{"id":55,"date":"2012-05-10T22:05:04","date_gmt":"2012-05-10T21:05:04","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/opernspiegel\/?p=55"},"modified":"2012-11-13T22:21:58","modified_gmt":"2012-11-13T21:21:58","slug":"gaetano-donizetti-poliuto-opernhaus-zurich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/opernspiegel\/2012\/05\/10\/gaetano-donizetti-poliuto-opernhaus-zurich\/","title":{"rendered":"Gaetano Donizetti &#8211; Poliuto (Opernhaus Z\u00fcrich)"},"content":{"rendered":"<p>Zwingend<\/p>\n<p>Donizettis <strong>Poliuto<\/strong> steht so selten auf den Spielpl\u00e4nen, dass die Schweizerische Erstauff\u00fchrung gar f\u00fcr einen ausgewiesener Experten wie Maestro NELLO SANTI, der nunmehr auf eine \u00fcber 60-j\u00e4hrige Karriere zur\u00fcckblickt, eine Erstproduktion darstellte. Und Regisseur DAMIANO MICHIELETTO machte deutlich, dass sich dieses St\u00fcck nicht nur in schwelgerischem Belcanto, Koloraturenwerk und spektakul\u00e4rem Heldentod ergibt, sondern gem\u00e4ss dem Titel der franz\u00f6sischen Version (aus der einige Partien in die nun in Z\u00fcrich gespielte Fassung eingef\u00fcgt wurden) die dramatische Situation von verfolgten und ge\u00e4chteten Glaubensgruppen in bedr\u00e4ngendem Ausmass zeigt. Ganz besonders dort, wo seine aktuelle und direkte Sichtweise die Grenzen reizt und damit die Ablehnung des an diesem Haus gern auf Lukullik eingestellten Publikums evozierte, korrespondiert die Musik wie eine Kommentarebene zur Handlung. Die Bilder, der sich Michieletto bedient, schmerzen. Um Pers\u00f6nlichkeit oder Identit\u00e4t preiszugeben, ist Entbl\u00f6ssung notwendig, die daraus folgend mit Verletzlichkeit einhergeht. Gerade diese ganz existentiellen Momente, die fast zum Wegschauen zwingen, hat der Regisseur pr\u00e4zis mit der Partitur abgestimmt. So k\u00f6nnen die Fragen um Martyrium, Glauben, Macht oder Liebe Kraft der Suggestionskraft der T\u00f6ne beantwortet oder mindestens die f\u00fcr unsere Zeit und unseren Kulturkreis schwer nachvollziehbare Ambivalenz erhellt werden. Handeln in einem solchen Spannungfeld Personen nicht mehr nach gewohntem menschlichem Massstab, so sind die Schaufensterpuppen, die immer unter der Volksmasse auszumachen sind, als H\u00fcllen treffliche Metaphern f\u00fcr Entleerung, Entfremdung und Anonymit\u00e4t. Die Umgebung, in die B\u00fchnenbildner PAOLO FANTIN die Handlung stellt, ist eine kalte Welt von Huxleys oder Orwells Zukunftspessimismus. Nello Santi setzte mit dem Orchester der Oper Z\u00fcrich den starken, unbequemen Bildern mit grosser Ernsthaftigkeit eine Emotionalit\u00e4t der vertrauteren Dimension entgegen und f\u00fchrte damit die hohe Qualit\u00e4t der Komposition deutlich vor Augen.<\/p>\n<p>Freilich stellte gerade das erw\u00e4hnte irritierende Handlungsmoment die Trias der tragenden Rollen vor entscheidende Probleme. Am Evidentesten wurde dies bei der Partie der Paolina in den Liebesgef\u00fchlen zwischen zwei M\u00e4nnern und in der Entscheidung zum M\u00e4rtyrertod. FIORENZA CEDOLINS beschr\u00e4nkte den emotionalen Ambitus mehr, als sie Paolina zur kompromisslosen Heldin aufbl\u00e4hte. Zu konzentiert auf die Anforderungen der Partie, ber\u00fchrte ihre Interpretation leider wenig und zeigte sich eher k\u00fchl. In MASSIMILIANO PISAPIA hatte sie einen ebenso h\u00f6hensicheren wie fermatenfreudigen Partner als Poliuto, musikalisch wie auch dramaturgisch blieb er eher pauschal. MASSIMO CAVALLETTIs Stimme spiegelte das Dilemma des Prokonsuls Severo zwischen Liebe und Staatsgehorsam in kraftvoll leuchtenden dunklen Farben. So stellte sich dem Statistenverein und dem Chor ganz wesentlich die Aufgabe, die Aussagekraft der Inszenierung zu tragen. ERNST RAFFELSBERGER hat letzteren gewohnt zuverl\u00e4ssig vorbereitet, so dass er frei und intensiv die grossen Aufgaben erf\u00fcllen konnte. Das St\u00fcck allerdings wird jedoch wohl weiterhin eine Rarit\u00e4t auf den Spielpl\u00e4nen bleiben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwingend Donizettis Poliuto steht so selten auf den Spielpl\u00e4nen, dass die Schweizerische Erstauff\u00fchrung gar f\u00fcr einen ausgewiesener Experten wie Maestro NELLO SANTI, der nunmehr auf eine \u00fcber 60-j\u00e4hrige Karriere zur\u00fcckblickt, eine Erstproduktion darstellte. 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