{"id":3980,"date":"2015-09-29T13:12:22","date_gmt":"2015-09-29T11:12:22","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/genderverhandeln\/?p=3980"},"modified":"2016-07-26T14:50:30","modified_gmt":"2016-07-26T12:50:30","slug":"archaeologie-der-erinnerungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/genderverhandeln\/2015\/09\/29\/archaeologie-der-erinnerungen\/","title":{"rendered":"Arch\u00e4ologie der Erinnerungen"},"content":{"rendered":"<p>Beitrag von Sally Schonfeldt, Alumna Bachelor Medien &amp; Kunst, Vertiefung Bildende Kunst \u00dcbersetzung aus dem Englischen von Vera Ryser<\/p>\n<p>Ein Ort wird zu einem Schauplatz, wenn dort etwas geschehen ist, etwas anwesend oder eingerichtet war. Ein solcher Ort kann gleichzeitig eine sp\u00fcrbar physische und eine ephemere sozio-historische Pr\u00e4senz aufweisen. Spuren vergangener Ereignisse, die an diesem Ort stattgefunden haben, bestehen fort, durchtr\u00e4nken ihn und sind in ihn als Erinnerungen eingeschrieben Werden diese Erinnerungen aufgebrochen, so kommen Bedeutungsschichten zum Vorschein, die zuvor verborgen waren, einer Arch\u00e4ologie der Erinnerungen gleich. <!--more-->St\u00e4dte bestehen aus vielen solchen Orten l\u00e4ngst vergessener oder durch die fortschreitende Zeit verzerrter Geschichten. Geschichten, die manchmal unbehagliche Erinnerungen oder dunkle Geheimnisse der Vergangenheit verstecken; die \u2013 in das Bewusstsein der Gegenwart gebracht \u2013 eine beunruhigende St\u00f6rung provozieren k\u00f6nnen. Eine St\u00f6rung im Verst\u00e4ndnis der eigenen Gesellschaft, eine St\u00f6rung der eigenen Unschuld. Eine solche St\u00f6rung kann alte Wunden offenlegen, die von der gegenw\u00e4rtigen Gesellschaft zuerst anerkannt werden m\u00fcssen, damit neue Realit\u00e4ten konstruiert und ein neues Verst\u00e4ndnis der Vergangenheit erlangt werden kann, welches wiederum unsere Gegenwart pr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Eine Stadt wie Z\u00fcrich in einem Land wie die Schweiz, das zwar nie eigene Kolonien besass, jedoch stark mit dem Kolonialimperialismus verstrickt war, hat viele dunkle und vergessene Geschichten. Diese kolonialen Geschichten sind gepr\u00e4gt von Rassismus und einer angenommenen \u00dcberlegenheit \u00fcber Menschen, die als \u00abanders\u00bb oder \u00abexotisch\u00bb galten. Und doch blieben sie bis hin zur j\u00fcngsten Zeit unbeachtet. Die Geschichten sind an Orten in der ganzen Stadt eingeschlossen und erwarten ihre Wiederentdeckung, um die Vergangenheit neu zu verhandeln und um neue Geschichten zu schaffen, in denen die Vergangenheit befreit und konfrontiert werden kann.<\/p>\n<p>Die Geschichte der V\u00f6lkerschauen oder des Menschenzoos ist auch Teil der Z\u00fcrcher Geschichte. Das kulturelle Ph\u00e4nomen \u2013 bekannt als V\u00f6lkerschauen, Menschenzoos oder ethnische Schauen \u2013 stellte Menschen aussereurop\u00e4ischer Ethnien, \u00e4hnlich wie Tiere in einem Zoo, aus und entwickelte sich im Europa des 19. Jahrhunderts parallel zu den kolonialen Eroberungen. Menschen wurden allein aufgrund ihres \u00e4usserlichen Andersseins und ihrer Differenz zu den vermeintlich zivilisierten Europ\u00e4er_innen zur Unterhaltung vorgef\u00fchrt. Zu Beginn wurden einzelne, als besonders \u00abexotisch\u00bb geltende Individuen in Gefangenschaft gehalten und \u00f6ffentlich ausgestellt. Aber das Ph\u00e4nomen entwickelte sich rasch hin zur Ausstellung ganzer D\u00f6rfer, und ganze Menschengruppen wurden umgesiedelt und an europ\u00e4ischen Schaupl\u00e4tzen ausgestellt.<\/p>\n<p>Die Entwicklung dieser V\u00f6lkerschauen fand an der Schnittstelle von Kolonialgeschichte, der Entwicklung der Sozialwissenschaften wie beispielsweise der Ethnologie, dem Aufkommen von Rassen- und Rassentrennungstheorien und der Geschichte der Unterhaltungsindustrie und internationalen Messen statt. Es entwickelten sich drei Hauptformen von V\u00f6lkerschauen: Ausstellungen an Kolonial- oder Weltmessen, zur Unterhaltung als Teil eines Monstrosit\u00e4ten-Kabinetts und Ausstellungen in einem anthropozoologischen Rahmen. Im Kontext dieser letzten Form fanden Menschenzoos ab 1874 in Vergn\u00fcgungsparks und Tierg\u00e4rten in ganz Europa statt. An diesen \u00f6ffentlichen Spektakeln importierter Kulturen wurden Menschen mit aussereurop\u00e4ischen Wurzeln in ihren als \u00abnat\u00fcrlich\u00bb bezeichneten Umgebungen und oftmals neben Exponaten von Wildtieren zur Schau gestellt. Die Ausstellungen wurden so gestaltet, dass verschiedene Szenen des vermeintlich t\u00e4glichen Lebens dieser Menschen beobachtet werden konnten. V\u00f6lkerschauen wurden in vielen europ\u00e4ischen und nordamerikanischen St\u00e4dten zu einem Massenph\u00e4nomen, welches bis tief ins 20. Jahrhundert fortbestand.<\/p>\n<p>Die Darstellung von Menschen \u00abanderer\u00bb ethnischer Herkunft und ihre Positionierung in einer eurozentristischen Weltanschauung verst\u00e4rkte das gew\u00fcnschte Bild der weissen \u00dcberlegenheit. Diese Spektakel der Differenz stellten M\u00e4nner, Frauen und Kinder anderer Kulturen als minderwertig und andersartig dar. Damit schufen sie eine klare Distanz zwischen ihnen und den Besucher_innen und f\u00fchrten zu einer erfundenen Trennung von zwei verschiedenen Formen von Menschsein. V\u00f6lkerschauen verst\u00e4rkten die selbstverst\u00e4ndliche Annahme einer europ\u00e4ischen \u00dcberlegenheit durch den Vergleich eines fortschrittlichen kulturellen und technologischen Entwicklungsstandes mit der angeblichen Primitivit\u00e4t anderer Kulturen. Dies war eine zutiefst koloniale Anmassung basierend auf dem Vergleich der \u00abZivilisierten\u00bb mit dem \u00abNat\u00fcrlichen\u00bb. Mit der Etablierung dieser Unterscheidung spielten V\u00f6lkerschauen bei der Konstruktion des Bildes der \u00abWilden\u00bb eine wichtige Rolle. Denn diese Schauen boten vielen Europ\u00e4er_innen zum ersten Mal die M\u00f6glichkeit, jene \u00abexotischen\u00bb V\u00f6lker lebend zu sehen, von denen viele kolonialisiert waren oder bald kolonialisiert werden sollten. Der Akt des Ausstellens von Menschen als \u00abWilde\u00bb diente dazu, ihren minderwertigen Status zu beweisen und legte den moralischen Grundstein f\u00fcr die Kolonialisierung. Die Konstruktion dieser Unterschiede lieferte den R\u00fcckhalt f\u00fcr jene rassistischen Hierarchien, welche tief in das koloniale Programm eingeschrieben sind.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.zhdk.ch\/genderverhandeln\/files\/2015\/09\/plattenstrasse_image_5.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-3986\" src=\"https:\/\/blog.zhdk.ch\/genderverhandeln\/files\/2015\/09\/plattenstrasse_image_5.png\" alt=\"plattenstrasse_image_5\" width=\"1265\" height=\"704\" srcset=\"https:\/\/blog.zhdk.ch\/genderverhandeln\/files\/2015\/09\/plattenstrasse_image_5.png 1265w, https:\/\/blog.zhdk.ch\/genderverhandeln\/files\/2015\/09\/plattenstrasse_image_5-300x167.png 300w, https:\/\/blog.zhdk.ch\/genderverhandeln\/files\/2015\/09\/plattenstrasse_image_5-1024x570.png 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 1265px) 100vw, 1265px\" \/><\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.zhdk.ch\/genderverhandeln\/files\/2015\/09\/plattenstrasse_image_2.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-3982\" src=\"https:\/\/blog.zhdk.ch\/genderverhandeln\/files\/2015\/09\/plattenstrasse_image_2.png\" alt=\"plattenstrasse_image_2\" width=\"1274\" height=\"713\" srcset=\"https:\/\/blog.zhdk.ch\/genderverhandeln\/files\/2015\/09\/plattenstrasse_image_2.png 1274w, https:\/\/blog.zhdk.ch\/genderverhandeln\/files\/2015\/09\/plattenstrasse_image_2-300x168.png 300w, https:\/\/blog.zhdk.ch\/genderverhandeln\/files\/2015\/09\/plattenstrasse_image_2-1024x573.png 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 1274px) 100vw, 1274px\" \/><\/a><\/p>\n<figure id=\"attachment_3984\" aria-describedby=\"caption-attachment-3984\" style=\"width: 1276px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/blog.zhdk.ch\/genderverhandeln\/files\/2015\/09\/plattenstrasse_image_4.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-3984 size-full\" src=\"https:\/\/blog.zhdk.ch\/genderverhandeln\/files\/2015\/09\/plattenstrasse_image_4.png\" alt=\"plattenstrasse_image_4\" width=\"1276\" height=\"717\" srcset=\"https:\/\/blog.zhdk.ch\/genderverhandeln\/files\/2015\/09\/plattenstrasse_image_4.png 1276w, https:\/\/blog.zhdk.ch\/genderverhandeln\/files\/2015\/09\/plattenstrasse_image_4-300x169.png 300w, https:\/\/blog.zhdk.ch\/genderverhandeln\/files\/2015\/09\/plattenstrasse_image_4-1024x575.png 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 1276px) 100vw, 1276px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-3984\" class=\"wp-caption-text\">Stills aus: \u00abPlattenstrasse 10\u00bb (2014) von Sally Sch\u00f6nfeldt<\/figcaption><\/figure>\n<p>Obwohl die Schweiz keine eigenen Kolonien besass, nahm sie an diesen kolonialen Ausstellungen teil. Allein in Z\u00fcrich wurden zwischen 1872 und 1960 mehr als sechzig V\u00f6lkerschauen veranstaltet. Die meisten davon fanden im 20. Jahrhundert statt, obwohl der H\u00f6hepunkt der V\u00f6lkerschauen bereits zum Ende des 19. Jahrhunderts erfolgte.<\/p>\n<p>Viele Orte in der ganzen Stadt Z\u00fcrich tragen historische Erinnerungen an diese dunkle Vergangenheit in sich. Mein Essayfilm <em>Plattenstrasse 10<\/em> legt die Geschichte eines solchen spezifischen Ortes in einer einenhalbst\u00fcndigen Lecture Performance frei, welche vor Ort und in Echtzeit performt wurde. Der Film zeigt drei verschiedene Perspektiven auf den Ort selbst, w\u00e4hrend er st\u00e4dtische Mythen, Archivrecherchen und historische Gegebenheiten erz\u00e4hlerisch miteinander verwebt und die Sedimentschichten dieser Geschichte an ihrem spezifischen Ort zu enth\u00fcllen beginnt. Auf dem Gel\u00e4nde der Plattenstrasse 10 steht heute ein renommiertes Hochhaus der Nachkriegsmoderne, welches in den 1950er Jahren gebaut wurde. Die historischen Geb\u00e4ude, die fr\u00fcher an diesem Ort standen, wurden abgerissen, um Platz f\u00fcr die Konstruktion des Hochhauses zu machen, obwohl sie einen vernachl\u00e4ssigten Teil der Schweizer Geschichte in sich bewahrten. Denn an diesem Ort fanden im sp\u00e4ten 19. Jahrhundert einige der ersten V\u00f6lkerschauen der Stadt Z\u00fcrich statt. Der Film erz\u00e4hlt diese Gegebenheit mit einem besonderen Fokus auf die Geschichte einer Gruppe von zehn Kawesqar_innen \u2013 Angeh\u00f6rigen einer Volksgruppe aus dem s\u00fcdlichsten chilenischen Patagonien \u2013, welche entf\u00fchrt und nach Europa verschifft, und eben auch in Z\u00fcrich an der Plattenstrasse 10 ausgestellt wurden. Der Film entwirrt die Geschichte dieser vergessenen Realit\u00e4t, legt sie offen und fragt uns danach, welche Bedeutung wir dieser unbekannten Geschichte in der Gegenwart geben wollen.<\/p>\n<p>Literatur:<\/p>\n<ul>\n<li>Pascal Blanchard et al: MenschenZoos: Schaufenster der Unmenschlichkeit. V\u00f6lkerschauen in Deutschland, \u00d6sterreich, Schweiz, UK, Frankreich, Spanien, Italien, Japan, USA&#8230; Hamburg, 2012.<\/li>\n<li>Pascal Blanchard et al: Human zoos: the invention of the savage. Arles, 2011.<\/li>\n<li>Rea Br\u00e4ndle: Wildfremd, hautnah: Z\u00fcrcher V\u00f6lkerschauen und ihre Schaupl\u00e4tze 1835-1964. Z\u00fcrich, 1996<\/li>\n<li>James Meyer: \u00abThe Functional Site; or, the Transformation of Site-Specificity\u00bb in: Space, Site, Intervention: Situating Installation Art, ed. Erika Suderberg. Minneapolis, 1996.<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p class=\"post-excerpt\">Beitrag von Sally Schonfeldt, Alumna Bachelor Medien &amp; Kunst, Vertiefung Bildende Kunst \u00dcbersetzung aus dem Englischen von Vera Ryser Ein&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1425,"featured_media":3988,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[76,4],"tags":[823,878,234762,234758,43018],"class_list":["post-3980","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-allgemein","category-projekte","tag-erinnerung","tag-featured","tag-kolonialismus","tag-voelkerschauen","tag-zuerich"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/genderverhandeln\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3980","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/genderverhandeln\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/genderverhandeln\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/genderverhandeln\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1425"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/genderverhandeln\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3980"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/genderverhandeln\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3980\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3996,"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/genderverhandeln\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3980\/revisions\/3996"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/genderverhandeln\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3988"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/genderverhandeln\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3980"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/genderverhandeln\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3980"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/genderverhandeln\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3980"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}