#8 Kunstvermittlung und -unterricht in der Migrationsgesellschaft, Teil II

Art Education Research °8

 

IN WIDERSPRÜCHEN HANDELN

KUNSTVERMITTLUNG UND -UNTERRICHT IN DER MIGRATIONSGESELLSCHAFT, TEIL II

Herausgeberinnen: Nora Landkammer und Carmen Mörsch

 

Bereits die sechste Ausgabe von Art Education Research hat sich der Frage gewidmet, was die Tatsache, dass die Gesellschaft hier in der Schweiz, genauso wie in den umliegenden europäischen Ländern, von Migration geprägt ist – eine Migrationsgesellschaft ist – für das Bilden mit Kunst bedeutet. Wir haben Beiträge aus Pädagogik, Kulturwissenschaften und Antirassismusarbeit zusammengestellt, die uns hilfreich erschienen, um unser Arbeitsfeld zu überdenken (No. 6).

Für diese Ausgabe von Art Education Research haben wir Akteur_innen in kulturellen Bildungsprojekten, in der Kunstvermittlung und in der Schulpraxis eingeladen, über ihre Praxis in dieser Migrationsgesellschaft zu reflektieren. Mit dem Arbeitstitel „in Widersprüchen handeln“ sind wir davon ausgegangen, dass eine Praxis, die versucht der Migrationsgesellschaft gerecht zu werden – im Sinne von mehr Gerechtigkeit – nicht widerspruchsfrei zu haben ist, sondern dass man sich mit diesem Anspruch in eine unsichere Position begibt, in der die Konzepte von „Kultur“ und „Bildung“ grundsätzlich zur Disposition gestellt werden müssen. Wir haben also nicht dazu eingeladen, „best practice“ vorzustellen, sondern explizit dazu, die Widersprüche in der eigenen Arbeit zu reflektieren. Die Texte in dieser Ausgabe zeigen einen Ausschnitt der vielfältigen Arbeitsformen und der Fragen, die sich in ihnen stellen: es geht um Projekte der Kunstvermittlung in Ausstellungen (Henrike Plegge), um Theatervermittlung (groupe l’Aventin) und Theaterpraxis (Judith Rahner, Nicola Lauré al-Samarai, Ahmed Shah und Nils Erhard), um ein kollaboratives Forschungsprojekt mit künstlerischen Mitteln (Mikki Muhr), um ein Vermittlungsprojekt in Berufsschulen (trafo.k), um Biografiearbeit mit Pflegekindern (Urs Bachmann und Sandra Lippuner), und um Kunstunterricht (Eva Lausegger). Die Autor_innen werfen einen zweiten Blick auf die eigene Praxis: der letztgenannte Beitrag von Eva Lausegger etwa geht von einer kollektiven Protestaktion an einer Wiener Schule gegen die Abschiebung einer Schülerin aus, und gelangt zu einer Auseinandersetzung von Schüler_innen, Lehrer_in und Künstler_innen mit der Frage: Warum bin ich rassistisch? In der Zusammenschau der Beiträge tritt vor allem ein Widerspruchsfeld zentral zutage: der Umgang mit Zuschreibungen, mit der Konstruktion „der Migrant_innen“, mit der Trennung in diejenigen „mit Migrationshintergrund“ und diejenigen, die selbstverständlich als „zugehörig“ angesehen werden, in der Vermittlungspraxis.

Henrike Plegge setzt sich in ihrem Text zur Zusammenarbeit mit einer „Vorbereitungsklasse“ der Gutenberg-Schule in Karlsruhe am ZKM mit der Rolle und den Handlungsmöglichkeiten aus Position der Kunstvermittlung gegenüber den Zuschreibungen des Schulsystems, und des Kunstbetriebs auseinander. Wenn bereits das Schulsystem jugendliche Migrant_innen „besondert“ und in eigene Vorbereitungsklassen einschult, was sind dann Vorgehensweisen in der Kunstvermittlung, die die Defizitzuschreibung an die Schüler_innen nicht einfach übernehmen? Wenn zugleich in den Kunstinstitutionen ein Begehren nach Sichtbarkeit von Migrant_innen, ein „desire for diversity“ (Ahmed 2006) existiert, wie kann Vermittlung sich der Instrumentalisierung der Teilnehmer_innen für die institutionelle Selbstpräsentation als entziehen? Auf die Haltbarkeit und Insistenz des Integrationsdiskurses als dominante Interpretationsmatrix weisen auch Judith Rahner und Nicola Lauré al-Samarai hin, wenn sie im Projekt „Vergessene Biografien“ feststellen, dass unabhängig von der Beschäftigung mit der Komplexität und Uneindeutigkeit von Zugehörigkeiten das entstandene Theater in der Rezeption wieder in den Integrationsdiskurs eingepasst wird.

Dass es bei diesem Handeln im Widerspruch nicht nur um Konstruktionen von „Andersheit“ durch Schule und Institution geht, sondern auch um die eigenen Zuschreibungen von mehrheitsangehörigen Vermittler_innen an die Teilnehmer_innen, wenn „Migration“ als Thema im Raum steht, benennt die Groupe l’Aventin in ihrem Text über ein Theaterprojekt zu Antigone in Kooperation mit der Migrantinnenselbstorganisation Camarada (Text auf französisch sowie in deutscher Übersetzung).
Paul Mecheril spricht in seiner Kritik der Interkulturellen Pädagogik und dem Entwurf einer Migrationspädagogik (Mecheril 2010, siehe auch seinen Beitrag in No.6/2012 von Art Education Research) von einer paradoxen Anforderung an pädagogisch Handelnde: zum einen muss Differenz, und die damit verbundene Ungleichheit, anerkannt werden. Davon auszugehen, dass alle gleich seien, hat Ausschlüsse und Benachteiligung zur Folge, für alle, die nicht ins Schema des „monokulturell“ gedachten Schulsystems, oder in die Vorstellung, die sich z.B. ein Museum von seinen „Besucher_innen“ macht, passen. Zugleich basiert die Anerkennung aber immer auf Kategorien, die auch Zuschreibungen produzieren: Menschen auf Ebene von Kultur oder Herkunft festschreiben. Die Anerkennung, so Mecheril, muss daher in einer reflektierten Bildungspraxis in der Migrationsgesellschaft von Dekonstruktion begleitet sein; die Kategorien und damit verbundenen Vorannahmen müssen hinterfragt, und – potentiell – verschoben werden. Es ist dieses Paradox der Anerkennung, zu dem Texte dieser Ausgabe anschauliche Problematisierungen und praxisbezogene Reflexionen bereitstellen. Direkt auf diese paradoxe Anforderung bezieht sich der Beitrag von Urs Bachmann und Sandra Lippuner, der die Workshops der Autor_innen mit Pflegekindern zwischen Vergewisserung und Ambivalenz reflektiert.

In der Auseinandersetzung mit Zuschreibungen, und den Möglichkeiten ihnen zu widersprechen, in den Beiträgen wird ein grundlegender Widerspruch sichtbar: Kunst- und Kulturvermittlung, genauso wie der Kunstunterricht, sind weiterhin mehrheitsgesellschaftlich-weiss dominierte Arbeits- und Handlungsfelder. Wie können wir über eine Vermittlungsarbeit sprechen, die einer heterogenen und mehrsprachigen Gesellschaft Rechnung trägt, wenn die Definitionsmacht, die bezahlten Jobs, die pädagogischen Rollen vielfach bei Mehrheitsangehörigen verbleiben? Dass dieser Ausschluss im Feld der Kulturvermittlung noch immer ignoriert und fortgeschrieben wird, indem bei Veranstaltungen zu „Zugang“ und „Öffnung“ von Kulturinstitutionen lediglich eine „weisse (Ver-)Mittelschicht“ spricht, kritisieren Ahmed Shah und Nils Erhard in ihrem Beitrag und fordern mit den jugendlichen Theatermacher_innen im Jugendtheaterbüro Berlin „Zugang zu kulturellen Produktionsmitteln und nicht nur zu Zuschauerplätzen.“ Mit einem Projekt, in dem Jugendliche sich mit Tätigkeitsfeldern im Kulturbetrieb beschäftigen und das das Ziel verfolgt, Akteur_innen im Kulturbetrieb mit der Frage nach Ausschlüssen und Zuschreibungen zu konfrontieren, während wichtiges Wissen für den Zugang zu diesen Arbeitsbereichen weitergegeben wird, beschäftigt sich u.a. der Text von trafo.k (Handbuch Arbeiten im Kulturbetrieb, siehe Beitrag von trafo.k) . In ihrer Reflexion wird deutlich, dass auch der Zugang zu den Produktionsmitteln ein widersprüchliches Anliegen ist:

„Wie können wir jedes Mal neu mit dem Paradoxon umgehen, dass wir Zugang für MigrantInnen in einen hegemonialen Diskurs fordern und damit in gewisser Weise diesen auch normalisieren und reproduzieren? Wie gehen wir damit um, dass gerade die Forderung nach Einschluss die Identifizierung und Homogenisierung als politisches Subjekt miteinschliesst? Mit anderen Worten: Wie viel Raum gibt es auch dafür, nicht in der von uns erwünschten Weise politisiert oder selbstermächtigt zu werden?“

Was die Beiträge dieser Ausgabe zeigen, ist, dass der zentrale Anspruch in der Bildungspraxis, die sich mit Migration auseinandersetzt, Reflexivität bleiben muss: gegenüber den eigenen Vorannahmen und gegenüber den institutionellen Strukturen und gesellschaftlichen Verhältnissen, die die Arbeit mitbestimmen – ein Anspruch, der von Mikki Muhr in dieser Ausgabe mit einem Beitrag zur kartographischen Reflexionsmethode „sich verzeichnen“ hervorgehoben wird.

Wir wünschen eine anregende Lektüre!

ZU DEN TEXTEN

Literatur

Ahmed, Sara (2006). „The Non-Performativity of Anti-Racism“. borderlands (5).

Mecheril, Paul (2010). Migrationspädagogik. Weinheim: Beltz.

Mecheril, Paul (2012). „Ästhetische Bildung und Kunstpädagogik. Migrationspädagogische Anmerkungen“. Art Education Research (6).

Redaktion
Nora Landkammer und Jo Schmeiser

Layout der Texte
Anne Gruber