{"id":931,"date":"2014-05-12T11:31:33","date_gmt":"2014-05-12T09:31:33","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/observer\/?p=931"},"modified":"2014-05-12T12:16:26","modified_gmt":"2014-05-12T10:16:26","slug":"bitte-festhalten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/observer\/2014\/05\/12\/bitte-festhalten\/","title":{"rendered":"Bitte festhalten!"},"content":{"rendered":"<p><em>Interview mit Helgard Haug und Daniel Wetzel von der Gruppe Rimini Protokoll<\/em><\/p>\n<p>Der Showroom Z+ hat sich in 18 Positionen und darunter f\u00fcnf performativen Beitr\u00e4gen mit \u00abDarstellungsformaten im Wandel\u00bb befasst. In der\u00a0<a href=\"https:\/\/blog.zhdk.ch\/observer\/2014\/03\/13\/showroom-z-darstellungsformate-im-wandel-7-und-8-maerz-2014\/\" target=\"_blank\">Beobachtung <\/a>stellte ich als Observer-in-Residence einige Fragen nach der Dokumentation von performativen Arbeiten. Mit Helgard Haug und Daniel Wetzel, zwei von drei K\u00f6pfen der weltweit erfolgreichen Gruppe Rimini Protokoll, habe ich in Berlin solche Fragen weiter erl\u00e4utert.<\/p>\n<div id=\"attachment_939\" style=\"width: 459px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/blog.zhdk.ch\/observer\/files\/2014\/05\/HelgardDanielPortr.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-939\" class=\"wp-image-939\" src=\"https:\/\/blog.zhdk.ch\/observer\/files\/2014\/05\/HelgardDanielPortr-300x168.jpg\" alt=\"Daniel Wetzel und Helgard Haug (Bild: Hanna Lippmann)\" width=\"449\" height=\"253\" srcset=\"https:\/\/blog.zhdk.ch\/observer\/files\/2014\/05\/HelgardDanielPortr-300x168.jpg 300w, https:\/\/blog.zhdk.ch\/observer\/files\/2014\/05\/HelgardDanielPortr.jpg 960w\" sizes=\"auto, (max-width: 449px) 100vw, 449px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-939\" class=\"wp-caption-text\">Daniel Wetzel und Helgard Haug (Bild: Hanna Lippmann)<\/p><\/div>\n<p><em>Wann habt ihr angefangen, eure Projekte zu dokumentieren, und wie?<\/em><\/p>\n<p><strong>Daniel Wetzel:<\/strong> Unsere ersten 10 Jahre sind komplett undokumentiert. Das sind bestimmt 24 Projekte, die wir damals \u2013 noch vor der Gr\u00fcndung von Rimini Protokoll mit dem Schweizer Stefan Kaegi \u2013\u00a0zusammen mit Marcus Dross realisiert haben.<\/p>\n<p><strong>Helgard Haug<\/strong>: Das stimmt so nicht! Die Projekte sind zwar nicht auf Video dokumentiert. Aber sie sind hervorragend in B\u00fcchern festgehalten!<\/p>\n<p><strong>Wetzel<\/strong>: Stimmt, den Schuber k\u00f6nnen wir dir zeigen.<\/p>\n<p><strong>Haug<\/strong>: Wir haben richtige B\u00fccher gemacht fr\u00fcher!<\/p>\n<p><em>Wie geht ihr die Dokumentation heute an, wenn die Arbeit bereits viel Videomaterial enth\u00e4lt?<\/em><\/p>\n<p><strong>Haug<\/strong>: Man denkt sie fr\u00fcher mit. Bei <a href=\"http:\/\/vimeo.com\/64549107\" target=\"_blank\">\u00abSituation Rooms\u00bb<\/a>\u00a0 zum Beispiel, einer Arbeit, bei welcher die Zuschauer_innen mit Kopfh\u00f6rern und Bildschirm in der Hand durch R\u00e4ume wandern, ist das Bild \u00fcberpr\u00e4sent. Es war ein Zufall, dass eine Filmemacherin beim Aufbau mit dabei war und sich f\u00fcr eine Dokumentation interessiert hat. Sie sagte: Ich bin dabei, ich beobachte euch, ich spreche auch mit den Leuten. Damit erm\u00f6glichte sie einen zweiten k\u00fcnstlerischen Blick auf den ganzen Abend. Wir haben uns entschieden, in der Dokumentation nicht nur die Videobilder zu zeigen, die das wandelnde Publikum sieht, sondern auch das Publikum selbst, wie es den Raum erlebt. Man klemmt sich also an die Schulter eines Zuschauers, schneidet ihn an und so sieht man, was er sieht, durch dessen Augen.<\/p>\n<p><em>Und dann gibt es auch noch eine Totale, so dass man die Situation sieht?<\/em><\/p>\n<p><strong>Haug<\/strong>: Ja, es gibt mehrere Kameras, eine Totale, Gegenschnitt. F\u00fcr eine Dokumentation werden mehrere Durchg\u00e4nge eines Abends besucht..<\/p>\n<p><em>Das klingt nach einem eigenst\u00e4ndigen Kunstwerk. Und geht in Richtung Film?<\/em><\/p>\n<p><strong>Haug<\/strong>: Ja, dahin geht es&#8230;<\/p>\n<p><strong>Wetzel<\/strong>: Nicht immer. Es gibt verschiedene Ans\u00e4tze. Entweder man macht etwas komplett Filmisches, wo man tagelang dreht, wie die Theaterverfilmungen der alten Schaub\u00fchne unter Peter Stein (zum Beispiel \u00ab<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=4wmYtE1QILw\" target=\"_blank\">Sommerg\u00e4ste<\/a>\u00bb). Oder wie die Aufnahmen von 3sat zum Berliner Theatertreffen. Dann kommen die mit dem \u00dcbertragungswagen, schauen zwei ganze Proben an. Und dann folgen die aber auch der Logik ihres Apparats. Im Theater darfst du am Anfang langsam sein. Im Fernsehen nicht, hat man uns erkl\u00e4rt, da muss es vor allem am Anfang voll abgehen. Nachlassen darf das Tempo dann eher gegen Ende.<\/p>\n<p><em>Christoph Schlingensiefs \u00abKirche der Angst\u00bb war ein gelungenes Beispiel, wie das Fernsehen eigene Mittel finden kann, einen Theaterabend einzufangen. Auf der B\u00fchne waren auch Handkameras, es gab viel Bewegung, und man hat fast 45 Minuten rausgek\u00fcrzt. Das war klar eine filmische Fassung&#8230;<\/em><\/p>\n<p><strong>Wetzel:<\/strong> Das haben wir einmal gemacht, als wir mit <a href=\"http:\/\/www.rimini-protokoll.de\/website\/de\/project_3374.html\" target=\"_blank\">\u00abWallenstein<\/a>\u00bb zum Theatertreffen eingeladen waren. 3Sat hat uns eingeladen, eine einst\u00fcndige Version des St\u00fccks zu machen, wir wollten aber auch den Mitschnitt. \u00abIn Ordnung\u00bb, hiess es, \u00abdann zeichnen wir eine Auff\u00fchrung auf und ihr kriegt f\u00fcr drei weitere Tage eine Fernsehkamera. Um den Rest m\u00fcsst ich euch selber k\u00fcmmern.\u00bb So haben wir mit den Darstellern w\u00e4hrend des Aufbaus vor den Auff\u00fchrungen Material gedreht, aus dem wir dann einen super Fernsehfilm gedreht haben, der aber nur ein einziges Mal lief. Wir hatten den Fehler gemacht, uns Senderechte in den Vertrag schreiben zu lassen.<\/p>\n<p><strong>Haug<\/strong>: Ich erinnere mich an die Gespr\u00e4che mit der Redaktion: \u00abWir wollen jetzt aber mal die privaten R\u00e4ume der Leute sehen!\u00bb Im Vorfeld casten wir diese interessanten Menschen, und sie erz\u00e4hlen auf der B\u00fchne aus ihrem Leben. Und das Fernsehen will dann alles nochmal in der Retrospektive erz\u00e4hlen, unsere Spieler nochmal zu Hause besuchen! Ich konnte das gar nicht glauben.<\/p>\n<p><em>Das heisst: Man muss schon bei den Proben mitdrehen, um einen Mehrwert zur reinen Dokumentation der B\u00fchne zu schaffen?<\/em><\/p>\n<p><strong>Haug:<\/strong> Wenn man den Nerv hat, ja! Wenn man den Blick von aussen noch aush\u00e4lt, wenn man das Team toleriert. Bei <a href=\"http:\/\/vimeo.com\/78518855\" target=\"_blank\">\u00abQualit\u00e4tskontrolle\u00bb <\/a>haben wir an den Rollstuhl der Protagonistin eine GoPro-Kamera geschnallt. Die Protagonistin wird dann zur Kamerafrau, und als Zuschauer sieht man das St\u00fcck aus ihrer Perspektive. Das fand ich eine gute Idee.<\/p>\n<p><strong>Wetzel:<\/strong> Der Audiomittschnitt ist f\u00fcr uns wichtiger, weil wir fast jedes Mal hinterher ein Radiost\u00fcck bauen. Das ist nicht ganz einfach, beispielsweise der Verlag dachte: Es gibt ein Basiskunstwerk, das Theaterst\u00fcck, und dann gibt es subalterne Arbeiten, die dazugeh\u00f6ren, das w\u00e4re dann das H\u00f6rst\u00fcck. Das ist ein Sechzigerjahredenken. Wir verwerten ja nicht die Audioaufnahmen des Probenprozesses, sondern \u00fcberlegen uns aufgrund dessen nach der Premiere, wie es ist, wenn man etwas nur h\u00f6rt? Und wir treffen uns in diesen F\u00e4llen mit den Beteiligten mit etwas zeitlichem Abstand und greifen das Erarbeitete nochmal auf, ohne Zuschauer.<\/p>\n<p><strong>Haug:<\/strong> Genau, da k\u00f6nnen dann auch neue Leute dazukommen, andere Stimmen k\u00f6nnen wegfallen, es gibt eine neue Dramaturgie. Eine neue Erz\u00e4hlstrategie. Das ergibt eigenst\u00e4ndige Arbeiten, die das Material in anderer Weise einfangen. Dieser Medienwechsel von B\u00fchne zu Radio bringt meistens mehr als die blosse Anfertigung eines Videos. (Alle H\u00f6rspielproduktionen von Rimini Protokoll gibt\u00a0es <a href=\"http:\/\/www.hoerspielpark.de\/website\/person\/autor\/rimini-protokoll\" target=\"_blank\">hier<\/a> vorzuh\u00f6ren und zu erwerben.)<\/p>\n<p><strong>Wetzel<\/strong>: Die H\u00f6rspielredaktion hat immer Angst, dass es sich um Zweitverwertungen handelt, dabei ist es f\u00fcr uns eigentlich der H\u00f6hepunkt einer Arbeit.<\/p>\n<p><em>Es ist also f\u00fcr euch normal, dass man aus einem Projekt mehrere Dinge macht? Und das Denken in mehreren Kan\u00e4len bestimmt auch die Proben mit?<\/em><\/p>\n<p><strong>Wetzel<\/strong>: Nein, das nicht. Bei gewissen Projekten haben wir die Leute zwar verkabelt, aber eher, um Konzentration herzustellen und um f\u00fcr die Arbeit am Text nichts zu verpassen. Aber das machen wir nicht mehr. Manchmal nehmen wir informelle Gespr\u00e4che verdeckt auf, um die Situation nicht zu beeinflussen. Das hilft uns, manches genauer zu rekonstruieren. Aber danach werden diese Aufnahmen gel\u00f6scht.<\/p>\n<p><strong>Haug<\/strong>: Oder man macht sich stattdessen Notizen. Aufnahmen sind oft nur ein Ersatz f\u00fcr Buch und Bleistift. Klar ist es interessant, bei einer Probe Fotos zu machen. Aber nach der Premiere gibt es einen Zustand, der viel st\u00e4rker ist, um aus dem Material noch einmal etwas Neues zu formen. Nur so nebenher w\u00e4hrend der Proben sind die Resultate schw\u00e4cher. Man kann nicht gleichzeitig auf f\u00fcnf Kan\u00e4len denken, das kommt nicht gut.<\/p>\n<p><em>Was in Z\u00fcrich beim <a href=\"http:\/\/www.zhdk.ch\/index.php?id=showroom\" target=\"_blank\">Showroom Z+ <\/a>gut funktioniert hat: leibliche Pr\u00e4senz, also wenn entweder Arbeiten performativ, live gezeigt wurden oder die K\u00fcnstler_innen f\u00fcr ein Gespr\u00e4ch anwesend waren.<\/em><\/p>\n<p><strong>Wetzel<\/strong>: Wir geben eher Lectures. Aber unser <a href=\"http:\/\/vimeo.com\/riminiprotokoll\/videos\/sort:date\/format:thumbnail\" target=\"_blank\">Vimeo-Kanal <\/a>ist sehr voll! \u00a0F\u00fcr eine Gruppe wie etwa die <a href=\"http:\/\/thewoostergroup.org\/blog\/\" target=\"_blank\">Wooster Group<\/a> sind die Verk\u00e4ufe von DVDs ihrer Produktionen relevant, um weiterarbeiten zu k\u00f6nnen. Das ist der amerikanische Markt.\u00a0Eine DVD einer Produktion kostet da um die 350 oder 400 Dollar, das Box-Set bekommt man f\u00fcr 1.250 Dollar, letzten Monat waren es noch 1.000. Und gewisse Arbeiten der Wooster Group, etwa aus den Achtzigerjahren, sind ja total wichtig.\u00a0Wir aber sind mit \u00f6ffentlichen Mitteln gef\u00f6rdert. Da muss man Produktionen zug\u00e4nglich machen, gerade bei den grossen Theatern, die teilweise auch bei uns recht viel Geld f\u00fcr den DVD-Verkauf verlangen. Bei denen geht es oft um die Rechte der Schauspieler, die bei unseren Leuten selten das Problem sind. Die freuen sich meistens, wenn sie noch woanders, auf DVD, zu sehen sind.<\/p>\n<p><em>Wollen eure Performer eigentlich in die Dramaturgie eingreifen?<\/em><\/p>\n<p><strong>Wetzel<\/strong>: In der Regel wollen sie das nicht. Sie machen Angebote, ja, aber die Sicht von der B\u00fchne herab ist einfach eine sehr andere als von vorne, vom Regiepult aus. Die meisten Performer sind tats\u00e4chlich einfach sehr gespannt, was bei dem Projekt herauskommen wird. Das betrifft auch die Dokumentation. Da ist zentral, dass ein Projekt seine Dokumentation mitdenkt und dabei aber nicht den Medienwechsel verkennt, der ein anderes Denken erfordert. Bei anderen Projekten, wo wir den Medienwechsel nicht erheblich finden, ist die Dokumentation nur so etwas wie ein Abstrich. Das Video unserer Arbeit \u00abQualit\u00e4tskontrolle\u00bb ist sehr sch\u00f6n geworden, aber es ist ganz klar sekund\u00e4r zur eigentlichen Arbeit. W\u00e4hrend das Radiost\u00fcck dazu eine eigenst\u00e4ndige Arbeit ist.<\/p>\n<p><strong>Haug<\/strong>: Ich habe aber grosses Verst\u00e4ndnis f\u00fcr Theaterprojekte, die die Dokumentation nicht gleich mitdenken k\u00f6nnen. Weil es die Arbeit ver\u00e4ndert, weil es Konzentration absch\u00f6pfen kann. Die ersten Schritte k\u00f6nnen auch anders aussehen.<\/p>\n<p><strong>Wetzel<\/strong>: Siehe unsere ersten zehn Jahre! (<em>lacht<\/em>)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Interview mit Helgard Haug und Daniel Wetzel von der Gruppe Rimini Protokoll Der Showroom Z+ hat sich in 18 Positionen und darunter f\u00fcnf performativen Beitr\u00e4gen mit \u00abDarstellungsformaten im Wandel\u00bb befasst. In der\u00a0Beobachtung stellte ich als Observer-in-Residence einige Fragen nach der Dokumentation von performativen Arbeiten. 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