Welche Funktion erf\u00fcllen Originale und Kopien f\u00fcr die Kultur, Geschichte und Gesellschaft?&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>In den Depots der Museen spiegeln sich vergangene Geschichten, Sammlungs- und Museumskonzepte wider. Zeugen dieser Entwicklung sind die galvanoplastischen Nachbildungen, die im 19. Jahrhundert in Kunstgewerbemuseen hergestellt wurden. Heutzutage verlassen sie leider kaum ihr stummes \u201aZuhause\u2018 im Museumsdepot und genie\u00dfen deshalb kaum noch Anerkennung. Im 19. Jahrhundert aber setzten sich die Kunstgewerbemuseen das Ziel, ihre umfangreichen Sammlungen sowohl f\u00fcr das Publikum als auch f\u00fcr Handwerker*innen zug\u00e4nglich zu machen. Daf\u00fcr kam die innovative&nbsp;Galvanotechnik zum Einsatz,&nbsp;die wir heute mit der Einf\u00fchrung des 3D-Drucks vergleichen k\u00f6nnen. Die Genauigkeit des Verfahrens l\u00e4sst auf den ersten Blick keine Unterscheidung zwischen vergoldeter oder versilberter Kupferkopie und dem hochwertigen Original zu.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kopie vervielfacht die St\u00fcckzahl des Originals, unterscheidet sich aber dadurch, dass die Spuren des Gebrauchs, die im Original noch als Kratzer oder Metallalterung zu sehen sind, weggelassen wurden. Was passiert mit solchen Objekten, die eine Geschichte und einen symbolischen Wert in sich tragen, wenn eine Kopie davon entsteht? Nachbildungspraktiken und Kopiert\u00e4tigkeit sind tief in der Geschichte der Kunst verwurzelt und werden schon seit der Antike praktiziert.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Zeit und die technologische Entwicklung tragen dazu bei, dass sich der Wert von Kopien und Originalen \u2013 auch von F\u00e4lschungen und Repliken \u2013 stark wandelt. Das Original \u00fcbertraf die Kopie erst an Bedeutung, als in der Renaissance die Sammlungskultur in Mode kam. Im Unterschied zu der F\u00e4lschung, die das Original nicht nur nachahmte, sondern es ersetzen wollte, trug die Kopie schon damals zu einer Hervorhebung des Originals bei. In der Abgrenzung zur Nachbildung gewann das Original an ideellem und monet\u00e4rem Wert. Eine weitere Motivation zur Anfertigung von Kopien ist die Ehrung des Originals.&nbsp;F\u00e4lschungen werden hingegen aus drei wesentlichen Gr\u00fcnden angefertigt: aus dem Geltungsbed\u00fcrfnis der\/s T\u00e4ter*in, aus der Vertuschung eines Mangels und schlie\u00dflich zum Ziel der Bereicherung.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Als eine Doppelg\u00e4ngerin des Originals hat die Kopie im 20. Jahrhundert eine neue Bedeutung gewonnen. In seinem wegweisenden Aufsatz&nbsp;<em>Das Kunstwerk im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit<\/em> (1935) schreibt Walter Benjamin \u00fcber den Verlust der Aura des Originals und die Problematik seiner Verbreitung als Kopie in den neuen Massenmedien Fotografie und Film.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Die galvanoplastische Sammlung des Berliner Kunstgewerbemuseums<\/strong><strong><\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Die im sp\u00e4ten 19. Jahrhundert zur Perfektion gebrachte Galvanisiertechnik erlaubte es den kunstgewerblichen Sammlungen, bedeutende Goldschmiedearbeiten aus anderen europ\u00e4ischen Sammlungen in Form von Galvanoplastiken zu kopieren. Museen wie das Berliner Kunstgewerbemuseum richteten sogar eigene galvanoplastische Werkst\u00e4tten ein und betrieben einen regen Austausch und Handel untereinander. Die Innovation bestand darin, dass man nun dreidimensionale Kunstwerke aus anderen Sammlungen anstatt Bildmaterial ausstellen konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Galvanoplastiken sind eigenst\u00e4ndige Metallobjekte, die in extremer Sch\u00e4rfe und Genauigkeit ein Original wiedergeben. Das Prinzip beruht darauf, aus w\u00e4ssrigen Metallsalzl\u00f6sungen zusammenh\u00e4ngende Metallniederschl\u00e4ge zu gewinnen. Die Galvanos der Berliner Sammlung bestehen meist aus Kupfer, galvanisch versilbert oder vergoldet. Um dem Original zu entsprechen, wurden weitere Goldschmiedetechniken (Email, Stein- und Perlbesatz) umgesetzt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Bedeutende Goldschmiedearbeiten wie der Deckelpokal des Goldschmiedes Gerardus H\u00fcls wurden von der Berliner Firma D. Vollgold &amp; Sohn Silberwaren-Fabrik im Jahr 1903 als Galvano nachgebildet. Die hochwertigen Kopien lassen sich von Goldschmiedearbeiten schwer unterscheiden. Ein Erkennungsmerkmal sind winzige Metallperlen auf der Innen- bzw. R\u00fcckseite der Objekte. Diese entstehen durch das dendritische (strauchartige) Wachstum des Metallgef\u00fcges aus der L\u00f6sung. An den Standfl\u00e4chen ist die Vergoldung oft berieben, so dass sich das kupferne Kernmetall erkennen l\u00e4sst. Auf galvanischem Wege produzierte Kannen und Pokale lassen sich nicht aus einem St\u00fcck herstellen. Um eine gleichm\u00e4\u00dfige Metallabscheidung im Bad zu gew\u00e4hrleisten, d\u00fcrfen die Negativformen nicht zu stark hinterschnitten sein. Somit setzen sich die Galvanos aus mindestens zwei H\u00e4lften zusammen. Die durch das Zusammenl\u00f6ten entstandenen N\u00e4hte auf der Gef\u00e4\u00dfinnenseite sind ein weiteres Unterscheidungskriterium.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute wird die Galvanisiertechnik im musealen Bereich nur noch f\u00fcr numismatische Nachbildungen angewandt. Um dreidimensionale Kopien zu erzeugen, wird auf das ber\u00fchrungslose Scanverfahren zur\u00fcckgegriffen. Anhand der Messdaten lassen sich gro\u00dfformatige Objekte im 3D-Druckverfahren herstellen. (Wibke Bornkessel)<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Propaganda und Fake News. Wie k\u00f6nnen wir der Geschichte vertrauen?&nbsp;<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Bis heute ist nicht hundertprozentig klar, f\u00fcr wen der Pokal von H\u00fcls gefertigt wurde. Viele historische und ikonographische Hinweise lassen vermuten, dass er als Huldigungsgeschenk f\u00fcr Karl VI. hergestellt wurde. Die Idee der Heroisierung von Machthaber*innen zieht sich als Konstante durch die Geschichte der Politik und der Bildenden K\u00fcnste. Vor allem M\u00fcnzen, Medaillen, Skulpturen, Malerei und angewandte K\u00fcnste dienen als Medien der Verbreitung einer politischen Agenda. Sp\u00e4ter wird Propaganda in Plakaten, Fotografie und Film, und schlie\u00dflich in sozialen Netzwerken visualisiert.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die reiche Dekoration des Pokals mit Laubwerkornament, Fruchtb\u00fcndeln, Bl\u00fcten und der Darstellung k\u00f6lnischer Heiliger im zentralen Medaillon spiegelt den gesellschaftlichen Kontext der Zeit wider: Nachdem die Habsburger im Zuge des Venezianisch-\u00d6sterreichischen T\u00fcrkenkriegs 1717 ihr Territorium expandieren konnten, verst\u00e4rkte sich der Einfluss ihrer Herrschaft im Reich.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Propaganda wird in einem Gegenstand gespeichert und geht so in die Geschichte ein. Sie dient dem Zweck, ein Narrativ zu manipulieren und dadurch die Macht der Herrschenden zu verst\u00e4rken. Heute sind die gesellschaftlichen und politischen Prozesse in den Informationsmedien (\u2192<a href=\"https:\/\/blog.zhdk.ch\/designlab7\/fernseher\/\">Fernseher<\/a>) gespeichert und dienen als Dokumente der Zeit. Mit dem Siegeszug der sozialen Netzwerke haben die Menschen einerseits Macht und Bestimmungsrecht zur\u00fcckgewonnen, andererseits aber gewisse Verluste erfahren.&nbsp;Der Historiker Yuval Noah Harari schreibt:&nbsp;\u201cIn fact, humans have always lived in the age of post-truth. Homo sapiens is a post-truth species, whose power depends on creating and believing fictions.\u201d Die Liberalisierung der Mittel, mit denen Informationen \u00fcbertragen werden, f\u00fchrte zum Verlust der Objektivit\u00e4t.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend in der Geschichte Objekte und Kunstwerke als Mittel verwendet wurden, um das Denken der Menschen zu manipulieren und Unwahrheiten zu verbreiten, nehmen heute \u201aFake News\u2018 diese Position an.&nbsp;Fake News \u2013 Berichte, die glaubw\u00fcrdig erscheinen, aber Unwahrheiten beinhalten\u2013 sind ein Ph\u00e4nomen der heutigen Zeit und dienen unter anderem Propagandazwecken. Sie nutzen die Gef\u00fchle der Gesellschaft aus und bewirken St\u00f6rungen in der Wahrnehmung. Die Verbreitung dieser Informationen beruht auf den Funktionsweisen der sozialen Medien. Menschen haben dort ein gesellschaftliches Modell erschaffen, in dem sie die Inhalte selbst produzieren, w\u00e4hrend sie gleichzeitig ein vorgefertigtes Muster nachahmen. Basierend auf dem Musterfall und auf einem politischen oder gesellschaftlichen Ereignis werden Fake News als eine Realit\u00e4tsmanipulation genutzt \u2013 wie fr\u00fcher bei den Abbildungen der Machthaber*innen. Fake News s\u00e4hen Zweifel und f\u00fchren zu Vertrauensverlust.&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Deckelpokal, Gerardus H\u00fcls, zwischen 1715 und 1724; Silber, vergoldet;\u00a0KGM Berlin, Inv. Nr. W-1962, 34 Yulia Fisch Von Herkules zu Superman,&nbsp;Kolchosb\u00e4uerin und Arbeiter&nbsp; Wie sahen die Vorl\u00e4ufer des Superman aus? Wie erkennen wir in aktuellen Bildern deren Vorgeschichte? Was vermitteln uns die Bilder der Held*innen und die Allegorien der Herrscher*innenverehrung? 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