{"id":1118,"date":"2020-01-17T19:20:03","date_gmt":"2020-01-17T19:20:03","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/praxisjournal\/?p=1118"},"modified":"2020-02-05T15:35:53","modified_gmt":"2020-02-05T15:35:53","slug":"interview-mit-miriam-winteregg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/praxisjournal\/2020\/01\/17\/interview-mit-miriam-winteregg\/","title":{"rendered":"Interview mit Miriam Winteregg"},"content":{"rendered":"<p>Ich habe mich Ende November 2019 mit der wissenschaftlichen Zeichnerin Miriam Winteregg getroffen und durfte ihr zu ihrem Beruf einige Fragen stellen.<\/p>\n<p>Miriam Winteregg ist eine wissenschaftliche Illustratorin aus dem Kanton Basel. Sie ist im Moment vor allem im Bereich der Arch\u00e4ologie als Zeichnerin und Ausgr\u00e4berin t\u00e4tig und arbeitet nebenbei auch selbst\u00e4ndig als Illustratorin.<\/p>\n<p>Als Kind hat Miriam Winteregg bereits gerne gezeichnet und hat sich schon damals sehr f\u00fcr das, was sie umgab, interessiert. Sie hatte bereits Zeichnungen anhand von Bestimmungsb\u00fcchern gemacht, die ihr eine Nachbarin gezeigt hat. So wurde sie auch auf den Beruf der wissenschaftlichen Zeichnerin aufmerksam.<\/p>\n<p>Nach der Matura hat Miriam in Basel den gestalterischen Vorkurs gemacht und hat dann das damals noch vierj\u00e4hrige Studium f\u00fcr Wissenschaftliche Illustration angetreten.<\/p>\n<p>Der Studiengang war damals etwas anders aufgebaut als heute. Miriam erz\u00e4hlte mir, dass sie im Studium viel handwerklich gearbeitet und verschiedene Techniken gelernt haben. Daf\u00fcr haben sie, im Vergleich zu heute, recht wenig mit dem Computer gearbeitet. Der Unterricht bestand sehr viel aus selbst\u00e4ndigem Arbeiten und war nicht so durchstrukturiert wie es heute der Fall ist.<\/p>\n<p>Miriam sagte mir, dass, obwohl diese Art von Unterricht auch seine Vorteile hat, sie gerne ein etwas mehr strukturiertes Studium gehabt h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Auf die Frage, ob sie es schwierig fand, ins Berufsleben umzusteigen, sagte sie, dass sie anfangs recht wenig Ahnung hatte, wie es im Berufsleben so l\u00e4uft, obwohl sie bereits Praktika gemacht hatte.<\/p>\n<p><em>\u00abMan wird recht ins kalte Wasser geworfen\u00bb<\/em><\/p>\n<p>Es gibt nicht viele Festanstellungen und die meisten wissenschaftlichen Zeichner machen sich selbst\u00e4ndig.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In den letzten zwei bis drei Jahren hat Miriam selbst auch angefangen, nebenbei als Selbst\u00e4ndige zu arbeiten. Sie sammelt dabei mit jedem Auftrag neue Erfahrungen. Aber anfangs fand sie es recht schwierig, da sie w\u00e4hrend dem Studium nicht sehr auf das Berufsleben als Selbst\u00e4ndige vorbereitet wurde.<\/p>\n<p>Nach der Ausbildung hat sie sich zuerst mit diversen Blindbewerbungen bei verschiedenen Institutionen beworben und so nach einer Arbeit gefragt. Unter anderem auch beim Zoo Z\u00fcrich, wo sie dann einen Auftrag bekam. Dort arbeitete sie etwa zwei Monate lang an einem Projekt und danach hat sie wieder angefangen, Bewerbungen zu schreiben. Unter anderem hat sie sich auch bei der Arch\u00e4ologie gemeldet. Im Aargau fing damals gerade ein grosses Grabungs-Projekt an, bei dem sie dann mitarbeitete.<\/p>\n<p>Auch beim Arbeiten auf der Ausgrabung war anfangs alles neu, da sie noch nie zuvor auf einer Ausgrabung gearbeitet hatte. <em>\u00abEs ist \u2018learning by doing\u2019\u00bb<\/em>, man sammelt einfach mit der Zeit Erfahrungen.<\/p>\n<p>Bei diesem Projekt war Miriam vom Anfang bis zum Schluss mit dabei und hatte da auch gemerkt, dass ihr das Arbeiten auf Ausgrabungen sehr gut gef\u00e4llt. Das k\u00f6rperliche Arbeiten sei sehr anstrengend, erz\u00e4hlte Miriam,<em> \u2018\u2019es ist nicht so wie im Fernsehen, mit dem Pinsel arbeitet man eigentlich nie\u2019\u2019<\/em>.<\/p>\n<p>Sie hat gemerkt, dass sie das Freilegen von Befunden und die Spuren von vergangen Kulturen sehr fasziniert. Auch die Verbindung zwischen Ausgraben und Dokumentieren fand sie toll.<\/p>\n<p>Danach ging sie zum n\u00e4chsten Ausgrabungsprojekt und ist so in die Arch\u00e4ologie eingestiegen. Die letzten Jahre ist sie immer haupts\u00e4chlich auf den Ausgrabungen gewesen. Dadurch, dass sie in verschiedenen Kantonen und Projekten gearbeitet hat, hat sie auch viele Leute kennengelernt.<\/p>\n<p>Irgendwann hat sie dann angefangen, 80 Prozent zu arbeiten, sodass sie auch ein bisschen Zeit hat, um noch eigene Arbeiten zu machen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann bekam sie das Angebot, in Luzern in der Illustration einen Kurs zu leiten. Dort Unterrichtete sie ein paar Jahre lang naturwissenschaftliches Zeichnen. Nach einer Weile gab sie diese Aufgabe wieder ab, weil sie merkte, dass sie sich beim Unterrichten nicht richtig wohl f\u00fchlte. Daf\u00fcr hat sie danach angefangen, sich als Selbst\u00e4ndige etwas aufzubauen, wof\u00fcr sie zuvor keine Zeit hatte.<\/p>\n<p>Sie fing damit an, einzelne Arbeiten f\u00fcr Leute, die sie aus der Arch\u00e4ologie kannte, zu machen. Ab und zu arbeitet sie auch mit einer Grafikerin zusammen, die sie vom Basketballspielen kennt.<\/p>\n<p>Miriam arbeitet zwar heute viel in der Arch\u00e4ologie. W\u00e4hrend der Ausbildung hatte sie sich jedoch mehr mit Tieren und Pflanzen besch\u00e4ftigt. Ihre Abschlussarbeit machte sie \u00fcber den Fetzenfisch, ein Fisch, der aussieht wie eine Alge.<\/p>\n<p>Als ich Miriam fragte, ob sie heute viel mit dem Computer arbeite, erz\u00e4hlte sie mir, dass bei ihren pers\u00f6nlichen Arbeiten der erste Schritt immer analog sei. Bei Fundzeichnungen in der Arch\u00e4ologie wird die Vorzeichnung meistens in Bleistift und die Reinzeichnung dann mit Illustrator oder in Tusche gemacht, je nach Wunsch der Auftraggeber.<\/p>\n<p>Oft haben Kunden eine Vorstellung wie das Resultat aussehen soll, aber manchmal kann man sie auch ein bisschen von dem \u00fcberzeugen, was man selbst gut findet. Teilweise wissen die sie auch nicht genau, welche gestalterische M\u00f6glichkeiten es gibt.<\/p>\n<p>Manchmal haben die Auftraggeber auch sehr genaue Vorstellungen und man hat nicht so viel Freiraum, um selbst noch etwas einzubringen.<\/p>\n<p>In der Arch\u00e4ologie gibt es f\u00fcr die Fundzeichnungen verschiedene Konventionen, welche man einhalten sollte. Also die Darstellungsweise der Funde ist vorgegeben. Die Konventionen dienen der allgemeinen Verst\u00e4ndlichkeit<\/p>\n<p>Teilweise gibt es Unterschiede an den verschiedenen Orten. Es kommt auch darauf an, wie viel Zeit zur Verf\u00fcgung steht; gewisse Umsetzungen brauchen mehr Zeit als andere.<\/p>\n<p>Die M\u00f6glichkeiten in der Gestaltung sind dabei in einem kleinen Rahmen. Es geht bei Fundzeichnungen mehr darum, pr\u00e4zise, objektiv und n\u00fcchtern m\u00f6glichst viele Informationen zu vermitteln und zum Beispiel weniger um Bildkomposition, Emotion oder Aktion.<\/p>\n<p>Miriam sagte, es w\u00e4re wahrscheinlich eher st\u00f6rend und w\u00fcrde der Verst\u00e4ndlichkeit schaden, wenn man Sachen in eine Zeichnung einbauen w\u00fcrde, die es gar nicht braucht.<\/p>\n<p>Auf die Frage, ob sie in der Arch\u00e4ologie oft mit anderen Zeichnern in Kontakt kommt, sagte Miriam, dass es in der Arch\u00e4ologie eigentlich immer Zeichner gibt, die Teil vom Team sind. Als Zeichner auf einer Grabung zeichnet man aber nicht nur. Man macht immer beides \u2013 Zeichnen und Ausgraben.<\/p>\n<p>Ansonsten, erz\u00e4hlte mir Miriam, h\u00e4tte sie noch mit Zeichnern Kontakt, die sie aus der Ausbildung kenne.<\/p>\n<p>Wenn es um Auftr\u00e4ge mit Arch\u00e4ologischen Funden geht, arbeitet Miriam als Zeichnerin meistens allein. Aber bei anderen Sachen arbeitet sie manchmal mit einer Kollegin, die sie aus der Ausbildung kennt oder mit der Grafikerin.\u00a0 Es gef\u00e4llt ihr im Team zu arbeiten, weil es einen Austausch gibt und man so auf neue Ideen kommt.<\/p>\n<p>Ich habe Miriam auch gefragt, wie schwierig sie es findet, Arbeit und Auftr\u00e4ge zu finden. Sie meinte, es sei sehr schwierig, Festanstellungen zu finden, da es davon nicht sehr viele g\u00e4be.<\/p>\n<p>Als selbst\u00e4ndig arbeitende Person sind Kontakte extrem wichtig. Ausserdem sei es gut, wenn man etwas anbieten k\u00f6nne, das einem vom Rest abhebe.<\/p>\n<p>Am Anfang muss man viele Bewerbungen schreiben, sagte Miriam. Wenn die Auftraggeber zufrieden seien, spr\u00e4che sich das irgendwann rum.<\/p>\n<p>Heute muss Miriam f\u00fcr ein Grabungs-Projekt keine Bewerbungen mehr schreiben, da die Auftraggeber auf sie zukommen. Sie geht eigentlich immer nahtlos von einem Projekt zum anderen, ohne dass sie viel Aufwand betreiben muss, um sich zu bewerben.<\/p>\n<p>Miriam arbeitet schon recht lange in der Arch\u00e4ologie und es gef\u00e4llt ihr nach wie vor sehr. Es ist ein sehr abwechslungsreiches Gebiet.<\/p>\n<p>Um auf Ausgrabungen arbeiten zu k\u00f6nnen, muss man k\u00f6rperlich fit sein. Das ist auch ein Risiko. Umso wichtiger ist der Versuch, sich mit der Selbst\u00e4ndigkeit ein zweites Standbein aufzubauen. Die Selbst\u00e4ndigkeit ist zudem eine Herausforderung. Man lernt st\u00e4ndig dazu und versucht gute L\u00f6sungen zu finden. In selbst\u00e4ndigen Auftr\u00e4gen besteht ebenso die M\u00f6glichkeit in verschiedenste Themenbereiche Einblick zu bekommen.<\/p>\n<p>Motivierend und inspirierend findet es Miriam, neue Kombinationen von Techniken und Werkzeugen auszuprobieren, die gut zusammen funktionieren. Generell findet sie es gut, neue Sachen auszuprobieren, damit man nicht immer beim gleichen bleibt. Ausserdem beobachtet sie gerne. Beispielsweise Tiere, Pflanzen oder Alltagssituationen.<\/p>\n<p>Zum Schluss habe ich Miriam noch nach Ratschl\u00e4gen\/Tipps f\u00fcr angehende wissenschaftliche Illustrator\/innen gefragt. Sie sagte, man solle neugierig sein und das machen, was einem Freude macht. Man kann nicht immer das machen, das einem super Spass macht. Manchmal gibt es Phasen, wo es nicht so gut l\u00e4uft, da muss man dann auch durch. Es ist wichtig, dass man diese Erfahrungen macht.<\/p>\n<p>Aber allgemein sollte man das machen, was man gerne macht, neues ausprobieren und keine Angst haben.<\/p>\n<p>Ich bedanke mich herzlich bei Miriam Winteregg f\u00fcr das interessante Gespr\u00e4ch.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-1126 aligncenter\" src=\"https:\/\/blog.zhdk.ch\/praxisjournal\/files\/2020\/01\/auswahl_interview-300x155.jpg\" alt=\"\" width=\"544\" height=\"281\" srcset=\"https:\/\/blog.zhdk.ch\/praxisjournal\/files\/2020\/01\/auswahl_interview-300x155.jpg 300w, https:\/\/blog.zhdk.ch\/praxisjournal\/files\/2020\/01\/auswahl_interview-1024x528.jpg 1024w, https:\/\/blog.zhdk.ch\/praxisjournal\/files\/2020\/01\/auswahl_interview-768x396.jpg 768w, https:\/\/blog.zhdk.ch\/praxisjournal\/files\/2020\/01\/auswahl_interview.jpg 1133w\" sizes=\"auto, (max-width: 544px) 100vw, 544px\" \/><\/p>\n<p>www.miriamwinteregg.ch<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich habe mich Ende November 2019 mit der wissenschaftlichen Zeichnerin Miriam Winteregg getroffen und durfte ihr zu ihrem Beruf einige Fragen stellen. 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