{"id":1427,"date":"2015-06-15T14:26:24","date_gmt":"2015-06-15T13:26:24","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/iaejournal\/?p=1427"},"modified":"2018-03-05T17:31:14","modified_gmt":"2018-03-05T16:31:14","slug":"aer10-2015-gut-aussehen-geschmack-und-schoenheit-im-kunstunterricht_editorial","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/iaejournal\/2015\/06\/15\/aer10-2015-gut-aussehen-geschmack-und-schoenheit-im-kunstunterricht_editorial\/","title":{"rendered":"Art Education Research \u00b010"},"content":{"rendered":"<h1><strong>Gut aussehen \u2013 Geschmack und Sch\u00f6nheit im Kunstunterricht<\/strong><\/h1>\n<h3>Herausgeber_innen: Simon Harder und Carmen M\u00f6rsch<\/h3>\n<div><a href=\"https:\/\/blog.zhdk.ch\/iaejournal\/files\/2015\/06\/Editorial-n\u00b010_AER_head1_10-1024x820.gif\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-2175\" src=\"https:\/\/blog.zhdk.ch\/iaejournal\/files\/2015\/06\/Editorial-n\u00b010_AER_head1_10-1024x820-300x240.gif\" alt=\"\" width=\"538\" height=\"352\"><\/a><\/div>\n<p>Die zehnte Ausgabe des ejournal <em>Art Education Research<\/em> widmet sich dem Thema der Netzwerkveranstaltung <em>Pers\u00f6nlichkeitsverwicklung #3<\/em>: Gut aussehen \u2013 Geschmack und Sch\u00f6nheit im Kunstunterricht. Verantwortet vom <em>Institute for Art Education<\/em>, fand sie im Juni 2014 an der Z\u00fcrcher Hochschule der K\u00fcnste (ZHdK) statt. Im Zentrum stand einerseits die Frage, wie Geschmacksnormen Kunstunterricht pr\u00e4gen und dabei normierend wirken. Andererseits interessierte, wie Kunstunterricht zu einem Raum werden kann, in dem ebensolche Normen und Normierungsprozesse in den Blick genommen, bearbeitet und m\u00f6glicherweise verschoben werden k\u00f6nnen. Daf\u00fcr wurden Referent_innen mit Schwerpunkten in den Bereichen Kulturwissenschaft, Kunstsoziologie, kritische Kunstvermittlung in Theorie und Praxis, Aktivismus, Politikwissenschaft, DisAbility Studies- und Queer-feministische Theorie oder Kunst eingeladen. Das ejournal No. 10 greift die F\u00e4den auf, welche die Referent_innen mit ihren Inputs gelegt haben. Wir freuen uns, dass wir sie f\u00fcr einen Beitrag zu diesem ejournal gewinnen konnten, in welchem sie ihre Perspektive auf das Thema zu lesen geben und dadurch dessen Relevanz f\u00fcr Kunstvermittlung greifbar machen.<\/p>\n<p>Im Rahmen der Schweizer Ausbildung zur Lehrperson f\u00fcr das Fach Kunst an Gymnasien, das hier <em>Bildnerisches Gestalten<\/em> (BG) genannt wird, findet pro Semester eine Netzwerkveranstaltung, eine Kooperationsveranstaltung der vier deutschsprachigen Kunsthochschulen, statt. Diese wechseln sich in der Organisation ab, wobei die ZHdK alle zwei Jahre an die Reihe kommt. Hier hat das am <em>Departement Kulturanalysen und Vermittlung<\/em> angesiedelte <em>Institute for Art Education<\/em> (IAE) den Auftrag, im Bereich Kunstvermittlung Forschung und Lehre zu verbinden. Auch diese dritte Netzwerkveranstaltung widmeten Carmen M\u00f6rsch als Modulverantwortliche, Nora Landkammer und die beteiligten Dozierenden dem Motto <em>Pers\u00f6nlichkeitsverwicklung<\/em> und nahmen im Sinne der Arbeitsprinzipien des IAE aus einer herrschaftskritischen Perspektive Hierarchien und Zugeh\u00f6rigkeitskategorien ins Visier, die mitunter durch die Wiederholung von Geschmacksurteilen oder Sch\u00f6nheitsidealen konstruiert, stabilisiert und fortgeschrieben werden. Jugendliche (und nicht nur sie) stehen unter dem Druck gut auszusehen: zum Beispiel in Bezug auf Styles, K\u00f6rperformen und K\u00f6rperpraktiken. Kunst wiederum produziert ihrerseits Ein- und Ausschl\u00fcsse: \u201aGeschmack\u2018 und \u201aBegabung\u2018 sind nicht angeboren, sondern werden zun\u00e4chst im Elternhaus erworben (oder eben nicht) und sp\u00e4ter z.B. in Peergroups verhandelt und weiterentwickelt. An der Netzwerkveranstaltung lieferten deshalb Inputs aus verschiedenen Perspektiven die Verkn\u00fcpfung von Geschmack, Style, Begabung und sozialer Ungleichheit. Diese Analysen wurden in Lekt\u00fcregruppen vertieft. Ein Panel mit erfahrenen BG-Lehrpersonen diskutierte zu Geschmack und Bewertung, zum Verh\u00e4ltnis zwischen dem \u00e4sthetischen Kanon des BG Unterrichts und jugendkulturellen Stilen und zum BG-Unterricht als potentiellem Raum zur Bearbeitung von Diskriminierungspraktiken wie Lookism <a title=\"\" href=\"#_ftn1\">[1]<\/a> oder Modemobbing. Schliesslich wurden in Workshops verschiedene k\u00fcnstlerisch-edukative Bearbeitungsweisen aufgezeigt und f\u00fcr den Kunstunterricht weitergedacht.<\/p>\n<p>Sowohl w\u00e4hrend der Paneldiskussion am ersten Veranstaltungstag, als auch im Kontakt mit dem Berufsfeld zeigt sich deutlich, dass ein kultur- und machtkritischer Zugang zum Fach BG im Allgemeinen und zu Geschmack und Sch\u00f6nheit als gesellschaftlich wirkm\u00e4chtige Distinktionsfunktionen im Besonderen alles andere als selbstverst\u00e4ndlich sind. Seidenmalerei, Salzteigfiguren, Makrame, Laminier-Technik, Sonnenunterg\u00e4nge mit oder ohne Delfine, Marmorieren, Mangafiguren, Malen nach Zahlen, usw.: Die Liste der meist selbstverst\u00e4ndlich verp\u00f6nten Techniken und Motive w\u00e4re lang. Die Fragen, weshalb diese Wertung im Berufsfeld beinahe selbstverst\u00e4ndlich g\u00fcltig ist, wem diese Wertung eigentlich dient und auf wessen Kosten sie geschieht, werden sehr selten gestellt. Vielleicht werden sie \u00e4hnlich selten thematisiert wie solche, die das scheinbar selbstverst\u00e4ndlich g\u00fcltige kanonisierte Wissen \u00fcber Kunst in Zweifel ziehen und danach fragen, f\u00fcr wen der Kunstkanon spricht, wer dadurch geh\u00f6rt wird, wessen Perspektiven damit sichtbar werden und welche nicht. Und: Auch repr\u00e4sentations- und medienkritische Positionen, die sich f\u00fcr den Zusammenhang von Macht und Form interessieren (vgl. z.B. Schade\/Wenk 2011: 98ff.), sind im Schweizer Berufsfeld der Lehrer_innen f\u00fcr BG an Gymnasien eher selten anzutreffen. Warum ist das so? Ich m\u00f6chte eine Vermutung skizzieren: Das Fach BG nimmt im gymnasialen F\u00e4cherkanon eine untergeordnete Stellung ein, was sich etwa in der Entlohnung der Fachlehrkr\u00e4fte ausdr\u00fcckt. Gleichwohl bietet das Gymnasium als staatliche Institution auch vielen Lehrkr\u00e4ften f\u00fcr BG feudale, oft unbefristete Arbeitsbedingungen. Diese aufzugeben oder zu gef\u00e4hrden \u00fcberlegt sich eine_r wohl gut. Wenn in diesem Fach Geschmack in Zusammenhang mit \u00absymbolischer Herrschaft\u00bb gestellt wird, also mit \u00abFormen und Modi der Herrschaft, die \u00fcber Kultur, \u00fcber die Sichtweisen der Welt, \u00fcber die Selbstverst\u00e4ndlichkeiten unseres Denkens und damit \u00fcber jene gesellschaftlichen Institutionen vermittelt sind, die Kultur produzieren\u00bb (Krais\/Gebauer 2002: 10), und deutlich wird, \u00abwie das Verm\u00f6gen des Geschmacks [\u2026] f\u00fcr den Gewinn von symbolischen Profiten eingesetzt [\u2026][wird], ja noch mehr: dass die Gesellschaft in hohem Ma\u00dfe \u00fcber Geschmacksurteile funktioniert, insofern Zusammenhalt und Differenzierung sozialer Klassen mit Hilfe geschmacklicher Zustimmung und Ablehnung zustande kommen\u00bb (ebd.), so wird dies zuerst eine Verunsicherung der eigenen Perspektive zur Folge haben. Diese jedoch wird auch die Institution erfassen, da diese Auseinandersetzung an den Grenzen des institutionellen Horizonts arbeitet. Das ist f\u00fcr eine_n riskant, da es nicht nur f\u00fcr ihn_sie sondern auch f\u00fcr die Institution bedrohlich sein wird und es einfacher scheint, den_die St\u00f6renfried_in aus dem Raum zu schaffen, wie es Sara Ahmed in ihrem Aufsatz <em>Feminist Killjoys (And Other Willful Subjects)<\/em> in Bezug auf Feminismus eindr\u00fccklich beschreibt. Dabei versteht sie Feminismus als komplexes aktivistisches Feld, als einen \u201aWelt\u2018-Zugang und als \u00abobject of feeling\u00bb. Ein_e Feminist_in sitzt am Familientisch: \u00abSomeone says something you consider problematic. You are becoming tense; it is becoming tense. [\u2026] In speaking up or speaking out, you upset the situation. That you have described what was said by another as a problem means you have created a problem. You become the problem you create\u00bb (Ahmed 2010: 1). Zwar wird die Infragestellung von als selbstverst\u00e4ndlich geltenden Kategorien wie Geschmack aber auch z.B. Geschlecht beunruhigend, wom\u00f6glich auch be\u00e4ngstigend sein, und es ist mit Butler davon auszugehen, dass die daraus resultierenden Erkenntnisse nicht auf Beruhigung zielen (vgl. Butler 2001), zumal inkorporierte Kategorien auf dem Spiel stehen, an denen sich unsere Wahrnehmung oder unsere Interaktionen wesentlich orientieren. Doch diese (nicht immer bewusste) Angst darf nicht dazu f\u00fchren, sich auf eine vermeintlich \u201aneutrale\u2018 Position zur\u00fcckzuziehen, eine wiederholt im Zusammenhang mit Schule ge\u00e4usserte Erwartung, da damit bestehende soziale Ungleichheiten dethematisiert, aufrechterhalten, Alternativen verworfen werden, die Kritik bzw. Forderungen ungeh\u00f6rt und Bereiche des Unaussprechlichen weiterhin unerh\u00f6rt bleiben. Vielmehr k\u00f6nnte gerade die Sicherheit, die eine institutionalisierte Position zur Zeit verspricht, sowohl der Institution selbst aber auch der von ihr angestellten Einzelpersonen, dazu genutzt werden, das Fach BG aus seiner beinahe vollst\u00e4ndigen Entpolitisierung zu l\u00f6sen und es um politische Dimensionen zu bereichern \u2013 gerade durch eine lustvolle Arbeit an der Form, aus der sowohl die Lehrenden, die Lernenden und auch die Institution ver\u00e4ndert hervorgehen werden. Das vorliegende ejournal nimmt sich Raum, einer solchen Utopie nachzugehen, denkt dabei Theorie und Praxis als untrennbar miteinander verbunden. Vor diesem Hintergrund zeichnet sich die Komplexit\u00e4t der Thematik ab, der die hier versammelten Texte je exemplarisch, also kontextspezifisch und perspektivisch nachgehen.<\/p>\n<p>Wir w\u00fcnschen eine anregende Lekt\u00fcre.<\/p>\n<p>Simon Harder f\u00fcr das Redaktionsteam<\/p>\n<p><a title=\"Texte\" href=\"https:\/\/blog.zhdk.ch\/iaejournal\/category\/aer10_texte\/\">Zu den Texten&nbsp;<\/a><\/p>\n<div>\n<hr align=\"left\" size=\"1\" width=\"33%\">\n<div>&nbsp;<\/div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> Das \u201eanti\u201c-lookism.info.Zine wurde als Pflichtlekt\u00fcre vorausgesetzt. Es eignet sich zur Verwendung im Unterricht. Online unter: <a href=\"www.lookism.info\">www.lookism.info<\/a> (25.05.15).<\/p>\n<p><strong>Literatur<\/strong><br \/>\nAhmed, Sara (2010): Feminist Killjoys (And Other Willful Subjects). <a href=\"http:\/\/sfonline.barnard.edu\/polyphonic\/print_ahmed.htm\">http:\/\/sfonline.barnard.edu\/polyphonic\/print_ahmed.htm<\/a> (25.05.15).<\/p>\n<p>Butler, Judith (2001): Was ist Kritik? Ein Essay \u00fcber Foucaults Tugend. <a href=\"http:\/\/eipcp.net\/transversal\/0806\/butler\/de\">http:\/\/eipcp.net\/transversal\/0806\/butler\/de<\/a> (25.05.2015).<\/p>\n<p>Krais, Beate\/Gebauer, Bunter (2002): Habitus. Bielefeld: transcript.<\/p>\n<p>Schade, Sigrid\/Wenk, Silke (2011): Studien zur visuellen Kultur. Einf\u00fchrung in ein transdisziplin\u00e4res Forschungsfeld. Bielefeld: transcript.<\/p>\n<p><strong>Abbildungen<\/strong><br \/>\nDiese Bilder sind Fotografien von Prozessbildern einer Arbeit von Dominik Bl\u00e4si, entstanden im Januar 2015 im Unterrichtsprojekt <em>Zwischenwelt: I am \u2013 What am I? <\/em>von Simon Harder. Sie werden mit beider Genehmigung zu sehen gegeben. Zum Unterrichtskonzept siehe Harder in diesem Journal.<\/p>\n<hr align=\"left\" size=\"1\" width=\"33%\">\n<p><strong>Redaktion<\/strong><br \/>\nSimon Harder und Jo Schmeiser<\/p>\n<p><strong>Layout der Texte<\/strong><br \/>\nAnne Gruber<\/p>\n<p><strong>Lektorat<\/strong><br \/>\nCamilla Franz<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gut aussehen \u2013 Geschmack und Sch\u00f6nheit im Kunstunterricht Herausgeber_innen: Simon Harder und Carmen M\u00f6rsch Die zehnte Ausgabe des ejournal Art Education Research widmet sich dem Thema der Netzwerkveranstaltung Pers\u00f6nlichkeitsverwicklung #3: Gut aussehen \u2013 Geschmack und Sch\u00f6nheit im Kunstunterricht. Verantwortet vom Institute for Art Education, fand sie im Juni 2014 an der Z\u00fcrcher Hochschule der K\u00fcnste [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":3221,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ngg_post_thumbnail":0,"footnotes":""},"categories":[531533],"tags":[],"class_list":["post-1427","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aer10_editorial"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/iaejournal\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1427","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/iaejournal\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/iaejournal\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/iaejournal\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3221"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/iaejournal\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1427"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/iaejournal\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1427\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2753,"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/iaejournal\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1427\/revisions\/2753"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/iaejournal\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1427"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/iaejournal\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1427"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/iaejournal\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1427"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}