Prof. Giaco Schiesser

About the programme
26. Dezember 2017, 22:18 Filed under:

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(Aus: Einführung in die Präsentation des ersten abgeschlossenen PhD des Programms an der ZHdK, November 2017)

 

Einführung Präsentation PhD Nicole de Brabandere an der ZHdK, Hörsaal 1, 15.11.2017
Von Giaco Schiesser

Liebe PhD-Studierende, liebe MA- und BA-Studierende, liebe KollegInnen, liebe Anwesende, liebe Nicole

Lassen Sie mich zu Beginn – oder recht eigentlich: vor dem Beginn – der Präsentation des PhD von Nicole de Brabandere durch sie selbst ein paar Worte zu dem Programm und der PhD-Kooperation sagen, innerhalb derer dieser PhD entstanden ist.
Dies in der Hoffnung, dass Ihnen das hier nur knapp zu umreissende Programm die Rahmenbedingungen klar macht, der ein solches Ergebnis möglich gemacht hat, wie es Ihnen heute präsentiert wird, ein Arte-Fakt, wie wir es nennen (ich komme darauf zurück).
Die PhD-Kooperation des DKM mit der Kunstuniversität Linz, die 2012 eingerichtet wurde, basiert auf Serendipity und auf dem Internet einerseits, auf Vertrauen und Grosszügigkeit der Kunstuniversität Linz, und hier insbesondere des Rektors Reinhard Kannonier, andererseits.
Die Kooperation beruht auf Serendipity, weil die Kunstuniversität Linz mir erstens Mitte der 2000er Jahr eine Professur angeboten hat – ein Angebot, das seinerseits auf einer Internetrecherche nach Personen beruhte, die ein Programm in Fine Arts aufbauen könnten, welches die Digitalität in ihrer umfassenden Bedeutung und für die Fine Ars erkannt haben. Ein Angebot, das ich nach einiger Bedenkzeit ganz offensichtlich ausgeschlagen habe, sonst würde ich nicht hier und heute zu Ihnen, zu euch sprechen. Auf Serendipity und Internetrecherche, die zum zweiten dazu geführt haben, dass mir die Kunstuniversität Linz nach Prüfung meiner Schriften im Senat eine permanente Gastprofessur mit vollem Promotionsrecht angeboten hat. Auf Vertrauen beruht die Kooperation, weil der Linzer Rektor die Umsetzung des Konzepts eines PhD-Programms, wie ich es ihm vorgeschlagen habe, von Anfang an vorbehaltlos unterstützt hat. Ein Programm das international damals wie heute einen radikaleren Ansatz als dies die britischen und nordische PhD-Modelle verfolgen, darstellt. Und, die Kooperation beruht auf seiner Grosszügigkeit, weil er erlaubt hat, dass die PhD-Studierender dieser Kooperation ihr Programm zu über 90% in Zürich absolvieren können.
Worin nun besteht die Spezifik des Programms? Weniger aus den einzelnen der gleich genannten Punkte (auch wenn einzelne davon durchaus einmalig oder zumindest speziell sind) als vielmehr aus deren Verknüpfung.

Worin also besteht die Spezifik des Programms?

  • Erstens, dass es von anfang aus einer Gruppe von Studierenden bestand (damals 6, heute sind es 12), und nicht aus einer Einzelbetreuung einzelner oder vereinzelter Studierender durch einen Doktorvater aufgebaut wurde,
  • zweitens, aus einer Mischung von AbsolventInnen des MFA der ZHdK und internationalen Studierenden,
  • drittens, dass alle aufgenommenen BewerberInnen über eine nachweisliche künstlerische Praxis und über ein künstlerisches Oeuvre verfügten oder anders gesagt: dass sie mindestens drei bis fünf Jahr nach Abschluss ihres Studiums als KünstlerIn ausserhalb der Hochschule gearbeitet und sich künstlerisch weiterentwickelt haben,
  • Des weiteren, dass ich bisher nur KünstlerInnen und keine WissenschaftlerInnen in das Programm aufgenommen habe. Dies im Wissen darum, dass es wichtig ist, dass KünstlerInnen ihre eigenen Diskurse entwickeln und nicht von Leuten wie mir selbst, die aus den Humanities kommen, gewissermassen fremd-diskursiviert werden.
  • Fünftens, dass alle Studierenden mindestens eine/n ZweitbetreuerIn haben, die gemeinsam bestimmt wurden und der/die in der Regel ein/e Künstlerin mit gleichermassen Kompetenzen im Feld, in dem der PhD gemacht wird, über Betreuungskompetenzen für einen PhD und über das Promotionsrecht an einer (Kunst-)Unversität verfügt.
  • Sechstens, und das ist besonders wichtig, dass die die Inhalte und Formate der 12 (und ab 2018: 15) Tage, die die Gruppe gemeinsam lernt und lehrt, von der Gruppe selbst inklusive mir, also gemeinsam bestimmt werden. Das heisst, es gibt kein durch mich oder durch Hochschul-Regularien vorgegebenes, abzuarbeitendes oder abzuspulendes Programm, wie es zum Teil an anderen Hochschulen Usus ist. Im jeweils letzten Meeting des Jahres evaluiert die Gruppe gemeinsam das vergangene Jahr und legt gemeinsam die Inhalte und die Formate fest, in denen das folgende Jahr die gemeinsamen 15 Tage bestritten werden.
    Ich halte diese Selbstorganisation, Selbstverpflichtung und die damit verbundene Sorge um sich und um die anderen für eine Ausbildung zur komplexen Autorschaft für zentral.
  • Siebtens, Teil des Inhalts und der Formate ist seit drei Jahren, dass die PhD-Gruppe in die Lehre des MFA der ZHdK einbezogen ist und dort jedes zweite Semester ein Vertiefungsseminar „Künstlerische Forschung“ anbietet, anfangs unter meiner Leitung, heute ohne mich, also alleine verantwortlich. Das ist nicht nur an der ZHdK, sondern auch international einmalig.
  • Achtens, in den Treffen der Gruppe geht es nicht nur darum, Wissen auszutauschen, sondern im ganz emphatischen Sinne darum, gemeinsam neue Erkenntnisse zu generieren, die der Entwicklung des jeweiligen PhD dienlich sind. Dafür braucht es ein entsprechendes Dispositiv, wie ich es umrissen habe, intensive Inkubationszeiten und Anwesenheit mit angespannten, geschärften Sinnen in den Sitzungen. Neue Erkenntnisse passieren oft blitzartig, als evènement (um einen von Jacques Derrida stark gemachten Begriff zu verwenden), man macht und erfährt solche neue Erkenntnisse aber nur, wenn man selbst in der Sitzung aktiv und hellwach anwesend war – und nicht aus Protokollen, die man gegebenenfalls später liest.
  • Des weiteren ist das Programm darauf angelegt, dass die PhD-Studierenden als Resultat, als PhD-Ergebnis – oft PhD-Thesis genannt – nicht etwas abliefern, was in GB und in den nordischen Ländern wenn auch je nach Kunstuniversität auf je unterschiedliche Art und Weise Standard ist: dass einerseits eine bestimmte Anzahl Kunstwerke und andererseits ein reflexiver, sprachlicher und schriftlicher Text abgegeben wird.
    In unserem Programm geht es darum, dass das Format oder die Formate, in dem sich die Ergebnisse, Erfahrungen, Erkenntnisse der künstlerischen Forschung manifestieren –  seine Materialien und Medien – Teil des Forschungsprozesses selbst sind, sich also aus dem Prozess der Forschung selbst heraus entwickelt werden. Und nicht vorgegeben sind – wie in den Natur- und Geisteswissenschaften üblich, dort als Text. Die Ergebnisse sind ein oder mehrere Arte-Fakte, ein Begriff der im englischen nicht nur etwas künstlich Gemachtes wie im Deutschen bedeutet, sondern zugleich auf Arte-Fakte als art-effect und art-affect hinweist.
  • Schliesslich, und das ist nicht das geringste, ist das Programm bewusst nicht inhaltlich durch ein thematisches Feld definiert, wegen dessen mögliche InteressentInnen sich bewerben. Sondern ganz umgekehrt, und das halte ich für einen art based PhD in Fine Arts nicht für das einzig mögliche, aber wie inzwischen die Erfahrung gezeigt hat: für ein produktives und robustes und unbedingt zu verfolgendes und weiter zu entwickelndes Modell: aufgenommen in das Programm werden BewerberInnen – als einzelne oder als Gruppen, kollektive PhDs sind in Linz möglich – aufgrund ihrer Themen, ihrer Interessen, ihrer Dabei müssen die KandidatInnen allerdings nicht nur plausibilisieren können, warum sie als KünstlerInnen einen PhD und warum sie ihn genau in diesem Programm machen wollen, sondern sie müssen auch auch darlegen können, dass und wie ihre jeweiligen Themen und Fragestellungen an der Zeit, zeitgenössische sind, und inwiefern deren Erforschung nicht nur ihnen selbst, sondern den Künsten dienlich ist (und mitunter auch andere Disziplinen weiterbringt, weil ihre Ergebnisse auch für diese interessant sind).

Das hat auch Konsequenzen für die Art und Weise des Mentorierens. Mentoratsarbeit in diesem Programm ist in erster Linie Hebammenkunst – oder in Zeiten politischer Überkorrektheit, die eine solche Redeweise eigentlich nicht zulässt: Zöllner-Kunst im Sinne Bertolt Brecht, wie er sie in seiner „Legende von der Entstehung des Buches Tao Te King auf dem Weg des Laotse in die Emigration“ erzählt: Die Weisheit liegt beim Reisenden – bei Brecht bei dem Philosophen, im vorliegenden Falle: bei den PhD-KandidatInnen. Die Weisheit muss dem Weisen aber abverlangt werden, damit sie für andere fruchtbar wird. In diesem Sinne heisst Zöllner sein, heisst mentorieren in diesem PhD-Programm: dafür sorgen, dass die zentralen Anforderungen an einen künstlerischen PhD erfüllt werden, die Anforderungen, die erst Arte-Fakte ermöglichen, die auf ihre künstlerische Art und Weise einen Unterschied machen, oder anders gesagt: neue Erkenntnisse in je spezifischer Weise den Künsten und damit auch der Gesellschaft insgesamt zur Verfügung stellen. Diese Anforderungen sind: Subjects or themes in pace with the times, transparency, reflexivity, criticality and cogency (inner coherence).
Ein letztes, das sich aus dem Gesagten ergibt, bei einer Präsentation wie der heutigen aber leicht sofort wieder vergessen geht: Der gleich vorgestellte und alle in naher Zukunft noch vorgestellt werdenden PhDs des Programms sind einzig-artig, also kein normatives Modell bzw. keine normativen Modelle für einen künstlerischen PhD. Es gibt keine unité de doctrine des PhD-Programms. Es gibt keine Giaco-Schiesser-PhD-Schule, die sich an den Arte-Fakten ablesen liesse, es gibt keine Giaco-Schiesser-Handschrift des Programms. Ganz im Gegenteil.
Das mag neben den zusammengestellten Spezifika des Programms einer der Gründe für die zhdk-interne, nationale und internationale Aufmerksamkeit und die entsprechende grosse Zahl an InteressentInnen sein, die sich für das Programm bewerben.
Nun aber genug der rahmenden Worte.  I pass over the word to Nicole de Brabandere, who I kindly ask to present her PhD.It has the title „The Matter of Habit. Experimenting with the Affects of Emergent Media, Material and Moment Practices“.  And, by the way, it was graded „with distinction“, which demanded that the examination committee voted for this grading unanimously.

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