{"id":2127,"date":"2014-09-22T10:41:29","date_gmt":"2014-09-22T08:41:29","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/genderverhandeln\/?p=2127"},"modified":"2016-07-26T14:54:13","modified_gmt":"2016-07-26T12:54:13","slug":"wikipedia-edit-a-thon","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/genderverhandeln\/2014\/09\/22\/wikipedia-edit-a-thon\/","title":{"rendered":"Wikipedia Edit-A-Thon Kunst + Feminismus Z\u00fcrich"},"content":{"rendered":"<p>Beitrag von Caroline Palla, Absolventin Bachelor Medien &amp; Kunst, Vertiefung Theorie, DKM<\/p>\n<p>Wir alle nutzen Wikipedia. Und theoretisch k\u00f6nnen wir alle daran mitschreiben. Doch zwischen den Autor_innen der meistbenutzten Online-Enzyklop\u00e4die klafft eine Geschlechterl\u00fccke, die niemand so richtig erkl\u00e4ren kann. Aus einer 2011 durchgef\u00fchrten Verfasser_innen-Studie der Wikimedia-Stiftung geht hervor, dass der Anteil der Autorinnen bei rund 10% stagniert. Wikipedia geh\u00f6rt zu den wichtigsten Quellen von Wissen. Dass dieses Wissen immer m\u00e4nnlicher wird, zeigt sich an den Inhalten, an der Setzung der Schwerpunkte, aber auch in der Art, wie diese Schwerpunkte ausgef\u00fchrt werden.<\/p>\n<p>Um der klaffenden Geschlechterl\u00fccke etwas entgegenzuhalten, organisierte das in New York City ans\u00e4ssige Kunst- und Technologiezentrum <em>Eyebeam <\/em>am <a href=\"http:\/\/eyebeam.org\/events\/art-feminism-wikipedia-edit-a-thon\" target=\"_blank\">1. Februar 2014 einen Wikipedia Edit-A-Thon<\/a> zum Themenbereich zeitgen\u00f6ssische Kunst und Feminismus. Edit-A-Thons, auch Meetups genannt, sind regelm\u00e4ssig oder spontan stattfindende Treffen von Wikipedianer_innen, deren Aktivit\u00e4ten anschliessend auf speziellen Wikipedia-Meetup-Seiten protokolliert werden. Dabei wird erfasst, welche Inhalte bearbeitet werden, welche Artikel neu verfasst werden und wer am Event beteiligt war. Parallel zum <em>Eyebeam-<\/em>Anlass fanden am selben Tag \u00fcber dreissig Satellitenveranstaltungen im englischsprachigen Raum diesseits und jenseits des Atlantiks statt.<!--more--><\/p>\n<p>Angesteckt von dieser Edit-A-Thon-Welle machte ich mich an die Planung eines Wikipedia Edit-A-Thons Kunst + Feminismus in Z\u00fcrich. Mit Stefan Wagner, einem der Betreiber des Z\u00fcrcher Corner College, war bald ein Komplize gefunden. Ein Dutzend Frauen und M\u00e4nner folgten unserem Aufruf, die Sichtbarkeit von bedeutenden K\u00fcnstlerinnen und den Anteil der Autorinnen auf Wikipedia zu erh\u00f6hen. Drei Mitglieder des F\u00f6rdervereins Wikimedia Schweiz f\u00fchrten uns in die technischen Einzelheiten ein. Wir erlernten die Grundlagen von Wikitext (einer Wikipedia-spezifischen Alternative zu HTML) und des Mentorenprogramms, wir wurden darin geschult, was zu tun ist, wenn man in einen \u00abEdit War\u00bb verwickelt wird, wir machten uns mit den Relevanzkriterien vertraut, erstellten unsere Benutzerprofile und legten los.<\/p>\n<p>Wikipedia wurde 2001 gegr\u00fcndet. Heute ist sie das wichtigste von zw\u00f6lf Projekten der Wikimedia-Stiftung (andere bedeutende Wikimedia-Projekte sind Wikibooks oder Wikinews). Wikipedia ist eine Enzyklop\u00e4die, die von Laien gestaltet wird und die sich gerade dadurch auszeichnet, dass sie auch nicht-akademische Inhalte einbezieht. Die Tatsache, dass ein kollaboratives Projekt, das f\u00fcr alle offen ist, derart asymmetrisch zu m\u00e4nnlichen Autoren tendiert, ist auf Anhieb \u00fcberraschend. Ganz im Gegensatz zur Gesch\u00e4ftswelt gibt es keinen von M\u00e4nnern dominierten Vorstand, der Autoren gegen\u00fcber Autorinnen den Vorrang geben w\u00fcrde. Wikipedia ist kein Software-Projekt, sondern eher eine Schreibwerkstatt \u2013 ein Cadavre Exquis oder ein Spiel, bei dem jeder Spieler zu einem gr\u00f6sseren Werk beitr\u00e4gt. Die Ur-Mitarbeiter_innen von Wikipedia haben jedoch vieles mit der eingefleischten Hacker-Crowd gemeinsam, sagt Joseph Reagle, ein Mitglied des Berkman Center for Internet and Society in Harvard, in der New York Times. \u00abDazu geh\u00f6rt eine Ideologie, die sich dagegen str\u00e4ubt, Regeln zu verh\u00e4ngen oder sich Ziele wie Diversit\u00e4t zu setzen, und eine Kultur, die Frauen abschreckt.\u00bb (Cohen, 2011).<\/p>\n<p>Die heutige Wikipedia-Community speist sich aus einem Kern von mehrheitlich m\u00e4nnlichen Wikipedianer_innen erster Stunde, der \u00fcber die Jahre organisch auf mehrere hunderttausend Autor_innen angewachsen ist. Die ablehnende Haltung gegen\u00fcber Regelungen bleibt bestehen. Die Einf\u00fchrung einer gendergerechten Sprachregelung wird auf Wikipedia schon seit zehn Jahren lebhaft diskutiert. Die meisten Artikel verwenden das generische Maskulinum (\u00abder K\u00fcnstler\u00bb) bzw. das generische Femininum (\u00abdie Koryph\u00e4e\u00bb). Man findet aber auch Doppelnennungen (\u00abK\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstler\u00bb), geschlechtsneutrale Formulierungen (\u00abKunstschaffende\u00bb), die Verwendung des grossen Binnen-I&#8217;s (\u00abK\u00fcnstlerIn\u00bb), eines Schr\u00e4gstrichs (\u00abK\u00fcnstler\/in\u00bb), Unterstrichs (\u00abK\u00fcnstler_in\u00bb), und eines in die feminine Form gewandelten generischen Maskulinums (\u00abK\u00fcnstlerin\u00bb). Die gendergerechten Schreibweisen sind vielen Wikipedianer_innen ein Dorn im Auge, da sie von der deutschen Rechtschreibung nicht akzeptiert sind.<\/p>\n<p>Ein Meinungsbild f\u00fcr die Einf\u00fchrung des <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Generisches_Maskulinum\" target=\"_blank\">generischen Maskulinums<\/a> wurde k\u00fcrzlich abgelehnt. Eine Vielzahl von Formulierungen wird von einer Mehrheit also nicht nur geduldet, sondern auch begr\u00fcsst. Die Festlegung des generischen Maskulinums im Fliesstext und ein Verbot von alternativen Formulierungen k\u00f6nnte sich negativ auf die Beteiligung von Autorinnen auswirken. Und genau dies will Sue Gardner, die bis Mai 2014 amtierende Gesch\u00e4ftsf\u00fchrerin der Wikimedia-Stiftung, vermeiden. Sie strebt bis ins Jahr 2015 einen Autorinnen-Anteil von 25% an. Gezielte Massnahmen, Autorinnen zu rekrutieren oder gar eine Frauenquote einzuf\u00fchren, lehnt sie jedoch ab. Die Gender-Thematik sei f\u00fcr viele Wikipedianer_innen ein heisses Eisen, und sie wolle diese starken Gef\u00fchle nicht triggern. Auch Kat Walsh, die Mitglied des Wikimedia Board ist, glaubt, dass indirekte, \u00abweiche\u00bb Initiativen in der (vorwiegend aus M\u00e4nnern) bestehenden Wikipedia-Community bedeutend weniger Unbehagen ausl\u00f6sen als Quoten. Leider haben diese \u00abweichen\u00bb Initiativen bislang wenig Wirkung gezeigt. Edit-A-Thons, die sich auf frauenspezifische Themen konzentrieren, bringen pro Veranstaltung eine Handvoll bis h\u00f6chstens ein paar Dutzend neue Autorinnen hervor. Diese stehen einer Heerschar meist junger Autoren gegen\u00fcber, die zum Beispiel Artikel \u00fcber ihre Lieblingsspiele und deren Figuren verfassen.<\/p>\n<p>Jane Margolis, Ko-Autorin eines Buches \u00fcber Sexismus in den Computerwissenschaften, <em>Unlocking the Clubhouse <\/em>(2002), behauptet, dass Wikipedia dieselben Probleme erlebt wie die Offline-Welt, wo Frauen weniger bereit sind, ihre Meinung \u00f6ffentlich zu vertreten. \u00abIn fast jedem Bereich: Wer sind die Beh\u00f6rden, die Politiker, die Leserbrief-Autoren?\u00bb, fragt Margolis, Forschungsleiterin am Institute for Democracy, Education and Access an der University of California, Los Angeles (Cohen, 2011). Auch das Projekt von <em>OpEd<\/em>, einer in New York ans\u00e4ssigen Organisation, die die Geschlechterverteilung von Mitarbeiter_innen an \u00abpublic thought-leadership forums\u00bb beobachtet, stuft ein Teilnehmer_innenverh\u00e4ltnis von 85% M\u00e4nnern gegen\u00fcber 15% Frauen als \u00fcblich ein, ob es sich nun um Kongressmitglieder oder um Verfasser_innen von Leserbriefen f\u00fcr die New York Times oder Washington Post handle. Gem\u00e4ss Catherine Orenstein, der Gr\u00fcnderin und Direktorin des <em>OpEd<\/em>-Projekts, fehle es vielen Frauen an Selbstvertrauen, ihre Ansichten einzubringen. \u00abWenn Du zu einer Minderheit geh\u00f6rst, beginnst Du, an Deinen eigenen Kompetenzen zu zweifeln\u00bb, sagt sie. Ihre Gruppe ermuntere Frauen dazu, sich auszudr\u00fccken, indem sie diesen rate, den Fokus weg von sich selber \u2013 \u2039weiss ich genug, bin ich am angeben?\u203a \u2013 nach aussen hin zu lenken und sich auf den Wert ihres Wissens zu besinnen\u00bb (Cohen, 2011).<\/p>\n<p>Um dieses weibliche Selbstverst\u00e4ndnis zu ver\u00e4ndern, brauche es griffige Regelungen, meint Helena Trachsel, Leiterin der Fachstelle f\u00fcr Gleichstellung von Frau und Mann des Kantons Z\u00fcrich. Trachsel bezeichnet sich selbst als Quotengegnerin (Telefongespr\u00e4ch vom 9. September 2014). Das Beispiel Norwegen habe gezeigt, dass es immer dieselben Quotenfrauen sind, welche die \u2013 notabene meist nur \u00abharmlosen\u00bb \u2013 Verwaltungsratsfunktionen besetzen. Die Quotenregelung in Norwegen habe nur eine Spitze gutverdienender Frauen, die sogenannten Goldr\u00f6cke, hervorgebracht. Sie habe keine Breiten- und Tiefenwirkung.<\/p>\n<p>Frauen seien im allgemeinen \u00e4ngstlicher, sorgf\u00e4ltiger und pflichtbewusster als M\u00e4nner. Sie w\u00fcrden eher R\u00fccksicht auf Andere nehmen, insbesondere auf die eigene Familie. F\u00fcnf von rund acht Milliarden unbezahlten Arbeitsstunden in der Schweiz w\u00fcrden von Frauen geleistet. Meistens handle es sich dabei um unbezahlte Arbeit im Innenbereich (Haushaltung, Pflege kranker Familienangeh\u00f6riger, usw.). M\u00e4nner wiederum engagieren sich gerne in Vereinen und Clubs, wo sie f\u00fcr alle sichtbare Freiwilligenarbeit leisten.<\/p>\n<p>Das Rollenverst\u00e4ndnis bei Kindern werde schon sehr fr\u00fch gebildet. Deshalb schl\u00e4gt Trachsel vor, ab der Kindergartenstufe eine Pflichtstunde im Rahmen des Fachs Mensch und Umwelt einzuf\u00fchren, die sich mit der Gestaltung des eigenen Lebens befasst. Die Selbstverst\u00e4ndlichkeit, dass sich Beruf und Kinder miteinander vereinbaren liessen, habe sich noch nicht etabliert. Um gesellschaftliche Ver\u00e4nderungen einzuleiten, brauche es aber diesen ersten Schritt. Es brauche Vorbilder und Abgrenzung (\u00abso nicht!\u00bb) von fr\u00fchester Kindheit an.<\/p>\n<p>Auf Wikipedia habe sich bis jetzt der Darwinismus durchgesetzt, sagt Trachsel. Um das ungleiche Geschlechterverh\u00e4ltnis zugunsten der Autorinnen zu ver\u00e4ndern, brauche es klare Zielvereinbarungen. Wie viel Diversit\u00e4t wollen wir? Ein Bekenntnis zu mehr Diversit\u00e4t (auch kultureller und altersm\u00e4ssiger Diversit\u00e4t) k\u00f6nne durchaus positiv formuliert werden, um so die angestammte Wikipedia-Gemeinde nicht zu vergraulen.<\/p>\n<p>Es braucht Zeit, damit sich die Dinge nachhaltig ver\u00e4ndern k\u00f6nnen. St\u00f6sst eine Benutzerin der Enzyklop\u00e4die ab und zu auf einen Artikel, der auch das generische Maskulinum systematisch in seiner femininen Formulierung verwendet, so setzt dies zumindest einen Denkprozess in Bewegung. Ausbildungsinstitutionen wie die Universit\u00e4t Leipzig, die in ihrer Grundordnung seit 2013 nur noch auf weibliche Bezeichnungen setzt, sind wichtige Experimentierfelder. Wikipedia kann helfen, dass diese f\u00fcr die Allgemeinheit noch un\u00fcblichen Schreibweisen weiter verbreitet werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Literatur:<\/p>\n<ul>\n<li>Noam Cohen: <a href=\"http:\/\/www.nytimes.com\/2011\/01\/31\/business\/media\/31link.html?_r=1&amp;\" target=\"_blank\">Define Gender Gap? Look Up Wikipedia&#8217;s Contributor List<\/a>. In: The New York Times, 31. Januar 2011, S. A1.<\/li>\n<li>Jane Margolis, Allan Fisher: Unlocking the Clubhouse, Cambridge, Mass. 2002.<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p class=\"post-excerpt\">Beitrag von Caroline Palla, Absolventin Bachelor Medien &amp; Kunst, Vertiefung Theorie, DKM Wir alle nutzen Wikipedia. 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