{"id":1239,"date":"2011-06-07T14:43:08","date_gmt":"2011-06-07T13:43:08","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/kunstvermittlung\/?page_id=1239"},"modified":"2011-06-07T14:48:50","modified_gmt":"2011-06-07T13:48:50","slug":"textil-ist-uberall","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/kunstvermittlung\/vergangene-projekte-kunstvermittlung\/und-anders\/textil-ist-uberall\/","title":{"rendered":"Textil ist \u00fcberall"},"content":{"rendered":"<p><em>Anna-Brigitte Schlittler<\/em><br \/>\n<\/em><br \/>\n<\/em><br \/>\nDie Vielzahl neuer Materialien und Verfahren, oft auf tradiertem Wissen und alten Techniken basierend, ist so un\u00fcberschaubar geworden wie die M\u00f6glichkeiten der Anwendung: Textilien sind nicht mehr nur Stoff f\u00fcr Kleidung und Innenraumgestaltung, sondern werden in Geotechnik, Baukonstruktion, Gef\u00e4sschirurgie etc. zur L\u00f6sung schwieriger Probleme und als Grundlage \u00fcberraschender<strong><em> <\/em><\/strong>Innovationen benutzt<strong><em>.<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Bis heute ist die breite theoretische bzw. k\u00fcnstlerische und gestalterische Rezeption allerdings ausgeblieben \u2013 wohl nicht zuletzt aufgrund der rasanten Entwicklung und der teils \u00fcberaus komplexen und schwer nachvollziehbaren Verfahren.<\/p>\n<p>B\u00f6te gerade dieses Feld textiler Forschung dem Design unz\u00e4hlige M\u00f6glichkeiten, hat sich die bildende Kunst in den vergangenen Jahren einem ganz anderen Bereich, der \u201eHandarbeit\u201c, zugewandt \u2013 Jahrzehnte nach den fast ganz \u201evergessenen\u201c revolution\u00e4ren Ans\u00e4tzen von K\u00fcnstlerinnen und Designerinnen der Moderne.<\/p>\n<p>Auff\u00e4llig ist, wie viele Kunstschaffende sich inhaltlich und formal mit der DIY-Bewegung auseinandersetzen. Abgesehen von den Eigenschaften textiler Materialien, die sich grunds\u00e4tzlich einer visuell gegl\u00e4tteten Oberfl\u00e4che widersetzen, strahlt \u201eGrobgestricktes\u201c einen subversiven Reiz aus. Absichtsvoll ungelenk wird die handwerkliche Imperfektion ins Museum getragen, wird mit \u00e4sthetischen Standards und Inhalten gespielt.<\/p>\n<p>Wird der textile Aspekt hingegen in textilfremde Materialien und Formen \u00fcbertragen \u2013 vom Gartenzaun \u00fcber den Hocker bis hin zu Leuchten \u2013, werden scheinbar materialimmanente Erscheinung und Funktion unterlaufen.<br \/>\nPr\u00e4zis konstruierte gestrickte Plastiken sind nicht nur eine zeitgen\u00f6ssische Fortsetzung der <em>soft sculptures, <\/em>sondern auch ein ironischer Kommentar zu klotzigen Skulpturen und raumgreifend-\u00fcberw\u00e4ltigenden Installationen.<br \/>\nUnd ungeahnt transdisziplin\u00e4r geraten physiologische Modelle, die vielleicht der weichen und fleischigen K\u00f6rperlichkeit n\u00e4her r\u00fccken als scharfkantige Computergrafiken.<\/p>\n<p>So unterschiedlich die Ans\u00e4tze sind, so ist ihnen doch das Etikett \u201eHandarbeit\u201c gemeinsam, in dem sich ein machtvolles Geschlechterclich\u00e9 manifestiert: M\u00e4dchen und Frauen, still sitzend, diszipliniert, gebeugt \u00fcber eine Stick-, Strick- oder H\u00e4kelarbeit; erzogen zu Fleiss und ambitionsloser Bescheidenheit. Finden nun \u201eHandarbeiten\u201c Eingang in die k\u00fcnstlerische Praxis, beginnt im besten Fall ein hartn\u00e4ckiger Stereotyp zu erodieren.<\/p>\n<p>Vielleicht wird der Blick dann auch frei auf eine ganz andere Tradition weiblicher Handarbeit, die in der Fr\u00fchen Neuzeit Zeugnis selbstbewussten B\u00fcrgerstolzes war. Ein besonders beeindruckendes Beispiel ist eine um 1600 in Schaffhausen entstandene grossformatige Leinenstickerei aus der Sammlung des Schweizerischen Nationalmuseums: Um Amalia St\u00fchlinger, das eigentliche Zentrum der Stickerei, entfaltet sich das Leben des beg\u00fcterten Handwerkerpaares inmitten \u00fcppiger Ornamentik. Die Stickerei vermag nicht nur als historisches Dokument zu interessieren, sondern auch zu faszinieren als freier Umgang mit damaligen (und heutigen) Bildkonventionen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anna-Brigitte Schlittler Die Vielzahl neuer Materialien und Verfahren, oft auf tradiertem Wissen und alten Techniken basierend, ist so un\u00fcberschaubar geworden wie die M\u00f6glichkeiten der Anwendung: Textilien sind nicht mehr nur Stoff f\u00fcr Kleidung und Innenraumgestaltung, sondern werden in Geotechnik, Baukonstruktion, Gef\u00e4sschirurgie etc. zur L\u00f6sung schwieriger Probleme und als Grundlage \u00fcberraschender Innovationen benutzt. 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