Forschen durch Gestalten – Ein Interview mit Oliver Bruderer

Ich treffe Oliver am Eingang zum Naturhistorischen Museum der Universität Zürich, wo sich auch einer seiner Arbeitsplätze befindet. Begleitet von Erläuterungen und Anekdoten zu seinem Arbeitsalltag führt er mich durch die Räumlichkeiten der Archäologischen Abteilung und stellt mir einige der dortigen Mitarbeitenden vor, die selbst spät am Abend noch im Haus sind. In seinem Büro angekommen, setzen wir uns an seinen Schreibtisch, wo er mir einige seiner Arbeiten zeigt und mir von seinem Werdegang erzählt.

Schon früh entwickelte Oliver das Bedürfnis, die Welt um sich herum zu verstehen und herauszufinden, wie sie funktioniert. Gekoppelt mit seiner Leidenschaft für Gestaltung führte ihn sein Weg an die ZHdK, wo er 2016 einen Bachelorabschluss in Knowledge Visualization (damals noch «Scientific Visualization» genannt) machte. Ein Praktikum auf einer Ausgrabung in Ägypten kurz nach seinem Abschluss führte schliesslich zu seiner Spezialisierung auf Visualisierungen für die Archäologie.

 

Der Weg zum Dreidimensionalen

Auf verschiedenen Ausgrabungen erstellte Oliver bereits Rekonstruktionen archäologischer Objekte und Fundstellen in Form von 3D-Modellen. In seiner Masterarbeit, an der er zwischen 2019 und 2020 arbeitete, vertiefte er sich weiter in das Medium der 3D-Visualisierungen. Mithilfe von CAD-Plänen, SfM-Modellen und engem Austausch mit Forschenden erstellte Oliver eine Rekonstruktion einer antiken Stoa (Säulenhalle), die im Heiligtum der Göttin Artemis neben dem Altar stand.

Eine interaktive Version des 3D-Modells (als Prototyp) ermöglicht es Fachkundigen ebenso wie Aussenstehenden, das antike Gebäude so zu erleben, wie es früher tatsächlich ausgesehen haben könnte, obwohl heute nur noch wenige Überreste des Heiligtums vorhanden sind. Mithilfe der Rekonstruktion können einzelne Bruchstücke des Gebäudes (wie zum Beispiel ein abgebrochenes Stück Fries) in ihren ursprünglichen Kontext wieder eingefügt werden. So wird aus einem unübersichtlichen, komplexen Berg aus Fundamenten, Plänen und Fundstücken ein anschauliches Modell, aus dem wichtige wissenschaftliche Schlüsse und Erkenntnisse gezogen werden können.


Abb. 1-3: Ausschnitte & Pläne aus der Masterarbeit «Amarynthos Oststoa – Visuelles Rekonstruktionsmodell», Oliver Bruderer, 2020

 

3D-Modelle als Forschungsmittel

Momentan ist Oliver unter anderem am Institut für Archäologie der Universität Zürich als wissenschaftlicher Illustrator angestellt. Er arbeitet dort viel mit Scans, Modellen, Simulationen und Rekonstruktionen im 3D-Raum und taucht mithilfe dieses Mediums auch tief in die Forschung ein.

2024 wird unter der Leitung von Prof. Corinna Reinhardt das Digital Visualization Lab gegründet, ein Projekt der UZH, das sich mit verschiedenen Methoden der digitalen Visualisierung archäologischer Artefakte beschäftigt, insbesondere durch 3D-Verfahren. Oliver nutzt seine Fähigkeiten in diesem Bereich, um verschiedene Projekte des Digital Visualization Labs zu realisieren. Ein Beispiel für ein solches Projekt sind die 3D-Scans zweier verschiedener Nike-Statuetten.

-> https://www.iaka.uzh.ch/de/arch/klarch/Forschung/Digital-Visualisation-Lab.html

Bei den Statuetten handelt es sich um kleine, handliche Terrakottafiguren, die als Grabbeigaben dienten. Die beiden Statuetten werden eingescannt und können so als 3D-Modelle digital analysiert sowie mithilfe eines 3D-Druckers reproduziert werden. Legt man die beiden Scans in einem 3D-Programm transparent übereinander (wie auf Abb. 7 gezeigt), lassen sich Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Figuren exakt erfassen – etwas, das mit Fotografien allein nicht möglich wäre. So konnte beispielsweise der Schluss gezogen werden, dass die Figuren mithilfe derselben Form hergestellt wurden, wobei Einzelteile wie Arme, Beine oder Köpfe separat angefertigt und später in unterschiedlichen Variationen mit dem Körper kombiniert wurden.

Abb. 4-7: Einblicke in das Projekt «Werkstattzusammenhang zweier hellenistischer Nike-Statuetten aus Terrakotta» des Digital Visualization Labs, UZH

Das Projekt der Nike-Statuetten zeigt anschaulich, wie 3D-Visualisierungen und -Modelle aktiv zur Forschung beitragen können. Oliver erklärt weiter, dass solche 3D-Scans auch die Zusammenarbeit mit anderen Fachleuten erleichtern und neue Möglichkeiten für die präzise Untersuchung wertvoller Artefakte eröffnen.

«Sonst ist es immer sehr wichtig, dass man das Original hat, damit man es sich anschauen kann. Mit dem 3D-Modell hat man zum ersten Mal die Möglichkeit, sehr direkt mit dem Objekt zu arbeiten [ohne es tatsächlich in den Händen zu halten].»

 

Archäologie als Arbeitsfeld

Die Archäologie ist ein relativ kleines Feld, wie mir Oliver erzählt. Jeder kennt jeden, und es wird eng zusammengearbeitet. Oliver selbst arbeitet deshalb auch viel mit Archäologen, Archäologinnen, Forschenden und anderen wissenschaftlichen Illustratoren und Illustratorinnen zusammen. Die Kooperation und Kommunikation zwischen Archäolog*innen und Illustrator*innen ist dabei nicht nur ein notwendiges Nebenprodukt, sondern trägt aktiv zur Forschung bei. Bei gestalterischen Prozessen treten oft Fragen auf, die sich ein Archäologe oder eine Archäologin so konkret vielleicht noch gar nicht gestellt hätte. Die Umwandlung von Fachwissen in eine Vermittlung für die Öffentlichkeit bringt Unklarheiten und Widersprüche ans Tageslicht, die dann durch den Austausch mit Fachleuten geklärt werden können.
Auf diesem Weg kann Wissen weiter verfeinert und präzisiert werden.

Ein weiterer interessanter Aspekt der Archäologie ist ihre politische Bedeutung. Häufig erfordern archäologische Projekte eine offene Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Nationen. Die Aufarbeitung gemeinsamer Geschichte ist dabei ein zentrales Thema, was die üblichen Herausforderungen der interkulturellen Arbeit mit sich bringt.

Für seine Arbeit in der Archäologie war Oliver viel auf Reisen. Auf Grabungen verbrachte er mehrere Wochen in Griechenland, Ägypten oder Italien. Mit der Universität Zürich finden Ausgrabungen auf dem Monte Lato statt, einem kleinen Dorf in Sizilien, wo Oliver zwei Wochen in der intensiven Sommerhitze verbrachte. Die Grabungen finden dort bereits seit den 1970er-Jahren unter der Leitung verschiedener Grabungsleiter*innen statt, und das Dorf hat sich an das stetige Kommen und Gehen der Archäologen und Archäologinnen gewöhnt, wie Oliver erzählt.

«Unser Grabungsleiter – Martin Mohr – er ist sogar schon Ehrenbürger von
diesem Dorf geworden.»

Oliver hat diese Zeit sehr genossen, auch wenn er den ganzen Tag bis spät in den Abend hinein arbeiten musste. Die Atmosphäre unter den Archäologen und Archäologinnen ist familiär, und da man zu jeder Tageszeit mit gutem Essen versorgt wird, kann man sich voll und ganz auf seine Arbeit konzentrieren und tief in die Archäologie eintauchen.

 

 

Bis spät am Abend bin ich in das Gespräch mit Oliver vertieft, bis wir uns schliesslich gegen halb sieben verabschieden und uns auf unsere Heimwege machen. Ich bin dankbar für die spannenden Einblicke in seine Projekte und seinen Arbeitsalltag und wünsche Oliver viel Glück und Erfolg bei seinen kommenden Arbeiten.

Herzlichen Dank für das interessante Gespräch, Oliver!

 

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Folgender Link führt zu Oliver Bruderers Website, wo einige seiner Projekte vorgestellt sind:

Digital Visualisation Lab am Institut für Archäologie, Klassische Philologie und Altertumswissenschaften der Universität Zürich IAKA:

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