{"id":205,"date":"2021-01-02T16:41:58","date_gmt":"2021-01-02T15:41:58","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/designlab7\/?page_id=205"},"modified":"2021-01-27T16:21:01","modified_gmt":"2021-01-27T15:21:01","slug":"vorbilder","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/designlab7\/vorbilder\/","title":{"rendered":"Vorbilder"},"content":{"rendered":"\n<p style=\"font-size:12px\">Gitter, Vorbildermappe Nr. 1452, 2. H\u00e4lfte 19. Jahrhundert; KGM Berlin, Archiv<\/p>\n\n\n\n<p><em>Hannah Spillmann<\/em><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Das Kunstgewerbemuseum als Vorbilder- und Mustersammlung<\/strong><strong><\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Angeregt durch die erste&nbsp;<em>Weltausstellung<\/em> 1851 in London entstand ein v\u00f6llig neuer Museumstyp \u2013 das Kunstgewerbemuseum. Ziel der Weltausstellung war es, Industrie und Handel zwischen den beteiligten L\u00e4ndern zu f\u00f6rdern und zugleich nationale Traditionen zu pr\u00e4sentieren. Durch die Zunahme der industriellen Massenproduktion geriet das traditionelle Handwerk in eine bis dahin unbekannte Konkurrenzsituation. Dabei gef\u00e4hrdeten offensichtliche Defizite, wie die katastrophale Qualit\u00e4t der Produkte, die industrielle Wettbewerbsf\u00e4higkeit. Somit wurde die Erziehung des Geschmacks der Konsument*innen fortan als eine notwendige \u00f6ffentliche Aufgabe angesehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Zusammenhang mit den sozialen Utopien des 19. Jahrhunderts \u00fcbernahmen die Kunstgewerbemuseen die Aufgabe, den Geschmack von Handwerker*innen, Fabrikant*innen und Konsument*innen zu schulen und das Qualit\u00e4tsbewusstsein im Handwerk und in der Industrie zu f\u00f6rdern. Dementsprechend entsprach der neuartige Museumstyp der damaligen \u00f6konomischen Notwendigkeit. So legten die Kunstgewerbemuseen Vorbilder- und Mustersammlungen f\u00fcr die Geschmackserziehung an. Die Sammlungen bestanden aus diversen Vorbilder- und Mustermappen, welche in verschiedene Sachgebiete, wie zum Beispiel Glas, Bucheinb\u00e4nde, Kirchenger\u00e4te oder auch Schmiedeeisen und Eisenguss eingeteilt waren und als Anschauungsmaterial und stilistische Orientierungshilfe f\u00fcr Handwerksbetriebe und Gewerbe dienten. Heute geben die Vorbildermappen einen Einblick, wor\u00fcber im 19. Jahrhundert nachgedacht wurde und worin der Geschmack geschult werden sollte. Die Unmengen an Vorbildermappen zeigen nicht zuletzt das Ausma\u00df und manchmal auch die Absurdit\u00e4t der Geschmackserziehung auf (\u2192<a href=\"https:\/\/blog.zhdk.ch\/designlab7\/eisenschmuck\/\">Eisenschmuck<\/a>).<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>B\u00f6se Dinge<\/strong><strong><\/strong><\/h3>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-group\"><div class=\"wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow\">\n<p><em>\u201eWollen wir erkennen, worin der gute Geschmack besteht, m\u00fcssen wir zuerst den schlechten Geschmack beseitigen.\u201c<\/em> Gustav E. Pazaurek, 1912                <\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<p>Gustav E. Pazaurek, Vordenker des Deutschen Werkbunds, war der Ansicht, dass mit der industriellen Massenproduktion in Deutschland auch die Zahl der \u201escheu\u00dflichen\u201c Gegenst\u00e4nde zunimmt. Um das Publikum abzuschrecken und aufzukl\u00e4ren, er\u00f6ffnete er 1909 die \u201eAbteilung der Geschmacksverirrungen\u201c im Stuttgarter Landesmuseum. Kurz darauf entwarf er in seinem Werk&nbsp;<em>Guter und schlechter Geschmack im Kunstgewerbe<\/em> einen Leitfaden des guten Geschmacks. Darin unterscheidet er zwischen verschiedenen Arten von Verst\u00f6\u00dfen: Verst\u00f6\u00dfe gegen das Material, gegen die Konstruktion und gegen die Verzierung. Dabei spricht Pazaurek unter anderem von \u201ePimpeleien\u201c, \u201eNaivit\u00e4ten\u201c und \u201eDekorbrutalit\u00e4ten\u201c. Nicht zuletzt widmet er sich auch dem Begriff des \u201eKitsches\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Die von Pazaurek definierten Gegenbilder waren selten Vorbildern direkt gegen\u00fcbergestellt. M\u00f6glicherweise um Verwirrungen oder Irrt\u00fcmer zu vermeiden, aus Angst, die\/der ungebildete Besucher*in k\u00f6nne noch nicht zwischen \u201egut\u201c und \u201eb\u00f6se\u201c unterscheiden.<\/p>\n\n\n\n<p>Pazaureks Kategorisierung der \u201eGeschmacksverbrechen\u201c scheint nicht mehr zeitgem\u00e4\u00df. Welche Werte stehen heute jedoch zur Diskussion? Im Design wird den Umst\u00e4nden der Herstellung von Ware und dem Zusammenhang von \u00f6konomischen, humanistischen und \u00f6kologischen Faktoren vermehrt Aufmerksamkeit geschenkt und dementsprechend wird Verantwortung \u00fcbernommen. K\u00f6nnen heute somit nicht mehr \u201eGeschmacksverst\u00f6\u00dfe\u201c, sondern Arbeitsbedingungen und Produktionsweisen als \u201eb\u00f6se\u201c bezeichnet werden? (\u2192 <a href=\"https:\/\/blog.zhdk.ch\/designlab7\/paisleykleid\/\">Paisleykleid<\/a>) Steht mit diesem Wertewandel eine Erziehung zu verantwortungsbewussten Konsument*innen im Vordergrund?&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Die \u201eGute Form\u201c<\/strong><strong><\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Der Deutsche Werkbund wurde im Jahr 1907 gegr\u00fcndet. Die Vereinigung von K\u00fcnstler*innen, Architekt*innen, Kunsthandwerker*innen und Unternehmer*innen verfolgte das Ziel einer \u201eVeredelung der gewerblichen Arbeit im Zusammenwirken von Kunst, Industrie und Handwerk durch Erziehung, Propaganda und geschlossene Stellungnahme zu einschl\u00e4gigen Fragen\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Gr\u00fcndung des Werkbunds stellte zum einen eine Auflehnung gegen den vorherrschenden Historismus und den Kulturverfall der menschlichen Umwelt dar, zum anderen diente sie als Aufruf zur k\u00fcnstlerischen und sozialen Erneuerung. So setzte sich der Deutsche Werkbund zum Ziel, \u00fcber die Moral der Dinge den Menschen zum Besseren zu erziehen \u2013 Design und Ethik geh\u00f6rten untrennbar zusammen. Zentrales Anliegen war hierf\u00fcr die Suche nach einer neuen, durch Zweck, Material und Konstruktion bedingten Formgebung \u2013 die \u201eGute Form\u201c. Durch die vom Werkbund propagierte \u201eGute Form\u201c sollten zuk\u00fcnftige Konsument*innen zu besseren Menschen und einem bewussten Konsumverhalten erzogen werden. (\u2192 <a href=\"https:\/\/blog.zhdk.ch\/designlab7\/fernseher\/\">Fernseher<\/a>)<\/p>\n\n\n\n<p>In den 1950er und 1960er Jahren unternahm der Deutsche Werkbund unter anderem Bestrebungen, Sch\u00fcler*innen mithilfe von sogenannten Werkbundkisten an die \u201eGute Form\u201c heranzuf\u00fchren und sie f\u00fcr die Gestaltung der Dinge des Alltags zu sensibilisieren. Dies geschah nicht zuletzt in der Absicht, dem Produktangebot gegen\u00fcber ein kritisches Urteilsverm\u00f6gen entwickeln zu k\u00f6nnen. Die Lehrmittelkisten enthielten Haushaltswaren, welche im Kunst- und Werkunterricht auf ihre formal-\u00e4sthetischen Funktionen hin analysiert wurden. Die Holzkisten waren jeweils unterschiedlichen Themen gewidmet, wie zum Beispiel der \u201egedeckte Tisch\u201c oder \u201eK\u00fcchenger\u00e4te\u201c.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Auf der Suche nach Inspiration&nbsp;<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Kunstgewerbemuseen dienten sowohl fr\u00fcher als auch heute als Inspirationsquelle. Nicht zuletzt, da in Gestaltungsprozessen oftmals auf Altes, schon Bestehendes zur\u00fcckgegriffen wird, dieses schlie\u00dflich einer Neuinterpretation unterzogen und dem Zeitgeist angepasst wird. Abgesehen von zeitgen\u00f6ssischen Einfl\u00fcssen, stellt die Archivarbeit somit auch heute noch immer einen wichtigen Bestandteil der Inspirationssuche von K\u00fcnstler*innen und Designer*innen dar. Insbesondere in der Mode und dem Design ist zu beobachten, wie immer wieder auf fr\u00fchere Entw\u00fcrfe zur\u00fcckgegriffen wird.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend in der vordigitalen Zeit der Gang in das Museum und die darin angelegte Muster- und Vorbildersammlung unumg\u00e4nglich war, bietet heute das Internet unendlich viele M\u00f6glichkeiten, um auf die digitale Suche nach Inspiration zu gehen. Von&nbsp;<em>Instagram<\/em>, \u00fcber&nbsp;<em>Pinterest<\/em> bis hin zu&nbsp;<em>Aren.na<\/em> \u2013 unz\u00e4hlige Plattformen erlauben mit einzelnen Suchbegriffen neue Impulse und Anregungen f\u00fcr die eigene Arbeit zu finden. Mit wenigen Klicks bekommt man einen Einblick in globale Gestaltungstendenzen. Gezeigt und vermittelt werden einem dabei auch Atmosph\u00e4ren und Stimmungen. Auch in den Printmedien, wie zum Beispiel der&nbsp;<em>Vogue<\/em> oder&nbsp;<em>Sch\u00f6ner Wohnen<\/em> werden Trends in Kontexte eingebettet und Zukunftsprognosen gestellt.&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gitter, Vorbildermappe Nr. 1452, 2. H\u00e4lfte 19. Jahrhundert; KGM Berlin, Archiv Hannah Spillmann Das Kunstgewerbemuseum als Vorbilder- und Mustersammlung Angeregt durch die erste&nbsp;Weltausstellung 1851 in London entstand ein v\u00f6llig neuer Museumstyp \u2013 das Kunstgewerbemuseum. Ziel der Weltausstellung war es, Industrie und Handel zwischen den beteiligten L\u00e4ndern zu f\u00f6rdern und zugleich nationale Traditionen zu pr\u00e4sentieren. 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