#10 Gut aussehen – Geschmack und Schönheit im Kunstunterricht

Art Education Research °10

 

GUT AUSSEHEN – GESCHMACK UND SCHÖNHEIT IM KUNSTUNTERRICHT

Herausgeber_innen: Simon Harder und Carmen Mörsch

Die zehnte Ausgabe des ejournal Art Education Research widmet sich dem Thema der Netzwerkveranstaltung Persönlichkeitsverwicklung #3: Gut aussehen – Geschmack und Schönheit im Kunstunterricht. Verantwortet vom Institute for Art Education, fand sie im Juni 2014 an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) statt. Im Zentrum stand einerseits die Frage, wie Geschmacksnormen Kunstunterricht prägen und dabei normierend wirken. Andererseits interessierte, wie Kunstunterricht zu einem Raum werden kann, in dem ebensolche Normen und Normierungsprozesse in den Blick genommen, bearbeitet und möglicherweise verschoben werden können. Dafür wurden Referent_innen mit Schwerpunkten in den Bereichen Kulturwissenschaft, Kunstsoziologie, kritische Kunstvermittlung in Theorie und Praxis, Aktivismus, Politikwissenschaft, DisAbility Studies- und Queer-feministische Theorie oder Kunst eingeladen. Das ejournal No. 10 greift die Fäden auf, welche die Referent_innen mit ihren Inputs gelegt haben. Wir freuen uns, dass wir sie für einen Beitrag zu diesem ejournal gewinnen konnten, in welchem sie ihre Perspektive auf das Thema zu lesen geben und dadurch dessen Relevanz für Kunstvermittlung greifbar machen.

Im Rahmen der Schweizer Ausbildung zur Lehrperson für das Fach Kunst an Gymnasien, das hier Bildnerisches Gestalten (BG) genannt wird, findet pro Semester eine Netzwerkveranstaltung, eine Kooperationsveranstaltung der vier deutschsprachigen Kunsthochschulen, statt. Diese wechseln sich in der Organisation ab, wobei die ZHdK alle zwei Jahre an die Reihe kommt. Hier hat das am Departement Kulturanalysen und Vermittlung angesiedelte Institute for Art Education (IAE) den Auftrag, im Bereich Kunstvermittlung Forschung und Lehre zu verbinden. Auch diese dritte Netzwerkveranstaltung widmeten Carmen Mörsch als Modulverantwortliche, Nora Landkammer und die beteiligten Dozierenden dem Motto Persönlichkeitsverwicklung und nahmen im Sinne der Arbeitsprinzipien des IAE aus einer herrschaftskritischen Perspektive Hierarchien und Zugehörigkeitskategorien ins Visier, die mitunter durch die Wiederholung von Geschmacksurteilen oder Schönheitsidealen konstruiert, stabilisiert und fortgeschrieben werden. Jugendliche (und nicht nur sie) stehen unter dem Druck gut auszusehen: zum Beispiel in Bezug auf Styles, Körperformen und Körperpraktiken. Kunst wiederum produziert ihrerseits Ein- und Ausschlüsse: ‚Geschmack‘ und ‚Begabung‘ sind nicht angeboren, sondern werden zunächst im Elternhaus erworben (oder eben nicht) und später z.B. in Peergroups verhandelt und weiterentwickelt. An der Netzwerkveranstaltung lieferten deshalb Inputs aus verschiedenen Perspektiven die Verknüpfung von Geschmack, Style, Begabung und sozialer Ungleichheit. Diese Analysen wurden in Lektüregruppen vertieft. Ein Panel mit erfahrenen BG-Lehrpersonen diskutierte zu Geschmack und Bewertung, zum Verhältnis zwischen dem ästhetischen Kanon des BG Unterrichts und jugendkulturellen Stilen und zum BG-Unterricht als potentiellem Raum zur Bearbeitung von Diskriminierungspraktiken wie Lookism [1] oder Modemobbing. Schliesslich wurden in Workshops verschiedene künstlerisch-edukative Bearbeitungsweisen aufgezeigt und für den Kunstunterricht weitergedacht.

Sowohl während der Paneldiskussion am ersten Veranstaltungstag, als auch im Kontakt mit dem Berufsfeld zeigt sich deutlich, dass ein kultur- und machtkritischer Zugang zum Fach BG im Allgemeinen und zu Geschmack und Schönheit als gesellschaftlich wirkmächtige Distinktionsfunktionen im Besonderen alles andere als selbstverständlich sind. Seidenmalerei, Salzteigfiguren, Makrame, Laminier-Technik, Sonnenuntergänge mit oder ohne Delfine, Marmorieren, Mangafiguren, Malen nach Zahlen, usw.: Die Liste der meist selbstverständlich verpönten Techniken und Motive wäre lang. Die Fragen, weshalb diese Wertung im Berufsfeld beinahe selbstverständlich gültig ist, wem diese Wertung eigentlich dient und auf wessen Kosten sie geschieht, werden sehr selten gestellt. Vielleicht werden sie ähnlich selten thematisiert wie solche, die das scheinbar selbstverständlich gültige kanonisierte Wissen über Kunst in Zweifel ziehen und danach fragen, für wen der Kunstkanon spricht, wer dadurch gehört wird, wessen Perspektiven damit sichtbar werden und welche nicht. Und: Auch repräsentations- und medienkritische Positionen, die sich für den Zusammenhang von Macht und Form interessieren (vgl. z.B. Schade/Wenk 2011: 98ff.), sind im Schweizer Berufsfeld der Lehrer_innen für BG an Gymnasien eher selten anzutreffen. Warum ist das so? Ich möchte eine Vermutung skizzieren: Das Fach BG nimmt im gymnasialen Fächerkanon eine untergeordnete Stellung ein, was sich etwa in der Entlohnung der Fachlehrkräfte ausdrückt. Gleichwohl bietet das Gymnasium als staatliche Institution auch vielen Lehrkräften für BG feudale, oft unbefristete Arbeitsbedingungen. Diese aufzugeben oder zu gefährden überlegt sich eine_r wohl gut. Wenn in diesem Fach Geschmack in Zusammenhang mit «symbolischer Herrschaft» gestellt wird, also mit «Formen und Modi der Herrschaft, die über Kultur, über die Sichtweisen der Welt, über die Selbstverständlichkeiten unseres Denkens und damit über jene gesellschaftlichen Institutionen vermittelt sind, die Kultur produzieren» (Krais/Gebauer 2002: 10), und deutlich wird, «wie das Vermögen des Geschmacks […] für den Gewinn von symbolischen Profiten eingesetzt […][wird], ja noch mehr: dass die Gesellschaft in hohem Maße über Geschmacksurteile funktioniert, insofern Zusammenhalt und Differenzierung sozialer Klassen mit Hilfe geschmacklicher Zustimmung und Ablehnung zustande kommen» (ebd.), so wird dies zuerst eine Verunsicherung der eigenen Perspektive zur Folge haben. Diese jedoch wird auch die Institution erfassen, da diese Auseinandersetzung an den Grenzen des institutionellen Horizonts arbeitet. Das ist für eine_n riskant, da es nicht nur für ihn_sie sondern auch für die Institution bedrohlich sein wird und es einfacher scheint, den_die Störenfried_in aus dem Raum zu schaffen, wie es Sara Ahmed in ihrem Aufsatz Feminist Killjoys (And Other Willful Subjects) in Bezug auf Feminismus eindrücklich beschreibt. Dabei versteht sie Feminismus als komplexes aktivistisches Feld, als einen ‚Welt‘-Zugang und als «object of feeling». Ein_e Feminist_in sitzt am Familientisch: «Someone says something you consider problematic. You are becoming tense; it is becoming tense. […] In speaking up or speaking out, you upset the situation. That you have described what was said by another as a problem means you have created a problem. You become the problem you create» (Ahmed 2010: 1). Zwar wird die Infragestellung von als selbstverständlich geltenden Kategorien wie Geschmack aber auch z.B. Geschlecht beunruhigend, womöglich auch beängstigend sein, und es ist mit Butler davon auszugehen, dass die daraus resultierenden Erkenntnisse nicht auf Beruhigung zielen (vgl. Butler 2001), zumal inkorporierte Kategorien auf dem Spiel stehen, an denen sich unsere Wahrnehmung oder unsere Interaktionen wesentlich orientieren. Doch diese (nicht immer bewusste) Angst darf nicht dazu führen, sich auf eine vermeintlich ‚neutrale‘ Position zurückzuziehen, eine wiederholt im Zusammenhang mit Schule geäusserte Erwartung, da damit bestehende soziale Ungleichheiten dethematisiert, aufrechterhalten, Alternativen verworfen werden, die Kritik bzw. Forderungen ungehört und Bereiche des Unaussprechlichen weiterhin unerhört bleiben. Vielmehr könnte gerade die Sicherheit, die eine institutionalisierte Position zur Zeit verspricht, sowohl der Institution selbst aber auch der von ihr angestellten Einzelpersonen, dazu genutzt werden, das Fach BG aus seiner beinahe vollständigen Entpolitisierung zu lösen und es um politische Dimensionen zu bereichern – gerade durch eine lustvolle Arbeit an der Form, aus der sowohl die Lehrenden, die Lernenden und auch die Institution verändert hervorgehen werden. Das vorliegende ejournal nimmt sich Raum, einer solchen Utopie nachzugehen, denkt dabei Theorie und Praxis als untrennbar miteinander verbunden. Vor diesem Hintergrund zeichnet sich die Komplexität der Thematik ab, der die hier versammelten Texte je exemplarisch, also kontextspezifisch und perspektivisch nachgehen.

Wir wünschen eine anregende Lektüre.

Simon Harder für das Redaktionsteam

ZU DEN TEXTEN


 

[1] Das „anti“-lookism.info.Zine wurde als Pflichtlektüre vorausgesetzt. Es eignet sich zur Verwendung im Unterricht. Online unter: www.lookism.info (25.05.15).

Literatur
Ahmed, Sara (2010): Feminist Killjoys (And Other Willful Subjects). http://sfonline.barnard.edu/polyphonic/print_ahmed.htm (25.05.15).

Butler, Judith (2001): Was ist Kritik? Ein Essay über Foucaults Tugend. http://eipcp.net/transversal/0806/butler/de (25.05.2015).

Krais, Beate/Gebauer, Bunter (2002): Habitus. Bielefeld: transcript.

Schade, Sigrid/Wenk, Silke (2011): Studien zur visuellen Kultur. Einführung in ein transdisziplinäres Forschungsfeld. Bielefeld: transcript.

Abbildungen
Diese Bilder sind Fotografien von Prozessbildern einer Arbeit von Dominik Bläsi, entstanden im Januar 2015 im Unterrichtsprojekt Zwischenwelt: I am – What am I? von Simon Harder. Sie werden mit beider Genehmigung zu sehen gegeben. Zum Unterrichtskonzept siehe Harder in diesem Journal.


Redaktion
Simon Harder und Jo Schmeiser

Layout der Texte
Anne Gruber

Lektorat
Camilla Franz