{"id":201,"date":"2021-01-02T16:34:49","date_gmt":"2021-01-02T15:34:49","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/designlab7\/?page_id=201"},"modified":"2021-01-27T15:40:49","modified_gmt":"2021-01-27T14:40:49","slug":"stuehle","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/designlab7\/stuehle\/","title":{"rendered":"St\u00fchle"},"content":{"rendered":"\n<p style=\"font-size:12px\">Hocker, \u00c4gypten, Neues Reich (1539\u20131077 v. Chr.); Holz, geschnitzt, Tierfell, geflochten; KGM Berlin, Inv. Nr. 1868, 1403 \/ Geschenk des Khediven von \u00c4gypten Ismail Pascha<\/p>\n\n\n\n<p><em>Claudia Banz<\/em><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>\u00c4gypten in Europa<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Dieser schlichte Hocker aus \u00c4gypten besitzt eine spannende Provenienz: Laut Inventar kam er 1868 als Teil einer umfangreichen Schenkung des Khediven von \u00c4gypten Ismail Pascha in die Sammlung des Berliner Kunstgewerbemuseums. Die Erforschung der Hintergr\u00fcnde dieser Schenkung steht noch aus, jedoch steht sie offensichtlich im Kontext preu\u00dfisch-\u00e4gyptischer Diplomatie und Politik in der zweiten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts.<\/p>\n\n\n\n<p>Ismail Pascha trat mit dem Ziel an, \u00c4gypten, das zu dieser Zeit noch zum Osmanischen Reich geh\u00f6rte, in ein modernes Land nach europ\u00e4ischem Ma\u00dfstab zu transformieren. Zentraler Ausdruck seines Machtstrebens war die spektakul\u00e4re Er\u00f6ffnung des Suezkanals (1869) und der Ausbau von Kairo zu einer zeitgen\u00f6ssischen Stadt nach Pariser Vorbild. Hierf\u00fcr beauftragte er neben zahlreichen internationalen Architekten auch den Berliner Carl von Diebitsch, der den Eisenkunstguss als preu\u00dfische Innovation nach \u00c4gypten exportierte.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Auf Einladung von Napoleon III. nahm der Vizek\u00f6nig an der Pariser&nbsp;<em>Weltausstellung<\/em> 1867 teil. Hier lie\u00df er der staunenden Welt\u00f6ffentlichkeit Zeugnisse der \u00e4gyptischen Hochkultur pr\u00e4sentieren. Mit spektakul\u00e4ren Architekturen, darunter zwei Tempelbauten sowie einer Allee der Sphinxe z\u00e4hlte der \u00e4gyptische Park zu den H\u00f6hepunkten. 1869 beauftragte er den \u00f6sterreichischen Architekten Julius Franz mit dem Bau eines Museums f\u00fcr arabische Kunst, das 1881 in Kairo er\u00f6ffnet wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Hocker l\u00e4sst sich m\u00f6glicherweise in das Neue Reich datieren und ist damit \u00fcber 3000 Jahre alt. Darauf deuten die Bearbeitungsform der Beine sowie die Art der Steckverbindungen der vier Beine mit den Verstrebungen der Sitzfl\u00e4che hin. Er bildet den aufschlussreichen Mosaikstein einer Strategie des \u00e4gyptischen Vizek\u00f6nigs, seinen Machtanspruch sowie seine politische Autonomie auch auf kultureller Ebene \u00fcber Schenkungen und wertvolle Leihgaben f\u00fcr Sonderausstellungen an europ\u00e4ische Museen zu festigen. Im damaligen Preu\u00dfen traf Ismail Pascha damit den Nerv der Zeit: Sp\u00e4testens seit der von K\u00f6nig Friedrich Wilhelm IV. nachhaltig finanzierten Expedition nach \u00c4gypten von 1842 bis 1845 wuchs ein gro\u00dfes Interesse an der Erforschung der pharaonischen Kultur. Berlin avancierte zum wichtigen Standort der \u00c4gyptologie, die sich dort als neue Disziplin etablierte.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Design und Orientalismus<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Im 19. Jahrhundert eroberte der sogenannte \u201aOrient\u2018 die europ\u00e4ischen St\u00e4dte: Von London bis Florenz, von Paris bis St. Petersburg entstanden \u00f6ffentliche und private Bauten im pseudo-maurischen Stil. Auch orientalisierende Interieurs erfreuten sich bei Adeligen und der wohlhabenden Oberschicht gro\u00dfer Beliebtheit und zeugten von einem kosmopolitisch gebildeten Geschmack. Zu den wichtigsten Inspirationsquellen geh\u00f6rte das islamische Spanien, vor allem die Alhambra, deren Architektur ausf\u00fchrlich studiert wurde. In seinem einflussreichen Buch&nbsp;<em>Grammar Of Ornament&nbsp;<\/em>(1856) pries Owen Jones die Alhambra enthusiastisch als Kulminationspunkt der maurischen Kunst und Ornamentik, un\u00fcbertroffen in ihrer universellen Harmonie und Sch\u00f6nheit. Julius Lessing, der erste Direktor des Berliner Kunstgewerbemuseums, schreibt nach dem Besuch der Wiener&nbsp;<em>Weltausstellung<\/em> 1873 \u201eGegen\u00fcber der Armut und der Unfruchtbarkeit unserer eigenen, durch die Maschinenarbeit ausged\u00f6rrten Erfindungskraft erschlie\u00dft sich dem Blicke des nach k\u00fcnstlerischen Mustern Suchenden in den Sch\u00e4tzen des Orients eine unendliche F\u00fclle naturfrischer, farbengl\u00e4nzender und formensicherer Produktionen.\u201c Die orientalische Kultur und Kunst lieferte das perfekte Modell f\u00fcr die dringend anstehende Designreform, die durch die neu gegr\u00fcndeten Kunstgewerbemuseen europaweit verbreitet wurde. Der \u201aOrient\u2018 als klar definierter geografischer Raum hat jedoch niemals existiert. Wie Edward Said es in seinem wegweisenden Werk&nbsp;<em>Orientalism<\/em> (1987) analysiert, handelt es sich um eine imagin\u00e4re Konstruktion, eine Projektionsfl\u00e4che f\u00fcr westliche Phantasien, koloniale Politik und hegemoniale Machtanspr\u00fcche.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die M\u00f6bel des italienischen Designers Carlo Bugatti reflektieren diese Ambivalenz der \u201aOrient-Mode\u2018 auf komplexe Weise: In ihrer hybriden Formensprache aus einer Mischung orientalisierender und japanischer Stilelemente visualisieren sie eine fiktive exotische Kultur der \u201aAnderen\u2018. Gleichzeitig entsprechen sie der zeitgen\u00f6ssischen Forderung der Designreformer, die eigenen Entw\u00fcrfe aus dem Geist des \u201aorientalischen\u2018 Ornaments zu erneuern.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Groteske: von der Kunst zum Ornament<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Ein ornamentales Mischwesen mit menschlichen Z\u00fcgen bildet die R\u00fcckenlehne dieses sogenannten Brettstuhls. Solche exotisch anmutenden Stilelemente kamen im 16. Jahrhundert in Europa in Mode. Sie sind das Produkt eines kulturellen Aneignungsprozesses, der zun\u00e4chst zur Entstehung der neuen Kunstform der&nbsp;Groteske f\u00fchrte, die sp\u00e4ter zum reinen Ornament in den angewandten K\u00fcnsten mutierte.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Name geht auf das italienische Wort ,grottesco\u2018 zur\u00fcck und spielt auf den unterirdischen Fundort sp\u00e4tr\u00f6mischer Wandmalereien an, die 1480 bei Ausgrabungen von Resten der Domus Aurea (Goldenes Haus) von Kaiser Nero aus dem ersten Jahrhundert n. Chr. in Rom wiederentdeckt wurden. Diese dekorativen Wandmalereien inspirierten die K\u00fcnstler*innen der Renaissance und er\u00f6ffneten ihnen ein neues Feld k\u00fcnstlerischer Freiheit. Die Groteske ist ambivalent und vieldeutig: Sie entspringt dem Reich der Phantasie, bringt Gegens\u00e4tze und Verwandtes, organische und anorganische Motive zusammen. Die Groteske verkehrt und verdreht, verschmilzt das Monstr\u00f6se mit dem R\u00e4tselhaften.<\/p>\n\n\n\n<p>Parallel zur Entdeckung der Domus Aurea wurde 1505 die&nbsp;<em>Hieroglyphica<\/em> des sp\u00e4tantiken Philosophen Horapollo ver\u00f6ffentlicht, nachdem dieses, aus dem 4. Jahrhundert n. Chr. stammende Manuskript zuvor auf einer griechischen Insel wiederentdeckt worden war. Es handelt sich um eine Art Lexikon, in dem die Bedeutung von 189 \u00e4gyptischen Hieroglyphen erkl\u00e4rt wird. Auch wenn die Echtheit dieser Handschrift l\u00e4ngst angezweifelt wird, so erfreute sie sich in den Renaissancezirkeln der Humanisten gr\u00f6\u00dfter Beliebtheit. Die Auseinandersetzung mit der unbekannten Bildsprache der Hieroglyphen regte die Erfindung neuer Grotesken an, beide wurden miteinander kombiniert. K\u00fcnstler*innen und Gelehrte waren auf der Suche nach den Mysterien, dem Unbekannten und Fremden. In der Form grotesker Embleme erlebte diese Suche eine bildhafte Verdichtung.<\/p>\n\n\n\n<p>Der niederl\u00e4ndische Architekt und Maler Hans Vredeman de Vries (1527\u20131609) legte mit seinem 1555 ver\u00f6ffentlichten Buch&nbsp;<em>Grottescho in diversche manieren<\/em> den Grundstein f\u00fcr eine massenhafte Verbreitung grotesker Bilder, die er auch auf Entw\u00fcrfe f\u00fcr Architekturen, Inneneinrichtungen und M\u00f6bel \u00fcbertrug. Als Druckgrafik in ganz Nordeuropa vertrieben, sorgten sie f\u00fcr eine schnelle Verbreitung der neuen Formensprache, die dadurch auch in die Vorlageb\u00fccher f\u00fcr M\u00f6beltischler gelangte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hocker, \u00c4gypten, Neues Reich (1539\u20131077 v. Chr.); Holz, geschnitzt, Tierfell, geflochten; KGM Berlin, Inv. 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