{"id":1019,"date":"2012-12-08T17:09:59","date_gmt":"2012-12-08T16:09:59","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/iaejournal\/?p=1019"},"modified":"2018-03-05T17:28:35","modified_gmt":"2018-03-05T16:28:35","slug":"n6_kunstunterricht-und-vermittlung-in-der-migrationsgesellschaft-teil-i_editorial","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/iaejournal\/2012\/12\/08\/n6_kunstunterricht-und-vermittlung-in-der-migrationsgesellschaft-teil-i_editorial\/","title":{"rendered":"Art Education Research \u00b06"},"content":{"rendered":"<h1><strong>Kunstunterricht und -Vermittlung in der Migrationsgesellschaft, Teil I:<\/strong><\/h1>\n<h1><strong>Sich irritieren lassen<\/strong><\/h1>\n<h3>Herausgeberinnen: Nora Landkammer und Carmen M\u00f6rsch<\/h3>\n<pre>&nbsp;<\/pre>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.zhdk.ch\/iaejournal\/files\/2012\/12\/editorail-n\u00b06_soezen_heidi.gif\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-2153\" src=\"https:\/\/blog.zhdk.ch\/iaejournal\/files\/2012\/12\/editorail-n\u00b06_soezen_heidi-300x225.gif\" alt=\"\" width=\"518\" height=\"367\"><\/a><\/p>\n<p>[Skype-Performance: Deniz S\u00f6zen\/ Radio D\u00f6nergy, 2012, Bild:&nbsp;hg.buben]<\/p>\n<address>_<\/address>\n<p><strong>EDITORIAL <\/strong><\/p>\n<p>Die Wahrnehmung von Sch\u00fcler_innen als \u00abkulturell Andere\u00bb kann \u00abzu unangemessenen Festschreibungen und Adressierungen verleiten\u00bb, ist im \u00abN\u00fcrnberg-Paper\u00bb des BDK in Deutschland (BDK 2012: 10) zu lesen, das mit dem Untertitel \u00abInterkultur-Globalit\u00e4t-Diversity\u00bb Leitlinien und Handlungsempfehlungen f\u00fcr die Kunstp\u00e4dagogik \/ Kunstvermittlung vorstellt. Weiter heisst es: \u00abDiese Zuschreibungen k\u00f6nnen im p\u00e4dagogischen Handeln trennende Differenzen vertiefen, fortschreiben oder erst erzeugen\u00bb (ebd.). Eine solche Kritik an der interkulturellen Brille, in einem Signal- und normative Wirkung beanspruchenden Grundsatzpapier, zeigt, dass der Fokus auf kulturelle Differenzen unter dem Schlagwort \u00abInterkulturalit\u00e4t\u00bb \u2013 der sich auch in der Debatte um die Vermittlung der K\u00fcnste etabliert hat, sobald \u00abMigration\u00bb im Raum steht \u2013 aktuell seinen Status als dominantes Paradigma verliert. Das Beispiel aus Deutschland scheint in der deutschsprachigen kunstp\u00e4dagogischen Debatte auf eine zunehmende Anerkennung der Kritik hinzuweisen, die seit Beginn der Interkulturellen P\u00e4dagogik von migrantischen und mehrheitsangeh\u00f6rigen Aktivist_innen, Vermittler_innen, Forscher_innen, K\u00fcnstler_innen und Lehrer_innen ge\u00e4ussert wird: dass zum einen die Thematisierung von kulturellen Zugeh\u00f6rigkeiten Gefahr l\u00e4uft, \u00abKulturen\u00bb und Differenzen erst herzustellen; und dass, zum zweiten, der alleinige Fokus auf kulturelle Differenz im Zusammenhang mit Migration soziale und rechtliche Ungleichheit ausblendet und damit zu einer \u00abKulturalisierung\u00bb gesellschaftlicher und politischer Problematiken f\u00fchrt.<\/p>\n<p>Diese Anerkennung verunsichert die fachliche, p\u00e4dagogische und personelle Ausrichtung von Kunstp\u00e4dagogik und -vermittlung. So folgert das \u00abN\u00fcrnberg-Paper\u00bb: \u00abAlle Akteure, die als Lehrkr\u00e4fte oder Vermittler\/innen arbeiten, sind aufgefordert, auf die ver\u00e4nderte Situation in Deutschland mit einer Diskussion um die Inhalte der Kunstp\u00e4dagogik zu reagieren. Dazu geh\u00f6rt vorrangig eine kritische Reflexion und Weiterentwicklung des zu Grunde gelegten Bildbegriffs, der Fragen von Kulturalit\u00e4t und Universalit\u00e4t, von Globalisierung und Lokalisierung, von Abgrenzung und Hybridit\u00e4t neu ber\u00fccksichtigen muss\u00bb (ebd.). Gefordert wird eine \u00abNeubestimmung\u00bb, f\u00fcr die Inhalte neu definiert, Methoden entwickelt, Lehrpl\u00e4ne abge\u00e4ndert und Forschung betrieben werden soll.<\/p>\n<p>Welche Herausforderung eine solche Neubestimmung impliziert, zeigt sich bereits in der Widerspr\u00fcchlichkeit des zitierten Papers selbst: so bleibt, trotz der o.g. Kritik, der Fokus auf kulturelle Differenz pr\u00e4gend f\u00fcr die weiterhin unter \u00abinterkulturell\u00bb gefassten Leitlinien, die etwa das Nutzen von \u00abkulturellen Differenz als Bildungsanl\u00e4sse\u00bb (ebd.) oder \u00abinterkulturelles Training\u00bb f\u00fcr Lehrkr\u00e4fte mit Fokus auf Sensibilisierung und Toleranz (ebd.: 11) umfassen. Ebenso sieht das Paper vor, \u00abKulturvergleich\u00bb als Ansatz gegen den eurozentrischen Blick des Kunstunterrichts einzubinden (ebd.: 10) \u2013 nicht thematisiert wird dabei, dass ein komparativer Ansatz die gleiche Problematik eines Denkens in homogenen, voneinander abgrenzbaren Kulturen bef\u00f6rdert, die zuvor in Bezug auf die Adressierung von Sch\u00fcler_innen als \u00abkulturell Andere\u00bb kritisiert wurde. W\u00e4hrend dazu aufgerufen wird, den Blick auf \u00abHerkunft\u00bb zu dezentrieren, bleibt auch strukturelle Diskriminierung im Bildungssystem unerw\u00e4hnt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>SICH IRRITIEREN LASSEN<\/p>\n<p>Wo k\u00f6nnte also die zu Recht eingeforderte Neubestimmung in den Arbeitsfeldern Kunstunterricht und Kunstvermittlung ansetzen? Dieser Diskussion widmeten sich zwei vom IAE mitinitiierte Veranstaltungen: zum einen eine Arbeitstagung im Mai 2011 unter dem Titel \u00abKunstvermittlung in der Migrationsgesellschaft\u00bb, bei der anhand von aktuellen Praxisbeispielen und einem Input von Paul Mecheril zum Ansatz der Migrationsp\u00e4dagogik Akteur_innen aus dem Arbeitsfeld Handlungsm\u00f6glichkeiten und Herausforderungen f\u00fcr die institutionelle Kunstvermittlung diskutierten<a title=\"\" href=\"#_ftn1\">[1]<\/a>, zum anderen eine einw\u00f6chige Lehrveranstaltung im Januar 2012, das \u00abNetzwerkmodul Art Education\u00bb<a title=\"\" href=\"#_ftn2\">[2]<\/a>, bei dem die Frage nach dem Platz des BG-Unterrichts in der Migrationsgesellschaft im Zentrum stand. Das Netzwerkmodul ging bewusst nicht von Praxisbeispielen und bestehender Theoriebildung <em>in der Kunstp\u00e4dagogik<\/em> aus, sondern lud stattdessen ein, Ans\u00e4tze aus Antirassismusarbeit, P\u00e4dagogik und Kulturwissenschaft als Irritationsmomente und Ausgangspunkte f\u00fcr das Nachdenken \u00fcber die Praxis im Kunstunterricht zu nutzen.<\/p>\n<p>Bei beiden Veranstaltungen ging es also zun\u00e4chst einmal darum, sich in dem noch immer mehrheitsgesellschaftlich-weiss dominierten Arbeitsfeld \u00abirritieren zu lassen\u00bb, wie Maria do Mar Castro Varela (o.J.: 2) eine zentrale F\u00e4higkeit in der Auseinandersetzung mit Migration in der p\u00e4dagogischen Arbeit beschreibt, und den Verunsicherungen und Konflikten Raum zu geben. Die Frage, wie Kunstunterricht und -vermittlung gestaltet werden kann, um der Migrationsgesellschaft <em>gerecht <\/em>zu werden \u2013 gerecht zu werden im Sinne von mehr Gerechtigkeit angesichts der rassistischen Verh\u00e4ltnisse \u2013 bleibt. Diese Ausgabe von Art Education Research gibt die Frage weiter. Sie stellt mit Beitr\u00e4gen der Referent_innen und Workshopleiter_innen des Netzwerkmoduls, sowie weiterer Forscher_innen und Diskussionspartner_innen die <em>Ausgangspunkte<\/em> unserer Auseinandersetzungen entlang von drei zentralen Setzungen um Kunstunterricht und Kunstvermittlung in der Migrationsgesellschaft zur Verf\u00fcgung, und stellt Fragen f\u00fcr die weitere Debatte:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>1_P\u00c4DAGOGISCHE ANS\u00c4TZE<\/p>\n<p><em>Die schweizerische, so wie die meisten europ\u00e4ischen Gesellschaften, kann aktuell als Migrationsgesellschaft bezeichnet werden, als eine, die in ihrer Gesamtheit von Migration gepr\u00e4gt ist. Diese Tatsache verlangt auch in Kunstvermittlung und -unterricht p\u00e4dagogische Ans\u00e4tze, die die Ungleichheit in dieser Gesellschaft nicht fortschreiben oder verst\u00e4rken, sondern ihr entgegenwirken. &nbsp;<\/em><\/p>\n<p>Als ein Ausgangspunkt wird hier die zentral von Paul Mecheril entwickelte Perspektive der Migrationsp\u00e4dagogik vorgeschlagen, die gegen\u00fcber den dichotomen Einteilungen in \u00abmit\u00bb und \u00abohne Migrationshintergrund\u00bb, \u00abWir\/Andere\u00bb f\u00fcr eine p\u00e4dagogische Reflexivit\u00e4t und eine dekonstruktive Herangehensweise pl\u00e4diert. Paul Mecheril entwickelt in seinem Beitrag aus migrationsp\u00e4dagogischer Sicht erste Gedanken zum Bereich \u00e4sthetischer Bildung. Rubia Salgado erweitert, mit Bezugnahme auf Freire und Gramsci, Mecherils Konzept der Reflexivit\u00e4t und wendet sich damit einem Arbeitsfeld zu, das in der Auseinandersetzung von Museen mit der Migrationsgesellschaft derzeit an Bedeutung gewinnt: dem Deutschkurs im Museum.<\/p>\n<p>&gt;&gt;&nbsp;<em>Was heisst es in der Praxis, im BG-Unterricht und in der institutionellen Kunstvermittlung, die Ordnungen zu thematisieren, \u00fcber die Zugeh\u00f6rigkeiten hergestellt werden? Welche M\u00f6glichkeiten bietet gerade die Kunstvermittlung f\u00fcr Verschiebungen in dieser Ordnung der Zugeh\u00f6rigkeiten? Welche Arbeits- und Organisationsformen im Berufsfeld erm\u00f6glichen p\u00e4dagogische Reflexivit\u00e4t?<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>2_VERSTRICKTES HANDELN<\/p>\n<p><em>Als Kunstvermittler_innen und BG-Lehrer_innen sind wir in eine von Rassismus gepr\u00e4gte Ordnung in dieser Migrationsgesellschaft verstrickt, als Privilegierte, oder als solche, die Barrieren \u00fcberwunden haben.<\/em><\/p>\n<p>Anhand des Konzepts von \u00abBarrieren\u00bb zeichnet Claus Melter ein Bild der gegenw\u00e4rtigen Ungleichheit und Diskriminierung in Bildungsinstitutionen. Warum stehen, gerade im Fach BG, einer heterogenen Sch\u00fcler_innenschaft noch immer noch fast ausschliesslich mehrheitsschweizerische Lehrpersonen gegen\u00fcber? \u00dcber Ausschlussmechanismen an Kunsthochschulen, und damit auch in der Lehrendenausbildung, sowie \u00fcber die impliziten Theorien von Dozierenden \u00fcber Migration und Kunststudium berichtet Catrin Seefranz von der ersten Phase des Forschungsprojekts \u00abMaking Differences\u00bb. Als zentralen Ausgangspunkt f\u00fcr das durch diese Ausschl\u00fcsse gepr\u00e4gte Berufsfeld setzt Regina Richter (in Zusammenarbeit mit Claude Preetz) die Reflexion von Privilegien als <em>weisse<\/em> Lehrperson.&nbsp; Ihr Beitrag setzt sich mit der Komplexit\u00e4t auseinander, als <em>weisse<\/em> Lehrer_in rassismuskritische Bildung voranzutreiben. Als einen ebenso zentralen Ausgangspunkt formuliert \u017daklina Mamutovi\u010d Kritik an der mehrheitsgesellschaftlichen Dominanz in der Antirassismusarbeit und stellt Herangehensweisen an Empowerment vor. Mit der Ordnung religi\u00f6ser Zuschreibungen besch\u00e4ftigt sich Rifa\u2019at Lenzin aus islamwissenschaftlicher Perspektive. Die Ordnung der Rollen und Entscheidungskompetenzen in der Zusammenarbeit zwischen Fl\u00fcchtlingen und Mehrheitsangeh\u00f6rigen in Kulturprojekten diskutiert die AntikultiAteliergruppe.<\/p>\n<p>&gt;&gt;&nbsp;<em>Was heisst es, als Akteur_innen in Bildung und Kultur diese Ordnungen nicht einfach fortzusetzen? Was k\u00f6nnte f\u00fcr uns \u2013 als BG-Lehrpersonen, als Kulturarbeiter_innen, als Vermittler_innen \u2013 eine \u00abpersisent critique of the structures we cannot not wish to inhabit\u00bb (Spivak 1993: 284), eine best\u00e4ndige Kritik der Strukturen, in die wir nicht nur eingebunden sind, sondern in denen wir auch Pl\u00e4ne und Begehren haben, bedeuten? <\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>3_BILDER<\/p>\n<p><em>Eine Auseinandersetzung mit der Migrationsgesellschaft kann auch die Inhalte des Unterrichts, die zu vermittelnden Ausstellungen, die Bilder und Repr\u00e4sentationen, die die Basis von Bildungsprozessen bieten, nicht unber\u00fchrt lassen.<\/em><\/p>\n<p>Wenn die gesellschaftliche Heterogenit\u00e4t als relevant f\u00fcr den Kunstunterricht betrachtet wird, kann die Kunst, die im Unterricht besprochen wird, nicht einen eurozentristischen Kanon mit seinen ausschliessenden Narrativen reproduzieren. Auch die dominante formale Gestaltungslehre ist der westlichen Moderne verpflichtet. Was heisst es, den Kanon und die zu vermittelnde \u00abKultur\u00bb zu dezentrieren? Der Beitrag von Christian Kravagna beschreibt, wie die Vorstellung von Originalit\u00e4t im Diskurs \u00fcber die Avantgarde der Moderne des 19. und 20 Jahrhunderts immer schon ein Mythos war, der die Aneignung ausser\u00e4urop\u00e4ischer Kulturproduktion verschweigt, und besch\u00e4ftigt sich mit historischen und zeitgen\u00f6ssischen Strategien von K\u00fcnstler_innen in postkolonialen R\u00e4umen. Aus der Debatte im englischsprachigen Raum um \u00abcritical multicultural art education\u00bb wurde ein Beitrag von jan jagodzinski aus dem Jahr 1999 f\u00fcr diese Ausgabe \u00fcbersetzt (zug\u00e4nglich ist jedoch auch der englische Originaltext), der programmatisch f\u00fcr einen Einbezug aktueller visueller Kultur, eine dekonstruktive Lekt\u00fcre des bestehenden Kanons und seine gleichzeitige \u00abplanetarische\u00bb Erweiterung pl\u00e4diert \u2013 wobei er sich kritisch gegen\u00fcber \u00abkultureller Diversit\u00e4t\u00bb als simplem add-on zu bestehenden Curricula positioniert. Ein zentraler Ausgangspunkt, so wollen wir behaupten, ist f\u00fcr die \u00e4sthetische Bildung in der Migrationsgesellschaft das Feld der Repr\u00e4sentationskritik. Eine \u00abvirtuelle Lernplattform\u00bb, konzipiert von Stephan F\u00fcrstenberg, bietet als Bestandteil dieses journals eine erste Einf\u00fchrung f\u00fcr jene, die sich in zentrale Fragestellungen und Konzepte des breiten unter \u00abRepr\u00e4sentationskritik\u00bb fassbaren Feldes einlesen wollen. Mit Darstellungen von Migration, konkreter: von illegalisierter Migration in der Schweiz, ihrer kolonialen Vergangenheit und ihrer Verstrickung in post-\/neokoloniale Verh\u00e4ltnisse, setzt sich der Beitrag von Francesca Falk auseinander.<\/p>\n<p>&gt;&gt;&nbsp;<em>Um welche Kunst soll es im Kunstunterricht gehen? Wenn die gegenw\u00e4rtige Zugeh\u00f6rigkeitsordnung auch \u00fcber Bilder des \u00abEigenen\u00bb und \u00abFremden\u00bb produziert wird, welchen Umgang kann Kunstunterricht mit dem visuellen Repertoire der Migrationsgesellschaft entwickeln? Wie kann Kunstvermittlung die \u00abKultur\u00bb in den Institutionen selbst hinterfragen und erweitern? <\/em><\/p>\n<p>Die umfangreiche Zusammenstellung von Texten soll Anregungen f\u00fcr eine Weiterarbeit an diesen Fragen in der Praxis und Theoriebildung geben. Eine erste Verkn\u00fcpfung zu unseren Arbeitsfeldern stellen Kommentare im Anschluss an jeden Text her: Kolleg_innen aus den Bereichen Kunstvermittlung und BG-Unterricht haben die Texte gelesen und in kurzen Kommentaren auf unsere Frage reagiert: Was kann das f\u00fcr die Praxis in Kunstunterricht und -vermittlung heissen?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>KONFLIKTLINIEN: RASSISMUS UND ANDERE VERH\u00c4LTNISSE<\/p>\n<p>Verunsicherungen, Widerspr\u00fcche und Herausforderungen stellen nicht nur die vorliegenden Beitr\u00e4ge f\u00fcr unser Arbeitsfeld in den Raum, sondern sie entstehen auch zwischen den Texten. Durch die Arbeit an dieser Ausgabe&nbsp; besch\u00e4ftigen uns Konfliktlinien innerhalb und zwischen verschiedenen K\u00e4mpfen gegen Gewalt und Diskriminierung, zu denen wir ebenfalls weitere Auseinandersetzungen anregen wollen.<\/p>\n<p>Eine Dissonanz, die zwischen den Texten auftaucht, betrifft etwa das Konzept Minderheit: w\u00e4hrend es f\u00fcr \u017daklina Mamutovi\u010d zentral ist, Empowerment aus einer Minderheits-Perspektive zu denken, kritisieren Richter und Preetz die Konzeptualisierung von Minderheiten in Bezug auf Rassismus, weil diese dazu neige, Rassismus zum Problem der \u00abAnwesenheit von Minderheiten\u00bb zu machen. W\u00e4hrend im Beitrag von jan jagodzinski herausgestellt wird, dass ein postkolonialer Zugang das Konzept der Nation selbst radikal hinterfragen muss, betont Francesca Falk gerade die Notwendigkeit, sich im spezifischen nationalen Kontext der Schweiz mit Post- und Neokolonialismus zu besch\u00e4ftigen. Im selben Beitrag tritt auch eine Spannung zutage, die in aktueller postkolonialer Theoriebildung kontroversiell verhandelt wird: das Verh\u00e4ltnis zwischen Postcolonial und Holocaust Studies. Falks Auseinandersetzung mit Ausschaffungslagern und ihrer kolonial-rassistischen und antiziganistischen Geschichte wirft die Frage auf, welche weitere Auseinandersetzung der im Raum stehende Bezug zum Nationalsozialismus erfordert. Diesen \u00abentangled legacies\u00bb von Kolonialismus und Holocaust widmete sich aktuell im September 2012 ein internationaler Workshop in Frankfurt, dessen Organisator_innen Nikita Dhawan und Maria do Mar Castro Varela die Notwendigkeit der Entwicklung theoretischer Perspektiven betonen, die gegen eine Marginalisierung der Kolonialgeschichte in der Forschung zum Holocaust, und gegen eine Marginalisierung des Holocaust in der postkolonialen Theoriebildung wirken <a title=\"\" href=\"#_ftn3\">[3]<\/a>.<\/p>\n<p>Auch zwischen Redaktionsteam und Autor_innen sind Konfliktlinien aufgetaucht, die die Verkn\u00fcpfung zwischen Rassismus und anderen Unterdr\u00fcckungsverh\u00e4ltnissen betreffen. So die aktuellen Debatten um die Instrumentalisierung der K\u00e4mpfe f\u00fcr die Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften f\u00fcr antimuslimisch-rassistische Positionen. Seit einigen Jahren wehren sich muslimische, gleichgeschlechtlich lebende Akteur_innen schreibend und handelnd gegen eine Instrumentalisierung durch konservative Kr\u00e4fte oder auch durch sich progressiv verstehende Menschen- und B\u00fcrger_innenrechtsbewegungen der Mehrheitsgesellschaft. Wenn Rifa\u2019at Lenzin in ihrem Beitrag schreibt, ein Muslim k\u00f6nne sich \u00aballenfalls dar\u00fcber wundern, wieso die Polygamie im Westen so vehement abgelehnt, die Ehe zwischen gleichgeschlechtlichen Paaren aber zugelassen wird\u00bb (S. 3), so wollen wir als Herausgeber_innen zu einer Debatte dar\u00fcber anregen, dass diese bin\u00e4re Gegen\u00fcberstellung aus unserer Sicht Gefahr l\u00e4uft, das diskursiv weiterzuschreiben, was Koray Yilmaz-G\u00fcnay im Titel des von ihm 2011 herausgegebenen Bandes als \u00abKarriere eines konstruierten Gegensatzes: Muslime versus Schwule\u00bb beschreibt<a title=\"\" href=\"#_ftn4\">[4]<\/a>. Die Beitr\u00e4ge im Band von Yilmaz-G\u00fcnay, der an dieser Stelle zur Lekt\u00fcre empfohlen sei, zeichnen die Entwicklung eines zunehmenden \u00abHomonationalismus\u00bb<a title=\"\" href=\"#_ftn5\">[5]<\/a>, &nbsp;auf differenzierte Weise nach, &nbsp;setzen sie in Beziehung zu anderen Diskriminierungsverh\u00e4ltnissen (z.B. Antisemitismus oder Rassismus gegen People of Color) und pl\u00e4dieren f\u00fcr transversale B\u00fcndnisse gegen jedwede Form von Unterdr\u00fcckungsgewalt.<\/p>\n<p>Wir hoffen, dass auch die Besch\u00e4ftigung mit diesen Spannungsfeldern zu den Debatten um den Kunstunterricht und die Vermittlungsarbeit in der Migrationsgesellschaft beitr\u00e4gt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Auseinandersetzung in unserem journal geht weiter: Art Education Research #8, die \u00fcbern\u00e4chste Ausgabe, greift den Schwerpunkt \u00abKunstunterricht und -vermittlung in der Migrationsgesellschaft\u00bb erneut auf \u2013 diesmal, um mit dem Arbeitstitel \u00abTeil II: in Widerspr\u00fcchen handeln\u00bb Reflexionen zu Unterrichts- und Vermittlungspraxis vorzustellen. Wir hoffen, unsere Fragen drehen weitere Kreise und freuen uns \u00fcber Vorschl\u00e4ge f\u00fcr Beitr\u00e4ge: [<a href=\"https:\/\/blog.zhdk.ch\/iaejournal\/files\/2013\/01\/Call_for_Papers_Art_Education_Research_8.pdf\">call for papers<\/a>]<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.zhdk.ch\/iaejournal\/category\/n6_texte\/\">Zu den Texten<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Literatur<\/strong><\/p>\n<p>BDK (2012): N\u00fcrnberg-Paper: Interkultur \u2013 Globalit\u00e4t \u2013 Diversity: Leitlinien und Handlungsempfehlungen zur Kunstp\u00e4dagogik\/Kunstvermittlung remixed. In: BDK Info, Zeitschrift des Fachverbandes f\u00fcr Kunstp\u00e4dagogik in Bayern, No. 19\/Oktober 2012, S. 9-11. Online unter:&nbsp; <a href=\"http:\/\/www.bdkbayern.de\/fileadmin\/bdk_files\/BDK_INFO_19_LR.pdf\">http:\/\/www.bdkbayern.de\/fileadmin\/bdk_files\/BDK_INFO_19_LR.pdf<\/a> (zuletzt aufgerufen: 19.12.2012).<\/p>\n<p>Castro Varela, Maria do Mar (o.J.): Interkulturelle Vielfalt, Wahrnehmung und Selbstreflexion aus psychologischer Sicht. <a href=\"http:\/\/www.graz.at\/cms\/dokumente\/10023890_415557\/0a7c3e13\/Interkulturelle%20Vielfalt,%20Wahrnehmung%20und%20Sellbstreflexion.pdf\">http:\/\/www.graz.at\/cms\/dokumente\/10023890_415557\/0a7c3e13\/Interkulturelle%20Vielfalt,%20Wahrnehmung%20und%20Sellbstreflexion.pdf<\/a> (zuletzt aufgerufen: 12.12.2012).<\/p>\n<p>Mesquita, Sushila (2011): Ban Marriage! Ambivalenzen der Normalisierung aus queer-feministischer Perspektive, Wien: Zaglossus.<\/p>\n<p>Spivak, Gayatri Chakravorty (1993): Outside in the Teaching Machine, London\/New York: Routledge.<\/p>\n<p>Yilmaz-G\u00fcnay (2011) (Hg.): Karriere eines konstruierten Gegensatzes: zehn Jahre \u00abMuslime versus Schwule\u00bb. Sexualpolitiken seit dem 11. September 2001, Berlin.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div>\n<hr align=\"left\" size=\"1\" width=\"33%\">\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> \u00abKunstvermittlung in der Migrationsgesellschaft. Eine Arbeitstagung\u00bb. In Kooperation mit den Galerien des Institut f\u00fcr Auslandsbeziehungen (ifa) und dem Institut f\u00fcr Kunst im Kontext an der Universit\u00e4t der K\u00fcnste Berlin. Universit\u00e4t der K\u00fcnste Berlin, 27.-28. Mai 2011. <a href=\"https:\/\/www.zhdk.ch\/fileadmin\/user_upload\/_imported\/fileadmin\/data\/iae\/documents\/Kunstvermittlung_in_der_Migrationsgesellschaft.pdf\">http:\/\/iae.zhdk.ch\/fileadmin\/data\/iae\/documents\/Kunstvermittlung_in_der_Migrationsgesellschaft.pdf<\/a> (zuletzt aufgerufen: 19.12.2012).<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref2\">[2]<\/a> Z\u00fcrcher Hochschule der K\u00fcnste, 16.-20.1.2012. <a title=\"https:\/\/www.zhdk.ch\/fileadmin\/data_subsites\/data_iae\/PDFs\/Programm_netzwerkveranstaltung_zhdk_2012_3.pdf\" href=\"https:\/\/www.zhdk.ch\/fileadmin\/data_subsites\/data_iae\/PDFs\/Programm_netzwerkveranstaltung_zhdk_2012_3.pdf\">https:\/\/www.zhdk.ch\/fileadmin\/data_subsites\/data_iae\/PDFs\/Programm_netzwerkveranstaltung_zhdk_2012_3.pdf&nbsp;<\/a>(zuletzt aufgerufen: 19.12.2012).<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref3\">[3]<\/a> <a href=\"http:\/\/www.frcps.uni-frankfurt.de\/?page_id=2498\">http:\/\/www.frcps.uni-frankfurt.de\/?page_id=2498<\/a>, (zuletzt aufgerufen: 19.12.2012).<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref4\">[4]<\/a> Yilmaz-G\u00fcnay 2011; Inhaltsverzeichnis und Vorwort unter <a href=\"http:\/\/www.yilmaz-gunay.de\/documents\/Karriere%20eines%20konstruierten%20Gegensatzes_Inhalt%20und%20Einleitung.pdf\">http:\/\/www.yilmaz-gunay.de\/documents\/Karriere%20eines%20konstruierten%20Gegensatzes_Inhalt%20und%20Einleitung.pdf<\/a> (zuletzt aufgerufen: 19.12.2012), Bestellung des Buches in der Schweiz unter <a href=\"mailto:info@QueerAmnesty.CH\">info@QueerAmnesty.CH<\/a>.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref5\">[5]<\/a> Homonationalismus bezieht sich auf ein Mainstreaming gleichgeschlechtlicher Lebensweisen (nach dem Vorbild der heterosexuellen Kleinfamilie, w\u00e4hrend andere Konstellationen des Zusammenlebens nicht staatlich anerkannt und abgesichert werden, wie u.a. Sushila Mesquita in ihrem 2011 erschienenen Buch <em>Ban Marriage<\/em> kritisiert) zur Untermauerung des Bildes vom liberalen \u00abOkzident\u00bb im Gegensatz zum vermeintlich r\u00fcckst\u00e4ndigen und bedrohlichen \u00abOrient\u00bb.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<address>Redaktion:&nbsp;Nora Landkammer und Jo Schmeiser<\/address>\n<address>Layout der Texte: Anne Gruber&nbsp;<\/address>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kunstunterricht und -Vermittlung in der Migrationsgesellschaft, Teil I: Sich irritieren lassen Herausgeberinnen: Nora Landkammer und Carmen M\u00f6rsch &nbsp; [Skype-Performance: Deniz S\u00f6zen\/ Radio D\u00f6nergy, 2012, Bild:&nbsp;hg.buben] _ EDITORIAL Die Wahrnehmung von Sch\u00fcler_innen als \u00abkulturell Andere\u00bb kann \u00abzu unangemessenen Festschreibungen und Adressierungen verleiten\u00bb, ist im \u00abN\u00fcrnberg-Paper\u00bb des BDK in Deutschland (BDK 2012: 10) zu lesen, das mit [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":3221,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ngg_post_thumbnail":0,"footnotes":""},"categories":[531203],"tags":[],"class_list":["post-1019","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-n6_editorial"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/iaejournal\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1019","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/iaejournal\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/iaejournal\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/iaejournal\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3221"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/iaejournal\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1019"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/iaejournal\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1019\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2743,"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/iaejournal\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1019\/revisions\/2743"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/iaejournal\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1019"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/iaejournal\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1019"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/iaejournal\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1019"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}