Einblicke in Animation, Storytelling und einen ungewöhnlichen Karriereweg
Einleitung
Als ich Simon Otto im Dezember 2025 via Instagram kontaktierte, wagte ich kaum auf eine Antwort aus Übersee zu hoffen. Umso grösser war die Freude über seine schnelle, offene und sehr herzliche Antwort, und noch grösser, dass er sich kurz darauf tatsächlich eine gute Stunde Zeit für ein ausführliches Gespräch mit mir nahm. Das Interview fand auf Schweizerdeutsch statt, was dem Austausch eine besondere Nähe verlieh: persönlich, direkt und frei von formeller Distanz.
Simon Otto ist ein Schweizer Animator, Regisseur und Storyboard Artist und hat an zahlreichen international bekannten Produktionen wie How to Train Your Dragon, Trollhunters, Shrek, Kung Fu Panda oder zuletzt That Christmas (sein Spielfilm Regiedebüt) mitgewirkt. Das Gespräch entstand im Rahmen des Studiengangs Knowledge Visualization an der ZHdK und bot nicht nur Einblicke in seine illustre Karriere, sondern auch in grundlegende Fragestellungen zu Storytelling, Animation und kreativen Arbeitsprozessen.

Ein ungewöhnlicher Einstieg: Schneeskulpturen und Zeitungscomics
Bereits bevor Simon Otto den Weg in die internationale Animationsbranche fand, verlief seine Laufbahn ungewöhnlich. Nach einer Banklehre und dem Militärdienst arbeitete er ein Jahr lang als Schneeskulpteur in der Ostschweiz. In Orten wie Arosa oder St. Moritz entstanden monumentale Schneeskulpturen, teils mehrere Meter hoch und bis zu zehn Meter lang.
„Das waren Riesendinger: Dinosaurierparks, Werbeschriften aus Schnee, ganze Szenerien für Hotels und Veranstaltungen.“
Parallel dazu begann er, für die Zeitung Die Südostschweiz Karikaturen und Comics zu zeichnen. Über Sportberichte fand er den Einstieg in die Redaktion, wo seine zeichnerischen Fähigkeiten entdeckt und gefördert wurden. Diese frühen Erfahrungen zeigen, wie wichtig Offenheit und das Nutzen unerwarteter Möglichkeiten für eine kreative Laufbahn sein können.
Ausbildung und Durchbruch in Paris
Der Wunsch, Animator zu werden, begleitete Simon Otto schon seit seiner Kindheit als grosser Fan der Walt Disney-Filme und Comics wie Tim und Struppi oder Asterix und Obelix. In den 1990er-Jahren war der Weg in diese Branche jedoch deutlich weniger transparent als heute: Es gab kein Internet, kaum Informationen und wenig Orientierung.
Nach dem Vorkurs an der F+F Schule für Kunst und Design in Zürich bewarb er sich an vielen Schulen weltweit – mit Erfolg. Besonders prägend war die Aufnahme an der renommierten Gobelins-Schule in Paris. Von rund 1000 Bewerbungen wurden jedes Jahr nur etwa 20 Studierende aufgenommen. Der Auswahlprozess war mehrstufig und verlangte zeichnerisches Können, Ausdauer und Persönlichkeit.
„Ich war Ausländer, hatte Schneeskulpturen im Portfolio: das war etwas völlig anderes als bei den meisten anderen.“
Noch während des Studiums wurden die besten Talente von grossen Studios gescoutet. Simon Otto erhielt schliesslich unter anderem ein Angebot von DreamWorks in Los Angeles und begann dort direkt als Animator, ein Schritt, den er selbst als „den amerikanischen Traum“ beschreibt.
Arbeitsalltag zwischen Animation und Regie
Im Laufe seiner Karriere in Los Angeles arbeitete Simon Otto als Animator, Storyboard Artist, Character Designer und schliesslich als Regisseur. Diese Stationen prägen bis heute sein Verständnis für die Produktionspipeline von Filmen und Filmserien.
Als Animator oder Storyboarder ist der Alltag stark strukturiert: Zeichnen, Feedbackrunden, sogenannte „Dailies“ und kontinuierliche Verfeinerung einzelner Szenen. Als Regisseur hingegen ist kein Tag wie der Andere: Meetings, Casting-Entscheidungen, Storyboard-Besprechungen, Tonaufnahmen und Schnitt wechseln sich ständig ab.
„Der Job verändert sich über die drei Jahre einer Filmproduktion hinweg komplett: von Entwicklung über Produktion bis zur Postproduktion.“
Besonders eindrücklich ist der kollaborative Charakter von Animationsfilmen: Hunderte von Spezialistinnen und Spezialisten arbeiten an einzelnen Aspekten wie Licht, Effekte, Kleidungssimulation oder Sounddesign. Davon sind vieles Berufe, welche Aussenstehenden kaum bekannt sind.
Storytelling: Want vs. Need
Ein zentrales Thema des Interviews war das “Storytelling”. Für Simon Otto sind Story und Figur untrennbar miteinander verbunden. Gute Geschichten sind für ihn nicht nur unterhaltsam, sondern greifen jeweils menschliche Grundbedürfnisse auf, in denen sich das Publikum wiederfinden kann.
„Eine gute Geschichte erforscht den Unterschied zwischen dem, was eine Figur will, und dem, was sie wirklich braucht.“
Dieses Prinzip, oft als Want vs. Need beschrieben, bildet den Kern vieler erfolgreicher Filme. Figuren lernen etwas über sich selbst oder verändern die Welt um sich herum. Gerade Animation bietet dabei zusätzlich Raum für Wunschvorstellungen und Fantasie:
„Auf einem Drachen zu sitzen und durch die Welt zu fliegen – das ist Wish Fulfillment, das wir als Kinder geträumt haben.“
Fähigkeiten eines guten Animators
Auf die Frage, welche Fähigkeiten es braucht, um Animator zu werden, betont Simon Otto vor allem Beobachtungsgabe. Wer genau hinschaut, erkennt, wie Menschen sich bewegen, sprechen und reagieren und wie sich solche Nuancen in Figuren übersetzen lassen.
„Man kann unglaublich gut zeichnen können, aber wenn man nicht schauspielern kann, ist man kein guter Animator.“
Hinzu kommen Rhythmusgefühl, Verständnis für Bewegung, Design und Komposition. Inte-ressant ist dabei auch der Bezug zum Sport, den Simon Otto als wertvolle Schule für Bewegungsanalyse beschreibt, ein Aspekt, der auch für mich persönlich sehr nachvollziehbar ist.
Persönliches Fazit
Das Gespräch mit Simon Otto hat mir eindrücklich gezeigt, wie vielfältig, kollaborativ und wandelbar die Animationsbranche ist. Besonders spannend war für mich die Verbindung zwischen Beobachtung, Storytelling und visueller Gestaltung, welches auch zentrale Themen im Knowledge Visualization sind.
Dass dieses Interview auf Schweizerdeutsch stattfinden konnte, verlieh den Aussagen eine besondere Authentizität. Es war weniger ein klassisches Interview als vielmehr ein offener Austausch zwischen zwei Generationen von Gestaltern über Neugier, Ausdauer und die Bereitschaft, Chancen zu erkennen, auch wenn sie unerwartet kommen.