Kategorie: Uncategorized

Ein Interview mit Simon Otto

Einblicke in Animation, Storytelling und einen ungewöhnlichen Karriereweg

Einleitung

Als ich Simon Otto im Dezember 2025 via Instagram kontaktierte, wagte ich kaum auf eine Antwort aus Übersee zu hoffen. Umso grösser war die Freude über seine schnelle, offene und sehr herzliche Antwort, und noch grösser, dass er sich kurz darauf tatsächlich eine gute Stunde Zeit für ein ausführliches Gespräch mit mir nahm. Das Interview fand auf Schweizerdeutsch statt, was dem Austausch eine besondere Nähe verlieh: persönlich, direkt und frei von formeller Distanz.

Simon Otto ist ein Schweizer Animator, Regisseur und Storyboard Artist und hat an zahlreichen international bekannten Produktionen wie How to Train Your Dragon, Trollhunters, Shrek, Kung Fu Panda oder zuletzt That Christmas (sein Spielfilm Regiedebüt) mitgewirkt. Das Gespräch entstand im Rahmen des Studiengangs Knowledge Visualization an der ZHdK und bot nicht nur Einblicke in seine illustre Karriere, sondern auch in grundlegende Fragestellungen zu Storytelling, Animation und kreativen Arbeitsprozessen.

 

Abb 1. How To Train Your Dragon, Dreamsworks Animation

 

Ein ungewöhnlicher Einstieg: Schneeskulpturen und Zeitungscomics

Bereits bevor Simon Otto den Weg in die internationale Animationsbranche fand, verlief seine Laufbahn ungewöhnlich. Nach einer Banklehre und dem Militärdienst arbeitete er ein Jahr lang als Schneeskulpteur in der Ostschweiz. In Orten wie Arosa oder St. Moritz entstanden monumentale Schneeskulpturen, teils mehrere Meter hoch und bis zu zehn Meter lang.

„Das waren Riesendinger: Dinosaurierparks, Werbeschriften aus Schnee, ganze Szenerien für Hotels und Veranstaltungen.“

Parallel dazu begann er, für die Zeitung Die Südostschweiz Karikaturen und Comics zu zeichnen. Über Sportberichte fand er den Einstieg in die Redaktion, wo seine zeichnerischen Fähigkeiten entdeckt und gefördert wurden. Diese frühen Erfahrungen zeigen, wie wichtig Offenheit und das Nutzen unerwarteter Möglichkeiten für eine kreative Laufbahn sein können.

Ausbildung und Durchbruch in Paris

Der Wunsch, Animator zu werden, begleitete Simon Otto schon seit seiner Kindheit als grosser Fan der Walt Disney-Filme und Comics wie Tim und Struppi oder Asterix und Obelix. In den 1990er-Jahren war der Weg in diese Branche jedoch deutlich weniger transparent als heute: Es gab kein Internet, kaum Informationen und wenig Orientierung.

Nach dem Vorkurs an der F+F Schule für Kunst und Design in Zürich bewarb er sich an vielen Schulen weltweit – mit Erfolg. Besonders prägend war die Aufnahme an der renommierten Gobelins-Schule in Paris. Von rund 1000 Bewerbungen wurden jedes Jahr nur etwa 20 Studierende aufgenommen. Der Auswahlprozess war mehrstufig und verlangte zeichnerisches Können, Ausdauer und Persönlichkeit.

„Ich war Ausländer, hatte Schneeskulpturen im Portfolio: das war etwas völlig anderes als bei den meisten anderen.“

Noch während des Studiums wurden die besten Talente von grossen Studios gescoutet. Simon Otto erhielt schliesslich unter anderem ein Angebot von DreamWorks in Los Angeles und begann dort direkt als Animator, ein Schritt, den er selbst als „den amerikanischen Traum“ beschreibt.

Arbeitsalltag zwischen Animation und Regie

Im Laufe seiner Karriere in Los Angeles arbeitete Simon Otto als Animator, Storyboard Artist, Character Designer und schliesslich als Regisseur. Diese Stationen prägen bis heute sein Verständnis für die Produktionspipeline von Filmen und Filmserien.

Als Animator oder Storyboarder ist der Alltag stark strukturiert: Zeichnen, Feedbackrunden, sogenannte „Dailies“ und kontinuierliche Verfeinerung einzelner Szenen. Als Regisseur hingegen ist kein Tag wie der Andere: Meetings, Casting-Entscheidungen, Storyboard-Besprechungen, Tonaufnahmen und Schnitt wechseln sich ständig ab.

„Der Job verändert sich über die drei Jahre einer Filmproduktion hinweg komplett: von Entwicklung über Produktion bis zur Postproduktion.“

Besonders eindrücklich ist der kollaborative Charakter von Animationsfilmen: Hunderte von Spezialistinnen und Spezialisten arbeiten an einzelnen Aspekten wie Licht, Effekte, Kleidungssimulation oder Sounddesign. Davon sind vieles Berufe, welche Aussenstehenden kaum bekannt sind.

 

Storytelling: Want vs. Need

Ein zentrales Thema des Interviews war das “Storytelling”. Für Simon Otto sind Story und Figur untrennbar miteinander verbunden. Gute Geschichten sind für ihn nicht nur unterhaltsam, sondern greifen jeweils menschliche Grundbedürfnisse auf, in denen sich das Publikum wiederfinden kann.

„Eine gute Geschichte erforscht den Unterschied zwischen dem, was eine Figur will, und dem, was sie wirklich braucht.“

Dieses Prinzip, oft als Want vs. Need beschrieben, bildet den Kern vieler erfolgreicher Filme. Figuren lernen etwas über sich selbst oder verändern die Welt um sich herum. Gerade Animation bietet dabei zusätzlich Raum für Wunschvorstellungen und Fantasie:

„Auf einem Drachen zu sitzen und durch die Welt zu fliegen – das ist Wish Fulfillment, das wir als Kinder geträumt haben.“

Fähigkeiten eines guten Animators

Auf die Frage, welche Fähigkeiten es braucht, um Animator zu werden, betont Simon Otto vor allem Beobachtungsgabe. Wer genau hinschaut, erkennt, wie Menschen sich bewegen, sprechen und reagieren und wie sich solche Nuancen in Figuren übersetzen lassen.

„Man kann unglaublich gut zeichnen können, aber wenn man nicht schauspielern kann, ist man kein guter Animator.“

Hinzu kommen Rhythmusgefühl, Verständnis für Bewegung, Design und Komposition. Inte-ressant ist dabei auch der Bezug zum Sport, den Simon Otto als wertvolle Schule für Bewegungsanalyse beschreibt, ein Aspekt, der auch für mich persönlich sehr nachvollziehbar ist.

 

Persönliches Fazit

Das Gespräch mit Simon Otto hat mir eindrücklich gezeigt, wie vielfältig, kollaborativ und wandelbar die Animationsbranche ist. Besonders spannend war für mich die Verbindung zwischen Beobachtung, Storytelling und visueller Gestaltung, welches auch zentrale Themen im Knowledge Visualization sind.

Dass dieses Interview auf Schweizerdeutsch stattfinden konnte, verlieh den Aussagen eine besondere Authentizität. Es war weniger ein klassisches Interview als vielmehr ein offener Austausch zwischen zwei Generationen von Gestaltern über Neugier, Ausdauer und die Bereitschaft, Chancen zu erkennen, auch wenn sie unerwartet kommen.

Zwischen Handwerk und Wissensvermittlung – ein Gespräch mit Enrico Bachmann

Für das Interview treffe ich Enrico Bachmann an der ZHdK – dem Ort, an dem sein heutiger Weg begonnen hat. Seit 14 Jahren lebt er in Zürich. Davor machte er eine Ausbildung am CSIA und arbeitete rund zehn Jahre als Goldschmied und Graveur. Schon zu Beginn unseres Gesprächs wird klar, wie sehr ihn das Handwerk und das Gestalterische schon immer begleitet haben – auch wenn sein Weg alles andere als geradlinig war.

Vom Handwerk zur Frage nach Bedeutung

Er erzählt, dass ihm die Arbeit als Goldschmied gefallen hat, vor allem wegen der handwerklichen und kreativen Dimension. Mit der Zeit fühlte er sich jedoch zunehmend unwohl mit der starken Fokussierung auf materielle Werte und der Oberflächlichkeit die sie mit sich bringen. Das Studium wurde so zu einer Gelegenheit, eine neue Richtung einzuschlagen und nach einer bedeutungsvolleren Dimension zu suchen.

 

Abb. 1 Illustrationen für die Zeitung WOZ

 

Das Zeichnen fiel ihm eigentlich immer leicht. Er hatte schon immer ein starkes Interesse an Grafik und stoss passenderweise auf das Studium der wissenschaftlichen Illustration: ein Bereich, der visuelles Design und Wissensvermittlung verbindet. 

„Selbst das scheinbar Einfache kann wissenschaftlich relevant sein“

Genau dieser Aspekt hat ihn am meisten beeindruckt: die Möglichkeit, komplexe Inhalte zugänglich zu machen und zu zeigen, dass auch scheinbar einfache Themen eine große wissenschaftliche Tiefe haben können. 

Durchs Machen zur Wissensvermittlung

Rückblickend bereut er es nicht schon früher studiert zu haben und sagt, dass er vor zehn Jahren noch nicht bereit gewesen wäre. Der Weg hat sich nämlich mit der Zeit entwickelt, indem er durchs Machen verstand was er wirklich tun wollte.

Abb. 2  Animation für Electa, Swiss Design Award

Projekte mit Wirkung

Als ich ihn auf seine Projekte anspreche, erzählt er mir, das ihn seine Diplomarbeit von 2024 über längere Zeit begleitet hat. Dank dem Förderpreises Design konnte er sie nach seinem Abschluss unabhängig finanzieren und genau so entwickeln, wie er es sich vorgestellt hatte. Im Juni 2025 hat er seine Diplomarbeit zum zweiten Mal fertiggestellt. Obwohl er immer noch nicht zu hundert Prozent zufrieden damit war, beschloss er sie nun so zu belassen, da er sonst nie ein Ende finden würde.

In der Zwischenzeit wurde die Arbeit in verschiedenen internationalen Kontexten ausgestellt, darunter in Deutschland, Italien, Spanien und London. Im Mittelpunkt steht ein sehr aktuelles und sensibles Thema: Migration. 

„Ein Projekt öffnet einem viele Türen, verschließt einem aber ebenso viele.“

Er erklärt mir, wie dieses Thema oft auf ein Problem reduziert wird, wobei die Geschichten und Menschen dahinter aus den Augen verloren werden. Auch aus diesem Grund waren die Reaktionen auf das Projekt sehr unterschiedlich: von Kritik bis hin zu äußerst positiven Rückmeldungen, wie sie während einer Ausstellung in Venedig im Rahmen eines Festivals zum Thema Menschenrechte zu hören waren.

Abb. 3 Kurzfilm-Plakat „Proceed to Rescue“

Zwischen Praxis, Stil und Zukunft

Seit etwa einem Jahr arbeitet er als Freelancer. Viele Aufträge sind aus früheren Praktika entstanden,  zum Beispiel im Tierspital Zürich oder aus Projekten, die er in Rom realisiert hat. 

Er spricht sehr offen über die Schwierigkeiten, die mit dem Start in die Selbstständigkeit verbunden sind: Am Anfang muss man sich zeigen, Beziehungen aufbauen und oft mehr Zeit und Energie investieren, als man tatsächlich bezahlt bekommt. Gleichzeitig hat ihm seine Erfahrung als Goldschmied sehr geholfen, vor allem dabei, Verantwortung zu übernehmen und mit Druck umzugehen.

Parallel dazu arbeitet er weiterhin in Teilzeit als Goldschmied, eine Entscheidung, die ihm eine gewisse wirtschaftliche Stabilität garantiert und es ihm ermöglicht, eine starke Verbindung zu seiner analogen Arbeit aufrechtzuerhalten.

Gegen Ende unseres Gesprächs betont er, wie wichtig es ist, Kontakte zu pflegen, auch außerhalb des eigenen beruflichen Umfeldes. Interdisziplinäre Kooperationen machen oft den Unterschied. Für sein Diplomprojekt arbeitete er beispielsweise mit einem Freund zusammen, der sich um das Sounddesign kümmerte. 

Als ich ihn zum Schluss um einen Rat bitte, sagt er:

„Weitermachen, sich engagieren, sich zeigen und bereit sein, Zeit und Arbeit zu investieren.“

 

Vielen Dank, lieber Enrico, für das offene und inspirierende Gespräch, deine Zeit und deine große Freundlichkeit.

Hier geht es zu Enrico`s Website:   https://enricobachmann.ch/  

Yasin Isanc – Maler und Lehrer

Im Rahmen des Abendkurses „Grundlagen Malen“ an der Schule für Kunst und Design Zürich (SKDZ) lernte ich Yasin als engagierte und äussert kompetente Lehrperson kennen. Ich freue mich, dass ich ihn nun auch als Maler und Person in seinem Atelier in Basel kennenlernen durfte.

Lehrtätigkeit
Im letzten Jahr seines Bachelors zum wissenschaftlichen Illustrator entscheidet sich Yasin, dass er nach dem Studium eine lehrende Tätigkeit ausführen möchte. Er schreibt sich deshalb für das Ergänzungsstudium Bachelor of Arts in Vermittlung von Kunst und Design in Basel ein und absolviert anschliessend den Master of Arts in Vermittlung von Kunst und Design in Basel. Dieses weiterführende Studium befähigt ihn zur Lehrtätigkeit auf gymnasialer Stufe.

Seit sieben Jahren lehrt Yasin nun im Fachbereich „Illustration Nonfiction“ in Luzern, leitet das Malereimodul, begleitet die Studierenden in den Malwochen und unterrichtet teilweise analytisches Zeichnen. An der SKDZ ist Yasin als Klassenleitung Gestalterischer Vorkurs tätig und unterrichtet in den Kursen „Studium Malerei“ und „Studium Kunst“. Innerhalb seiner Lehrtätigkeit unterrichtet er Personen zwischen 16 und 60 Jahren und schätzt dabei besonders, wenn er durch die Studierenden selbst handwerklich herausgefordert wird und seine Erfahrung einbringen kann.

Yasin als Künstler – vom Zeichner zum Maler
Während der Ausbildung zum wissenschaftlichen Illustrator an der ZHdK sieht sich Yasin anfangs noch als Zeichner. Dies ändert sich, als Yasin erstmals einen, wie er es nennt, „malerischen Fleck“ setzt – einen lockeren, befreiten Fleck. Das Umdenken vom Zeichnerischen zu abstrakten Flächen fasziniert ihn seither. „Mich interessiert die gegenständliche Malerei und innerhalb dieser die Grenze zwischen Entfremdung und Wiedererkennung.“

Yasin probiert ständig neue Untergründe, Farbmischungen und ist immer auf der Suche nach spannenden Objekten oder Inspirationen. Bei seiner Malerei stellt er den Prozess über das Produkt. „Ich hänge nicht gross an meinen Bildern. Mir macht vor allem der Akt des Malens Spass; das Tüfteln, Entdecken, die Lust und Freude am Malen.“

Auch Yasin räumt ein, dass natürlich auch er am Ende des Tages ein gutes Bild malen möchte. Läuft dies jedoch einmal nicht, sieht er es locker und meint: „Klappt es nicht, dann habe ich doch immerhin eine schöne, aufwändige Grundierung gemacht.“ Sein entdeckender Ansatz in der Malerei ist ein Grund, weshalb er nicht auf Auftragsbasis arbeiten will, da diese Herangehensweise keinen kontinuierlichen Output ermöglicht.

Als Basis für seine Bilder dient die beobachtete Realität, wobei er jedoch meist nicht das exakte Abbild wiedergibt, sondern wiederum mit den Möglichkeiten der Abstraktion spielt. Er arbeitet aus dem Fleck heraus, modelliert und entwickelt seine Bildsprache fortlaufend aus dem Malprozess heraus weiter. Ein Bild startet immer mit einem Impuls – beispielsweise eine Beobachtung, die das Interesse weckt oder eine Erinnerung, die ein Gefühl hervorruft. Yasins Inspirationsquellen liegen oft in seinem unmittelbaren Umfeld, in der realen Welt. Inspiriert ihn etwas, resultiert daraus meist eine Serie von Bildern und er verschreibt sich dieser Idee für mehrere Monate bis Jahre. Von der Dachterrasse seines Ateliers in einem ehemaligen Industriequartier von Basel beobachtet er die Rhythmen und wiederholenden Formen, die er zuerst direkt vor Ort skizzenhaft festhält oder bereits mit einem Ölgemälde beginnt, bevor er das Bild im Atelier vollendet.

Weitblick / Öl auf Leinwand / 2024

Wie geht es weiter?
Yasin möchte weiterhin als Lehrperson arbeiten und ist überzeugt, dass er durch Vorbereitung des Unterrichts und den Austausch mit den Studierenden immer wieder von neuem stimuliert wird und so auch als Künstler davon profitieren kann. Eine Ausstellung ist aktuell nicht in Planung, aber Yasin kann sich durchaus vorstellen dies in naher Zukunft zu tun. Yasin schätzt bei Ausstellungen vor allem den Austausch mit den Besuchenden. Momentan steht sein Atelierumzug im Fokus, wobei er diesen Zeitpunkt gleich nutzen möchte, um sich auch als Künstler neu zu sortieren.

Atelier in Basel – der Umzug naht

Tipps fürs Studium
„Im Nachhinein würde ich mit meiner Studienzeit anders umgehen. Ich würde früher damit beginnen, meinen eigenen gestalterischen Charakter zu entwickeln. Ich weiss jedoch, dass es die Erfahrungen des Studiums brauchte, um dies heute so zu sehen. Es wäre mir somit zum Zeitpunkt des Studiums noch nicht möglich gewesen.

Feige / Öl auf Leinwand

Aktuellen Studierenden rät Yasin offen zu bleiben und sich auf die Aufgabenstellungen wirklich einzulassen und sich dabei zu fragen, was der Kern der Aufgabe ist. Es sei jedoch auch wichtig Eigenes einzubringen und eigene Interessen weiterzuverfolgen.

Ich danke Yasin herzlich für das spannende Gespräch, wünsche ihm viel Inspiration im neuen Atelier und freue mich bereits jetzt auf eine allfällige Ausstellung.

https://www.yasinisanc.ch

 

Forschen durch Gestalten – Ein Interview mit Oliver Bruderer

Ich treffe Oliver am Eingang zum Naturhistorischen Museum der Universität Zürich, wo sich auch einer seiner Arbeitsplätze befindet. Begleitet von Erläuterungen und Anekdoten zu seinem Arbeitsalltag führt er mich durch die Räumlichkeiten der Archäologischen Abteilung und stellt mir einige der dortigen Mitarbeitenden vor, die selbst spät am Abend noch im Haus sind. In seinem Büro angekommen, setzen wir uns an seinen Schreibtisch, wo er mir einige seiner Arbeiten zeigt und mir von seinem Werdegang erzählt.

Schon früh entwickelte Oliver das Bedürfnis, die Welt um sich herum zu verstehen und herauszufinden, wie sie funktioniert. Gekoppelt mit seiner Leidenschaft für Gestaltung führte ihn sein Weg an die ZHdK, wo er 2016 einen Bachelorabschluss in Knowledge Visualization (damals noch «Scientific Visualization» genannt) machte. Ein Praktikum auf einer Ausgrabung in Ägypten kurz nach seinem Abschluss führte schliesslich zu seiner Spezialisierung auf Visualisierungen für die Archäologie.

 

Der Weg zum Dreidimensionalen

Auf verschiedenen Ausgrabungen erstellte Oliver bereits Rekonstruktionen archäologischer Objekte und Fundstellen in Form von 3D-Modellen. In seiner Masterarbeit, an der er zwischen 2019 und 2020 arbeitete, vertiefte er sich weiter in das Medium der 3D-Visualisierungen. Mithilfe von CAD-Plänen, SfM-Modellen und engem Austausch mit Forschenden erstellte Oliver eine Rekonstruktion einer antiken Stoa (Säulenhalle), die im Heiligtum der Göttin Artemis neben dem Altar stand.

Eine interaktive Version des 3D-Modells (als Prototyp) ermöglicht es Fachkundigen ebenso wie Aussenstehenden, das antike Gebäude so zu erleben, wie es früher tatsächlich ausgesehen haben könnte, obwohl heute nur noch wenige Überreste des Heiligtums vorhanden sind. Mithilfe der Rekonstruktion können einzelne Bruchstücke des Gebäudes (wie zum Beispiel ein abgebrochenes Stück Fries) in ihren ursprünglichen Kontext wieder eingefügt werden. So wird aus einem unübersichtlichen, komplexen Berg aus Fundamenten, Plänen und Fundstücken ein anschauliches Modell, aus dem wichtige wissenschaftliche Schlüsse und Erkenntnisse gezogen werden können.


Abb. 1-3: Ausschnitte & Pläne aus der Masterarbeit «Amarynthos Oststoa – Visuelles Rekonstruktionsmodell», Oliver Bruderer, 2020

 

3D-Modelle als Forschungsmittel

Momentan ist Oliver unter anderem am Institut für Archäologie der Universität Zürich als wissenschaftlicher Illustrator angestellt. Er arbeitet dort viel mit Scans, Modellen, Simulationen und Rekonstruktionen im 3D-Raum und taucht mithilfe dieses Mediums auch tief in die Forschung ein.

2024 wird unter der Leitung von Prof. Corinna Reinhardt das Digital Visualization Lab gegründet, ein Projekt der UZH, das sich mit verschiedenen Methoden der digitalen Visualisierung archäologischer Artefakte beschäftigt, insbesondere durch 3D-Verfahren. Oliver nutzt seine Fähigkeiten in diesem Bereich, um verschiedene Projekte des Digital Visualization Labs zu realisieren. Ein Beispiel für ein solches Projekt sind die 3D-Scans zweier verschiedener Nike-Statuetten.

-> https://www.iaka.uzh.ch/de/arch/klarch/Forschung/Digital-Visualisation-Lab.html

Bei den Statuetten handelt es sich um kleine, handliche Terrakottafiguren, die als Grabbeigaben dienten. Die beiden Statuetten werden eingescannt und können so als 3D-Modelle digital analysiert sowie mithilfe eines 3D-Druckers reproduziert werden. Legt man die beiden Scans in einem 3D-Programm transparent übereinander (wie auf Abb. 7 gezeigt), lassen sich Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Figuren exakt erfassen – etwas, das mit Fotografien allein nicht möglich wäre. So konnte beispielsweise der Schluss gezogen werden, dass die Figuren mithilfe derselben Form hergestellt wurden, wobei Einzelteile wie Arme, Beine oder Köpfe separat angefertigt und später in unterschiedlichen Variationen mit dem Körper kombiniert wurden.

Abb. 4-7: Einblicke in das Projekt «Werkstattzusammenhang zweier hellenistischer Nike-Statuetten aus Terrakotta» des Digital Visualization Labs, UZH

Das Projekt der Nike-Statuetten zeigt anschaulich, wie 3D-Visualisierungen und -Modelle aktiv zur Forschung beitragen können. Oliver erklärt weiter, dass solche 3D-Scans auch die Zusammenarbeit mit anderen Fachleuten erleichtern und neue Möglichkeiten für die präzise Untersuchung wertvoller Artefakte eröffnen.

«Sonst ist es immer sehr wichtig, dass man das Original hat, damit man es sich anschauen kann. Mit dem 3D-Modell hat man zum ersten Mal die Möglichkeit, sehr direkt mit dem Objekt zu arbeiten [ohne es tatsächlich in den Händen zu halten].»

 

Archäologie als Arbeitsfeld

Die Archäologie ist ein relativ kleines Feld, wie mir Oliver erzählt. Jeder kennt jeden, und es wird eng zusammengearbeitet. Oliver selbst arbeitet deshalb auch viel mit Archäologen, Archäologinnen, Forschenden und anderen wissenschaftlichen Illustratoren und Illustratorinnen zusammen. Die Kooperation und Kommunikation zwischen Archäolog*innen und Illustrator*innen ist dabei nicht nur ein notwendiges Nebenprodukt, sondern trägt aktiv zur Forschung bei. Bei gestalterischen Prozessen treten oft Fragen auf, die sich ein Archäologe oder eine Archäologin so konkret vielleicht noch gar nicht gestellt hätte. Die Umwandlung von Fachwissen in eine Vermittlung für die Öffentlichkeit bringt Unklarheiten und Widersprüche ans Tageslicht, die dann durch den Austausch mit Fachleuten geklärt werden können.
Auf diesem Weg kann Wissen weiter verfeinert und präzisiert werden.

Ein weiterer interessanter Aspekt der Archäologie ist ihre politische Bedeutung. Häufig erfordern archäologische Projekte eine offene Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Nationen. Die Aufarbeitung gemeinsamer Geschichte ist dabei ein zentrales Thema, was die üblichen Herausforderungen der interkulturellen Arbeit mit sich bringt.

Für seine Arbeit in der Archäologie war Oliver viel auf Reisen. Auf Grabungen verbrachte er mehrere Wochen in Griechenland, Ägypten oder Italien. Mit der Universität Zürich finden Ausgrabungen auf dem Monte Lato statt, einem kleinen Dorf in Sizilien, wo Oliver zwei Wochen in der intensiven Sommerhitze verbrachte. Die Grabungen finden dort bereits seit den 1970er-Jahren unter der Leitung verschiedener Grabungsleiter*innen statt, und das Dorf hat sich an das stetige Kommen und Gehen der Archäologen und Archäologinnen gewöhnt, wie Oliver erzählt.

«Unser Grabungsleiter – Martin Mohr – er ist sogar schon Ehrenbürger von
diesem Dorf geworden.»

Oliver hat diese Zeit sehr genossen, auch wenn er den ganzen Tag bis spät in den Abend hinein arbeiten musste. Die Atmosphäre unter den Archäologen und Archäologinnen ist familiär, und da man zu jeder Tageszeit mit gutem Essen versorgt wird, kann man sich voll und ganz auf seine Arbeit konzentrieren und tief in die Archäologie eintauchen.

 

 

Bis spät am Abend bin ich in das Gespräch mit Oliver vertieft, bis wir uns schliesslich gegen halb sieben verabschieden und uns auf unsere Heimwege machen. Ich bin dankbar für die spannenden Einblicke in seine Projekte und seinen Arbeitsalltag und wünsche Oliver viel Glück und Erfolg bei seinen kommenden Arbeiten.

Herzlichen Dank für das interessante Gespräch, Oliver!

 

_______________________________________________

 

Folgender Link führt zu Oliver Bruderers Website, wo einige seiner Projekte vorgestellt sind:

Digital Visualisation Lab am Institut für Archäologie, Klassische Philologie und Altertumswissenschaften der Universität Zürich IAKA:

Freude und Neugierde als treibender Faktor

Ein Gespräch mit Evelyne Pfeffer

An einem sonnigen Nachmittag im Dezember führt mich mein Weg durch die Berner Altstadt zum Atelier Studio Geil. Hier treffe ich Evelyne Pfeffer. Schon nach wenigen Minuten wird klar: So wenig wie sich ihr beruflicher Werdegang in eine lineare Erzählung pressen lässt, so wenig lässt sich ihre aktuelle Tätigkeit mit einem einzigen Begriff beschreiben. Gestaltung, Nähen, Illustration, Prüfungsexpertin, Assistenz… vieles greift ineinander, löst sich wieder, verbindet sich neu.

Abb 1: Vogelzeichnung

 

Ein Lebenslauf in Bewegung

Evelynes Werdegang begann mit dem Vorkurs, darauf folgend die Ausbildung zur Bekleidungsgestalterin. Das eigene Modelabel PAMB entwickelte sich aus dem ersten eigenen Atelier mit drei Freundinnen. Phasen hoher Belastung und die Neugierde auf Neues führten Evelyne einige Jahre später an die ZHdK, um Knowledge Visualization zu studieren. Nach dem Bachelorabschluss nahm sie auch gleich eine Assistenzstelle im Studiengang an. Momentan absolviert sie einen Master in Design in Bern und hat sich in der neuen Ateliergemeinschaft mit einer Freundin ihren Arbeitsplatz eingerichtet. Was diesen Lebenslauf zusammenhält, ist nicht ein klar definiertes Ziel, sondern eine kontinuierliche Bereitschaft zur Veränderung.

„Die Lust, Neues zu beginnen, aber auch die Lust, wieder aufzuhören“,

wie Evelyne es beschreibt. Entscheidungen entstehen nicht rein aus strategischer Karriereplanung, sondern aus Neugier, aus dem Wunsch heraus, Dinge zu verstehen, auszuprobieren und gegebenenfalls loszulassen.

 

Warum Knowledge Visualization?

Über eine Freundin erfuhr sie vom Studiengang Knowledge Visualization.

“Eigentlich interessierte ich mich zuerst für Kriminologie, doch beim Reinschnuppern merkte ich sofort: Das ist mir zu wenig kreativ.”

So begab sie sich also doch ins Aufnahmeverfahren für KVis und wurde aufgenommen. Besonders wertvoll empfindet sie die Breite des Studiums: unterschiedliche Programme, Methoden und Perspektiven kennenzulernen, gibt einem mehr Freiheit und Selbstständigkeit. Ausserdem lernt man bewusst zu gestalten und die eigene Gestaltung auch immer wieder zu hinterfragen, um auch wirklich das zu vermitteln, was man will.

 

Abb 1: Standbild aus einer Animation für Ciné Rex

 

Öffentlichkeit, Kommunikation und professionelle Distanz

Ein für mich lehrreicher Punkt im Gespräch ist die Frage nach dem Auftritt nach aussen: persönlich oder professionell? Evelyne entscheidet sich klar für Letzteres. Sie trennt ihre Person bewusst von ihrer Arbeit. Nicht aus Distanz, sondern aus Klarheit. So würde sie beispielsweise die Erstellung einer Website outsourcen und diese bewusst nicht selbst gestalten. Ein konkretes Beispiel sind auch die Fotoshootings, die sie damals für PAMB gemacht haben. Verhältnismässig waren sie teuer, aber rückblickend jede Investition wert. Der professionelle Rahmen schafft Vertrauen und kommuniziert eine Haltung nach aussen. Wer selbstständig arbeitet, so Evelyne, muss eine Bereitschaft zur Kommunikation mitbringen. Vieles im gestalterischen Arbeiten läuft über Beziehungen, Gespräche, Vertrauen, Netzwerke und den Austausch mit Auftraggeber:innen. Das bedeutet nicht, dass man von Natur aus extrovertiert sein muss, aber man muss bereit sein, sich diese Fähigkeiten anzueignen. Kundengespräche, Auftragsverhandlungen, Networking: All das ist kein Nebenschauplatz, sondern ein wesentlicher Teil der Arbeit. Gestaltung findet nicht im luftleeren Raum statt, sondern im Dialog. Wer diesen Dialog aktiv mitgestaltet, schafft nicht nur bessere Arbeitsbedingungen, sondern auch nachhaltigere Zusammenarbeit.

 

Umgang mit Kritik?

Ein wichtiger praktischer Hinweis betrifft den Umgang mit Kritik an kreativer Arbeit. Evelyne sagt, es mache einen grossen Unterschied ob sie Autorin einer Arbeit ist oder an einem Auftrag arbeitet. Diese Unterscheidung hilft, Feedback richtig einzuordnen. Kritik an einer Auftragsarbeit ist kein Angriff auf die eigene Identität, sondern Teil eines gemeinsamen Prozesses. Diese Haltung ermöglicht Professionalität, ohne die eigene künstlerische Freiheit zu verlieren.

 

Abb 3: Auszug aus dem Arbeitsbuch

 

Erfahrung lohnt sich

Kürzlich hatte Evelyne den Auftrag, ein Gestaltungskonzept für eine Ausstellung zu planen. Da Evelyne noch keine Expertise in diesem Gebiet hatte, setzte sie den Stundenlohn bewusst eher tief an. Jedoch im Wissen, dass der Erfahrungswert hoch sein würde. Am Ende entstand nicht nur eine faire Bezahlung, sondern eine sehr gute Zusammenarbeit. Der Lohn zeigte sich doppelt: finanziell und in Erfahrung.

 

Der rote Faden

Auf die Frage nach Beständigkeit in einem so diversen Lebenslauf antwortet Evelyne:

“Neugierde und Freude. Sie sind der treibende Faktor.”

Nicht die Form, nicht das Medium, nicht der Status, sondern das innere Interesse, Dinge zu erforschen, Verbindungen herzustellen und sich selbst immer wieder neu zu positionieren.

Vielleicht ist genau das die eigentliche Konstante: die Erlaubnis, sich zu verändern. Und die Erkenntnis, dass Beständigkeit nicht Stillstand bedeutet, sondern Bewegung mit Haltung.

Vielen Dank, Evelyne, für den Einblick!

 

Instagram: evelyne.pfeffer

 

 

Zwischen wissenschaftlicher Illustration und Character Design – ein Interview mit Clio Schaffner

Während meiner Recherche für eine Interviewperson stosse ich auf Clio Schaffner und bin sofort fasziniert von ihrem Werdegang. Nach dem Liceo Artistico studierte Clio zuerst fünf Jahre lang Veterinärmedizin, bevor sie sich dazu entschloss, ihrer Leidenschaft – dem Zeichnen und Gestalten – nachzugehen. Sie studierte daraufhin «Scientific Visualization» an der ZHdK und schloss den Studiengang im Jahr 2018 ab. Heute arbeitet Clio einerseits im wissenschaftlichen Bereich, konnte sich aber auch mit Aufträgen für Disney und DreamWorks erfolgreich in der «Fiction»-Branche etablieren. Mich interessiert, wie es ihr gelungen ist, diese beiden Wege parallel und erfolgreich einzuschlagen.

Ein Blick zurück aufs Studium

Abbildung 1: Shelly – the interactive seaturtle. Bachelorprojekt von Nadine Cocina und Clio Schaffner

Wir verabreden uns für einen Freitagnachmittag im November. Schnell kommen wir auf das Studium an der ZHdK zu sprechen, welches Clio in sehr guter Erinnerung hat. Ich frage sie, was ihr im Studium am meisten geholfen hat, sich später als selbständige Illustratorin zu etablieren. Für Clio war dabei vor allem der Bereich der «visuellen Kommunikation» ein wichtiger Bestandteil, also das Erlernen von: «Wer ist Betrachter:in, wer ist Nutzer:in?» und die daraus verbundene Bedeutung für jeden einzelnen Strich in einer Illustration. Dies habe sehr geholfen, sich professionell einschätzen und positionieren zu können.

Ich möchte weiter wissen, wie Clio damit umgegangen ist, dass ihr seit der Kindheit bestehendes Interesse an Character Design im Studiengang kaum eine Rolle spielt. Ihr Rat ist klar: Interessen sollten auch neben dem Studium unbedingt weiterverfolgt werden.

«Nutze die Zeit während des Studiums, um auch deinen Interessen nachzugehen und vieles zu lernen. Nach dem Studium fehlt dir dann vielleicht die Zeit dafür.»

Der Einstieg ins Berufsleben

Auch beim Thema Berufseinstieg betont Clio die Bedeutung eigener Projekte. Dank ihres Bachelorprojekts Shelly – einer interaktiven Schildkröte, die sie gemeinsam mit ihrer Schwester entwickelte – ergab sich die Möglichkeit, weiter mit dem Zoologischen Museum Zürich zusammenzuarbeiten. In der Folge realisierte Clio Visualisierungen für das neue Museum und illustrierte ein Kinderbuch. Sie rät deshalb, die Bachelorarbeit sehr ernst zu nehmen, da sich daraus bereits erste Aufträge nach dem Studium ergeben können.

Nach den Projekten mit dem Zoologischen Museum folgten weitere Auftragsanfragen von unterschiedlichen Personen und Institutionen. So konnte sich Clio schrittweise ein Kund:innenumfeld aufbauen. Phasen mit weniger Aufträgen nahm sie gelassen und nutzte diese gezielt, um ihr Portfolio weiterzuentwickeln:

«Du musst ein starkes Portfolio haben und auch deine Industrie kennen: Wo bin ich auffallender als andere? Wo braucht es mich? Wo positioniere ich mich?»

Abbildung 2: Nanosaurus agilis
Abbildung 3: Konzept und Visualisierung für das neue Museum

Zwischen Non- Fiction und Fiction

Der Einstieg in die «Fiction»-Welt gelang Clio durch Eigeninitiative. Auf Instagram begann sie, eine Seite für Character Design zu führen. An einem Event für Gestalter:innen aus den Bereichen Character Design, Animation und Film auf Malta wurde schliesslich eine Recruiterin von Disney auf Clio aufmerksam. Das anschliessende Gespräch half Clio zu verstehen, welche Skills und welches Portfolio für grosse Animationsstudios entscheidend sind.

Nach rund einem Jahr intensiver Portfolioarbeit meldete sich DreamWorks bei Clio und bot ihr einen Auftrag an: das Character Design für alle weiblichen Hauptfiguren einer neuen Serie. Dieser Job führte später auch zur Zusammenarbeit mit Disney am Trading-Card-Spiel Lorcana, an dem Clio heute rund 60 % ihrer Arbeitszeit arbeitet.

Zum Schluss interessiert mich, wie Clio die Arbeitswelten der wissenschaftlichen Illustration und der Fiction-Branche erlebt und wie sie beide Bereiche parallel organisiert. Ihre Schweizer Kund:innen stammen hauptsächlich aus dem wissenschaftlichen Umfeld, während ihre Fiction-Aufträge überwiegend aus dem Ausland kommen.

Clio hat sich entschieden, mit zwei getrennten Instagram- und Portfolioseiten zu arbeiten und die Bereiche klar zu trennen. Besonders der Fiction-Bereich sei stark umkämpft und international geprägt: «Dann musst du wirklich wissen: Wo bist du? Was sind meine Stärken?»
Gleichzeitig ist Clio überzeugt:

«Wenn du ein bestimmtes Level erreicht hast, wird sich auch im Fiction Bereich eine Möglichkeit ergeben, zu arbeiten.»

 

Abbildung 4: Character Design für DreamWorks «Dragons- the nine realms»

 

Abbildung 5: Ariel – Ethereal Voice für Disney Lorcana von Ravensburger

Vielen Dank Clio für dieses spannende Gespräch!

Websites:

https://www.cliodraws.ch

https://cliodrawsfauna.ch

Jakob Näf

Abbildung 1: Illustration aus seinem Projekt „Timeless Arctic“

 

 

 

 

 

 

 

Mit dem Zug in Frauenfeld angekommen, mache ich mich auf den Weg zum Amt für Archäologie. Dort erwartet mich Jakob Näf für unser Interview.

Jakob Näf war schon früh bewusst gewesen, in Richtung Archäologie zu gehen. Schon während dem Studium an der HSLU in Luzern hat er über Praktika Erfahrungen sammeln können, später hat er zunächst auf Projektbasis gearbeitet. Denn nicht überall sei eine Festanstellung gängig. Dann hatte er Glück und die Stelle in Frauenfeld ist frei geworden.

Erst die letzten Wochen war er auf einer Ausgrabung, die Funde stehen zum Teil auf den Tischen. Wir kommen gleich ins Gespräch, er zeigt mir Bilder.  Er erzählt mir, die Hauptaufgabe bestand dabei vor allem in der Ausgrabung selbst, aus Fotos werden später die Pläne mit Structure from motion modelliert. Vor einigen Jahren hätte man bei Ausgrabungen noch viel mehr von Hand gezeichnet. Durch den großen Schritt in der digitalen Entwicklung hat sich aber auch die Arbeit des wissenschaftlichen Illustrators verändert. Viele Ausgrabungsteams können die Pläne inzwischen selbst erstellen. Da dies aber oft die weniger spannenden Aufgaben sind, sei der Ersatz nicht so schlimm. Vor allem in der klassischen Fund-und Grabungsdokumentation, sei es inzwischen sehr technisch geworden.

Bei vielen Fundzeichnungen startet er dennoch mit der ersten Zeichnung analog. Für die richtige Größe und eine entzerrte Ansicht ist dies der erste Schritt. Auch bei vielen Wandbildern für Ausstellungsarbeiten ist der erste Schritt oft analog in Bleistift und Aquarell. Dies sei sein momentaner Workflow, aber „sobald wir einen 3D Scanner haben werden, wird das auch wegfallen“, meint er in Bezug auf das Erfassen von Objekten.

Abbildung 2: Zeichnung, Jakob Näf

Bei den Museumsprojekten und Didaktik bleibt dafür die Gestaltung das Hauptelement. Neben Rekonstruktionen und den klassischen Fundzeichnungen ist ein großer Teil der Arbeit die Gestaltung der Ausstellungen im Archäologischen Museum in Frauenfeld. Dazu gehören zum Beispiel große Wandbilder und Raumgestaltung. In der Bildgestaltung sei man dabei relativ frei, solange der Inhalt stimmt.  Es sei immer recht ein „ping-Pong Spiel zwischen den Wissenschaftler und dem Gestalter.“ Manchmal wisse man auch nicht zu hundert Prozent wie etwas ausgesehen hat, wie zum Beispiel bei Frisuren, die Rücksprache mit einem Faktencheck seien hier sehr wichtig.

Ich frage ihn, wie lange er im Durchschnitt an einem Projekt arbeitet.  

Museumsprojekte seien oft enger getaktet, wohingegen sich Auswertungsprojekte in der Archäologie sich auch über mehrere Jahre ziehen können. Man sei dann nicht immer in gleichem Umfang daran am Arbeiten. Jakob Näf erzählt mir, dass das vor allem damit zu tun hat, dass oft viele Wissenschaftler aus verschiedenen Bereichen involviert sind, und gleichzeitig bei sehr großen Ausgrabungen auch sehr viel mehr Material vorhanden ist.

„Bei einer Ausgrabung hatten wir um die 4000 Keramikscherben zum Auswerten gehabt“. Das war ein Projekt über ca. 2 Jahre. Schlussendlich sind 1500 Scherben gezeichnet worden.

Schließlich spreche ich ihn noch auf ein Projekt von seiner Website an.

 Sein Buchprojekt „Timeless Arctic“.

Über drei Wochen hat er in einer Gruppe aus Wissenschaftlern, aber auch Filmschaffenden und einer Autorin eine Forschungsexpedition nach Spitzbergen begleitet. In dieser Zeit sind Skizzen und Zeichnungen für sein persönliches Buchprojekt entstanden. Solche Chancen seien aber definitiv ein Glücksfall und leider nicht die Regel. Und es sei ein Zufall gewesen, dass es thematisch gerade zu seiner vergangenen Bachelorarbeit gepasst hatte.

Abbildung 3: Ausschnitt aus seinem Buch „Timeless Arctic“

Nach wie vor ist die bevorzugte Zeichentechnik von Jakob Näf analog. Das spiegelt sich auch in vielen seiner Arbeiten wieder.

„Wenn es geht, versuche ich noch etwas analog zu machen“.

Gerade weil man auch ohnehin schon viel am Bildschirm sei, ganz allgemein.

Den Berufseinstieg nach dem Studium empfindet Jakob Näf als nicht ganz einfach. Archäologie sei dabei noch etwas einfacher, weil es hier noch verhältnismäßig viele Stellen gibt. Viele von seinen Mitstudenten haben dennoch Weiterbildungen oder ein zweites Standbein in Editorial Design/ Werbung gesucht. Die Digitalisierung und ihre damit verbundenen Veränderungen haben dabei einen relativ großen Einfluss. Aber auch der Fokus in der Archäologie würde sich ändern. Weg von der großen Masse/Auswahl, die man zeigen möchte, in die Richtung, nur die wichtigsten Stücke, stellvertretend für ein Ganzes, zu zeigen.

Die Chancen auf eine Festanstellung seien oft mit Glück verbunden. Umso wichtiger findet Jakob Näf daher, sehr früh Kontakte zu knüpfen und sich um Praktika zu bemühen. Gerade in der Archäologie sei das von großem Vorteil. Für ihn persönlich sieht er manchmal einen Nachteil, dass er im Studium nicht so einen intensiven Einstieg in die digitalen Medien gehabt hatte. Dies heute schon im Studium intensiv zu lernen, sieht er als große Chance, auch weil man so breitere Möglichkeiten in der Gestaltung hat.

Nach unserem Gespräch gibt Jakob Näf mir noch Einblicke in die Räumlichkeiten des Amts und seine Arbeiten.

Herzlichen Dank an dich Jakob, dass du dir Zeit genommen hast, mir einen Einblick in deine Arbeit zu geben.

 

https://www.jakobnaef.ch

 

 

Ein Weg über Umwege – Interview mit Dario Stadelmann

Dario Stadelmanns Weg zum Illustrator verlief nicht geradlinig. Zwischen Biologiestudium, Wissensdurst und einem spontanen Ja zu einem Stellenangebot zeigt seine Geschichte, wie entscheidend Offenheit und Neugier für den eigenen Weg sein können.

Der Wert eines einfachen Ja

Mit dem Schwerpunktfach Bildnerisches Gestalten an der Kantonsschule begann Darios Weg zum Illustrator. Nach dem Vorkurs, den er in Luzern besuchte, begann er ein Biologiestudium in Bern. Das wollte allerdings nicht so richtig funktionieren, weswegen er nach zwei Semestern das Studium wieder verliess.

«Im Long Run gesehen ist es gut, dass das nicht geklappt hat.»

Denn so ging es für Dario zurück nach Luzern an die HSLU, an der er den Bachelor in Illustration Nonfiction machte.  Bei der Präsentation der Abschlussarbeiten kam von einem Alumni dann das Angebot für eine Stelle bei der AO Foundation, einer internationalen medizinischen Organisation, die sich mit der Forschung, Ausbildung und Entwicklung moderner Methoden beschäftigt, um Knochenbrüche und Verletzungen des Bewegungsapparates besser und sicherer zu behandeln. Auch wenn er sich zu diesem Zeitpunkt nicht wirklich etwas darunter vorstellen konnte und es vorerst ein einfacher Studentenjob war, nahm er das Angebot an. Es habe sich sehr gelohnt, denn bis heute arbeitet er als Illustrator für die Foundation.

«Es hat sich gelohnt, in dem einen Moment einfach ja zu sagen. Sehr vieles, was in den letzten sechs Jahren passiert ist, ist auf dieses eine Jahr zurückzuführen.»

Die Lust am Lernen

Ich fragte ihn, ob ihm sein Biologiestudium in seinem Arbeitsalltag als Illustrator hilft, und ob er ein Studium in einem naturwissenschaftlichen Bereich empfiehlt. Er meinte zwar, dass man das fachliche Wissen nicht wirklich anwenden kann, da die Aufträge, die man erhält sehr spezifisch sind, sodass man sich ohnehin in ein Thema einarbeiten muss. Aber den Einblick in die akademische Welt und ihre Funktionsweise sieht er als sehr wertvoll. Er fügte hinzu, dass er es jedem nur empfehlen kann, sich in seinen Interessensgebieten zu vertiefen, wenn man die Mittel dazu hat.

«Mein Herz schlägt immer noch für die Biologie. Ich wäre gerne das ganze Leben lang Student, ich glaube nicht, dass mein Wissensdurst je gestillt wird.»

Lego Anleitungen für Knochenbrüche

Darios Arbeit bei der AO-Foundation ist grösstenteils für die AO Surgery Reference, eine App von und für Chirurgen, die sich auf Knochenbrüche spezialisiert hat. Das bestehende Material muss aufgrund neuer Erkenntnisse und Behandlungsmethoden natürlich fortlaufend aktualisiert werden. Dabei steht er im Austausch mit Fachleuten aus der ganzen Welt. Je nach Budgetierung kommen dadurch teilweise Geschäftsreisen für Dario zustande. Nach diesen «Workshop-Tagen», bei denen das ganze Material durchgesehen und besprochen wird, geht es für Dario ans Illustrieren. Er beschreibt die fertigen Projekte wie eine Lego-Anleitung, in der das chirurgische Vorgehen Schritt für Schritt in Bildern erklärt wird. Das heisst für Dario natürlich, dass er viele Bilder immer wieder kopieren und leicht verändern muss, wodurch auch eine gewisse Eintönigkeit entsteht.

Abb. 1&2: Illustrationen aus dem Projekt; „Fractures of the Carpal Bones“

 

Zwischen Festanstellung und Selbstständigkeit

Ich frage ihn, wie er sich seine Arbeit einteilt, da er neben seiner 60%-Anstellung bei der Foundation auch freiberuflich an Aufträgen arbeitet. Er meinte dazu, dass er sich seine Wochentage einteilt, Montag bis Mittwoch für die Foundation und Donnerstag bis Freitag für freiberufliche Arbeiten. Über die Frage, welche Anstellungsform er empfiehlt, ist er zwiegespalten. Er sehe in beiden Formen seine Vor- und Nachteile. Ihm gefällt die Mischung: die Sicherheit, die ihm die Festanstellung gibt, und die Vielseitigkeit und Abwechslung der Selbstständigkeit.

Der Aufbau von Kontakten zu potenziellen Kunden sieht er als eine Hürde der Selbstständigkeit. Von sich selbst sagt er, er sei nicht der beste Netzwerker, man müsse auch etwas der Typ dafür sein. Ich frage ihn, wie er vorgeht, um zu Aufträgen zu kommen. Er schreibe proaktiv immer wieder Leute an und stelle sich und seine Arbeit vor. «Das Schlimmste, was passieren kann ist, dass man keine Antwort erhält».  Auch das Unterhalten einer Website empfiehlt er angehenden Illustratoren, um sich und seine Arbeiten präsentieren zu können.

Modelliermasse als Gestaltungsmittel

Dadurch komme ich auch auf einige Arbeiten zu sprechen, die mich auf seiner Webseite sehr interessierten. Dario arbeitet nämlich oft mit Modelliermasse. Ich frage ihn, ob das einfach eine Gestaltungspräferenz ist, oder ob er darin einen Vorteil für die Gestaltung sieht. Beides, sagt er dazu, inzwischen mag er das Modellieren sogar lieber als das Zeichnen, und es hilft ihm auch beim Formverständnis. Durch das Modellieren sei man gezwungen, eine Form vollständig zu verstehen. Bei der Arbeit habe er auch immer einen kleinen Klumpen Modelliermasse bereit, mit dem er sich schnell ein einfaches Modell machen kann, um sich eine Form rasch und unkompliziert zu erklären.

Offenheit für das Neue

Zum Abschluss frage ich ihn noch, was er angehenden Illustratoren mit auf den Weg geben würde. Er gibt mir den Tipp, möglichst viel von den Mitstudierenden zu profitieren und eine gute Feedback-Kultur zu entwickeln. Auch den Sprung ins kalte Wasser nach dem Studium sollte man nicht fürchten, und dabei offen für neue und unbekannte Optionen sein. Ein einfaches Ja zu einem Stellenangebot könne sehr vieles verändern.

Abb. 3: Wachsmodell zum Projekt „What if“
Abb. 4: Illustration zum Projekt „Die Insekten sterben“

Ich bedanke mich herzlich bei Dario für das offene Gespräch!

Die Website und mehr Arbeiten von ihm findet man hier: https://www.dariostadelmann.com/

Maurus Ambühl

Abb. 1 Illustration Maurus Ambühl
Abb. 1 Illustration Maurus Ambühl

Maurus Ambühl

An einem Montagnachmittag stellte mir Maurus Ambühl seine Arbeit als selbstständiger Illustrator per Zoom vor.

Maurus Ambühl hat nach seiner Lehre als Polydesigner 3D ein Fine Arts Studium an der Zürcher Hochschule der Künste gemacht. «Das Studium selbst war mega toll, es ist eine Auseinandersetzung mit der Welt und mit deiner Rolle darin, du lernst über deine Arbeit zu reflektieren, diese zu sezieren. Du bist komplett frei, was du machst und wie du es machst. Das war sehr wertvoll.»

«Illustration ist meine Leidenschaft»

Jetzt arbeitet er nebenbei als selbstständiger Illustrator. Er hat sich bei Illustratoren Schweiz beworben, wo jetzt seine Arbeiten gezeigt werden. Für seine Arbeiten verwendet er die Medien Aquarell und digitale Malerei. Wobei er für Auftragsarbeiten meistens aus zeittechnischen Gründen zweiteres verwendet. Seine Aufträge erhalte er oft über die Webseite Illustratoren Schweiz. Bedeutsam sind für ihn anfängliche Klärungen: «Mir ist es sehr wichtig, gleich am Anfang alle Karten auf den Tisch zu legen, bezüglich was du kannst und was nicht, welche Vorstellungen sie und du haben. Das man abmacht, das sind eure Wünsche, und anhand von denen mach ich etwas. Aber irgendwann muss es Grenzen haben, denn irgendwo brauche ich auch meine künstlerische Freiheit. Und dass muss einfach im Vorhinein klar abgemacht sein.» Dann könne er sich dem Projekt so richtig widmen und zum Beispiel am Aufbau des Bildes arbeiten, mit dem er eine Dramaturgie entwickle, wie in seinen Urwald-Bildern «Der unsichtbare Acangau».

Abb. 2 Illustration aus dem Projekt «Der unsichtbare Acangau»
Abb. 2 Illustration aus dem Projekt «Der unsichtbare Acangau»

Maurus Ambühl betonte selbst, dass das Illustrieren seine Leidenschaft ist, während bürokratische Aufgaben nicht zu seinen Favoriten gehören: «Das Zeichnen ist einfach cool, ich denke manchmal, wenn ich einen grossen Auftrag habe, bei dem man allein am Pult etwas zeichnen kann: Das ist echt toll. Weil zeichnen ist einfach meine Leidenschaft.» Dieser Aspekt kam im ganzen Gespräch immer wieder auf, was mir zeigte, dass das für ihn ganz wesentlich in seinem kreativen Prozess ist.

Freude als Motivation

In der Mitte des Gesprächs sind wir dann beide in die ganze Thematik der KI versunken und haben uns über unsere persönlichen Ansichten bezüglich dies unterhalten. Als er zum ersten Mal vom ganzen Thema gehört habe, seien sie alle zuerst mal im Schock gewesen. Und auch jetzt, meinte er, zuerst würden die Bilder gut wirken, aber in der ganzen Komplexität fehle es noch an Präzision.

Im Gespräch ging es lange vor allem um das Sichtbarmachen der eigenen Arbeiten und über Erfolg bzw. Freude als Motivation. Maurus Ambühl wirft einen kritischen Blick auf KI und Instagram. Seiner Meinung nach werden Dinge oft einfach schnell weitergeklickt und man wisse nicht, wo welche Inhalte bezüglich KI-Nutzung landen würden. Deshalb verwendet er auch kein Instagram mehr, weil es seine Kreativität ausgebremst hat. «Die Plattformen und das Streben nach irgendwelchem Erfolg, der abhängig ist von anderen, das ist die falsche Motivation. Ich finde, dass du es wirklich letztendlich für dich machen musst, so dass es dich erfüllt, dass du Freude an der Arbeit selbst hast.» Ich fand es schön zu sehen, dass sein eigenes Wohlbefinden ihm sehr wichtig zu sein scheint, was enorm nachvollziehbar ist, weil wir Illustrator*innen nicht Maschinen sind, die einfach produzieren, sondern erst mit Kreativität und Zeit Neues entstehen lassen können.

«Ich ziehe mich recht zurück vom ganzen Digitalen [Veröffentlichen], weil es auch so überflutet ist. Je länger, je mehr geht alles verloren.» Er meinte, er würde sich viel mehr freuen, seine Arbeit zum Beispiel in einer kleinen Galerie zu zeigen oder mit dem nächsten Umfeld die Bilder anzuschauen. «Oder einfach für dich.»

Danke, Maurus, für den spannenden Austausch und dass du dir Zeit genommen hast, mir einen Einblick in dein Arbeiten zu geben.

Abb. 3 Illustration aus dem Projekt «Ja zur Initiative gegen Massentierhaltung»

Interview mit Cornelia Gann

Cornelia Gann, eine erfahrene und vielseitige Illustratorin, blickt auf einen aussergewöhnlichen Werdegang zurück, der durch Abwechslung, Anpassungsfähigkeit und Kreativität geprägt ist. Ursprünglich plante sie eine Karriere als Grafikerin, doch ihre berufliche Reise nahm eine andere Richtung. „Ursprünglich wollte ich eine Ausbildung zur Grafikerin machen, mir wurde dann aber ein Ausbildungsplatz als Textildesignerin angeboten. Die Liebe zum Textilen ist geblieben, aber noch während meiner Ausbildung ersehnte ich mir ein breiteres Tätigkeitsfeld. Ich arbeite gerne an sehr unterschiedlichen Themen in unterschiedlichen Branchen und Bereichen.“

Ihre Faszination für das Zeichnen und ihre Neugier führten sie zunächst zum wissenschaftlichen Zeichnen, inspiriert von der Nähe zur Wissenschaft und der Archäologie. „Da ich früher sehr ausgiebig zeichnete und scribbelte, war eigentlich schnell klar, dass es auf wissenschaftliches Zeichnen hinauslaufen würde. Die Archäologie faszinierte mich, und noch während der ersten beiden Ausbildungsjahre sah ich meine berufliche Zukunft darin.“ Doch schon während des Studiums öffneten sich andere Türen: „Es sollte anders kommen. Ich habe bereits während meines regulären Studiums begonnen, für Filmproduktionen zu arbeiten. Meine Skills im Storyboarding kamen mir zugute, und ich arbeitete als Ausstatterin, Setdesignerin und Requisiteurin.“

Cornelia entdeckte eine Leidenschaft für interdisziplinäre Arbeit und die Zusammenarbeit mit verschiedenen Branchen, von Filmproduktionen und Hochschulen bis hin zu Verlagshäusern und städtischen Behörden. Dabei blieb sie stets flexibel: „Ich wusste früh, dass ich eines nicht kann: Mich ausschliesslich einem Thema widmen. Ich kann mich auch heute nicht auf ein Medium beschränken, arbeite gerne mit verschiedenen Techniken und mische auch sehr unkonventionell diverse Stile.“

Ihre bevorzugten Werkzeuge reichen von traditionellen Methoden wie Bleistift und Papier bis hin zu digitalen Techniken. Der Bleistift bleibt eines ihrer liebsten Werkzeuge, insbesondere für erste Skizzen. „Da bin ich noch ziemlich altmodisch unterwegs und arbeite mit einem uralten Computer. Kolorieren passiert bei mir hauptsächlich im Photoshop.“ Gleichzeitig experimentiert sie gerne mit digitalen Collagen. Doch die Sehnsucht nach klassischen Medien ist geblieben: „Ich würde gerne wieder mehr malen – Gouache, Acryl und Öl. Auch grossflächiges Aquarell und Siebdruck auf Fotografie reizen mich sehr.“

Trotz ihrer vielfältigen Erfahrungen und Erfolge betont Cornelia die Herausforderungen in der Branche. Der Markt sei oft unberechenbar: „Es ist ein launischer Markt, dessen Gesetzmässigkeiten sich mir oft auch nicht erschliessen. Aber ich habe den Vorteil, schon sehr lange im Geschäft zu sein und viele unterschiedliche Leute zu kennen.“ Ihr breites Netzwerk und ihre unkomplizierte Herangehensweise haben sich dabei als entscheidend erwiesen: „Die Leute schätzen das Speditive, dass ich aus wenig Input schnell etwas hervorzaubern kann. Früher hatte ich viele Leerläufe, heute bin ich viel speditiver und lege grossen Wert auf eine gute Kommunikation mit den Kunden.“

Ein weiterer wichtiger Aspekt ihrer Arbeit ist die Zusammenarbeit in Teams. „Was ich heute sehr schätze, ist um mich herum ein Team aus erfahrenen Spezialist*innen – Grafik, Film, Architektur, Illustration –, die ich zu Projekten hinzuziehen kann. Ein gutes Netzwerk ist unabdingbar, um auch grössere Auftragsvolumen bewältigen zu können.“

Zum Thema künstliche Intelligenz (KI) hat Cornelia eine pragmatische, aber kritische Haltung: „Ich bin der Meinung, dass es nichts bringt, den Kopf in den Sand zu stecken. Wie die meisten meiner Berufskollegen bin ich jedoch auch erst in eine Art Schockstarre verfallen. Mittlerweile setze ich KI wie eine Suchmaschine ein, um mir Vorschläge anzeigen zu lassen, die ich dann in der Umsetzung verwenden kann.“ Dennoch bleibt sie skeptisch: „Die KI wird kommen und für prekäre Verhältnisse sorgen in diversen Branchen, aber es gibt immer Nischen. Momentan dient sie oft der Absicherung, dass ‚noch‘ nicht alles möglich ist.“

Cornelias Rat an angehende Illustrator*innen ist klar: „Sprecht miteinander, tauscht euch aus. Nichts ist so frustrierend, wenn man keine Ahnung hat, wie teuer eine Offerte sein soll, oder wenn man an Programmen scheitert. Der Austausch kann vieles erleichtern.“ Ausserdem ermutigt sie dazu, sich von äusseren und inneren Einschränkungen zu befreien: „Lasst euch nicht durch Dogmen behindern, wie etwas auszusehen hat. Mich hat das früher eingeschüchtert, aber heute weiss ich, dass der Mut, sich ins kalte Wasser zu werfen, entscheidend ist.“

Cornelia Ganns Karriere ist ein beeindruckendes Beispiel für die Bedeutung von Vielseitigkeit, Offenheit und Anpassungsfähigkeit in einer sich ständig wandelnden Branche. Mit ihrer Erfahrung und Leidenschaft für interdisziplinäres Arbeiten zeigt sie, wie wichtig Neugier und Kreativität für eine erfolgreiche Laufbahn in der Illustration sind.

Abb. 1-6: Verschiedene Arbeiten von Cornelia Gann

Kontakt:

Treuthardt Gann
Illustration & Grafik
Grüngasse 6
CH-8004 Zürich

044 241 56 19
mail@treuthardt-gann.ch
www.treuthardt-gann.ch