{"id":219,"date":"2021-01-02T16:55:22","date_gmt":"2021-01-02T15:55:22","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/designlab7\/?page_id=219"},"modified":"2021-01-27T16:17:44","modified_gmt":"2021-01-27T15:17:44","slug":"blow-chair","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/designlab7\/blow-chair\/","title":{"rendered":"Blow Chair"},"content":{"rendered":"\n<p style=\"font-size:12px\"><em>Blow Chair<\/em>, Paolo Lomazzi, Donato D\u2018Urbino, Jonathan De Pas, 1967;&nbsp;Ausf\u00fchrung: Zanotta SpA, ab 1970 \/ 1988;&nbsp;PVC-Folie, elektronisch geschwei\u00dft;&nbsp;KGM Berlin, Inv. Nr. 1988, 89<\/p>\n\n\n\n<p><em>Brooke Jackson<\/em><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Sammlung: Exponat oder Abfall<\/strong><strong><\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p><em>\u201eDen \u00dcbergang vom M\u00fcll zum Dauerhaften bewirken menschliche Feststellungen, nicht Qualit\u00e4ten der Sache selbst.\u201c <\/em>Michael Thompson, 2003<\/p>\n\n\n\n<p>Der&nbsp;<em>Blow Chair<\/em> wurde 1967 von den Designern Jonathan De Pas, Donato D&#8217;Urbino und Paolo Lomazzi als erster in Serie produzierter, aufblasbarer Sessel entworfen und gilt heute als Designikone. Aufblasbare M\u00f6bel dr\u00fccken mit ihrer Leichtigkeit und Flexibilit\u00e4t den Zeitgeist und Lebensstil der 1960er Jahre aus und wenden sich mit ihrer Temporalit\u00e4t gegen die Ideologie der Langlebigkeit und Dauerhaftigkeit. Der aus PVC-Folie bestehende Sessel erh\u00e4lt erst durch das Aufblasen seine Form. Durch einen Schaden an seiner Kunststoffh\u00fclle kann dieses Exemplar nicht mehr aufgeblasen werden. Es hat damit seine Funktion als Sessel verloren. Fraglich ist, ob der Sessel in der jetzigen Form ebenfalls gesammelt und im Museum ausgestellt oder eher als Abfall bewertet worden w\u00e4re.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Wer bestimmt, was gesammelt und im Museum gezeigt wird? Menschen sammeln seit jeher, sei es zur Sicherung des \u00dcberlebens oder als Ausdruck der Macht. Sp\u00e4testens ab dem 16. Jahrhundert schrieb man mit der Einrichtung der ersten Wunderkammern Sammlungen einen Bildungswert zu. Nach den Museumsgr\u00fcndungen im 18. Jahrhundert wurden diese Sammlungen dann systematisch dokumentiert, archiviert und sukzessive f\u00fcr Besucher*innen ge\u00f6ffnet. In den Kunstgewerbemuseen, die in Folge der Weltausstellungen ab Mitte des 19. Jahrhunderts gegr\u00fcndet wurden, wurden Objekte gesammelt, die als Vorbilder f\u00fcr Gewerbe, Industrie und Ausbildung dienten (\u2192<a href=\"https:\/\/blog.zhdk.ch\/designlab7\/vorbilder\/\">Vorbilder<\/a>). Der ICOM (International Council of Museums), der sich zurzeit in einer Kontroverse um eine aktualisierte Museumsdefinition befindet, definiert Museen bisher als \u00f6ffentliche Institutionen, die das materielle und immaterielle Erbe der Menschheit sammeln, konservieren, erforschen, kommunizieren und ausstellen. Wer aber definiert, was als \u201aErbe der Menschheit\u2018 gilt und somit gesammelt wird? Was wird das Erbe dieser Generation sein? Was wird im Museum von morgen zu sehen sein? Was k\u00f6nnte zum Beispiel der&nbsp;<em>Blow Chair<\/em> von 2020 werden?<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Restaurierung von Kunststoff<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Obwohl Kunststoff zur Herstellung von Designprodukten bereits in den 1930er Jahren verwendet wurde, erlebte er erst in den Nachkriegsjahren, als die technischen Voraussetzungen das Material erschwinglich machten, seinen Aufschwung. Der&nbsp;<em>Blow Chair<\/em> besteht aus durchsichtiger PVC-Folie. Weich-PVC-Folien geh\u00f6ren wegen ihrer chemischen Instabilit\u00e4t und der geringen St\u00e4rke des Materials zu den empfindlichsten Formen von Kunststoff. Zanotta, die Produktionsfirma des&nbsp;<em>Blow Chairs<\/em>, entschied sich 1988 aufgrund des zunehmenden Interesses f\u00fcr eine Re-Edition des ikonischen Sessels. Diese ist h\u00e4ufig in Sammlungen von Museen zu finden, da kaum noch Originale der ersten Edition erhalten sind, denn viele davon sind besch\u00e4digt und k\u00f6nnen nicht mehr ausgestellt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Kunststoffrestaurator*innen versuchen, dem entgegenzuwirken. Da immer mehr Objekte aus Kunststoff in Museen ausgestellt werden, gewinnt ihre Arbeit zunehmend an Bedeutung. Die unterschiedlichen Kunststoffe reagieren jeweils anders auf verschiedenste Faktoren, was die Restaurierung der Objekte erschwert. Neue Methoden zur Restaurierung werden aber fortlaufend entwickelt. Dabei wenden sich Kunststoffrestaurator*innen h\u00e4ufig an Disziplinen wie die Medizin oder die Chemie. Bis heute gibt es noch keine \u00fcberzeugende Methode der Restaurierung von Verschmutzungen, L\u00f6chern und Abnutzungen des&nbsp;<em>Blow Chairs<\/em>. Bei Schnitten und L\u00f6chern wird h\u00e4ufig mit industriellen Klebern gearbeitet. Dieser Vorgang ist jedoch nicht umkehrbar und daher aus konservatorischer Sicht nicht vertretbar. Eine zentrale Schwierigkeit in der Restaurierung von PVC-Folie ist der geringe Erfahrungswert mit dem gealterten Material.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Upcycling<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p><em>\u201eUpcycling is a way of adding value to \u2018waste\u2019. \u201d<\/em> Mark Richardson, 2011<\/p>\n\n\n\n<p>Kunststoff oder Plastik ist nicht nur im Design wiederzufinden, sondern auch im Alltag. Die Plastikt\u00fcte gilt als Symbol der Wegwerfgesellschaft. Alleine in Deutschland verwendet jede\/r Einwohner*in pro Jahr 71 Wegwerft\u00fcten (\u2192<a href=\"https:\/\/blog.zhdk.ch\/designlab7\/pastille\/\">Pastille<\/a>). Die EU hat 2019 eine Richtlinie verabschiedet, die eine Reduktion von Einwegkunststoffartikeln bis 2026 als Ziel setzt. Dabei sollen ab 2021 Kunststoffprodukte wie Trinkhalme, Kunststoffbesteck und Wattest\u00e4bchen vom Markt genommen und durch nachhaltige Alternativen ersetzt werden. Somit soll ein Beitrag zur Verbesserung der Situation in Bezug auf die Verschmutzung der Meere geleistet werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Plastik wird in unserer Gesellschaft als Abfall bewertet, jedoch hat es Potenzial, als Rohstoff zur Wiederverwendung eingesetzt zu werden. So k\u00f6nnen aus Plastiks\u00e4cken zum Beispiel Seile, Schuhe, WC-Deckel, Fischernetze und Konstruktionsmaterial hergestellt werden. Das Material, welches als M\u00fcll in vielen Regionen der Welt ein gesundheitliches Risiko darstellt und in Form von Mikroplastik auch weltweit pr\u00e4sent ist, verwandelt sich so in ein n\u00fctzliches Rohmaterial. Der Prozess des Recyclings definiert sich dar\u00fcber, dass Rohmaterial zur\u00fcckgewonnen und zu neuen Produkten verarbeitet wird. Beim Upcycling hingegen wird das bereits vorhandene Objekt als solches wiederverwendet, um ein anderes Produkt zu gestalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Designer*innen aus verschiedensten Bereichen wie dem Industrial Design oder Modedesign wenden sich der Methode des Upcyclings zu, um die Auswirkungen ihrer Produkte auf die Umwelt zu reduzieren oder eine positive Wirkung zu erzielen. Als Beispiel ist die Firma Freitag zu nennen. Das 2011 in der Schweiz gegr\u00fcndete Unternehmen produziert Taschen aus wiederwendeten LKW-Planen und Sicherheitsgurten. Das Konzept der Produktion ist darauf ausgelegt, Abfall so wiederzuverwenden, dass er erneut in den Konsumkreislauf aufgenommen wird. Ein anderes Beispiel ist der chinesische K\u00fcnstler Zhijun Wang. Mit seiner Arbeit&nbsp;<em>Maskology \u2013 Everyone Can Make a Mask<\/em> stellt er auf seiner Homepage eine Anleitung und ein Schnittmuster zur Herstellung von Mund- und Nasenschutzmasken bereit, die aus allen Materialien hergestellt werden k\u00f6nnen. So kann zum Beispiel eine alte Ikea-Tasche zum Mundschutz umfunktioniert werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Blow Chair, Paolo Lomazzi, Donato D\u2018Urbino, Jonathan De Pas, 1967;&nbsp;Ausf\u00fchrung: Zanotta SpA, ab 1970 \/ 1988;&nbsp;PVC-Folie, elektronisch geschwei\u00dft;&nbsp;KGM Berlin, Inv. Nr. 1988, 89 Brooke Jackson Sammlung: Exponat oder Abfall \u201eDen \u00dcbergang vom M\u00fcll zum Dauerhaften bewirken menschliche Feststellungen, nicht Qualit\u00e4ten der Sache selbst.\u201c Michael Thompson, 2003 Der&nbsp;Blow Chair wurde 1967 von den Designern Jonathan De [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":6268,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"ngg_post_thumbnail":0,"footnotes":""},"class_list":["post-219","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/designlab7\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/219","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/designlab7\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/designlab7\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/designlab7\/wp-json\/wp\/v2\/users\/6268"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/designlab7\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=219"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/designlab7\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/219\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":599,"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/designlab7\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/219\/revisions\/599"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/designlab7\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=219"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}