{"id":4227,"date":"2016-01-21T21:48:31","date_gmt":"2016-01-21T19:48:31","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/genderverhandeln\/?p=4227"},"modified":"2016-07-26T14:48:59","modified_gmt":"2016-07-26T12:48:59","slug":"performance-als-echo-schreiben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/genderverhandeln\/2016\/01\/21\/performance-als-echo-schreiben\/","title":{"rendered":"Performance als Echo schreiben"},"content":{"rendered":"<p>Ein Beitrag von Romy R\u00fcegger und Kerstin Schroedinger, Unterrichtsassistentinnen Bachelor Kunst &amp; Medien, Vertiefung Mediale K\u00fcnste, zum Workshop \u00abPerformance schreiben als Echo\u00bb am Showroom Z+ N\u02da 4: Gender ver\/handeln, 7. M\u00e4rz 2015<\/p>\n<p>Ausgehend von Charlotte Salomon\u2019s autobiographischem Singspiel <em>Leben? oder Theater? ein Singspiel<\/em> haben wir im Workshop einen Performance-Score entwickelt und fortgeschrieben und diesen mit den Teilnehmenden zusammen umgesetzt. Ein Performance-Score ist ein Notationssystem zur Dokumentation von Performances. Die Form des Scores verhandelte f\u00fcr uns dabei eine M\u00f6glichkeit der historischen Bezugnahme und der Fortschreibung von Erinnerung. Wir wollten damit das Verh\u00e4ltnis von Performance und Performativit\u00e4t, historischer Bezugnahme und Zitat, auch,\u00a0aber nicht nur,\u00a0unter dem Aspekt von genderspezifischen Zuschreibungen befragen.<!--more--><\/p>\n<p>Die Malerin Charlotte Salomon (1917\u20131943) schuf zwischen 1940 und 1942 nach ihrer Flucht von Berlin nach S\u00fcdfrankreich ihr 1325 Gouachen umfassendes Werk <em>Leben? oder Theater?<\/em>\u00a0Aus diesen w\u00e4hlte sie 800 aus, die sie nummerierte und mit Texten und Hinweisen auf Musikst\u00fccke erl\u00e4uterte. Die Arbeit wurde 1963 erstmals \u00f6ffentlich gezeigt. 2012 wurden einige ausgew\u00e4hlte Gouachen an der Documenta 13 in Kassel gezeigt. Die Arbeit wird im j\u00fcdischen Museum in Amsterdam aufbewahrt.<\/p>\n<p>Die Arbeit gleicht im Aufbau in Akte und Szenen einem Theaterst\u00fcck. Sie umfasst einen Prolog, einen Hauptteil und einen Epilog. Charlotte Salomon hat dabei ihre Bilder auf fotografisch-filmischen Prinzipien aufgebaut.<br \/>\nZwischen inszenierter Autobiographie und zeitbasierter Malerei gibt <em>Leben? Oder Theater?<\/em>\u00a0einen vermeintlichen Ein- und \u00dcberblick \u00fcber die Geschichte der jungen j\u00fcdischen Protagonistin Charlotte Kann in Deutschland und Frankreich w\u00e4hrend dem zweiten Weltkrieg. Familienkonstellationen werden dabei ebenso beschrieben wie die politischen Ereignisse und Umw\u00e4lzungen jener Zeit und ihre direkten Auswirkungen auf den Lebensalltag der Figuren in <em>Leben? Oder Theater?<\/em> Die\u00a0Autorin Eva Meyer hat mehrere Texte zu Charlotte Salomon geschrieben. Sie beschreibt Salomon\u2019s Arbeit als Autobiographie, die sich fiktiver\u00a0Elemente bedient und somit die Grenze zwischen Leben und Auff\u00fchrung befragt.<\/p>\n<p>Nach einem kurzen \u00dcberblick \u00fcber den Inhalt des Buches und die k\u00fcnstlerischen Mittel, mit denen Charlotte Salomon gearbeitet hat, haben wir im ersten Teil des Workshops einen Aspekt innerhalb eines oder mehrerer Bilder aus dem Buch herausgestellt und isoliert: Mittels Ausschneiden, Abpausen und Herausschreiben haben die Teilnehmer_innen ausgew\u00e4hlt, mit welchen Elementen der Arbeit Charlotte Salomon&#8217;s sie sich w\u00e4hrend des Workshops befassen wollten.<\/p>\n<p>Solche visuelle, narrative und filmische Elemente waren unter anderem: Farbe, Sound, Bewegung, Stimme, Perspektive, Text, Echo, Zeitsprung.<\/p>\n<p>Diese Elemente wurden im zweiten Teil des Workshops von den Teilnehmenden auf einer Hellraumfolie aneinandergereiht und so erneut in einen bildlich-zeitlichen Ablauf gebracht. Jede_r erkl\u00e4rte dazu, was sie an den ausgew\u00e4hlten Ausschnitten interessierte. Es kamen dabei unterschiedliche Aspekte wie Silhouetten, Wiederholungen, Doppelungen, aber auch einzelne Aussagen und Zustandsbeschreibungen der Protagonist_innen von <em>Leben? oder Theater?<\/em>\u00a0zur Sprache. So entstand auf der Hellraumfolie eine Neuanordnung von Elementen in zeitlicher Abfolge, verbunden durch die subjektiven Beschreibungen der Teilnehmenden. Aus dem Kreis, in dem die Teilnehmenden mit Schere, Stiften, Klebeband, Folien und Kopien hantierten, wurde nun ein zweiter Kreis bestehend aus dem Hellraumprojektor als Montagetisch.<\/p>\n<p>Eine Person am linken Bildrand wird von rosafarbenem Licht von unten kommend angeleuchtet \u2013 unten befindet sich der Projektor \u2013 und sie hat beide H\u00e4nde auf der Leuchtfl\u00e4che des Projektors. Hinter ihr auf dem Boden in der Mitte des Bildes liegen eine Reihe von Farbfotokopien verstreut. Eine andere Person mit einer Kopie auf den \u00fcberkreuzten Beinen sitzt hinter den verstreuten Kopien und blickt in Richtung Projektor. Eine weitere Person rechts von der vorigen, aber viel n\u00e4her an der Kamera, sitzt mit dem R\u00fccken zur Kamera gewandt auf dem Tisch, auf dem sich Stifte, Folien und Arbeitsmaterialien befinden. Sie wartet. Wiederum rechts von ihr sieht man die Wand der Studiob\u00fchne und darauf die Hellraumprojektion. Man sieht den Schatten der Hand der Person, die auf der Folie am Hellraumprojektor gerade ihren Beitrag montiert. Ein Grossteil der Projektionsfl\u00e4che ist von einer Folie eingef\u00e4rbt, die den gesamten Raum in rosafarbenes Licht taucht. Auf der Projektionsfl\u00e4che sind die gezeichneten Umrisse von sechs Kindern zu sehen, die sich von der Betrachter_in abwenden, aus dem Bild heraus schauen. Der Schatten von ein paar St\u00fchlen, die zwischen Projektor und Wand stehen.<\/p>\n<p>Im dritten Teil des Workshops wurde der Raum zwischen Hellraumprojektor und Projektionsfl\u00e4che freiger\u00e4umt, sodass er als Performancefl\u00e4che genutzt werden konnte. W\u00e4hrend die Folie \u2039abgespielt\u203a, also weitergedreht wurde, bewegten sich die Teilnehmer_innen einzeln in die Projektion der von ihnen ausgew\u00e4hlten Elemente hinein und haben so durch die \u00dcberlagerung von Projektion, K\u00f6rper und Bewegung kurze Bewegungs-Bildkonstellationen hergestellt. Dabei stellten die Teilnehmer_innen erneut Aspekte des ausgesuchten Materials aus <em>Leben? Oder Theater?<\/em> heraus und befragten dieses sowohl in seiner Materialit\u00e4t, wie auch in seinem narrativ-verweisenden Potential im Bezug auf die eigene K\u00f6rperlichkeit und das spontan abgerufene Bewegungsrepertoire sowie in Bezugnahme auf die Interaktionen der anderen Teilnehmer_innen. Die Folie wurde also zum Performance-Score.<\/p>\n<p>Eine andere Person am linken Bildrand steht seitlich neben dem Hellraumprojektor (sie dreht die Folie weiter). Rechts von ihr im Bildhintergrund sitzen drei Personen, die alle die K\u00f6pfe zur rechten Bildh\u00e4lfte gedreht haben. Die linke Seite des Bildes ist recht dunkel. Etwa in der Mitte des Bildes steht eine Person mit einer bunten Bluse. Sie wird von der Projektion angeleuchtet. Ihr Oberk\u00f6rper ist nach vorne geneigt und die Arme sind ausgestreckt, wobei die H\u00e4nde parallel zueinander und die Handfl\u00e4chen nach unten weisen. Wiederum rechts von ihr sieht man die helle Fl\u00e4che der Projektion, darin der Schatten der Teilnehmer_in. Ihre ausgestreckten H\u00e4nde fassen im projizierten Bild eine blaue Linie, die von unten nach oben durchs Bild geht, nach. Im Bild sind die Umrisse einer Engelfigur gezeichnet, oben sieht man zwei orangefarbene krakelige horizontale Linien, die aufeinander zulaufen. Am unteren Rand der Projektion ist eine weitere Figur dargestellt, deren Oberk\u00f6rper gelb ausgef\u00fcllt ist.<\/p>\n<p>Nach einer kurzen Diskussionsrunde haben wir zum Abschluss den Score noch einmal \u2039aufgef\u00fchrt\u203a, also die Folie ein zweites Mal von Anfang bis Ende gedreht. Diesmal konnten alle selbst entscheiden, zu welchen Abschnitten sie sich positionieren oder bewegen wollten. Die r\u00e4umliche Involvierung der K\u00f6rper der Beteiligten inner- und ausserhalb des Projizierten hat dabei verschiedene M\u00f6glichkeiten der Auf- und Umlagerung, der Befragung und Aktualisierung der Bilder, Bildtexte und Texte hervorgebracht.<br \/>\nIn diesem Versuch, gemeinsam fl\u00fcchtige Lesarten des Erz\u00e4hlten anhand der K\u00f6rperlichkeit und r\u00e4umlichen Involviertheit der Teilnehmenden vorzuschlagen, wurde deutlich, dass Gender als ein m\u00f6gliches Element von Erinnerung und Auff\u00fchrung immer in Konstellation mit spezifischen r\u00e4umlichen, zeitlichen und sozialen\u00a0Umst\u00e4nden in den Raum der Erz\u00e4hlung tritt und diesen mit-, um- oder fortschreibt. In dem von uns vorgeschlagenen Setting liess sich dies ausprobieren, ohne dabei Figuren zu verk\u00f6rpern oder Fragmentarisches zu vervollst\u00e4ndigen, sondern eher entlang m\u00f6glicher Konstellationen von Materialit\u00e4t und Performativit\u00e4t zu verwirklichen und die Befragungen prosaischer und bildlicher Ordnungen, wie sie in Charlotte Salomon&#8217;s Arbeit angelegt sind, fortzuf\u00fchren und ins Jetzt zu verschieben.<\/p>\n<p>Im Dokumentationsbild sind nun von links bis ins zweite Drittel des Bildes eine Reihe von Personen zu sehen: links in der Unsch\u00e4rfe die Person vor dem Projektor, daneben in die Tiefe des Raums nach hinten gruppiert eine Reihe von Personen, die alle zur linken Bildh\u00e4lfte blicken. In der Bildmitte sind drei Personen mit dem R\u00fccken zur Kamera gewandt in Bewegung zu sehen. Sie haben ihre Arme erhoben und strecken jeweils einen Arm zu einem gemeinsamen Punkt, der von ihnen verdeckt wird, hin. Sie sind teilweise von der Projektion erhellt, die ihre K\u00f6pfe in blaues Licht f\u00e4rbt. Eine von ihnen geht aus dem von ihnen gebildeten Kreis und der Kamera zugewandt an ihnen vorbei. Links von ihnen sieht man einen Ausschnitt der Projektion und die Schatten der Bewegungen. Die Silhouette einer Person, die einen Arm um ihren K\u00f6rper schwingt. Die Projektion ist oben mit einer blauen Folie eingef\u00e4rbt und mit scherenschnittf\u00f6rmigen Ausschnitten, die Textfragmente \u00fcberdecken. Die Form ist nicht zu erkennen. Die Tischkante am unteren Bildrand zeigt auf die Personengruppe in der Bildmitte.<\/p>\n<p>Der Score hat in diesem Workshop eine Scharnierfunktion erhalten: Als filmische Folie dokumentiert es die Nachzeichnungen, Ausschnitte und Neukombinationen der Workshopteilnehmer_innen auf der Zeitebene. Gleichzeitig bietet der Score, durch seine Materialit\u00e4t als Projektion angelegt, M\u00f6glichkeit f\u00fcr r\u00e4umliche Bezugnahmen, sowohl auf den Workshop, wie auf die darin entstandenen performativen Momente zwischen den ausgew\u00e4hlten Materialien selbst.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p class=\"post-excerpt\">Ein Beitrag von Romy R\u00fcegger und Kerstin Schroedinger, Unterrichtsassistentinnen Bachelor Kunst &amp; Medien, Vertiefung Mediale K\u00fcnste, zum Workshop \u00abPerformance schreiben&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1425,"featured_media":4181,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[76,4],"tags":[234769,234771,72,282],"class_list":["post-4227","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-allgemein","category-projekte","tag-autobiografie","tag-echo","tag-performance","tag-theater"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/genderverhandeln\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4227","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/genderverhandeln\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/genderverhandeln\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/genderverhandeln\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1425"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/genderverhandeln\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4227"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/genderverhandeln\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4227\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4281,"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/genderverhandeln\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4227\/revisions\/4281"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/genderverhandeln\/wp-json\/wp\/v2\/media\/4181"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/genderverhandeln\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4227"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/genderverhandeln\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4227"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/genderverhandeln\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4227"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}