{"id":209,"date":"2021-01-02T16:46:02","date_gmt":"2021-01-02T15:46:02","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/designlab7\/?page_id=209"},"modified":"2021-01-27T16:17:23","modified_gmt":"2021-01-27T15:17:23","slug":"biophilia","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/designlab7\/biophilia\/","title":{"rendered":"Biophilia"},"content":{"rendered":"\n<p style=\"font-size:12px\">Gef\u00e4\u00dfe&nbsp;<em>Biophilia<\/em>, Stoft Studio, 2015;&nbsp;Ausf\u00fchrung: ZolArt, Malm\u00f6, Schweden;&nbsp;Keramik, Porzellan, schamottiertes Steinzeug, Irdenware; KGM Berlin, Inv. 2015, 11 a-d \/ Ankauf von den K\u00fcnstlern<\/p>\n\n\n\n<p><em>Brooke Jackson<\/em><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Sehen, h\u00f6ren, f\u00fchlen<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Der Tastsinn des Menschen erm\u00f6glicht, mit den H\u00e4nden Formen und Strukturen zu sp\u00fcren. Verschiedenste Zellen reagieren unterschiedlich auf Gewicht, Vibration und Oberfl\u00e4chen der ber\u00fchrten Objekte und senden ein Signal an das Gehirn, welches zu einer dreidimensionalen Wahrnehmung des Objektes f\u00fchrt. Die haptische Qualit\u00e4t von Objekten (insbesondere Gebrauchsgegenst\u00e4nden) ist ein wichtiger Faktor f\u00fcr deren Verwendung im Alltag. Im Museum verlieren die Objekte oft aus konservatorischen Gr\u00fcnden und durch die Pr\u00e4sentation in Vitrinen ihre haptischen Eigenschaften.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Befragung von Museumsbesucher*innen wurde die Hypothese best\u00e4tigt, dass der Tastsinn sowie das H\u00f6ren eine wichtige Ebene der Museumserfahrung bilden und diese sinnliche Erfahrung w\u00fcnschenswert ist. Die sinnliche Erfahrung von Objekten \u00f6ffnet unterschiedliche Zug\u00e4nge zu dem Objekt, die durch die blo\u00dfe visuelle Wahrnehmung nicht erm\u00f6glicht wird. Durch das Ber\u00fchren wird ein anderer Zugang zum Objekt und seiner Funktion geschaffen.<\/p>\n\n\n\n<p>Seit den 1970er Jahren gewinnt der Bereich der Besucherorientierung in der Museumsarbeit zunehmend an Bedeutung. Designobjekte werden in Museen zwar meist noch klassisch ausgestellt, aber immer h\u00e4ufiger auch nicht nur isoliert in Vitrinen, sondern als in eine Szenografie eingebundene, erlebbare Objekte pr\u00e4sentiert, welche auf verschiedenste Arten erfahrbar sind. So entstehen Szenarien, in denen Objekte in unterschiedlichster Weise im Zusammenspiel mit Besucher*innen und Interpretationsm\u00f6glichkeiten stehen und nicht nur eine Perspektive vermittelt wird. Um diese Zug\u00e4nge zu erm\u00f6glichen, spielt eine&nbsp;Vielfalt visueller, auditiver oder haptischer Installationen eine Rolle.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Form und Funktion<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p><em>\u201eWhere function does not change form does not change.\u201d <\/em>Louis Henry Sullivan, 1896<\/p>\n\n\n\n<p>Der Begriff \u201aFunktion\u2018 nimmt im Design eine zentrale Rolle ein, wurde aber zuerst in der Architektur diskutiert. Dort wurde bis ins sp\u00e4te 19. Jahrhundert auf die von Vitruv in seinem Werk&nbsp;<em>De architectura libri decem<\/em> (vor 31 v. Chr.) und von Leon Battista Alberti in der Renaissance bekr\u00e4ftigte antike Forderung Bezug genommen, dass ein Bauwerk \u201esch\u00f6n, dauerhaft und n\u00fctzlich\u201c sein sollte. Erst im Zuge des Arts and Crafts Movement wurde im 19. Jahrhundert die Diskussion um das Verh\u00e4ltnis von \u00c4sthetik und Zweckm\u00e4\u00dfigkeit im Design neu angesto\u00dfen. Der Satz \u201eform follows function\u201c wurde zu einem wegweisenden Leitgedanken, was das Verh\u00e4ltnis zwischen Sch\u00f6nheit und N\u00fctzlichkeit angeht. Dieser impliziert, dass die Form eines Objektes aus dessen Funktion hervorgehen soll und somit die Form auf die Funktion schlie\u00dfen l\u00e4sst. Historisch geht diese Aussage auf den amerikanischen Bildhauer Horatio Greenough zur\u00fcck, wird jedoch prim\u00e4r mit dem Architekten Louis Henry Sullivan und seiner Schrift&nbsp;<em>The Tall Office Building Artistically Reconsidered<\/em> von 1896 in Verbindung gebracht.<\/p>\n\n\n\n<p>In Deutschland gewann dieser Grundsatz vor allem im Bauhaus (1919\u20131933) und seiner Nachfolge an Bedeutung. Der nach der Abl\u00f6sung der ersten handwerklich orientierten Phase propagierte \u00e4sthetische Funktionalismus ging dabei mit der Verwendung neuartiger Materialien und Technologien einher. Aus heutiger Sicht kann dieser Leitsatz auf mehreren Ebenen kritisch hinterfragt werden, da zum Beispiel die Zuordnung von Formen zu einer gewissen Funktion kulturelle Unterschiede au\u00dfer Acht l\u00e4sst. Als Beispiel w\u00e4re Essbesteck zu nennen. So werden in Westeuropa Messer und Gabel verwendet, wohingegen in vielen Teilen Asiens Essst\u00e4bchen in Gebrauch sind. Im Kontext kultureller Unterschiede l\u00e4sst also unter Umst\u00e4nden die Form nicht auf die Funktion schlie\u00dfen. \u201eForm follows function\u201c impliziert somit ein universelles Verst\u00e4ndnis von Funktion und dessen Lesbarkeit, das unterschiedliche kulturelle Perspektiven und Zuschreibungen ausl\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute gibt es zahlreiche unterschiedliche Designstr\u00f6mungen wie Social Design, Human Centered Design oder Speculative Design, die ein grunds\u00e4tzlich anderes Verst\u00e4ndnis des Zusammenwirkens von Form und Funktion vertreten. Das Discursive Design stellt beispielsweise nicht die intuitive Nutzbarkeit eines Objektes in den Vordergrund, sondern versteht Design in einem soziokulturellen Kontext als einen Katalysator f\u00fcr Reflexion und Imagination. Somit wenden sich solche Objekte ab von einem Produkt, welches eine vorherbestimmte Funktion materiell erf\u00fcllt, und regen Diskurse an.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Natur als Inspiration<\/strong><strong><\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Das Objekt&nbsp;<em>Biophilia<\/em>, welches 2015 vom schwedischen Design-Trio Stoft Studio entworfen und in Zusammenarbeit mit dem Hersteller Zol Arther hergestellt wurde, findet seine Inspiration f\u00fcr die Funktion und die Form in der Natur. Auch die Verwendung der nat\u00fcrlichen Materialien, die \u00fcber tausende Jahre von der Natur geformt wurden, spiegelt die Verbindung von Natur und Design in diesem Objekt wider. Jedes der vier ineinander stapelbaren Objekte repr\u00e4sentiert unterschiedliche Wachstumsphasen einer Pflanze. Die Steingutschale&nbsp;<em>Capsula<\/em> symbolisiert die sch\u00fctzende Samenkapsel, woraus die Pflanze sprie\u00dft. Die Vase&nbsp;<em>Petalis<\/em>, die aus schlichtem Porzellan besteht, ist durch eine bl\u00fchende Pflanze inspiriert. Der Krug&nbsp;<em>Truncus<\/em> symbolisiert die Verzweigung einer Pflanze und spiegelt die Aufteilung in Handwerk und Massenproduktion, in die sich die Keramikproduktion heute trennt, wider. Das obere kleine Steingutgef\u00e4\u00df&nbsp;<em>Spore<\/em> dient als Vase f\u00fcr Setzlinge, die an einem neuen Ort Wurzeln schlagen sollen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Natur dient im Design, aber auch in der Architektur, Landschaftsarchitektur, Kunst und Fotografie h\u00e4ufig als Inspirationsquelle. Dabei wird die Natur mit ihren Formen, Strukturen und Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten als Ausgangspunkt verwendet, um die Umwelt des Menschen zu gestalten. Durch die Erforschung und Kategorisierung der Natur im 18. und 19. Jahrhundert wurden auch Grundlagen f\u00fcr die k\u00fcnstlerische Auseinandersetzung mit der Natur gebildet. Diese wurde nicht nur als Ornament zur visuellen Gestaltung eingesetzt, sondern auch als Grundprinzip f\u00fcr die Formfindung verwendet. So wurde in der Architektur zu Beginn des 20. Jahrhunderts zum Beispiel im Jugendstil nicht nur versucht, die Natur optisch nachzubilden, sondern deren nat\u00fcrliche Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten auch als Grundlage f\u00fcr die Konstruktion angewendet.<\/p>\n\n\n\n<p>Solche Ans\u00e4tze sind auch heute beispielsweise im Bionik-Design zu finden, wo versucht wird die Natur nachzuahmen, um technische Probleme zu l\u00f6sen. In der Bio\u00e4sthetik werden nat\u00fcrliche Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten auf Produktdesigns \u00fcbertragen, um durch harmonische Proportionen nicht nur ein \u00e4sthetisches Produkt zu gestalten, sondern auch dem Umstand Rechnung zu tragen, dass solche Harmonien auch ergonomisch besser funktionieren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gef\u00e4\u00dfe&nbsp;Biophilia, Stoft Studio, 2015;&nbsp;Ausf\u00fchrung: ZolArt, Malm\u00f6, Schweden;&nbsp;Keramik, Porzellan, schamottiertes Steinzeug, Irdenware; KGM Berlin, Inv. 2015, 11 a-d \/ Ankauf von den K\u00fcnstlern Brooke Jackson Sehen, h\u00f6ren, f\u00fchlen Der Tastsinn des Menschen erm\u00f6glicht, mit den H\u00e4nden Formen und Strukturen zu sp\u00fcren. 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