{"id":2951,"date":"2014-11-12T19:51:05","date_gmt":"2014-11-12T17:51:05","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/genderverhandeln\/?p=2951"},"modified":"2016-07-26T14:53:07","modified_gmt":"2016-07-26T12:53:07","slug":"passing-luanda","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/genderverhandeln\/2014\/11\/12\/passing-luanda\/","title":{"rendered":"Passing Luanda"},"content":{"rendered":"<p><iframe loading=\"lazy\" width=\"700\" height=\"394\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/rD7RGnxNdxQ?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>Videobeitrag von und E-Mail-Interview mit Bitten Stetter, Leiterin der Fields of Excellence Trends sowie Ereignis im Master of Arts in Design, sowie Dozentin in der Vertiefung Stlye &amp; Design, Bachelor Design, DDE.<!--more--><\/p>\n<p><strong>Angela\u00a0Witwer:<\/strong>\u00a0Bitten Stetter, Du beschreibst auf deiner <a href=\"http:\/\/bittenstetter.com\/\" target=\"_blank\">Webseite<\/a> im Zusammenhang der Modekollektion <em>Passing Luanda<\/em> zwei Projekte: Das eine Projekt ist eine Ausstellung mit dem Titel <em>Sometimes people in Luanda shine<\/em>, das aus einem ethnografischen Design-Rechercheprojekt <em>Minenopfer in Angola \u2013 Kulturelle Techniken im Umgang mit besch\u00e4digter Identit\u00e4t<\/em>\u00a0(<a href=\"http:\/\/www.zhdk.ch\/index.php?id=59683\" target=\"_blank\">siehe Projektbeschreibung<\/a>) hervorgeht. Du beschreibst dieses Rechercheprojekt als \u00aban intensive and intensely search of clues between land mines, disability, political subversion and creativity that encountered us in peoples everyday lifes, homes and surroundings.\u00bb Das andere Projekt ist die Kleiderkollektion <em>Passing Luanda <\/em>selbst, die im Zusammenhang mit dem Rechercheprojekt steht, aber dabei einen anderen Zugang w\u00e4hlt, als die einer Recherche. Wie h\u00e4ngen die beiden Projekte zusammen?<\/p>\n<p><strong>Bitten\u00a0Stetter:\u00a0<\/strong><em>Minenopfer in Angola \u2013 Kulturelle Techniken im Umgang mit besch\u00e4digter Identit\u00e4t<\/em> ist eine ethnographische Designstudie, die im Rahmen des Projektes <em>GloCal<\/em> im Departement Design entstanden ist. Der Fokus der Untersuchung liegt auf der Synthese von Kreativit\u00e4t und Behinderung. Behinderungen sind wegen den zahlreichen Opfern von Tretminen, die im fast dreissigj\u00e4hrigen B\u00fcrgerkrieg exzessiv eingesetzt wurden, in Angola sehr verbreitet, was in verschiedenen (pop-)kulturellen Ph\u00e4nomenen wie Tanz, Produktdesign, Handwerk und anderen Formen des Selbst-Designs seinen Ausdruck findet.<\/p>\n<figure id=\"attachment_3011\" aria-describedby=\"caption-attachment-3011\" style=\"width: 3508px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/blog.zhdk.ch\/genderverhandeln\/files\/2014\/11\/Minenopfer-in-Angola_Kulturelle-Techniken-im-Umgang-mit-besch\u00e4digter-Identit\u00e4t.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-3011\" src=\"https:\/\/blog.zhdk.ch\/genderverhandeln\/files\/2014\/11\/Minenopfer-in-Angola_Kulturelle-Techniken-im-Umgang-mit-besch\u00e4digter-Identit\u00e4t.jpeg\" alt=\"Fotos aus dem Forschungsprojekt Minenopfer in Angola. Kulturelle Techniken im Umgang mit besch\u00e4digter Identit\u00e4t \u00a9Flurina Rothenberger, Bitten Stetter\" width=\"3508\" height=\"2480\" srcset=\"https:\/\/blog.zhdk.ch\/genderverhandeln\/files\/2014\/11\/Minenopfer-in-Angola_Kulturelle-Techniken-im-Umgang-mit-besch\u00e4digter-Identit\u00e4t.jpeg 3508w, https:\/\/blog.zhdk.ch\/genderverhandeln\/files\/2014\/11\/Minenopfer-in-Angola_Kulturelle-Techniken-im-Umgang-mit-besch\u00e4digter-Identit\u00e4t-300x212.jpeg 300w, https:\/\/blog.zhdk.ch\/genderverhandeln\/files\/2014\/11\/Minenopfer-in-Angola_Kulturelle-Techniken-im-Umgang-mit-besch\u00e4digter-Identit\u00e4t-1024x723.jpeg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 3508px) 100vw, 3508px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-3011\" class=\"wp-caption-text\">Fotos aus dem Forschungsprojekt \u00abMinenopfer in Angola. Kulturelle Techniken im Umgang mit besch\u00e4digter Identit\u00e4t\u00bb,\u00a0\u00a9Flurina Rothenberger, Bitten Stetter<\/figcaption><\/figure>\n<p>Das Ziel unserer ethnografischen Feldforschung im Kontext Behinderung, Kreativit\u00e4t und Selbstdesign war es, Kreativtechniken zu entdecken und die Lebenswelt der Betroffenen deskriptiv, sensibel und verantwortungsvoll anhand neuer gestalterischer Vermittlungskonzepten zu zeigen. Das Ergebnis ist eine ethnographische Studie und eine Bewegtbild-Fotografie Ausstellung (geplant f\u00fcr 2015), die zwischen Bild und Film, zwischen Inszenierung und Beil\u00e4ufigkeit navigiert. Die Ausstellung wird den Namen <em>Sometimes people in Luanda shine<\/em> tragen und \u00fcber die von uns besuchten und untersuchten Bewohner_innen von Luanda City und Umgebung berichten. Sie beschreibt die Alltagswelten von Menschen mit Behinderung, zeigt ihr soziales Umfeld, verweist auf die Statik und Dynamik, die Unbeweglichkeit der Bewohner_innen in rasant wachsenden Stadtstrukturen. Bewegung trifft auf Bewegungseinschr\u00e4nkung. Geschwindigkeit auf Langsamkeit. Portraitiert werden eine beinamputierte Miss Landmine, ein subversiver Designer, behinderte und nicht behinderte Kuduristas (Kuduro = angolanischer Tanzstil), verkr\u00fcppelte Musiker und T\u00e4nzer mit Kinderl\u00e4hmung und ungekl\u00e4rten Krankheitsbildern, sowie einstige Krieger und Veteranen. Eine urbane Spurensuche, die sich an Hand von 23 Protagonistinnen und ihrer unterschiedlichsten Lebenswelten verzweigt und ausweitet, und so f\u00fcr den Besucher und die Besucherin erfahrbar wird.<\/p>\n<p>Die Kollektion <em>Passing Luanda<\/em>, die kurz nach meiner Reise entstanden ist und auf beil\u00e4ufigen, pers\u00f6nlichen Beobachtungen und Videoaufzeichnungen basiert, \u00fcbersetzt die entstandenen Beobachtungen aus der angolanischen Alltagswelt in die westliche Mode \u2013 mit dem Wissen, dass ihr eine eurozentrisch gesteuerte Sichtweise inh\u00e4rent ist. Die Kollektion <em>Passing Luanda<\/em> besch\u00e4ftigt sich also weniger mit Behinderung und Handikapierung als mit der Alltagskultur in Angola, die gepr\u00e4gt ist von massiven politischen, gesellschaftlichen und historischen Umbr\u00fcchen.<\/p>\n<p><strong>AW:<\/strong> Die Kollektion <em>Passing Luanda<\/em> beschreibst Du als \u00absomething totally incidental in opposite to the upcoming exhibition\u00bb. Wie ist es zu diesem \u00abNebenschauplatz\u00bb gekommen und wie steht er im Verh\u00e4ltnis zu einer forschenden Perspektive \/ Recherchepraxis?<\/p>\n<p><strong>BS:<\/strong><em> Passing Luanda<\/em> ist das Ergebnis meiner Arbeitsweise und Alltagsbeobachtungen mit dem Unterschied, dass ich mich sonst eher am Zeichen-Repertoire der westlichen Welt bediene. Dinge, die ich erlebe, die mir begegnen, die mich verst\u00f6ren und irritieren, finden ihren Ausdruck in meinen Kollektionen oder modischen Objekten, Installationen oder Performances. Etwas zu sehen, zu entdecken und voreingenommene Annahmen gestalterisch zu hinterfragen, ist Teil meiner gestalterischen Konzeption, die sicher auch meine forschende Perspektive und Recherchepraxis pr\u00e4gt. Ich w\u00fcrde meinen Gestaltungsprozess wie auch meine Art zu forschen als abduktiven Prozess beschreiben, den Charles Sanders Peirce wie folgt beschreibt: \u00abDeduction proves that something must be; Induction shows that something actually is operative; Abduction merely suggests that something may be.\u00bb (Charles Sanders Peirce 1934)<\/p>\n<p>So bestanden unser (wir \u2013 das sind Francis M\u00fcller, Flurina Rothenberger und ich) Forschungs- und Gestaltungsziel nicht darin, Hypothesen nach einem deduktiven Verfahren zu verifizieren oder zu falsifizieren, sondern Hypothesen als Ausgangspunkt f\u00fcr einen abduktiven und explorativen Prozess zu verstehen. Zu diesem Prozess geh\u00f6rte, neben den eindr\u00fccklichen pers\u00f6nlichen Gespr\u00e4chen, die wir mit Behinderten, Modells, K\u00fcnstlern und Musikern gef\u00fchrt haben, auch, dass wir uns tagt\u00e4glich durch eine der teuersten St\u00e4dte der Welt bewegten: in einem Land, das sich dem hemmungslosem Wachstum, der eingeschr\u00e4nkten Meinungsfreiheit und der Privatisierung von Sicherheit und Gesundheit verschrieben hat. Hier begegneten uns Alltagssituationen, die trotz der prek\u00e4ren, sozialen und politischen Zust\u00e4nde eine grosse Faszination auf uns aus\u00fcbten.<\/p>\n<p>Daraus ist eine Sammlung von sehr pers\u00f6nlichen Reise-, Bild- und Filmnotizen entstanden. Unsortiert, ungefiltert, ungesteuert und sehr intuitiv habe ich Strassenszenen, Kleiderstile und Trageweise, Material-, Form- und Farbzusammenstellungen gesammelt, die mich auf Grund der Andersartigkeit, Unlesbarkeit und Fremdheit irritierten und faszinierten. Erst bei der Auswertung des Materials wurden Kategorien gebildet, die mir als eine Art Bausatz f\u00fcr die Kollektion dienten.<\/p>\n<p><strong>AW:<\/strong>\u00a0<em>Passing Luanda<\/em> ist eine Auseinandersetzung mit den Verh\u00e4ltnissen in der 5-Millionen-Metropole Luanda, 12 Jahre nach dem 27-j\u00e4hrigen B\u00fcrgerkrieg in Angola. Angola stand jahrhundertelang unter portugiesischer Kolonialherrschaft. Du schreibst: \u00abWithin this collection I try to reflect and visualize these circumstances in terms of fashion.\u00bb\u00a0Wie bist Du bei dieser \u00dcbersetzung und Materialisierung in Kleidung konkret vorgegangen?<\/p>\n<p><strong>BS:<\/strong> Wirft man einen Blick auf die Strassen Luandas, so entdeckt man einen sehr eigenst\u00e4ndigen Umgang mit Mode, der sich stark aus der Historie des Landes n\u00e4hrt.<br \/>\nDie durch den portugiesischen Kolonialismus und die B\u00fcrgerkriegsjahre gepr\u00e4gte angolanische Kultur trifft heute auf die westliche Kultur, die sich momentan durch den grossen Investitionsboom durch China noch mit asiatischer Kultur vermischt. Diese drei verschiedenen kulturellen Einfl\u00fcsse machen sich auch massiv in der angolanischen Mode bemerkbar. Traditionelle afrikanische Kleidermode trifft auf europ\u00e4ische Secondhand-Mode (da Angola \u00fcber Jahrzehnte durch Kleidungsspenden von NGOs unterst\u00fctzt wurde und immer noch wird), erg\u00e4nzt durch Billigimporte aus China. Es entsteht ein eklektizistischer MashUp, der einen eigenwilligen Umgang mit Mode, Textilien, Farben, Mustern, Motiven und Symbolen sichtbar werden l\u00e4sst. Westliche Motive mit Comicfiguren wie Micky Mouse und Super Mario treffen auf augenscheinlich traditionelle afrikanische Muster, die aber, anders als anzunehmen w\u00e4re, nicht in der afrikanischen Welt entwickelt und produziert werden, sondern aus China oder Europa importiert werden. Diese Verkn\u00fcpfungen scheinen vom Tr\u00e4ger und von der Tr\u00e4gerin wertfrei und hirarchiefrei, jedoch sehr bewusst und sehr bedacht hergestellt zu werden. So entstehen aus westlicher Sicht ungew\u00f6hnliche Material- Farb- und Formkombinationen, die wenig zu tun haben mit klischierten Vorstellungen von afrikanischer Mode.<\/p>\n<p>Dieses Potpourri aus kulturellen Einfl\u00fcssen f\u00fchrt, aus unserer westeurop\u00e4ischen Sicht zu einer interessanten und fragw\u00fcrdigen Material, Farb- und Motivkombinationen, die mir w\u00e4hrend meines gesamten Aufenthaltes, beim Beobachten der Strasse, bei dem Besuch auf M\u00e4rkten und Besuchen von Protagonist_innen und ihren Familien immer und wieder aufgefallen sind. Daher spreche ich auch explizit von einem Nebenschauplatz, einer Art Randbemerkung, die ich als Gestalterin und explizit als Modedesignerin beobachtet habe.<\/p>\n<p><strong>AW:<\/strong> Welche Schwierigkeiten sind dir bei deiner Vorgehensweise begegnet? Worauf warst Du nicht vorbereitet?<\/p>\n<p>Das gr\u00f6sste Problem war ich selber in meiner Doppelrolle als Forscherin und Gestalterin, die sich trotz unserer Feldzug\u00e4nge immer wieder auch als einfache Touristin f\u00fchlte. Einerseits konfrontiert mit den Missst\u00e4nden des Landes, der Armut und der gesundheitlichen Situation der Menschen, andererseits unglaublich inspiriert und fasziniert davon, wie aus eurozentrischer und rein visueller Sicht alles perfekt zusammenpasst und fast wie eine permanente Farb- und Materialinszenierung wirkt, wie eine bewegtes zeitgeistiges Moodboard im aktuellem \u00abFavela Style\u00bb. Dieses sich-Ertappen und Wiederfinden in der Doppelrolle hat zu mehreren pers\u00f6nlichen Krisen und damit unweigerlich zum Hinterfragen unseres Projektes und meiner Person und meiner Rolle als Gestalterin gef\u00fchrt: Betreiben wir mit diesem Projekt eine Art Slumtourismus \u2013 und wenn nicht, wie grenzen wir uns davon ab? Welche Verantwortung habe ich als Designerin in Forschung und Vermittlung, aber auch welche M\u00f6glichkeiten ergeben sich f\u00fcr mich als Designerin im Umgang mit dem Forschungsmaterial?<\/p>\n<p><strong>AW:<\/strong> Im Video oben steht das Model oft vor einer Mauer. \u00dcber die Tonspurt und aufgrund und kleiner Ver\u00e4nderungen in der Mimik des Models bekommt man den Eindruck von einer belebten Strasse. Einmal steht das Model vor einem kleinen Spiegel, der aber keinen Anhaltspunkt \u00fcber den Ort und die Umst\u00e4nde der Aufnahmen gibt. Das Model tr\u00e4gt sowohl Kleidungsst\u00fccke aus der Kollektion wie auch vermutlich vor Ort \u00abeingekaufte\u00bb Kleidungsst\u00fccke, etwa bunte Superman-Kniestr\u00fcmpfe. Du schreibst zum Projekt: \u00abIt is a struggle between european-centered perspectives and the african way of life. What I think and what I see doesn&#8217;t match with the things that I think I see.\u00bb Kannst du dazu mehr sagen?<\/p>\n<p><strong>BS:<\/strong> Viele Kombinationen von Kleidungsst\u00fccken und Trageweisen haben im Spannungsfeld von Mode vs. Bekleidung und Style vs. Funktionalit\u00e4t verschiedenste Fragen aufgeworfen. Beispielsweise wirkte der gestreifte Kniestrumpf getragen mit Flip-Flops aus westlicher Sicht wie ein modisch ausgew\u00e4hltes Zeichen, wie ein reines Style-Element sowohl bei M\u00e4nnern wie auch bei Frauen. Bei n\u00e4her Betrachtung und Kontextualisierung und nach verschiedenen Interviews stellte sich in Luanda aber heraus, dass der Kniestrumpf einzig und allein getragen wurde, weil es Winter war, und das auf mich sehr modisch wirkende Accessoires eine haupts\u00e4chlich w\u00e4rmende Funktion hatte. Auch die von mir beobachtet f\u00fcr Angolaner_innen so typische Warterei, die aus unserer Sicht eine negativ konnotierte Handlung ist, habe ich versucht im Video zu zeigen. Die abwertende Haltung gegen\u00fcber dem Warten scheint mir ein rein westliches Konstrukt zu sein. Bei uns wird das Warten mit etwas Zuk\u00fcnftigem verkn\u00fcpft und nicht mit der Gegenwart und dem \u00abIm-Moment-Leben\u00bb. W\u00fcrden wir uns von dieser voreingenommenen Haltung l\u00f6sen, w\u00fcrde ein v\u00f6llig anderer Blick auf unz\u00e4hlige Alltagssituationen m\u00f6glich werden.<\/p>\n<p><strong>AW:<\/strong> Das \u00abPassing\u00bb im Titel kann man als T\u00e4tigkeit des fl\u00fcchtigen Passierens, Vorbeigehens verstehen, aber auch im Sinne des soziologisches Ph\u00e4nomens Passing; die gleichsam \u00abfalsche\u00bb Zuordnung einer Person bez\u00fcglich Geschlecht, Herkunft, Klasse oder Ability. Passing ist zum Beispiel, wenn eine schwarze Person als weiss \u00abdurchgeht\u00bb und als solche behandelt wird. Insofern stellt Passing eine Menge sozialer Mechanismen auf den Kopf. Inwiefern spielte diese Dimension des Passing f\u00fcr Dich im Kontext Angolas eine Rolle?<\/p>\n<p><strong>BS:<\/strong> Das Ph\u00e4nomen des Passings spielt eine gro\u00dfe Rolle f\u00fcr mich, da ich mit dem \u00abfalsch Zuordnen\u00bb ja auch selbst immer wieder konfrontiert war. Um klar zu machen, dass der Blick auf die Dinge, die ich beobachtet habe, ein \u00abweisser\u00bb und damit in gewisser Weise intrinsisch fehlerhaft ist, habe ich mich f\u00fcr das Shooting beziehungsweise den Film auch bewusst f\u00fcr eine weisse Person und nicht f\u00fcr eine farbige Person entschieden.<\/p>\n<p><strong>AW:<\/strong> Ich habe den Eindruck, dass die Kollektion <em>Passing Luanda<\/em> Bez\u00fcge zu einer deiner anderen Kollektionen, n\u00e4mlich <em>Cultural Bricolage<\/em> (Fr\u00fchjahr\/Sommer 2013, <a href=\"http:\/\/www.bittenstetter.com\/cultural-bricolage\/\" target=\"_blank\">Cultural Bricolage Women<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.bittenstetter.com\/cultural-bricolage-men\/\" target=\"_blank\">Cultural Bricolage Men<\/a>), aufweist. Zu dieser schreibst Du: \u00abHallo. Wir sind\u2019s. Eifrige Kolonialisten der Remixwelt, k\u00e4mpfen martialisch auf dem Kreativschlachtfeld. Im Gleichschritt Misch-Marsch, rechts, links, rechts, links, im Kreis mit Flei\u00df. Schnappen zu und nach Luft, au\u00dfer Rand, kommen schwer vorw\u00e4rts, ohne Verstand, \u00f6ffnen h\u00f6flich bestimmt hektisch jede T\u00fcr, legitimiert, in Eile, gestalten wir Referenz-Culture. Entwickeln multikulturelle Visionen \u00e0 la carte, liefern kulturelle Zeichensysteme on demand. Gestern Euroasiatisch, lecker, morgen balkanchinesisch besser, \u00fcbermorgen Schwarzwaldafrikanisch, neu. Beliefern worldwide, t\u00e4glich frisch, mundgerecht, an jeden Lifestyle Tisch. Hallo. Wie und warum? Kulturelle Aneignung? Klingt schlimm. Interkulturelle Kompetenzen? Im Sinn. V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung? Warum nicht. Internationales Miteinander? Wenn es besticht. Multisoziales Design? Das klingt toll. Machen uns die Taschen mit Gutmenschsein voll. [&#8230;]\u00bb Wie\u00a0w\u00fcrdest Du den Unterschied\u00a0dieser beider Projekte beschreiben?<\/p>\n<p><strong>BS:<\/strong> In gewisser Weise k\u00f6nnte man sagen, dass die Kollektion <em>Cultural Bricolage<\/em> bewusst brachial und radikal mit kulturellem Kapital umgeht, sich aber dadurch auch massgeblich von den Kreationen von <em>Passing Luanda<\/em> unterscheidet. <em>Cultural Bricolage<\/em> stellt sich bewusst gegen den Versuch verschiedene Kulturen zu verstehen, und macht damit auf unseren Umgang mit Buzzw\u00f6rtern wie Multikulturalit\u00e4t, Transkulturalit\u00e4t, Referenz- und Remixkultur aufmerksam. Auf der Suche nach Inspiration \u2013 jede Saison neu \u2013 bedienen wir uns achtlos an verschiedenen kulturellen Symbolen des aktuellen Zeitgeists. Oberfl\u00e4chen, Muster und Trageweisen werden aus bestehenden Kontexten herausgerissen und willk\u00fcrlich gemixt, ohne auch nur den Versuch der Ausdifferenzierung zu wagen. \u00abSafari Look\u00bb, \u00abAfrican Fever\u00bb oder \u00abFavela Style\u00bb sind Modethemen, die in Modezeitschriften mit Wonne thematisiert werden. Es scheint egal, ob ein Zebrastoff auf Streifen trifft, Schwarzw\u00e4lder Trachten mit estl\u00e4ndischen Stricksocken aufgepeppt oder Kilts mit Tigerprints veredelt werden. Was nicht passt, wird passend gemacht. In der Kollektion <em>Cultural Bricolage<\/em> habe ich versucht, diese Haltung anzunehmen und ein geometrisches Schnittsystem entwickelt, welches es mir erlaubt, kulturell konnotierte Materialen willk\u00fcrlich nach rein formalen Aspekten zu vermischen. Die Kollektion <em>Passing Luanda<\/em> ist da ganz anders. Sie startet zumindest den Versuch des Verstehens.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Literatur:<\/p>\n<ul>\n<li>Charles Sanders Peirce: Lectures on Pragmatism (1903), in: Ders.: Collected Papers Vol. V.: Pragmatism and Pragmaticism, 1934, S. 14\u2013212.<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p class=\"post-excerpt\">Videobeitrag von und E-Mail-Interview mit Bitten Stetter, Leiterin der Fields of Excellence Trends sowie Ereignis im Master of Arts in&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1425,"featured_media":4621,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[76,4],"tags":[24,242,238],"class_list":["post-2951","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-allgemein","category-projekte","tag-design","tag-fashion","tag-postkolonialismus"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/genderverhandeln\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2951","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/genderverhandeln\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/genderverhandeln\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/genderverhandeln\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1425"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/genderverhandeln\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2951"}],"version-history":[{"count":27,"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/genderverhandeln\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2951\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3404,"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/genderverhandeln\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2951\/revisions\/3404"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/genderverhandeln\/wp-json\/wp\/v2\/media\/4621"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/genderverhandeln\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2951"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/genderverhandeln\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2951"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/genderverhandeln\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2951"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}