Zwischen wissenschaftlicher Illustration und Character Design – ein Interview mit Clio Schaffner

Während meiner Recherche für eine Interviewperson stosse ich auf Clio Schaffner und bin sofort fasziniert von ihrem Werdegang. Nach dem Liceo Artistico studierte Clio zuerst fünf Jahre lang Veterinärmedizin, bevor sie sich dazu entschloss, ihrer Leidenschaft – dem Zeichnen und Gestalten – nachzugehen. Sie studierte daraufhin «Scientific Visualization» an der ZHdK und schloss den Studiengang im Jahr 2018 ab. Heute arbeitet Clio einerseits im wissenschaftlichen Bereich, konnte sich aber auch mit Aufträgen für Disney und DreamWorks erfolgreich in der «Fiction»-Branche etablieren. Mich interessiert, wie es ihr gelungen ist, diese beiden Wege parallel und erfolgreich einzuschlagen.

Ein Blick zurück aufs Studium

Abbildung 1: Shelly – the interactive seaturtle. Bachelorprojekt von Nadine Cocina und Clio Schaffner

Wir verabreden uns für einen Freitagnachmittag im November. Schnell kommen wir auf das Studium an der ZHdK zu sprechen, welches Clio in sehr guter Erinnerung hat. Ich frage sie, was ihr im Studium am meisten geholfen hat, sich später als selbständige Illustratorin zu etablieren. Für Clio war dabei vor allem der Bereich der «visuellen Kommunikation» ein wichtiger Bestandteil, also das Erlernen von: «Wer ist Betrachter:in, wer ist Nutzer:in?» und die daraus verbundene Bedeutung für jeden einzelnen Strich in einer Illustration. Dies habe sehr geholfen, sich professionell einschätzen und positionieren zu können.

Ich möchte weiter wissen, wie Clio damit umgegangen ist, dass ihr seit der Kindheit bestehendes Interesse an Character Design im Studiengang kaum eine Rolle spielt. Ihr Rat ist klar: Interessen sollten auch neben dem Studium unbedingt weiterverfolgt werden.

«Nutze die Zeit während des Studiums, um auch deinen Interessen nachzugehen und vieles zu lernen. Nach dem Studium fehlt dir dann vielleicht die Zeit dafür.»

Der Einstieg ins Berufsleben

Auch beim Thema Berufseinstieg betont Clio die Bedeutung eigener Projekte. Dank ihres Bachelorprojekts Shelly – einer interaktiven Schildkröte, die sie gemeinsam mit ihrer Schwester entwickelte – ergab sich die Möglichkeit, weiter mit dem Zoologischen Museum Zürich zusammenzuarbeiten. In der Folge realisierte Clio Visualisierungen für das neue Museum und illustrierte ein Kinderbuch. Sie rät deshalb, die Bachelorarbeit sehr ernst zu nehmen, da sich daraus bereits erste Aufträge nach dem Studium ergeben können.

Nach den Projekten mit dem Zoologischen Museum folgten weitere Auftragsanfragen von unterschiedlichen Personen und Institutionen. So konnte sich Clio schrittweise ein Kund:innenumfeld aufbauen. Phasen mit weniger Aufträgen nahm sie gelassen und nutzte diese gezielt, um ihr Portfolio weiterzuentwickeln:

«Du musst ein starkes Portfolio haben und auch deine Industrie kennen: Wo bin ich auffallender als andere? Wo braucht es mich? Wo positioniere ich mich?»

Abbildung 2: Nanosaurus agilis
Abbildung 3: Konzept und Visualisierung für das neue Museum

Zwischen Non- Fiction und Fiction

Der Einstieg in die «Fiction»-Welt gelang Clio durch Eigeninitiative. Auf Instagram begann sie, eine Seite für Character Design zu führen. An einem Event für Gestalter:innen aus den Bereichen Character Design, Animation und Film auf Malta wurde schliesslich eine Recruiterin von Disney auf Clio aufmerksam. Das anschliessende Gespräch half Clio zu verstehen, welche Skills und welches Portfolio für grosse Animationsstudios entscheidend sind.

Nach rund einem Jahr intensiver Portfolioarbeit meldete sich DreamWorks bei Clio und bot ihr einen Auftrag an: das Character Design für alle weiblichen Hauptfiguren einer neuen Serie. Dieser Job führte später auch zur Zusammenarbeit mit Disney am Trading-Card-Spiel Lorcana, an dem Clio heute rund 60 % ihrer Arbeitszeit arbeitet.

Zum Schluss interessiert mich, wie Clio die Arbeitswelten der wissenschaftlichen Illustration und der Fiction-Branche erlebt und wie sie beide Bereiche parallel organisiert. Ihre Schweizer Kund:innen stammen hauptsächlich aus dem wissenschaftlichen Umfeld, während ihre Fiction-Aufträge überwiegend aus dem Ausland kommen.

Clio hat sich entschieden, mit zwei getrennten Instagram- und Portfolioseiten zu arbeiten und die Bereiche klar zu trennen. Besonders der Fiction-Bereich sei stark umkämpft und international geprägt: «Dann musst du wirklich wissen: Wo bist du? Was sind meine Stärken?»
Gleichzeitig ist Clio überzeugt:

«Wenn du ein bestimmtes Level erreicht hast, wird sich auch im Fiction Bereich eine Möglichkeit ergeben, zu arbeiten.»

 

Abbildung 4: Character Design für DreamWorks «Dragons- the nine realms»

 

Abbildung 5: Ariel – Ethereal Voice für Disney Lorcana von Ravensburger

Vielen Dank Clio für dieses spannende Gespräch!

Websites:

https://www.cliodraws.ch

https://cliodrawsfauna.ch