{"id":1175,"date":"2014-04-19T17:18:53","date_gmt":"2014-04-19T16:18:53","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/iaejournal\/?p=1175"},"modified":"2019-12-07T21:39:10","modified_gmt":"2019-12-07T20:39:10","slug":"n8_in-widerspruechen-handeln-kunstvermittlung-und-unterricht-in-der-migrationsgesellschaft-teil-2_editorial","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/iaejournal\/2014\/04\/19\/n8_in-widerspruechen-handeln-kunstvermittlung-und-unterricht-in-der-migrationsgesellschaft-teil-2_editorial\/","title":{"rendered":"Art Education Research \u00b08"},"content":{"rendered":"<h1><strong>In Widerspr\u00fcchen handeln<\/strong><\/h1>\n<h1><strong>Kunstvermittlung und &#8211; Unterricht in der Migrationsgesellschaft, Teil II<\/strong><\/h1>\n<h3>Herausgeberinnen: Nora Landkammer und Carmen M\u00f6rsch<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bereits die sechste Ausgabe von Art Education Research hat sich der Frage gewidmet, was die Tatsache, dass die Gesellschaft hier in der Schweiz, genauso wie in den umliegenden europ\u00e4ischen L\u00e4ndern, von Migration gepr\u00e4gt ist \u2013 eine Migrationsgesellschaft ist \u2013 f\u00fcr das Bilden mit Kunst bedeutet. Wir haben Beitr\u00e4ge aus P\u00e4dagogik, Kulturwissenschaften und Antirassismusarbeit zusammengestellt, die uns hilfreich erschienen, um unser Arbeitsfeld zu \u00fcberdenken (<a href=\"https:\/\/blog.zhdk.ch\/iaejournal\/no-6\/\">No. 6<\/a>).<\/p>\n<p>F\u00fcr diese Ausgabe von Art Education Research haben wir Akteur_innen in kulturellen Bildungsprojekten, in der Kunstvermittlung und in der Schulpraxis eingeladen, \u00fcber ihre Praxis in dieser Migrationsgesellschaft zu reflektieren. Mit dem Arbeitstitel \u201ein Widerspr\u00fcchen handeln\u201c sind wir davon ausgegangen, dass eine Praxis, die versucht der Migrationsgesellschaft gerecht zu werden \u2013 im Sinne von mehr Gerechtigkeit \u2013 nicht widerspruchsfrei zu haben ist, sondern dass man sich mit diesem Anspruch in eine unsichere Position begibt, in der die Konzepte von \u201eKultur\u201c und \u201eBildung\u201c grunds\u00e4tzlich zur Disposition gestellt werden m\u00fcssen. Wir haben also nicht dazu eingeladen, \u201ebest practice\u201c vorzustellen, sondern explizit dazu, die Widerspr\u00fcche in der eigenen Arbeit zu reflektieren. Die Texte in dieser Ausgabe zeigen einen Ausschnitt der vielf\u00e4ltigen Arbeitsformen und der Fragen, die sich in ihnen stellen: es geht um Projekte der Kunstvermittlung in Ausstellungen (Henrike Plegge), um Theatervermittlung (groupe l\u2019Aventin) und Theaterpraxis (Judith Rahner, Nicola Laur\u00e9 al-Samarai, Ahmed Shah und Nils Erhard), um ein kollaboratives Forschungsprojekt mit k\u00fcnstlerischen Mitteln (Mikki Muhr), um ein Vermittlungsprojekt in Berufsschulen (trafo.k), um Biografiearbeit mit Pflegekindern (Urs Bachmann und Sandra Lippuner), und um Kunstunterricht (Eva Lausegger). Die Autor_innen werfen einen zweiten Blick auf die eigene Praxis: der letztgenannte Beitrag von Eva Lausegger etwa geht von einer kollektiven Protestaktion an einer Wiener Schule gegen die Abschiebung einer Sch\u00fclerin aus, und gelangt zu einer Auseinandersetzung von Sch\u00fcler_innen, Lehrer_in und K\u00fcnstler_innen mit der Frage: Warum bin ich rassistisch? In der Zusammenschau der Beitr\u00e4ge tritt vor allem ein Widerspruchsfeld zentral zutage: der Umgang mit Zuschreibungen, mit der Konstruktion \u201eder Migrant_innen\u201c, mit der Trennung in diejenigen \u201emit Migrationshintergrund\u201c und diejenigen, die selbstverst\u00e4ndlich als \u201ezugeh\u00f6rig\u201c angesehen werden, in der Vermittlungspraxis.<\/p>\n<p>Henrike Plegge setzt sich in ihrem Text zur Zusammenarbeit mit einer \u201eVorbereitungsklasse\u201c der Gutenberg-Schule in Karlsruhe am ZKM mit der Rolle und den Handlungsm\u00f6glichkeiten aus Position der Kunstvermittlung gegen\u00fcber den Zuschreibungen des Schulsystems, und des Kunstbetriebs auseinander. Wenn bereits das Schulsystem jugendliche Migrant_innen \u201ebesondert\u201c und in eigene Vorbereitungsklassen einschult, was sind dann Vorgehensweisen in der Kunstvermittlung, die die Defizitzuschreibung an die Sch\u00fcler_innen nicht einfach \u00fcbernehmen? Wenn zugleich in den Kunstinstitutionen ein Begehren nach Sichtbarkeit von Migrant_innen, ein \u201edesire for diversity\u201c (Ahmed 2006) existiert, wie kann Vermittlung sich der Instrumentalisierung der Teilnehmer_innen f\u00fcr die institutionelle Selbstpr\u00e4sentation als entziehen? Auf die Haltbarkeit und Insistenz des Integrationsdiskurses als dominante Interpretationsmatrix weisen auch Judith Rahner und Nicola Laur\u00e9 al-Samarai hin, wenn sie im Projekt \u201eVergessene Biografien\u201c feststellen, dass unabh\u00e4ngig von der Besch\u00e4ftigung mit der Komplexit\u00e4t und Uneindeutigkeit von Zugeh\u00f6rigkeiten das entstandene Theater in der Rezeption wieder in den Integrationsdiskurs eingepasst wird.<\/p>\n<p>Dass es bei diesem Handeln im Widerspruch nicht nur um Konstruktionen von \u201eAndersheit\u201c durch Schule und Institution geht, sondern auch um die eigenen Zuschreibungen von mehrheitsangeh\u00f6rigen Vermittler_innen an die Teilnehmer_innen, wenn \u201eMigration\u201c als Thema im Raum steht, benennt die Groupe l\u2019Aventin in ihrem Text \u00fcber ein Theaterprojekt zu Antigone in Kooperation mit der Migrantinnenselbstorganisation Camarada (Text auf franz\u00f6sisch sowie in deutscher \u00dcbersetzung).<br \/>\nPaul Mecheril spricht in seiner Kritik der Interkulturellen P\u00e4dagogik und dem Entwurf einer Migrationsp\u00e4dagogik (Mecheril 2010, siehe auch seinen Beitrag in No.6\/2012 von Art Education Research) von einer paradoxen Anforderung an p\u00e4dagogisch Handelnde: zum einen muss Differenz, und die damit verbundene Ungleichheit, anerkannt werden. Davon auszugehen, dass alle gleich seien, hat Ausschl\u00fcsse und Benachteiligung zur Folge, f\u00fcr alle, die nicht ins Schema des \u201emonokulturell\u201c gedachten Schulsystems, oder in die Vorstellung, die sich z.B. ein Museum von seinen \u201eBesucher_innen\u201c macht, passen. Zugleich basiert die Anerkennung aber immer auf Kategorien, die auch Zuschreibungen produzieren: Menschen auf Ebene von Kultur oder Herkunft festschreiben. Die Anerkennung, so Mecheril, muss daher in einer reflektierten Bildungspraxis in der Migrationsgesellschaft von Dekonstruktion begleitet sein; die Kategorien und damit verbundenen Vorannahmen m\u00fcssen hinterfragt, und \u2013 potentiell \u2013 verschoben werden. Es ist dieses Paradox der Anerkennung, zu dem Texte dieser Ausgabe anschauliche Problematisierungen und praxisbezogene Reflexionen bereitstellen. Direkt auf diese paradoxe Anforderung bezieht sich der Beitrag von Urs Bachmann und Sandra Lippuner, der die Workshops der Autor_innen mit Pflegekindern zwischen Vergewisserung und Ambivalenz reflektiert.<\/p>\n<p>In der Auseinandersetzung mit Zuschreibungen, und den M\u00f6glichkeiten ihnen zu widersprechen, in den Beitr\u00e4gen wird ein grundlegender Widerspruch sichtbar: Kunst- und Kulturvermittlung, genauso wie der Kunstunterricht, sind weiterhin mehrheitsgesellschaftlich-weiss dominierte Arbeits- und Handlungsfelder. Wie k\u00f6nnen wir \u00fcber eine Vermittlungsarbeit sprechen, die einer heterogenen und mehrsprachigen Gesellschaft Rechnung tr\u00e4gt, wenn die Definitionsmacht, die bezahlten Jobs, die p\u00e4dagogischen Rollen vielfach bei Mehrheitsangeh\u00f6rigen verbleiben? Dass dieser Ausschluss im Feld der Kulturvermittlung noch immer ignoriert und fortgeschrieben wird, indem bei Veranstaltungen zu \u201eZugang\u201c und \u201e\u00d6ffnung\u201c von Kulturinstitutionen lediglich eine \u201eweisse (Ver-)Mittelschicht\u201c spricht, kritisieren Ahmed Shah und Nils Erhard in ihrem Beitrag und fordern mit den jugendlichen Theatermacher_innen im Jugendtheaterb\u00fcro Berlin \u201eZugang zu kulturellen Produktionsmitteln und nicht nur zu Zuschauerpl\u00e4tzen.\u201c Mit einem Projekt, in dem Jugendliche sich mit T\u00e4tigkeitsfeldern im Kulturbetrieb besch\u00e4ftigen und das das Ziel verfolgt, Akteur_innen im Kulturbetrieb mit der Frage nach Ausschl\u00fcssen und Zuschreibungen zu konfrontieren, w\u00e4hrend wichtiges Wissen f\u00fcr den Zugang zu diesen Arbeitsbereichen weitergegeben wird, besch\u00e4ftigt sich u.a. der Text von trafo.k (Handbuch Arbeiten im Kulturbetrieb, siehe Beitrag von trafo.k) . In ihrer Reflexion wird deutlich, dass auch der Zugang zu den Produktionsmitteln ein widerspr\u00fcchliches Anliegen ist:<\/p>\n<p>\u201eWie k\u00f6nnen wir jedes Mal neu mit dem Paradoxon umgehen, dass wir Zugang f\u00fcr MigrantInnen in einen hegemonialen Diskurs fordern und damit in gewisser Weise diesen auch normalisieren und reproduzieren? Wie gehen wir damit um, dass gerade die Forderung nach Einschluss die Identifizierung und Homogenisierung als politisches Subjekt miteinschliesst? Mit anderen Worten: Wie viel Raum gibt es auch daf\u00fcr, nicht in der von uns erw\u00fcnschten Weise politisiert oder selbsterm\u00e4chtigt zu werden?\u201c<\/p>\n<p>Was die Beitr\u00e4ge dieser Ausgabe zeigen, ist, dass der zentrale Anspruch in der Bildungspraxis, die sich mit Migration auseinandersetzt, Reflexivit\u00e4t bleiben muss: gegen\u00fcber den eigenen Vorannahmen und gegen\u00fcber den institutionellen Strukturen und gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnissen, die die Arbeit mitbestimmen \u2013 ein Anspruch, der von Mikki Muhr in dieser Ausgabe mit einem Beitrag zur kartographischen Reflexionsmethode \u201esich verzeichnen\u201c hervorgehoben wird.<\/p>\n<p>Wir w\u00fcnschen eine anregende Lekt\u00fcre!<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.zhdk.ch\/iaejournal\/category\/n8_texte\/\">Zu den Texten<\/a><\/p>\n<h3>Literatur<\/h3>\n<p>Ahmed, Sara (2006). \u201eThe Non-Performativity of Anti-Racism\u201c. borderlands (5).<\/p>\n<p>Mecheril, Paul (2010). Migrationsp\u00e4dagogik. Weinheim: Beltz.<\/p>\n<p>Mecheril, Paul (2012). <a href=\"https:\/\/blog.zhdk.ch\/iaejournal\/files\/2012\/12\/AER6_Mecheril.pdf\">\u201e\u00c4sthetische Bildung und Kunstp\u00e4dagogik. Migrationsp\u00e4dagogische Anmerkungen\u201c. Art Education Research (6).<\/a><\/p>\n<p><strong>Redaktion<\/strong><br \/>\nNora Landkammer und Jo Schmeiser<\/p>\n<p><strong>Layout der Texte<\/strong><br \/>\nAnne Gruber<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Widerspr\u00fcchen handeln Kunstvermittlung und &#8211; Unterricht in der Migrationsgesellschaft, Teil II Herausgeberinnen: Nora Landkammer und Carmen M\u00f6rsch &nbsp; Bereits die sechste Ausgabe von Art Education Research hat sich der Frage gewidmet, was die Tatsache, dass die Gesellschaft hier in der Schweiz, genauso wie in den umliegenden europ\u00e4ischen L\u00e4ndern, von Migration gepr\u00e4gt ist \u2013 eine [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":3221,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ngg_post_thumbnail":0,"footnotes":""},"categories":[531225],"tags":[],"class_list":["post-1175","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-n8_editorial"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/iaejournal\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1175","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/iaejournal\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/iaejournal\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/iaejournal\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3221"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/iaejournal\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1175"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/iaejournal\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1175\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4390,"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/iaejournal\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1175\/revisions\/4390"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/iaejournal\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1175"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/iaejournal\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1175"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/iaejournal\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1175"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}