Für das Interview treffe ich Enrico Bachmann an der ZHdK – dem Ort, an dem sein heutiger Weg begonnen hat. Seit 14 Jahren lebt er in Zürich. Davor machte er eine Ausbildung am CSIA und arbeitete rund zehn Jahre als Goldschmied und Graveur. Schon zu Beginn unseres Gesprächs wird klar, wie sehr ihn das Handwerk und das Gestalterische schon immer begleitet haben – auch wenn sein Weg alles andere als geradlinig war.
Vom Handwerk zur Frage nach Bedeutung
Er erzählt, dass ihm die Arbeit als Goldschmied gefallen hat, vor allem wegen der handwerklichen und kreativen Dimension. Mit der Zeit fühlte er sich jedoch zunehmend unwohl mit der starken Fokussierung auf materielle Werte und der Oberflächlichkeit die sie mit sich bringen. Das Studium wurde so zu einer Gelegenheit, eine neue Richtung einzuschlagen und nach einer bedeutungsvolleren Dimension zu suchen.

Das Zeichnen fiel ihm eigentlich immer leicht. Er hatte schon immer ein starkes Interesse an Grafik und stoss passenderweise auf das Studium der wissenschaftlichen Illustration: ein Bereich, der visuelles Design und Wissensvermittlung verbindet.
„Selbst das scheinbar Einfache kann wissenschaftlich relevant sein“
Genau dieser Aspekt hat ihn am meisten beeindruckt: die Möglichkeit, komplexe Inhalte zugänglich zu machen und zu zeigen, dass auch scheinbar einfache Themen eine große wissenschaftliche Tiefe haben können.
Durchs Machen zur Wissensvermittlung
Rückblickend bereut er es nicht schon früher studiert zu haben und sagt, dass er vor zehn Jahren noch nicht bereit gewesen wäre. Der Weg hat sich nämlich mit der Zeit entwickelt, indem er durchs Machen verstand was er wirklich tun wollte.

Projekte mit Wirkung
Als ich ihn auf seine Projekte anspreche, erzählt er mir, das ihn seine Diplomarbeit von 2024 über längere Zeit begleitet hat. Dank dem Förderpreises Design konnte er sie nach seinem Abschluss unabhängig finanzieren und genau so entwickeln, wie er es sich vorgestellt hatte. Im Juni 2025 hat er seine Diplomarbeit zum zweiten Mal fertiggestellt. Obwohl er immer noch nicht zu hundert Prozent zufrieden damit war, beschloss er sie nun so zu belassen, da er sonst nie ein Ende finden würde.
In der Zwischenzeit wurde die Arbeit in verschiedenen internationalen Kontexten ausgestellt, darunter in Deutschland, Italien, Spanien und London. Im Mittelpunkt steht ein sehr aktuelles und sensibles Thema: Migration.
„Ein Projekt öffnet einem viele Türen, verschließt einem aber ebenso viele.“
Er erklärt mir, wie dieses Thema oft auf ein Problem reduziert wird, wobei die Geschichten und Menschen dahinter aus den Augen verloren werden. Auch aus diesem Grund waren die Reaktionen auf das Projekt sehr unterschiedlich: von Kritik bis hin zu äußerst positiven Rückmeldungen, wie sie während einer Ausstellung in Venedig im Rahmen eines Festivals zum Thema Menschenrechte zu hören waren.

Zwischen Praxis, Stil und Zukunft
Seit etwa einem Jahr arbeitet er als Freelancer. Viele Aufträge sind aus früheren Praktikas entstanden, zum Beispiel im Tierspital Zürich oder aus Projekten, die er in Rom realisiert hat.
Er spricht sehr offen über die Schwierigkeiten, die mit dem Start in die Selbstständigkeit verbunden sind: Am Anfang muss man sich zeigen, Beziehungen aufbauen und oft mehr Zeit und Energie investieren, als man tatsächlich bezahlt bekommt. Gleichzeitig hat ihm seine Erfahrung als Goldschmied sehr geholfen, vor allem dabei, Verantwortung zu übernehmen und mit Druck umzugehen.
Parallel dazu arbeitet er weiterhin in Teilzeit als Goldschmied, eine Entscheidung, die ihm eine gewisse wirtschaftliche Stabilität garantiert und es ihm ermöglicht, eine starke Verbindung zu seiner analogen Arbeit aufrechtzuerhalten.
Gegen Ende unseres Gesprächs betont er, wie wichtig es ist, Kontakte zu pflegen, auch außerhalb des eigenen beruflichen Umfeldes. Interdisziplinäre Kooperationen machen oft den Unterschied. Für sein Diplomprojekt arbeitete er beispielsweise mit einem Freund zusammen, der sich um das Sounddesign kümmerte.
Als ich ihn zum Schluss um einen Rat bitte, sagt er:
„Weitermachen, sich engagieren, sich zeigen und bereit sein, Zeit und Arbeit zu investieren.“
Vielen Dank, lieber Enrico, für das offene und inspirierende Gespräch, deine Zeit und deine große Freundlichkeit.
Hier geht es zu Enrico`s Website: https://enricobachmann.ch/