{"id":1763,"date":"2017-03-28T15:20:39","date_gmt":"2017-03-28T14:20:39","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/iaejournal\/?p=1763"},"modified":"2017-12-12T07:28:36","modified_gmt":"2017-12-12T06:28:36","slug":"n13_statements-in-german","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/iaejournal\/2017\/03\/28\/n13_statements-in-german\/","title":{"rendered":"n\u00b013_Statements in german"},"content":{"rendered":"<p>STATEMENTS<\/p>\n<h3>Gerald Bast<\/h3>\n<h1>Vision\u00e4res Denken ist realistisches Denken<\/h1>\n<h2>F\u00fcr eine grundlegende Erneuerung des Bildungssystems<\/h2>\n<p>Unser Bildungssystem funktioniert noch immer nach den Prinzipien des Industriezeitalters des 18. und 19. Jahrhunderts: Wissensproduktion, Wissenserwerb, Wissensvermehrung durch intellektuelle Arbeitsteilung. Die Fragmentierung der Wissenslandschaft ist in den letzten Jahrzehnten rasant vorangeschritten. Parallel dazu sind unsere Gesellschaften komplexer geworden. Alles h\u00e4ngt mit allem zusammen. Wir leben in einer Welt, die zunehmend von politischer Ver\u00e4nderung, sozialer Unsicherheit und kultureller Ambiguit\u00e4t gekennzeichnet ist. An unseren Bildungsinstitutionen herrscht hingegen eine Praxis der Eindeutigkeit: Ja oder nein. Wahr oder falsch. Richtig oder unrichtig.<\/p>\n<p>In einem von Digitalisierung und Robotik gepr\u00e4gten Zeitalter machen Algorithmen den Menschen Gestaltungskompetenz streitig. Das Kombinieren von Wissen in ungew\u00f6hnlichen Zusammenh\u00e4ngen wird bereits in naher Zukunft wichtiger werden als der Erwerb, das Speichern und die Reproduktion von Wissen. Menschen werden nur noch durch kreative Denkprozesse handlungsf\u00e4hig sein, also durch Prozesse, die auf bisher ungedachte oder f\u00fcr undenkbar gehaltene Weise Verbindungen zwischen bekannten und automatisierten Wissens- und Handlungsfeldern herstellen. Die Ver\u00e4nderung von Arbeit, Bildung und Freizeit wird durch demographische Entwicklungen und Migrationsbewegungen neue soziale Handlungsfelder er\u00f6ffnen. Neben der Neudefinition von Arbeit braucht es daher auch dringend eine grundlegende Erneuerung des Bildungssystems.<\/p>\n<p>Friedrich Kiesler, der 1926 aus \u00d6sterreich in die USA ausgewanderte vision\u00e4re Denker, Architekt und Designer, entwickelte in den 1930er-Jahren seine Theorie, die unter Aufhebung aller Kunstgattungen und unter Einbeziehung naturwissenschaftlicher Kenntnisse, Mensch und Umwelt als ganzheitliches System komplexer Wechselbeziehungen versteht. <em>Correalismus<\/em> nannte er diese, heute ungeahnt aktuelle Theorie. Kieslers \u00dcberzeugung, dass vision\u00e4res Denken zugleich realistisches Denken ist, macht Mut in Zeiten zunehmender Mutlosigkeit. Mehr noch: Kieslers Denkansatz wird heute immer wichtiger, weil Herausforderungen wie Unsicherheit und Ambiguit\u00e4t nicht mit Algorithmen und Robotern begegnet werden kann, sondern nur mit vision\u00e4rem Denken, das der Dominanz von Standardisierung und Fragmentierung k\u00fchn entgegengesetzt wird.<\/p>\n<p>Es wird weiterhin spezialisierte M\u00e4rkte, Arbeits- und Forschungsfelder f\u00fcr Kunst, Architektur, Design, Wissenschaft und Technologie geben. Aber es wird und muss auch neue, korrelative Bildungsg\u00e4nge und Berufsbilder geben, ganz andere Formen von Arbeit und Einkommen, als wir sie uns heute vorstellen k\u00f6nnen. Die F\u00e4higkeit, Vertrautes zu hinterfragen, neue Szenarien zu entwerfen, die Kraft von Intuition, Imagination und Assoziation zu nutzen, wird im 21. Jahrhundert zur zentralen Kulturtechnik werden. Diese gilt es zu f\u00f6rdern, zu entwickeln und zu implementieren. Und die Expertise daf\u00fcr liegt bei den Kunstuniversit\u00e4ten und ihren Absolventinnen und Absolventen.<\/p>\n<p><em>Gerald Bast ist Rektor der Universit\u00e4t f\u00fcr angewandte Kunst Wien,&nbsp;<\/em><a href=\"http:\/\/www.dieangewandte.at\/\"><em>http:\/\/www.dieangewandte.at\/<\/em><\/a><\/p>\n<p>_<\/p>\n<h3>Barbara Putz-Plecko<\/h3>\n<h1>Un_Potentiality und Un_University<\/h1>\n<p>Der gegenw\u00e4rtige Blick auf (Kunst-)Universit\u00e4ten l\u00e4sst deutlich ein Geflecht von gegenl\u00e4ufigen Dynamiken wahrnehmen, die auf sehr divergente Vorstellungen von <em>Academy<\/em> r\u00fcckzubeziehen sind. Wird seit etwa zwanzig Jahren das akademische Feld durch den Bolognaprozess und \u00f6konomische Steuerungspolitiken massiv reguliert und durch den Effizienzmodus nicht nur ver\u00e4ndert, sondern auch besch\u00e4digt, (indem statt zu erm\u00f6glichen gelenkt wird, um den Output in vorgedachter Weise zu steigern, und ungesicherte emanzipatorische Entwicklungsr\u00e4ume immer st\u00e4rker beschr\u00e4nkt werden), so gibt es zweifellos auch Gegenbewegungen: Akteur_innen, die f\u00fcr nicht-verregelte Strukturen k\u00e4mpfen bzw. R\u00e4ume des Denkens und (Ver-)Handelns schaffen, die eine eigenwillige Aneignung ebenso zulassen, wie gewagte Bewegungen und offene Prozesse (in denen noch nicht klar ist, wo Denken und Praxis hinf\u00fchren m\u00fcssten), ein \u201eundiszipliniertes\u201c Vokabular sowie Differenz und Nicht-\u00dcbereinstimmung.<\/p>\n<p>Nur so kann jene Qualit\u00e4t entstehen, die von Irit Rogoff<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> als strukturgebend und essentiell f\u00fcr Bildung und Kunst und ganz im Herzen der <em>Academy <\/em>gesehen wird: Potentialit\u00e4t. Sie existiert im Bereich des M\u00f6glichen, ohne Plan zu werden, und sie ist immer gleichermassen Potential etwas nicht zu tun, wie etwas zu tun. Motiviert sie Denk- und Handlungsweisen, kann sich aus ihr eine relevante Kraft entwickeln, die der fortschreitenden Marginalisierung von Bildungsr\u00e4umen zu streng organisierten <em>Training grounds, <\/em>wie sie durch einfache <em>Input \u2013 Outcome<\/em> Logiken und systemische Normierungen bef\u00f6rdert wird, entgegenwirkt.<\/p>\n<p>Es ist ein zentrales Anliegen der \u201eAngewandten\u201c, an den notwendigen Voraussetzungen f\u00fcr Potentialit\u00e4t zu arbeiten \u2013 sie zu erhalten, wo sie beschnitten zu werden drohen und sie zu schaffen, wo es sie noch nicht gibt. Auf der Ebene der systemischen Praxis und ihrer Strukturen bedeutet dies, den eigenen Routinen, einem selbstzufriedenen Selbstverst\u00e4ndnis ebenso wie der institutionellen Tr\u00e4gheit, wach und kritisch gegen\u00fcberzustehen. Wohl ist der Anspruch einer selbstreflexiven und -kritischen Praxis schnell erhoben, doch kann es sehr herausfordernd sein, diese umzusetzen. Da braucht es mitunter \u201edie Provokation von aufschlussreichen Verh\u00e4ltnissen\u201c<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a>, um Erfahrungen zu erm\u00f6glichen, die Prozesse der Ver\u00e4nderung anstossen. In den 1990er-Jahren gingen derartig wachr\u00fcttelnde Impulse an der Angewandten von der \u201eFreien Klasse\u201c aus, an deren Fragestellungen bei <em>Un_University<\/em> angekn\u00fcpft wurde. Ihre Geschichte zeigt, mit welcher Vehemenz institutionelle Macht sich durchzusetzen vermag. Trotzdem wirken ihre Anspr\u00fcche auf gewisse Weise ins Heute. Nur: die Frage nach der F\u00e4higkeit zu lernen und zu verlernen stellt sich immer neu.<\/p>\n<p><em>Barbara Putz-Plecko ist Vizerektorin der Universit\u00e4t f\u00fcr angewandte Kunst Wien und leitet die Abteilung <\/em><em>Kunst und kommunikative Praxis,&nbsp;<\/em><a href=\"http:\/\/www.dieangewandte.at\/\"><em>http:\/\/www.dieangewandte.at\/<\/em><\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> <em>Vgl. Irit Rogoff (2006): Schools of Thought. In: Frieze Magazine, Issue 101, September 2006, <a href=\"https:\/\/frieze.com\/article\/schools-thought?language=de\">https:\/\/frieze.com\/article\/schools-thought?language=de<\/a> (20.03.17) und Giorgio Agamben (1999): Potentialities. Collected Essays in Philosophy. Stanford\/CA, Stanford University Press<\/em><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> <em>Vgl. Jan Verwoert (2007): Frei sind wir schon. Was wir jetzt brauchen ist ein besseres Leben. In: Belzer, Heike\/Birnbaum, Daniel (Hg.), kunst lehren teaching art. St\u00e4delschule Frankfurt\/Main. K\u00f6ln, Verlag der Buchhandlung Walther K\u00f6nig, <a href=\"http:\/\/www.staedelschule.de\/fileadmin\/pdf\/pdf_Downloads\/staedelschule_kunst_lehren.pdf\">http:\/\/www.staedelschule.de\/fileadmin\/pdf\/pdf_Downloads\/staedelschule_kunst_lehren.pdf<\/a> (26.03.17)<\/em><\/p>\n<p>_<\/p>\n<h3>Sophie V\u00f6gele, Philippe Saner, Nora Landkammer, Carmen M\u00f6rsch<\/h3>\n<h1>Ungleichheit und Normativit\u00e4t <em>ent\u00fcben<\/em><\/h1>\n<h2>Ein Statement aus Perspektive des Institute for Art Education, ZHdK zu Art Education Research #13 \u2013 Un_University<\/h2>\n<p><em>Un_University<\/em> bedeutet f\u00fcr eine Kunstuniversit\u00e4t, sich selbstkritisch und selbstreflexiv mit den eigenen Strukturen des Lehrens und Lernens auseinanderzusetzen sowie die M\u00f6glichkeit ihrer Transformation auszuloten und anzugehen. Wie Eva Egermann in ihrem Beitrag anmerkt, geht es darum, eine \u201eun_universit\u00e4re Denkbewegung\u201c einzuleiten, um normative Narrative und Repr\u00e4sentationen zu verlernen. Dabei muss der Blick f\u00fcr das Konflikthafte und Widerspr\u00fcchliche gesch\u00e4rft werden, um den Bewegungen und Transformationen institutioneller Normativit\u00e4t folgen zu k\u00f6nnen. Das \u201eEnt\u00fcben institutioneller Gewohnheiten\u201c (Annette Krauss) bleibt dabei eine zentrale Aufgabe.<\/p>\n<p>Ein m\u00f6glicher Zugang zu <em>Un_University<\/em> wurde an der Z\u00fcrcher Hochschule der K\u00fcnste (ZHdK) unter anderem durch das Projekt <a href=\"https:\/\/blog.zhdk.ch\/artschooldifferences\/\"><em>Art.School.Differences. Researching Inequalities and Normativities in the Field of Higher Art Education<\/em><\/a> (initiiert durch das <a href=\"https:\/\/www.zhdk.ch\/958\">IAE<\/a>, Institute for Art Education) erprobt. Ziel war es, die Institution Kunsthochschule selbstreflexiv und von innen heraus zu befragen, zu transformieren und zu demokratisieren: Inwiefern werden bestimmte Wissensformen und Erfahrungen inkludiert oder exkludiert? Welche Rolle spielen dabei die institutionellen Diskurse, die Lehrinhalte, die Aufnahmeverfahren und Leistungsbewertungen? Die gemachten Erfahrungen zeigen, dass hierarchische und zentralisierte Prozesse durch einen Ansatz der <em>Un_University<\/em> nur schwer zu durchbrechen sind. Eine Herausforderung entsteht zudem durch das Selbstbild von Kunsthochschulen als Orte der Innovation und Kritik: Kunstuniversit\u00e4ten nehmen in Abgrenzung zu anderen Bildungsinstitutionen Offenheit f\u00fcr Neues, Kritik und Gegenrede f\u00fcr sich in Anspruch. Dadurch werden tats\u00e4chlich kritische Auseinandersetzungen mit den Strukturen als nicht mehr notwendig erachtet und geschlossene, konservierende Prozesse letztlich legitimiert.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref1\">[3]<\/a><\/p>\n<p><em>Un_University<\/em> innerhalb einer Kunstuniversit\u00e4t muss deshalb auf verschiedenen Ebenen ansetzen: Einerseits ist es wichtig, die hegemoniale Sprache der Institution zu sprechen, d.h. akademisches Wissen anzuwenden und konventionelle, allgemein anerkannte und validierte Forschungsans\u00e4tze f\u00fcr die eigenen Fragestellungen zu nutzen. Andererseits m\u00fcssen bestehende alternative Wissensformen und Lesarten ermittelt und vernetzt werden sowie Allianzen innerhalb und \u00fcber die einzelnen Institutionen hinaus gebildet werden. Praxis- und Aktionsforschung \u00fcber Lehrinhalte und bestehende Strukturen gemeinsam mit Institutionsangeh\u00f6rigen zu betreiben ist ein m\u00f6glicher Ansatz f\u00fcr eine langfristige Transformation von innen heraus.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn1\">[3]<\/a> <em>Vgl. <a href=\"https:\/\/blog.zhdk.ch\/artschooldifferences\/schlussbericht\/\">Art.School.Differences. Researching Inequalities and Normativities in the Field of Higher Art Education. Schlussbericht<\/a>,insbesondere die Teilkapitel 5.3. (zu Auswahlkriterien an Kunsthochschulen) und 5.5. (zu Widerspr\u00fcchen in der \u201eAuswahl der Besten\u201c) sowie das Kapitel 6. (zu Praktiken der Auswahl \u00fcber die Kunsthochschulen hinaus).<\/em><\/p>\n<p>_<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>STATEMENTS Gerald Bast Vision\u00e4res Denken ist realistisches Denken F\u00fcr eine grundlegende Erneuerung des Bildungssystems Unser Bildungssystem funktioniert noch immer nach den Prinzipien des Industriezeitalters des 18. und 19. Jahrhunderts: Wissensproduktion, Wissenserwerb, Wissensvermehrung durch intellektuelle Arbeitsteilung. Die Fragmentierung der Wissenslandschaft ist in den letzten Jahrzehnten rasant vorangeschritten. Parallel dazu sind unsere Gesellschaften komplexer geworden. 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