{"id":197,"date":"2021-01-02T16:05:29","date_gmt":"2021-01-02T15:05:29","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/designlab7\/?page_id=197"},"modified":"2021-01-27T15:40:22","modified_gmt":"2021-01-27T14:40:22","slug":"paisleykleid","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/designlab7\/paisleykleid\/","title":{"rendered":"Paisleykleid"},"content":{"rendered":"\n<p style=\"font-size:12px\">Tageskleid, England, um 1845; Wolle, Leinwandbindung, Musselin, bedruckt; Futter: Baumwolle und Leinen, Seidenband; KGM Berlin, Inv. Nr. 2003, KR 255 \/ Kauf 2003 aus der Sammlung Kramer\/Ruf; 1998 Auktion, Salisbury<\/p>\n\n\n\n<p><em>Angeli Sachs<\/em><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Das \u201ePaisleymuster\u201c<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Das sogenannte Paisleymuster ist ein tr\u00e4nenf\u00f6rmiges Stoffmuster mit gebogener Spitze, das eine stilisierte Pflanze mit Wurzel, Stengel und einem herabh\u00e4ngenden Bl\u00fctenkopf darstellt. Es stammt urspr\u00fcnglich wohl von den babylonischen Chald\u00e4ern (S\u00fcdmesopotamien, erstmals um 883 v. Chr. erw\u00e4hnt) und repr\u00e4sentiert den Spross der f\u00fcr die dortige Kultur lebenswichtigen Dattelpalme. Andere Quellen vermuten, dass das Muster aus der Ach\u00e4meniden-\u00c4ra (altpersisches Reich, ca. 550\u2013330 v. Chr.) stammt und von der Zypresse abgeleitet ist. Von dort verbreitete es sich vor allem nach Indien, aber auch nach Europa, wo es allerdings von den klassischen griechischen und r\u00f6mischen Motiven verdr\u00e4ngt wurde. Im fr\u00fchen 18. Jahrhundert transformierte es sich zum indo-persischen Boteh-Muster (Hindi: buta, Blume), das im Verlauf seiner weiteren Entwicklung zunehmend abstrahiert wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>In Indien wurden seit dem sp\u00e4ten 17. Jahrhundert in aufwendiger Handarbeit Kaschmirschals gefertigt, in denen das Boteh-Muster verwendet wurde. Diese kostbaren St\u00fccke, deren Herstellung oft mehrere Jahre dauerte, wurden zuerst von Angeh\u00f6rigen der 1600 gegr\u00fcndeten britischen East India Company nach England gebracht und verbreiteten sich durch den globalen Handel auch in andere L\u00e4nder Europas wie Frankreich. Dort wurde der Hype um sie ausgel\u00f6st, als Napoleon Kaiserin Josephine einen Kaschmirschal schenkte und sie in der Folge mehr als 60 Exemplare sammelte. Ab ca. 1800 wurden sie zu einem unverzichtbaren Accessoire f\u00fcr verm\u00f6gende Modeliebhaberinnen, die sie \u201eals W\u00e4rmespender und Blickfang\u201c \u00fcber ihre neoklassischen Empirekleider aus Musselin drapierten. Um dem europ\u00e4ischen Geschmack noch besser zu entsprechen, entwickelten westliche Entwerfer das Muster weiter, das nach Indien gesandt und dort von den indischen Webern reinterpretiert wurde. Dieser ost-westliche Austausch wurde ein solcher Erfolg, dass das immer elaboriertere Paisleymuster bis 1870 popul\u00e4r blieb, bis die Paisleyschals durch die Einf\u00fchrung der Turn\u00fcre (ein das Ges\u00e4\u00df betonendes Polster) au\u00dfer Mode kamen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Aber seitdem hat das Paisleymuster unz\u00e4hlige Revivals erlebt und ist auch in der aktuellen Mode zu finden. Denn was urspr\u00fcnglich ein handgewirktes Motiv, vor allem an den Bord\u00fcren indischer Kaschmirschals, war \u2013 und dort bis heute eine lebendige Tradition ist \u2013 wurde im Westen ab ca. 1780 f\u00fcr weit kosteng\u00fcnstigere gewebte Imitationen oder Stoffdrucke adaptiert. Der g\u00e4ngige Name des Musters im englischsprachigen Kontext stammt von der Industriestadt Paisley in der Strathclyde Region westlich von Glasgow in Schottland, die von ca. 1814 bis 1870 eines der f\u00fchrenden Zentren in der Nachahmung indischer Kaschmirschals war.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>(Roh-)Stoffe: Baumwolle<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Kleiderstoffe waren vor der Erfindung von synthetischen Fasern (1892) vor allem aus Wolle, Seide, Baumwolle und Leinen. In Europa wurden Baumwollstoffe zuerst im 17. Jahrhundert von portugiesischen H\u00e4ndlern von ihren Reisen nach S\u00fcdostasien mitgebracht. Da sie aufgrund ihrer Qualit\u00e4t, Farben und Muster auf gro\u00dfen Anklang stie\u00dfen, wurden sie in der Folge trotz anf\u00e4nglicher Widerst\u00e4nde der einheimischen Woll- und Seidenfabrikanten ein bedeutender Teil der Aktivit\u00e4ten von internationalen Handelsgesellschaften wie der britischen East India Company (ab 1600), der niederl\u00e4ndischen Vereenigde Oostindische Compagnie (ab 1602) und der franz\u00f6sischen Compagnie fran\u00e7aise des Indes orientales (ab 1664). Dazu geh\u00f6rte auch wieder die Transformation indischer Muster nach europ\u00e4ischen Vorstellungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber \u00e4hnlich wie beim Paisleymuster inspirierten auch die aus Indien eingef\u00fchrten Baumwollstoffe die europ\u00e4ische Textilproduktion, wie die Entwicklung der Textildruckerei ab dem 18. Jahrhundert. Die Baumwollindustrie war im 19. Jahrhundert Gro\u00dfbritanniens wichtigste Textilindustrie, und Baumwolle wurde von einer \u201eLuxusfaser\u201c zu einem erschwinglichen Rohstoff. Die Mechanisierung des Spinnprozesses und der \u00dcbergang von Handwebst\u00fchlen zu Webmaschinen in den 1830er bis 1840er Jahren erh\u00f6hte die Qualit\u00e4t und Schnelligkeit der Produktion, was wiederum zur Senkung der Preise f\u00fchrte und den Briten so einen enormen Wettbewerbsvorteil verschaffte. Zwischen 1816 und 1850 machten Produkte aus Baumwolle ca. 50 Prozent des Werts der britischen Exporte aus. Sie wurden weltweit verkauft und zerst\u00f6rten Indiens jahrhundertealte Textilproduktion, die zuerst Lieferantin und Anregerin gewesen war.<\/p>\n\n\n\n<p>Um die Produktionsst\u00e4tten im Norden Englands sowie von Glasgow und Paisley in Schottland zu versorgen, wuchs der Import des Rohmaterials Baumwolle von 1785 bis 1850 um das \u00fcber 50fache. Ab dem fr\u00fchen 19. Jahrhundert waren die USA, wo der Anbau von Sorten aus der Alten und der Neuen Welt seit dem 16. Jahrhundert betrieben wurde, der Hauptlieferant f\u00fcr Baumwolle nach Gro\u00dfbritannien. Der amerikanische Baumwollanbau basierte auf dem System der Plantagenwirtschaft und Sklaverei (\u2192<a href=\"https:\/\/blog.zhdk.ch\/designlab7\/taschenglobus\/\">Taschenglobus<\/a>). \u201eDiese Verzahnung von rohstofforientierter Kolonialwirtschaft und zunehmender Industrialisierung in Europa setzte sich\u201c, laut Sebastian Jobs, \u201ebis zur endg\u00fcltigen Abschaffung der Sklaverei in Europa und den USA in der zweiten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts fort. Bis zum amerikanischen B\u00fcrgerkrieg (1861\u201365) landete die hochprofitable Baumwolle von den Plantagen in Georgia und Mississippi in den neu entstehenden Textilm\u00fchlen Englands und machte damit sowohl Unternehmer wie Verbraucher in Europa zumindest indirekt zu Komplizen der Sklavenwirtschaft des amerikanischen S\u00fcdens.\u201c<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Vom Handwerk zur Industriellen Revolution<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Die Entwicklung vom importierten indischen Kaschmirschal als luxuri\u00f6ses Modeaccessoire zu einem reichen Angebot an Imitationen von Paisleyschals europ\u00e4ischer Herkunft, die in Paisley zuerst von selbst\u00e4ndigen Webern handwerklich auf dem Zugwebstuhl und ab Mitte der 1820er Jahre zunehmend industriell von Fabrikarbeiter*innen auf dem Jacquard-Webstuhl produziert wurden, f\u00e4llt zusammen mit der Industriellen Revolution in England (ca. 1750\u20131850). Die Voraussetzungen daf\u00fcr waren laut J\u00fcrgen Osterhammel ein gro\u00dfes nationales Wirtschaftsgebiet mit g\u00fcnstigen Transportbedingungen, ein umfangreiches, teilweise koloniales, \u00fcberseeisches Handelsnetz in Bezug auf Rohstoffe und Absatzm\u00e4rkte, eine produktive Landwirtschaft, Tradition der Feinmechanik und Werkzeugmacherei sowie eine an Innovation und Unternehmertum interessierte Gesellschaft. Aufgrund des wirtschaftlichen Wachstums im 18. Jahrhundert hatte sich zudem ein Markt f\u00fcr Konsumg\u00fcter des \u201egehobenen Bedarfs\u201c entwickelt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Textilindustrie kommt in der Industriellen Revolution dabei eine Schl\u00fcsselrolle zu. Entscheidende Faktoren waren die Mechanisierung der Handarbeit in einem arbeitsteiligen Fabriksystem, der Einsatz der Dampfmaschine und die Nutzung von Kohle als Energiequelle. Technische Erfindungen wie die Spinnmaschine (Spinning Jenny, 1764), die Stoffdruckmaschine mit Metallwalzen (1785), die Egreniermaschine (Cotton Gin, 1793) sowie die Einf\u00fchrung der Jacquard-Steuerung mithilfe eines Lochkartensystems f\u00fcr Webst\u00fchle ab Beginn des 19. Jahrhunderts, ver\u00e4nderten die Produktion von Textilien. Die Konsequenz war eine enorme Produktivit\u00e4tssteigerung und breite Verf\u00fcgbarkeit der Erzeugnisse, die Kehrseite eine Minderung ihrer Qualit\u00e4t. Dies f\u00fchrte wie im Arts and Crafts Movement zu alternativen Konzepten \u201eder Verbindung zwischen Kunst, Gesellschaft und Arbeit\u201c. Einer ihrer wichtigsten Protagonisten, der englische Gestalter, Schriftsteller und sozialistische Aktivist William Morris verstand seine Arbeit als Gegenentwurf zur Industrialisierung. In seiner Auffassung sollte wirkliche Kunst \u201evon Menschen f\u00fcr Menschen, eine Quelle des Gl\u00fccks f\u00fcr den Hersteller und Nutzer\u201c sein. Seine Entw\u00fcrfe setzten einen deutlichen Kontrast zu der mangelhaften Qualit\u00e4t industriell hergestellter Produkte dieser Zeit und waren weit \u00fcber Gro\u00dfbritannien hinaus von nachhaltigem Einfluss auf die Entwicklung des Kunsthandwerks (\u2192<a href=\"https:\/\/blog.zhdk.ch\/designlab7\/vorbilder\/\">Vorbilder<\/a>).<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Die Schattenseiten der Industrialisierung<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Die negativen Begleiterscheinungen der Industriellen Revolution, besonders der Textilindustrie, waren miserable Arbeitsbedingungen, Ausbeutung, auch von Kindern, Umweltverschmutzung und Verelendung der Arbeiter*innen. 1804 schrieb William Blake in seinem popul\u00e4ren Gedicht&nbsp;<em>And did those feet in ancient time<\/em> mit Verweis auf die Textilfabriken (mills): \u201cAnd did the Countenance Divine \/ Shine forth upon our clouded hills? \/ And was Jerusalem builded here \/ Among these dark Satanic mills?\u201d&nbsp;Auch&nbsp;Friedrich Engels hat 1845 in seiner Schrift&nbsp;<em>Die Lage der arbeitenden Klasse in England<\/em> die unhaltbare Situation anschaulich beschrieben. Die kapitalistische Produktionsweise und ihre Auswirkungen f\u00fchrten zu scharfen gesellschaftlichen Gegens\u00e4tzen, Widerst\u00e4nden und Protesten. Ab 1802 wurde vom britischen Parlament eine Reihe von \u201efactory acts\u201c zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen erlassen, deren Wirksamkeit allerdings begrenzt blieb. Ab den 1830er Jahren entwickelten sich Gewerkschaften gegen die \u201eTyrannei der Meister und Fabrikbesitzer\u201c.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Aber es gab auch Reformbestrebungen von Unternehmerseite, in denen sich das soziale Engagement allerdings mit paternalistischen Z\u00fcgen mischte. Ein bekanntes Modellprojekt ist die in Schottland gelegene Baumwollfabrik New Lanark, in der Robert Owen von 1800 bis 1825 verbesserte Arbeits-, Lebens- und Bildungsbedingungen f\u00fcr die Arbeiter*innen inklusive eines&nbsp;\u201eInstitute for the Formation of Character\u201c einf\u00fchrte.&nbsp;Ein anderes Beispiel ist die 1851 vom Textilfabrikanten Sir Titus Salt gegr\u00fcndete viktorianische Mustersiedlung Saltaire in West Yorkshire, wo er um die neuerrichtete Fabrik Salts Mill eine Siedlung mit Gemeinschaftseinrichtungen f\u00fcr die etwa 3000 Arbeiter*innen und ihre Familien \u201enach den damals modernsten sozialen und sanit\u00e4ren Grunds\u00e4tzen\u201c erstellen lie\u00df.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Im 20. und 21. Jahrhundert hat sich mit der Verlagerung vieler Fabriken und der dort geleisteten k\u00f6rperlichen Arbeit von den Industrienationen in Schwellen- und Entwicklungsl\u00e4nder der Begriff der Produktion ver\u00e4ndert. Da die moderne Wirtschaft \u201eauf einem konstanten Wachstum der Produktion\u201c basiert, leben wir laut Yuval Noah Harari in einem \u201eShopping-Zeitalter\u201c, in dem der Konsum neuer Produkte permanent stimuliert wird.&nbsp;Das 2013 eingest\u00fcrzte Fabrikgeb\u00e4ude Rana Plaza in Bangladesh ist zu einem ersch\u00fctternden Symbol f\u00fcr die mangelhaften Produktionsbedingungen, die Ausbeutung und unzureichende Absicherung von Arbeitskr\u00e4ften geworden, die diese Waren herstellen. Aber hat sich seitdem irgendetwas ge\u00e4ndert? Die Arbeit wird weiterhin dahin ausgelagert, wo die Arbeitsbedingungen und die L\u00f6hne von Arbeiter*innen f\u00fcr die Produzenten am g\u00fcnstigsten sind \u2013 sei es in Asien, Afrika oder in europ\u00e4ischen Sweatshops wie im italienischen Prato oder englischen Leicester.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tageskleid, England, um 1845; Wolle, Leinwandbindung, Musselin, bedruckt; Futter: Baumwolle und Leinen, Seidenband; KGM Berlin, Inv. 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