{"id":193,"date":"2021-01-02T15:59:05","date_gmt":"2021-01-02T14:59:05","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/designlab7\/?page_id=193"},"modified":"2021-01-27T15:39:47","modified_gmt":"2021-01-27T14:39:47","slug":"eisenschmuck","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/designlab7\/eisenschmuck\/","title":{"rendered":"Eisenschmuck"},"content":{"rendered":"\n<p style=\"font-size:12px\">Parure mit Weinblattmotiven: Collier mit Kreuzanh\u00e4nger, Armband und Ohrgeh\u00e4ngen, Johann Conrad Gleiss, Berlin, 1825\u20131830; Eisenguss, polierter Stahl, Gold; KGM Berlin, Inv. Nr.&nbsp;Wo D I 23a, Wo D I 30b, O-1974,3,332a-b,&nbsp;\u00a9&nbsp;bpk \/ Kunstgewerbemuseum, SMB \/ Martin Franken<\/p>\n\n\n\n<p><em>Claudia Banz&nbsp;<\/em><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Eisen als patriotischer Code<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Anfang des 19. Jahrhunderts erlebte das Material Eisen vor allem im ehemaligen Preu\u00dfen eine \u00f6konomische, politische und \u00e4sthetische Bl\u00fcte. Die Dekaden der Befreiungsk\u00e4mpfe von der napoleonischen Herrschaft galten als Eiserne Zeit. Entsprechend avancierte Eisen zum patriotischen Material. Wirtschaftlich wurde die Eisenproduktion von K\u00f6nig&nbsp;Friedrich Wilhelm III. nachhaltig gef\u00f6rdert.&nbsp;Mit der 1804 gegr\u00fcndeten K\u00f6niglichen Eisengie\u00dferei, die mit seinerzeit bedeutenden K\u00fcnstlern wie Karl Friedrich Schinkel oder Daniel Rauch zusammenarbeitete, entwickelte sich Berlin zum wichtigen Produktionsstandort und k\u00fcnstlerischen Zentrum f\u00fcr Eisenkunstguss. Um die b\u00fcrgerliche Tugend der Einfachheit zu festigen, setzte die Preu\u00dfische Regierung den ebenso innovativen wie kosteng\u00fcnstigen Eisenkunstguss auch als Medium der Geschmacksbildung ein: \u00dcber die Produktion von gro\u00dfformatigen Antiken, M\u00f6beln, Portraitb\u00fcsten, Zierrat, Architekturelementen und Schmuck wollte man die Teilhabe der Bev\u00f6lkerung am Sch\u00f6nen bef\u00f6rdern (\u2192<a href=\"https:\/\/blog.zhdk.ch\/designlab7\/vorbilder\/\">Vorbilder<\/a>).&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>International ber\u00fchmt wurde der Berliner Eisenguss vor allem durch den Schmuck, auch \u201eFer de Berlin\u201coder&nbsp;\u201eBerlin Iron\u201c genannt, ein Ergebnis virtuoser Handwerkskunst und unerreicht in seiner Filigranit\u00e4t und Zartheit. In Mode kam der Eisenschmuck ob seiner spartanischen Ausstrahlung und seiner schwarzen Fassung zun\u00e4chst als Trauerschmuck. Dank professioneller Juweliere, darunter Johann Conrad Gleiss oder Sim\u00e9on Pierre Devaranne, entwickelte sich Eisenschmuck zum begehrten modischen Accessoire zwischen Paris und St. Petersburg. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts verlor er jedoch wegen des unglamour\u00f6sen Materials und seinem Status als g\u00fcnstig produziertes Massenprodukt ebenso wie die \u00fcbrige Eisengusskunst an Popularit\u00e4t. Gefragt waren wieder hochwertigere Materialien, vor allem im Bereich von Schmuck und Repr\u00e4sentation.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Innovation Eisenkunstguss<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Dank neuer Rezepturen und technischer Neuerungen konnte der Eisenschmuck in hoher Qualit\u00e4t gefertigt werden. Zun\u00e4chst wurden alle Einzelteile des sp\u00e4teren Schmuckst\u00fccks als Modell in Messing oder Silber geschaffen. Ein feuerfester Tiegel wurde mit feink\u00f6rnigem Formsand bef\u00fcllt und verdichtet. Die Modellteilchen wurden in die plan abgezogene Sandoberfl\u00e4che eingedr\u00fcckt, so dass ein Negativabdruck im Sand entstand. Anschlie\u00dfend mussten feine Gusskan\u00e4le im Sand angelegt werden, damit die Eisenschmelze die Gussformen vollst\u00e4ndig ausf\u00fcllte und die dabei verdr\u00e4ngte Luft entweichen konnte. Je nach Komplexit\u00e4t des Modells war es m\u00f6glich, mehrere Schmuckteile gleichzeitig in einem Tiegel zu gie\u00dfen. Dadurch entstand ein sogenannter Gussbaum mit zahlreichen Ver\u00e4stelungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die d\u00fcnnfl\u00fcssige Eisenschmelze wurde bei \u00fcber 1000 \u00b0C \u00fcber einen im Formsand angelegten Gie\u00dftrichter in den Tiegel eingef\u00fcllt. Der Eisenschmelze wurde Phosphor zulegiert, um die Korrosionsbest\u00e4ndigkeit und Gie\u00dfbarkeit zu erh\u00f6hen. Nachteilig wirkte sich der Legierungspartner auf die Spr\u00f6digkeit aus. Deshalb durfte das Abk\u00fchlen der Form nicht zu schnell erfolgen. Durch eine anschlie\u00dfende W\u00e4rmebehandlung (Tempern) wurde der Kristallisationsprozess im Metallgef\u00fcge positiv beeinflusst und die Materialit\u00e4t deutlich verbessert. Nach dem langsamen Abk\u00fchlen konnten der Formsand mechanisch entfernt und die Gie\u00dflinge mit einem Seidenschneider vom Gussbaum getrennt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Zahlreiche Handwerker bearbeiteten die Eisengussteile weiter: mit verschiedenen Werkzeugen wurde entgratet und geschliffen. Durch die abschlie\u00dfende Behandlung der Eisenoberfl\u00e4che mit einem korrosionsstabilen Firnis (Lein\u00f6l, Ru\u00df) entstand der typische mattschwarze Glanz.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Eine weitere Neuerung war das Baukastenprinzip: Aus seriell gefertigten Gussteilen wurden individuelle Schmuckgarnituren gefertigt. Eine dreidimensionale Bl\u00fcte entsteht aus mehreren \u00fcbereinander montierten Teilen, welche \u00fcber Nieten und Stifte zusammengehalten werden. Vier lanzettf\u00f6rmige Gie\u00dflinge bilden einen Kreuzanh\u00e4nger und in Reihe gelegte Glieder verbinden sich zu einem Armband oder Collier. Das Zusammenf\u00fcgen der Einzelteile erfolgte \u00fcber verschieden gro\u00dfe \u00d6sen aus Eisendraht. Als Verschl\u00fcsse dienten einfache S-Haken oder raffinierte Schl\u00f6sser.&nbsp;(Wibke Bornkessel)<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>\u201e<\/strong><strong>Gold gab ich f\u00fcr Eisen<\/strong><strong>\u201c<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Der H\u00f6henflug des Berliner Eisenschmucks erhielt durch den legend\u00e4ren Spendenaufruf\u00a0der preu\u00dfischen Prinzessin Marianne \u201eGold gab ich f\u00fcr Eisen\u201c\u00a01813\u00a0nachhaltige Impulse. Damit wurde auch die seit Jahrtausenden etablierte Wertehierarchie der Materialien f\u00fcr kurze Zeit auf den Kopf gestellt. Denn Gold ist zugleich reale und transzendente Materie: Mit ihm verbindet sich die Sehnsucht nach dem \u201aGoldenen Zeitalter\u2018; es repr\u00e4sentiert Macht und Magie, steht f\u00fcr das\u00a0G\u00f6ttliche, K\u00f6nigliche, Herrschaftliche, f\u00fcr Sonne, Licht und Reinheit. Gold war ein so begehrtes und kostbares Gut, dass Alchemisten vom Mittelalter bis in die beginnende Neuzeit die Umwandlung von unedlen Stoffen in lauteres Gold mittels geheimnisvoller, mystischer Operationen zu vollziehen suchten. Auch wenn es Goldvorkommen in Deutschland, vor allem im Rhein, oder in Europa gab und gibt, so verbindet sich mit der Goldgewinnung eine jahrhundertelange Geschichte der Ausbeutung und Sklaverei. Galt Eisen im 19. Jahrhundert als\u00a0\u201aeinheimisches\u2018 Material und seine Produktion als technischer Innovationstreiber, so repr\u00e4sentiert Gold bis heute eine genuin \u201akoloniale\u2018 Materialressource, die auf den historischen Handelsrouten zun\u00e4chst aus S\u00fcdamerika, sp\u00e4ter auch aus Nordamerika und Afrika importiert wurde (\u2192 <a href=\"https:\/\/blog.zhdk.ch\/designlab7\/taschenglobus\/\">Taschenglobus<\/a>).<\/p>\n\n\n\n<p>Generationen von Goldschmied*innen haben das Gold zu kostbarem Kirchen- oder Tafelger\u00e4t und zu Schmuck verarbeitet. Regelten bis ins 18. Jahrhundert strenge Kleider- und Schmuckordnungen das gesellschaftliche Repr\u00e4sentationsbed\u00fcrfnis, so erm\u00f6glichte die neu entstehende Schmuckindustrie eine preisg\u00fcnstigere Produktion. Schmuck wurde somit auch f\u00fcr eine breitere und weniger beg\u00fcterte Kundschaft erschwinglich. Die Hersteller wetteiferten um neue Ideen und Herstellungstechniken. Es entstanden neue Fachberufe wie der Stanzer oder die Politeuse. Selbst Goldschmuck wurde in Serie hergestellt. Der bekannte Spruch \u201eEs ist nicht alles Gold, was gl\u00e4nzt\u201c spielt m\u00f6glicherweise darauf an, dass das kostbare Material nicht immer in Reinform verwendet wurde. H\u00e4ufig wurden Silber oder unedle Metalle \u201avergoldet\u2018.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Eisen: Baustoff der Moderne<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Im Zuge der Industriellen Revolution avancierte Eisen zum dominanten Baustoff. Der technische Fortschritt erm\u00f6glichte die massenhafte Herstellung von normierten und standardisierten Eisenteilen. Mit dem Eintritt des Eisens in die Architektur verlagerte sich der Gro\u00dfteil der Arbeit von der Baustelle in die Fabrik. Die Baustelle ist nur noch der Ort der Montage. F\u00fcr Sigfried Giedion markiert dies den Beginn des neuen Bauens. In seinem 1928 erstmals erschienenen Buch&nbsp;<em>Bauen in Frankreich, Bauen in Eisen, Bauen in Eisenbeton<\/em> konstatiert er: \u201eDer Sinn des Eisens ist: Hohe Beanspruchungsm\u00f6glichkeit auf geringste Dimensionen zu kondensieren. Eisen in einem Bau bedeutet zugleich Muskelstrang und Skelett. Eisen \u00f6ffnet R\u00e4ume. Die Wand kann zur durchsichtigen Glashaut werden. Dies f\u00fchrt zu neuen Gesetzen der Gestaltung.\u201c&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>In der Bauwelt des 19. Jahrhunderts galt Eisen als \u00e4sthetisch unverbrauchtes Material: Es brachte neue konstruktive Physiognomien hervor, die eine gro\u00dfe Faszination aus\u00fcbten. Vor allem f\u00fcr die Weltausstellungen entstanden innovative Zweckbauten aus Eisen und Glas, da sie im Unterschied zu Bauten aus dem teuren und schwerf\u00e4lligen Material Stein schnell und leicht aufzubauen und zu demontieren waren. Die erste&nbsp;<em>Weltausstellung<\/em> in London (1851) begeisterte das Publikum mit der ersten&nbsp;\u201eKathedrale\u201cder Eisenkonstruktion, dem Kristallpalast. Den vorl\u00e4ufigen H\u00f6hepunkt markierte der f\u00fcr die Pariser&nbsp;<em>Weltausstellung<\/em> 1889 errichtete Eiffelturm, den Gustave Eiffel und seine Ingenieure in nur 17 Monaten errichteten. Mit seinen 300 Metern blieb er bis 1930 das h\u00f6chste Bauwerk der Welt. Als Manifest des modernen Bauens ist er zugleich ein Produkt seiner Epoche: Reduziert auf sein konstruktives Ger\u00fcst, ohne zus\u00e4tzliche W\u00e4nde, wird die Luft in bisher unbekannter Weise als formendes Material ins Innere der Pfeiler gezogen. Doch gegen die&nbsp;\u201eschwarzen Skelette\u201c und die von Ingenieuren und nicht von Architekten errichteten Zweckbauten richtete sich auch starke zeitgen\u00f6ssische Kritik: Zu sehr w\u00fcrden sich diese Bauten in der Demonstration des technischen Fortschritts und der \u00f6konomischen Verwertbarkeit ersch\u00f6pfen. Ziel der Architektur aber sei die R\u00fcckbindung an die Geschichte und die Repr\u00e4sentation ideeller Werte.&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Parure mit Weinblattmotiven: Collier mit Kreuzanh\u00e4nger, Armband und Ohrgeh\u00e4ngen, Johann Conrad Gleiss, Berlin, 1825\u20131830; Eisenguss, polierter Stahl, Gold; KGM Berlin, Inv. Nr.&nbsp;Wo D I 23a, Wo D I 30b, O-1974,3,332a-b,&nbsp;\u00a9&nbsp;bpk \/ Kunstgewerbemuseum, SMB \/ Martin Franken Claudia Banz&nbsp; Eisen als patriotischer Code Anfang des 19. 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