{"id":161,"date":"2018-06-09T22:26:00","date_gmt":"2018-06-09T20:26:00","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/kolanos\/?p=161"},"modified":"2018-06-09T22:26:00","modified_gmt":"2018-06-09T20:26:00","slug":"fleischfrage","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/kolanos\/2018\/06\/09\/fleischfrage\/","title":{"rendered":"Fleischfrage."},"content":{"rendered":"<p><em>(enth\u00e4lt Helvetismen)<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Was macht man mit einer Frage? Aufwerfen, wegwerfen? Hinwerfen, wie einen Knochen vor den Hund. Nicht mal ins Meer, damit er nass wird, der Hund, nein die Frage da hingelegt, sch\u00f6n spr\u00f6de, damit er sich die Z\u00e4hne daran verbeissen kann, hingelegt gleich vorne hin vor die Schnauze. Da liegt sie, die Frage und wird angeknurrt und in Gedanken zerfleischt. Doch was gibt es an einem Knochen noch zu zerfleischen? Da ist nichts mehr dran, alles wurde bereits abgeschabt, alles abgenagt, abgekafelt, weggefressen, zerrissen mit den Fangz\u00e4hnen, den Schneidez\u00e4hnen, den reissenden, beissenden dreieckigen Weissen. Die Fasern abgezerrt und das Fett abgeleckt. Sie schmeckt gut, so eine fette Frage. Eine richtig gut gen\u00e4hrte, fettige Frage \u2013 davon kann man lange zehren. Sie n\u00e4hrt und n\u00e4hrt und n\u00e4hrt. Zuerst wird die schnelle Energie daraus verbrannt, dann irgendwann geht&#8217;s an die angefressenen Fettreserven, w\u00e4hrend der K\u00f6rper noch immer aus der Frage zehrt. Achtlos vor dich hingeworfen, kann die fette Frage dich durch den Winter bringen.<\/p>\n<p>Doch wer wirft schon eine so fette Frage achtlos weg? Niemand, die legt jemand da hin. Jemand denkt sich, dass du dich gerne da drin vergnagen wirst, in der Frage. Dich daran zerbeissen kannst, weil du den Anschein machst, dass du schon lange keine Frage mehr zugeworfen gekriegt hast. Dass du dich schon l\u00e4nger nicht mehr mit einer Frage vor deiner Fresse auseinander gesetzt hast. Dass man doch diese Frage dir direkt, keine 3 Zentimeter vor dich hinstellen k\u00f6nnte, weil dann w\u00fcrdest du sie schon sehen, die Frage. Und dann, wenn du den Duft der fettigen, saftigen, sehnigweichen, lange geschmorten und dennoch in der perfekten Konsistenz aus fast zerfallend und noch aneinander haftenden Frage riechst&#8230; dann w\u00fcrdest du schon glustig werden. Dann w\u00fcrdest du schon Appetit bekommen auf die Frage. Die Frage, die vor dir auf dem Boden liegt. Vor deiner Schnauze, die auch auf dem Boden liegt. Weil du wei\u00dft, dass \u2013wenn dann mal eine Frage kommt \u2013 dann musst du dich nicht bewegen. Die kommt immer. Die Frage wird meist irgendwann vor die hingelegt, fett und saftig.<\/p>\n<p>Du hast noch nie nach einer Frage gesucht. Wieso auch, w\u00e4re viel zu anstrengend. Die Frage ergibt sich aus den Umst\u00e4nden. Es werden so viele Fragen geschlachtet und verteilt, da f\u00e4llt schon eine f\u00fcr dich ab. Nur Sauce gibt\u2019s nicht immer dazu. Aber das ist ja auch Luxus. Die Frage z\u00e4hlt, die W\u00e4rme der Frage, die sie noch hat. Fr\u00fcher hast du den Fehler gemacht, dich auf die Frage zu st\u00fcrzen, sobald du sie vor deiner Nase hattest. Doch du hast gelernt. Die Frage ist auseinander zu nehmen, langsam. Fleischfaser um Fleischfaser. In ihre Einzelteile zu zerlegen. So kannst du jeden Bissen davon langsam zerkauen und es geniessen, dass du gerade eine Frage zwischen den Z\u00e4hnen hast. Diese Verzehrweise verhindert, dass dir zu viel zwischen den Z\u00e4hnen h\u00e4ngen bleibt \u2013 ja, dass wirklich alles, alles dieser Frage den Magen erreicht und dort von der S\u00e4ure zerfressen wird. Weil aufliegen, im Magen, soll die Frage nicht. Nein. Sie soll runtergehen wie Butter. Sich in deinem Magen warm und wohlig anf\u00fchlen und dich nicht mitten in der Nacht aus dem Schlaf reissen. Sie soll dir nicht aufstossen. Sie soll nicht gleich nach 2 Stunden wieder aus dir rausdr\u00e4ngen. Sie soll dich n\u00e4hren und st\u00e4rken. Das macht eine gute Frage aus.<\/p>\n<p>Du beisst also in die Frage und machst sie damit lebendig. Du gibst ihr Sinn. Du machst, mit deinem t\u00f6tenden Biss, die Frage real. Das mag dein Hundehirn \u00fcbersteigen aber in dem Moment, in welchem du die Frage anerkennst als Etwas, in das man seine Z\u00e4hne reinschlagen kann und sich verbeissen kann&#8230; In dem Moment bist du eins mit der Frage. Ausser der Frage siehst du nichts mehr. Und ausser dir ist f\u00fcr die Frage nichts real. Alles, was die Frage sp\u00fcrt, das einzige, was sie wahrnimmt, sind deine spitzen Hauer. Dein Kauwerkzeug. Du machst die Frage existent, indem du ihre Existenz vor deiner Schnauze anerkennst. Und sie geniesst. Das erste und letzte also, was die Frage wahrnimmt, ist dein Genuss beim Zersetzen ihrer Existenz.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(enth\u00e4lt Helvetismen) &nbsp; Was macht man mit einer Frage? Aufwerfen, wegwerfen? Hinwerfen, wie einen Knochen vor den Hund. Nicht mal ins Meer, damit er nass wird, der Hund, nein die Frage da hingelegt, sch\u00f6n spr\u00f6de, damit er sich die Z\u00e4hne daran verbeissen kann, hingelegt gleich vorne hin vor die Schnauze. 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