Prof. Giaco Schiesser

Completed PhDs – Abstracts
24. Dezember 2017, 05:22 Filed under:

PhD Graduates / PhD AbsolventInnen
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Belobrovaja, Marina
Das ungute Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen.
Engagierte Kunst aus der Schweiz

Die Frage, welche Inhalte und Strategien künstlerischer Produktion der Begriff der politischen Kunst umfasst, kann aufgrund der vielen unterschiedlichen Interpretationsweisen nicht eindeutig bzw. unterschiedlich beantwortet werden.
Mein PhD-Projekt befasst sich mit einer Reihe unterschiedlicher performativ-aktionistisch angelegten KünstlerInnenpraxen aus der Schweiz, die von der breiten Öffentlichkeit als politische Kunst rezipierten werden und reflektiert sie in Hinblick auf den Begriff des Politischen als einer sich diskursiv konstituierenden Kategorie. Das Arbeitsmaterial wird zum wesentlichen Teil anhand von  von mir geführten Gesprächen mit KünstlerInnen und ihrem Umfeld generiert (Interviews, Presseartikel).
Für die Umsetzung des Projektes sind für mich zum einen Referenzen aus der Politik-, Kulturwissenschaft und der Philosophie, zum anderen der Einbezug künstlerischer Verfahren wie etwa das narrative Interview, oral history, literarische Montage oder surrogate objects relevant.
Von der Verbindung dieser zwei unterschiedlichen Ebenen der Auseinandersetzung verspreche ich mir, neue Formen und methodologische Ansätze für die Realisierung kunstpraxisbasierter (art practice based) Forschungsvorhaben zu erarbeiten. Dabei nehme ich Bezug auf den im Bereich der künstlerischen Forschung (artistic reseach) vielfach formulierten Vorschlag, künstlerische Verfahren nicht nur als Gegenstand der Analyse, sondern gleichzeitig auch als Arbeitsmedium zu begreifen.
Die von mir angestrebte Auseinandersetzung mit der Frage, wie sich eine derartige Verflechtung in einem zwischen der theoretischen und der künstlerischen Praxis oszillierenden Artefakt konkret realisieren lässt und welche Form der Wissensgenerierung aus diesem resultiert, gehört zu den zentralen Anliegen meines Projektes.

The Uncomfortable Feeling of Being on the Right Side.
Politically Committed Art from Switzerland
There is no conclusive answer to the question of what kind of content or strategies in artistic production are covered by the term „political art“ – or rather, it can be answered in different ways, because of the many different interpretations of the term.
In my PhD project, I look at a number of different Swiss artists producing performance/Actionist art which is perceived as political art by the general public, and I study them in relation to the concept of the political as a discursive category. The material for my thesis is largely derived from conversations I conducted with artists, and from the environment in which they work (interviews, press articles).
To me, references from politics, cultural studies and philosophy as well as incorporation of artistic processes such as the narrative interview, oral history, literary montage or surrogate objects are relevant factors in carrying out the project.
By combining these two different levels of analysis, I hope to devise new forms and methodologies for conducting art practice-based research. I refer here to the suggestion often expressed in relation to artistic research, namely that artistic processes should be understood not only as the subject of the analysis, but also as the working medium.
My attempt to address the question of how such intertwining can actually be accomplished in an artefact that oscillates between theoretical and artistic practice, and what kind of knowledge is generated as a result, is one of the central concerns of my project.

Contact: marina.belobrovaja@hslu.ch

 

Nicole de Brabandere
The Matter of Habit.
Experimenting with the Affects of Emergent Media, Material and Movement P
ractices

The subjects of my PhD are habit, emergent corporeality, affect and media and material experimentation. Since the way we recognize and perceive form is inhabited as much as it is material and mediated this research considers the dynamic ways that emergent thought and feeling informs process and recognition. Central to this are the virtual affects associated with emergent abstraction, affects that modulate the material qualities, durations, dimensions and tensions of inhabited experience. In turn, this research develops with the pragmatic and conceptual themes of line, surface and tone.
This research has the aim of generating new modes of practice to help identify and articulate how inhabited tendencies that often remain below the register of conscious attention are modulated in experimental media and material practice. What terms of practice and perceptibility emerge in an experimental media process where empirical modes become insufficient to account for the dynamics of felt thought? What kinds of transversal resonances can emerge between and across different media such that acoustic and durational qualities amplify the affects of material form, and vice–versa?
The results of the research process are series of diverse media inscriptions that constitute a consistency where one can analyze how emergent form informs tendencies of thought, feeling and perception. The analysis becomes increasingly differentiated and articulable as formal and affective continuities emerge across the series. Since this research process evolves as it co-composes with an emergent corporeal, it is not fixed to pre–designated subjects and objects or modes of objective recognition but evolves as a transversal and non-linear critical practice.
The artefacts of the research results are: a PhD thesis that elaborates concepts associated with affect and habit and modes of writing that demonstrate the generative quality of writing with media and material experimentation and a proposition. The proposition consists of video, audio and photographic renderings of diverse movement and material inscriptions and invites readers of the PhD thesis to activate them with their own inhabited tendencies of movement and recognition. These propositions were developed based on my experience hosting workshops that activate these media inscriptions as openings for co-composition in diverse group settings.

Contact: nicole.debrabandere@gmail.com


Sarah Burger
Zeiten – Orte – Sichtbarkeiten.
Materialeigenschaften und Wertverschiebungen

Der vorliegende PhD „Zeiten – Orte – Sichtbarkeiten. Materialeigenschaften und Wertverschiebungen“ setzt sich mit der Veränderung unterschiedlicher Materialien auseinander, im Hinblick auf ihre Anwesenheit/Abwesenheit, ihre geschichtliche Dimension und die Veränderung ihres Wertes aufgrund zeitlich und örtlich unterschiedlicher Kontexte. Was geschieht mit einer künstlerischen Arbeit, wenn sie verschwindet? Wie verändert sie sich, wie fügt sie sich ein in die Geschichte ihrer Materialien und die Orte ihres Verschwindens? Wie verändert sich ihre Gestalt, wenn die anfängliche Materialität des Kunstwerks sich aufgelöst hat oder, in einer Stadt ausgesetzt, den Kräften dieser Stadt überlassen wurde? Was entsteht, wenn etwas vergeht?
Diese Fragestellungen wurden in den zwei künstlerischen Arbeiten/künstlerischen Experimenten „(un)earthed“ und „MODERN LEAVES“, sowie der dreiteiligen reflexiven Erzählung “ Zeiten – Orte – Sichtbarkeiten. Materialeigenschaften und Wertverschiebungen“ verhandelt, konkretisiert und materialisiert.
Die reflexive Erzählung besteht aus drei Teilen: „Gedankenlandschaft“, „(un)earthed“ und „MODERN LEAVES“. Die beiden letztgenannten Texte, reflexive Erzählungen,  sind zugleich auch Teil der beiden gleichnamigen künstlerischen Arbeiten.
Die erzählerische Reflexion „Gedankenlandschaft“ verbindet Überlegungen zur Bewegung des Übergangs der Epoche der Renaissance zu der Epoche der Romantik, den Begriffen des Umschlagens, der Sehnsucht und des Fragments, mit Beobachtungen zu steinernen Monumenten vergangener Kulturen, mit dem Begriff des sprachlichen Zeichens und des Wertes nach Ferdinand de Saussure und mit dem Begriff des Risses im Zeichenverständnis von Graffiti nach Jean Baudrillard. Weiter werden diese Reflexionen in Verbindung gebracht mit Gedanken zu Kontext und zur Ortsloslösung von Kunstwerken in Form von fotografischen Abbildungen, wie sie in Walter Benjamins Text „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ und in André Malrauxs „Le musée imaginaire“ dargelegt werden. Die Reflexionen zu diesen Begriffen und Konzepten wurden genährt durch die Erfahrungen und Einsichten, die während, mit und durch die Arbeit an „(un)earthed“ und „MODERN LEAVES“ entstanden sind.
Umgekehrt haben die genannten Begriffe und Konzepte die beiden künstlerischen Arbeiten begleitet, differenziert und erweitert.
„(un)earthed“ ist eine Arbeit bestehend aus neun genähten Objekten hergestellt aus kompostierbarem  Stoff, die ich an neun unterschiedlichen Orten in der Schweiz und an einem Ort in Deutschland    vergraben und im Abstand von etwa drei Wochen wieder aufgesucht, ausgegraben, beobachtet und wieder eingegraben habe.
„MODERN LEAVES“ habe ich in Brasília, der Ende der 1950er Jahre erbauten modernen Hauptstadt Brasiliens, erarbeitet. Die Arbeit besteht aus einer Gruppe von neun Betonskulpturen, für die mir in den Strassen Brasílias gesammelte Palmblätter als Gussformen dienten. Die entstandenen Skulpturen habe ich zunächst in einem Ausstellungsraum in Brasília gezeigt und sie dann an neun unterschiedlichen Orten dieser Stadt ausgesetzt und dort zurückgelassen.
Dem PhD sind zudem zwei Materialproben der beiden Arbeiten beigefügt. Die eine Materialprobe ist ein vernähtes Stück Stoff, welches die Materialien und die Verarbeitungsweise der Objekte der Arbeit „(un)earthed“ veranschaulicht. Die andere Materialprobe ist ein Zementabguss eines Palmblattes, hergestellt in derselben Weise wie die neun Skulpturen der Arbeit „MODERN LEAVES“. Beide Materialproben vermitteln eine Vorstellung und einen haptischen Eindruck der Objekte und Skulpturen.
Auf einem Datenträger (USB-Stick) befindet sich Bildmaterial (Fotografien, Video) der beiden Arbeiten „(un)earthed“ und „MODERN LEAVES“, welche ebenfalls Teil der Arbeiten sind, und die für Ausstellungskontexte in unterschiedlicher Weise materialisiert wurden.

Contact: mail@sarahburger.ch

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